Kirchenaustritt 2019: Warum du jetzt austreten solltest, inkl. 4+1 Aussteiger-Tipps

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Für den Kirchenaustritt 2019 gibt es viele gute Gründe.

Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang erstmal ein Blick auf die Gründe, die im vergangenen Jahr Menschen dazu bewegt hatten, aus der Kirche auszutreten:

Grafik: Gründe für den Kirchenaustritt
Quelle: kirchenaustrtitt.de

Die Zahlen stammen aus einer Umfrage unter 56.953 Nutzern der Webseite kirchenaustritt.de und dürften somit als repräsentativ gelten. Abgesehen vielleicht vom Anteil derer, die ihren Glauben nur gewechselt, nicht aber aufgegeben haben: Für die steht möglicherweise ihre neue Religion im Vordergrund. Verglichen zur Aufgabe ihres bisherigen religiösen Bekenntnisses.

Hier einige Überlegungen zu den drei am häufigsten genannten Gründen:

Austrittsgrund Nr. 1: Die Kirchensteuer

Zunächst fällt der große Anteil derer auf, die wegen der Kirchensteuer aus der Kirche ausgetreten waren. Kein Wunder: Der Kirchensteuereinzug ist oft der letzte noch vorhandene tatsächliche Schnittpunkt zwischen Kirche und Taufscheinchrist. Denn außer finanzielle haben Kirchen heute keine Anforderungen mehr an ihre Kunden.

Dass die Kirchensteuer Austrittsgrund Nummer eins ist, wissen natürlich auch die Kirchenfunktionäre. Diese haben sicher sehr gründlich durchgerechnet, dass ein Verzicht auf den Kirchensteuereinzug schmerzlicher wäre als der Verzicht auf die Mitglieder, die wegen der Kirchensteuer austreten. Weil die Kirchensteuer von der guten Konjunktur profitiert, nimmt der Klerus trotz sinkender Mitgliederzahlen mehr ein denn je, solange es wirtschaftlich bergauf geht. Ohne selbst zu diesem Aufschwung beizutragen.

Austreten ist jederzeit möglich. Rein finanziell betrachtet ist der November (bzw. der Dezember) Kirchenaustrittsmonat. Warum das so ist, verrät Matthias in diesem Ketzerpodcast-Segment, unlängst aktualisiert in diesem Beitrag.

Austrittsgrund Nr. 2: Die Institution Kirche

Kirchenaustritt 2019Auch für den zweitgrößten Austrittsgrund liegen die Ursachen bei der Kirche selbst. Zuletzt hatte der Fall Tebartz-van Elst für einen drastischen Anstieg des Ausstiegs 2013/14 gesorgt. Und dabei war es damals nur um Geld gegangen.

2018 geht es um eine unbekannt große Zahl von menschlichen Schicksalen. Um Sexualverbrechen, die Angestellte der katholischen (und auch der evangelischen) Kirche an Kindern und Jugendlichen begangen haben. Und um eine Kirche, die über Jahrzehnte (vermutlich über Jahrhunderte) hinweg ein Millieu des Wegschauens und Vertuschens geschaffen hatte.

Die Kirche, selbsterklärter Hort höchster, weil göttlicher Moral, liefert(e) den Deckmantel, unter dem diese Verbrechen ermöglicht wurden. Mit Hilfe ihrer Paralleljustiz und ihrer undemokratisch-patriarchialischen Hierarchien und Machtstrukturen sorgt(e) sie dafür, dass die Verbrechen in den meisten Fällen ohne strafrechtliche Konsequenzen für die Täter geblieben waren.

Aber nicht nur durch die Straftaten ihrer Angestellten hat sich die Kirche in jeder Hinsicht disqualifiziert. Auch der bisherige Umgang des Kirchenkonzerns mit diesem Skandal, das Verhalten der (mit-)verantwortlichen Führungsebene bis hinauf zum Oberschäfer sollte Grund genug für viele tausend Gläubige sein, diese Organisation keinen Tag länger finanziell zu unterstützen.

Austrittsgrund Nr. 3: Der Glaube

Nur 16,4% der Befragten gaben an, aus der Kirche ausgetreten zu sein, weil sie nicht oder nicht mehr an Gott glauben. Das kann wenig erstauen. Denn wie schon geschrieben: Außer Geld verlangt die Kirche heute von Durchschnittschristen nichts mehr.

Kirchenaustritt 2019Die biblisch-christliche Mythologie und das christliche Heilsversprechen sind für den typischen Wischi-Waschi-Christen genauso irrelevant wie die heute zumeist verschwiegenen Strafandrohungen. Zumindest wer in den letzten 30 oder 40 Jahren aufgewachsen ist und nicht gerade von fundamentalistischen Religionsspinnern sozialisiert wurde, hat die christliche Lehre sehr wahrscheinlich als etwas durchweg Positives, zumindes aber Harmloses beigebracht bekommen. “Wird schon irgendwie im Grunde was Gutes sein und schaden kanns (mir) ja auch nicht…” – mehr als eine solche geistige Selbstbefriedigung erwarten viele Taufscheinchristen nicht mehr von ihrer Religion.

