Wir müssen das Unglück müde machen – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Pfarrer Benedikt Welter, veröffentlicht von ARD/daserste.de und von rundfunk.evangelisch.de am 3.1.26
Darum geht es
Das „Wort zum Sonntag“ ersetzt konkrete Hilfe bei realen Problemen durch vage religiöse Hoffnungen auf „gute Mächte“ und verschleiert damit, dass nicht übernatürliche Kräfte, sondern menschliche Solidarität und funktionierende Sozialsysteme tatsächlich helfen.In seinem Neujahrs-„Wort zum Sonntag“ greift Benedikt Welter zu einem literarischen Zitat aus Charles Dickens‘ „David Copperfield“: „Wir müssen das Unglück müde machen.“ Was zunächst nach einer ermutigenden Botschaft klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als typisches Beispiel religiöser Scheinlösungen, die konkrete Hilfe durch metaphysische Hoffnungen ersetzen.
Die Illusion der „guten Mächte“
Welter behauptet, um uns herum seien „gute Mächte, die mich wunderbar beschützen“ – eine Vorstellung, die angesichts der realen Schicksalsschläge, die er selbst aufzählt (Tod, schwere Erkrankungen, Wohnungsverlust), geradezu zynisch wirkt. Wo waren diese „guten Mächte“ bei den Opfern der Flutkatastrophe im Ahrtal? Wo bei den Millionen Menschen, die täglich an vermeidbaren Krankheiten sterben? Wo bei den Kindern, die verhungern, während wir diese Zeilen lesen?
Die Berufung auf Dietrich Bonhoeffers Gedicht aus dem Gestapo-Gefängnis ist dabei besonders problematisch. Bonhoeffer wurde trotz seiner Frömmigkeit von den Nationalsozialisten ermordet – die „guten Mächte“ haben ihn nicht beschützt. Seine Haltung verdient Respekt als menschliche Würde in aussichtsloser Lage, aber sie sollte nicht als Beweis für übernatürliche Schutzengel missbraucht werden.
Wenn konkrete Hilfe fehlt, bleiben nur Floskeln
Der entscheidende Satz in Welters Ansprache ist dieser: „Leider hat auch Tante Betsy kein Wort darüber gesagt, wie David das Unglück müde machen kann.“ Genau hier liegt das Problem religiöser Tröstungen: Sie bieten keine konkreten Lösungen. Stattdessen werden vage Begriffe wie „innere Kraftquelle“, „Kühnheit“ und „Glaube an die guten Mächte“ aneinandergereiht – Worthülsen ohne praktischen Nutzen.
Jemand, der seine Wohnung wegen Eigenbedarf verliert, braucht keine „innere Kraftquelle“, sondern bezahlbaren Wohnraum und rechtliche Unterstützung. Menschen mit schweren Diagnosen benötigen medizinische Versorgung, Therapien und soziale Absicherung, nicht den Glauben an unsichtbare Mächte. Trauernde brauchen Zeit, professionelle Begleitung und ein soziales Netz – keine Gebete.
Die zweifelhafte Doppelbödigkeit der „guten Mächte“
Interessant ist auch Welters Formulierung: „In der Regel kommen mir solche guten Mächte auf zwei Beinen entgegen.“ Damit gibt er indirekt zu, dass es sich bei den „guten Mächten“ letztlich um andere Menschen handelt. Aber warum dann der Umweg über religiöse Metaphysik? Warum nicht direkt von menschlicher Solidarität, Empathie und gegenseitiger Hilfe sprechen?
Die Antwort ist klar: Die Religion beansprucht für sich, Quelle und Garant dieser Menschlichkeit zu sein. Dabei zeigt die Realität, dass Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und soziales Engagement keine religiöse Grundlage benötigen. Im Gegenteil: Säkulare Wohlfahrtsstaaten mit hohem Säkularisierungsgrad (Skandinavien) weisen oft höhere Werte bei sozialer Sicherheit und gegenseitiger Unterstützung auf als religiös geprägte Gesellschaften.
Eigenverantwortung statt göttlicher Delegation
Die Ermutigung, „das Unglück müde zu machen“, wäre durchaus diskutabel – als Metapher für Resilienz, aktive Problembewältigung und gegenseitige Unterstützung. Aber Welter rahmt diese Botschaft religiös ein: Wir sollen „von guten Mächten geborgen“ das Jahr gestalten, als ob himmlische Instanzen unsere Probleme mittrügen.
Diese Haltung entlastet zwar emotional, aber sie infantilisiert auch. Sie suggeriert, wir seien nicht allein verantwortlich für unser Leben und das Zusammenleben in der Gesellschaft. Dabei sind wir es gerade. Es gibt keine höhere Macht, die eingreift. Es gibt nur uns Menschen – und die Strukturen, die wir schaffen.
Was wirklich hilft
Ein humanistischer Ansatz würde konkrete Ressourcen benennen:
- Soziale Unterstützungssysteme: Funktionierende Gesundheitsversorgung, Sozialarbeit, psychologische Betreuung
- Menschliche Solidarität: Nachbarschaftshilfe, Selbsthilfegruppen, Freundschaften
- Rechtliche und materielle Absicherung: Mieterschutz, Krankenversicherung, soziale Sicherungsnetze
- Wissenschaftlich fundierte Bewältigungsstrategien: Resilienzforschung, Trauerbegleitung, psychotherapeutische Ansätze
All das sind nachweislich wirksame, reale Hilfen – keine vagen Hoffnungen auf erfundene unsichtbare Mächte.
Fazit
Welters „Wort zum Sonntag“ ist symptomatisch für die religiöse Deutung menschlicher Erfahrungen: Reale Probleme werden spiritualisiert, konkrete Hilfe durch metaphysische Spekulation ersetzt. Das mag kurzfristig tröstlich erscheinen, löst aber keine Probleme und verstellt den Blick auf das, was wirklich nötig wäre: eine solidarische Gesellschaft, die nicht auf göttliche Intervention hofft, sondern menschliche Verantwortung ernst nimmt.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ mag nach schöner Poesie klingen, ist aber kein Ersatz für funktionierende Sozialsysteme, medizinische Versorgung und menschliche Zuwendung. Wir müssen nicht das Unglück müde machen, sondern die Verhältnisse ändern, die Unglück produzieren.

















Das einzige was bei dem Geschwafel müde wird, ist die Geduld, das alles zu ertragen und der gesunde Menchenverstand…
Seit Weihnachten beinhaltet jede Predigt der Gottesknechte den gleichen Appell doch bitteschön den eigenen Verstand aufzugeben und sich den Vertretern einer Märchenfigur zu unterwerfen.
Klar, dies ist die Kernaussage des Christentums.
Aber trotzdem ist es verwunderlich, dass nicht eine einzige Predigt seit Weihnachten nur etwas abweicht, ein anderes Thema behandelt, irgendwie anders wirkt.
Ich habe lansam den Eindruck, früher haben die sich noch mehr Mühe gemacht.
Die Kirche stirbt quasi an der eigenen Erschöpfung und Faulheit.
„Sic gloria ecclesiae evanescit.“
Weiter so, mögen sie in ihrer eigenen Belanglosigkeit verschwinden!!!