Nur die wenigsten der “Mainstream-Christen” dürfte sich im Erwachsenenalter nochmal zumindest so intensiv mit seiner Glaubenslehre auseinandergesetzt haben, dass sie Absurdität und Unmenschlichkeit des zugrundeliegenden Belohungs-Bestrafungskonzept durchschauen würden. Auch wenn das eigentlich eine Sache von 5 Minuten wäre: Es ist für viele Christen einfach völlig egal.

Schöpfung, Auferstehung, Erlösung – alles das, was die christliche Lehre eigentlich ihren Kunden inhaltlich zu bieten hat, spielt für den durchschnittlichen Taufscheinchristen praktisch keine Rolle mehr. Und so ist es verständlich, dass vergleichsweise wenige Leute tatsächlich aus Glaubensgründen die Kirche verlassen. Weil die Glaubenslehre mit ihrer Lebenswirklichkeit nichts zu tun hat. Und sie deshalb auch gar kein Bedürfnis haben, sich von diesem Glauben zu befreien.

Kirchenaustritt 2019: 4 + 1 Tipps für Aussteiger

Ob finanzielle, institutionelle, intellektuelle oder sonstige Gründe überwiegen:

  1. Wer Menschen helfen möchte, hat viele Möglichkeiten, dies zu tun, ohne dabei den milliardenschweren Kirchenkonzern zu subventionieren.
    Das gilt sowohl für ehrenamtliche Arbeit als auch für finanzielle Hilfe. Ein direkter und einfacher Weg, Menschen zu helfen, ihre Lebensqualität zu steigern, ist zum Beispiel KIVA.ORG. Oder man engagiert sich in säkularen Hilfsprojekten. Zum Beispiel für die Säkulare Flüchtlingshilfe.
  2. Wer nicht gerade auf einen Job bei der Kirche angewiesen ist, sollte jetzt aus der Kirche austreten.
    Wobei es selbst für Priester und Pfarrer, die ihren Beruf nicht mehr mit ihrem Gewissen und/oder ihrer Lebenswirklichkeit in Einklang bringen können oder wollen, heute Unterstützung gibt. Und allmählich gibt es auch in bisher noch überproportional von kirchlichen Trägern besetzten Branchen Einrichtungen, die religionsfreie Mitarbeiter nicht diskriminieren. Die Vorstellung, in der Kirche zu bleiben, um sie von unten zu verändern, ist eine Illusion. Die Kirche verändert sich ausschließlich durch Druck von außen. Durch Entzug von Geld und ehrenamtlicher Tätigkeit.
  3. Weder zur Erklärung, noch als Moralquelle und auch nicht für feierliche Zeremonien, Rituale und Gemeinschaftserlebnisse braucht es Gott oder Kirche.
    Alles, was sich Menschen früher mit dem Wirken von Göttern erklärt hatten, lässt sich heute richtiger und eleganter erklären – ohne die Annahme eines Schöpfergottes. Als Moralquelle ist die christliche Lehre ist ungeeignet. Bei Zweifeln an dieser These empfiehlt sich das Buch: Die Legende von der christlichen Moral – warum das Christentum moralisch orientierungslos ist von Andreas Edmüller. Um sich für eine fairere und friedlichere Welt einzusetzen, muss man keine religiösen Absurditäten als wahr anerkennen. Und erst recht nicht, um ein sinnerfülltes und hoffnungsvolles Leben zu führen.
  4. So trittst du aus der Kirche aus
    Der Kirchenaustritt ist auf Bundesländerebene unterschiedlich geregelt. Alle Informationen zum Kirchenaustritt 2019 in den einzelnen Bundesländern sowie in Österreich und in der Schweiz findest du auf der Webseite kirchenaustritt.de.

Und abschließend noch ein Extra-Tipp:

Uwe Lehnert: Warum ich kein Christ sein willImmer wieder höre ich von Gläubigen, aber auch von Kirchenvertretern, dass Zweifeln selbstverständlich zum Glauben dazugehöre. Natürlich solle man seine Glaubensgewissheiten auch mal kritisch hinterfragen.

Wer dazu bereit ist, dem sei das Buch Warum ich kein Christ sein will – Mein Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung von Prof. Dr. Uwe Lehnert zur Lektüre empfohlen.

  • Inhaltlich ist das Buch in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird anhand der Felder Kosmologie, Mikrophysik, Evolutionstheorie und Hirnforschung der derzeitige Stand weltbildrelevanter naturwissenschaftlicher Erkenntnisse dargelegt und festgestellt, dass diese Sicht auf die Welt mit dem Bild, das Christentum und Kirche vertreten, nicht mehr vereinbar ist. Der zweite und ausführlichste Teil befasst sich mit Gottesglauben und Christentum und versucht darzulegen, dass aus Gründen der Glaubwürdigkeit, aber auch aus moralischen Gründen diese Lehren mit einer modernen Ethik nicht mehr vereinbar sind. Die kritische Distanz zu Religionen allgemein muss dabei keineswegs bedeuten, dass es nicht gesellschaftlich wichtige Gemeinsamkeiten mit gläubigen Menschen insbesondere in humanitären Fragen gibt. Im dritten Teil werden Überlegungen und Vorstellungen beschrieben, welche Alternativen eine naturalistisch-humanistische Lebensauffassung anzubieten hat. Es geht dabei u.a. um den Sinn des Lebens und welchen Trost zum Beispiel auch eine nicht an Auferstehung und Paradies glaubende Weltanschauung zu bieten hat. (Uwe Lehnert)

Umfrage

Fragt man Christen, warum sie in der Kirche bleiben, nennen sie alle möglichen Gründe. Unsere Frage an alle Kirchenmitglieder: Was hält dich davon ab, aus der Kirche auszutreten? Wir sind gespannt auf deinen Kommentar, entweder direkt hier unter dem Artikel oder auf Facebook.

 

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4 Gedanken zu “Kirchenaustritt 2019: Warum du jetzt austreten solltest, inkl. 4+1 Aussteiger-Tipps”

  1. Ich bleibe in der Kirche, weil ich die Kirche liebe. Trotz aller Schwächen ihrer Mitglieder – Schwächen haben auch Mitglieder in Sport- und Musikvereinen sowie humanitäre Vereinigungen – gibt mir die Kirche Heimat. Als Mitglied der katholischen Kirche verdanke ich den Priestern so vieles. Die sakramentale Sündenvergebung hat Jesus seinen Aposteln und somit den Priestern übertragen, ebenso die Wandlungsgewalt über Brot und Wein in der Hl. Eucharistie. Diese beiden Sakramente tragen mein Leben und machen es schön. Ich bin der Kirche und seinen Priestern unendlich dankbar und letztendlich Jesus. Nie würde ich meine Kirche verlassen.

    • Liebe Marie-Luise, vielen Dank für deinen Kommentar! Dazu einige Gedanken:

      Das Fehlverhalten von Menschen in anderen Gruppierungen rechtfertigt nicht das Fehlverhalten von Kirchenangestellten. Dazu kommt, dass die katholische Kirche nicht nur eine überlegene Moral für sich reklamiert, sondern auch noch mindestens Jahrzehntelang und wahrscheinlich noch viel länger das Millieu zur Verfügung stellte, in dem Sexualgewalt gegen Kinder ermöglicht, begünstigt und systematische vertuscht wurde.

      Wenn du tatsächlich an die Bedeut- und Wirksamkeit von Sündenvergebung oder von Verwandlungszauber und rituellem Kannibalismus glaubst und das alles als für dich angenehm empfindest, dann ist verständlich, dass du die Kirche nicht verlassen willst. Warum solltest du auch – deine religiös erweiterte Vorstellungswelt ist für dich ja in sich schlüssig und fühlt sich gut an.

      Dass sie nicht mit der irdischen natürlichen Wirklichkeit übereinstimmt, stellt für dich vermutlich kein Problem dar. Für eventuelle Zweifel hast du dir sicher ein Repertoire an Bewältigungsstrategien zurechtgelegt (wie zum Beispiel das Relativieren von klerikalen Verbrechen, s.o.).

      Das Gleiche, was du über die “sakramentale Sündenvergebung” oder über die “Hl. Eucharistie” sagst, sagen auch Junkies über ihre Drogen; in beiden Fällen ändert sich faktisch nichts – sobald der Glaube bzw. die berauschende Wirkung vorbei ist, ist wieder alles beim Alten.

      Dank Aufklärung und Säkularisierung sind die Gedanken hierzulande und heutzutage freier denn je – eine Freiheit, die gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche erkämpft werden musste. Diese Gedankenfreiheit gilt selbstverständlich auch für Glaubensgewissheiten. Falls du diese trotzdem mal kritisch hinterfragen möchtest, empfehlen wir dir unsere Webseite https://wenigerglauben.de .

      Alles Gute!

  2. Bei der Flüchtlingspolitischen HAltung der Kirche kann man nur austreten und habe ich auch getan… Die kirche liefert genug gründe jedes Jahr und seit mehr als 10 Jahren zweifelte ich schon an ihr, mit der HAltung von BS hat sie mir den Rest gegen.

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