Die Regenbogentonne der leeren Versprechungen

Lesezeit: ~ 4 Min.

Die Kraft der Worte – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Pfarrerin Anke Prumbaum, veröffentlicht am 17.01.2026 von ARD/daserste.de und von rundfunk.evangelisch.de.

Darum geht es

Pfarrerin Prumbaum ersetzt rationale Auseinandersetzung mit Sterben und Sprachkritik durch sentimentale Metaphern und religiöse Vereinnahmung, wodurch sie genau jene verschleiernde Sprache praktiziert, die sie vorgibt zu kritisieren.

Im heutigen „Wort zum Sonntag“ bedient sich Anke Prumbaum einer Rhetorik, die exemplarisch für die Problematik religiöser Sinnstiftung steht: Emotionale Aufladung ersetzt rationale Argumentation, metaphorische Nebelschwaden verschleiern die Leere der Aussage, und am Ende bleibt – passend zur titelgebenden Regenbogentonne – nichts als heiße Luft.

Emotionalität statt Substanz

Die Palliativstation als Kulisse, Tränen als Authentizitätsnachweis – Prumbaum inszeniert einen Moment der Rührung, der kritisches Nachdenken im Keim ersticken soll. Doch was genau bedeutet die „Regenbogentonne“? Die Seelsorgerin gesteht selbst ein, sie habe die Bedeutung „eher gespürt als verstanden“. Hier offenbart sich ein grundsätzliches Problem religiöser Kommunikation: Gefühl wird über Klarheit gestellt, das Diffuse über das Definierte.

In einem Moment, in dem ein sterbender Mensch womöglich konkrete Unterstützung, ehrliche Gespräche über Lebensbilanzen oder tatsächliche Schmerzlinderung benötigt, wird ihm eine nebulöse Metapher als Trost angeboten. Ist es wirklich „professionell“, wenn eine Seelsorgerin zugibt, ein zentrales Wort ihrer Begegnung nicht zu verstehen? Oder zeigt sich hier vielmehr, dass religiöse Begleitung oft mehr mit der Befriedigung emotionaler Bedürfnisse der Begleitenden zu tun hat als mit echter Hilfe?

Die willkürliche Sakralisierung von Worten

Prumbaum springt von der „Regenbogentonne“ zu einem Perlenarmband mit der Aufschrift „Hope“, um dann das Unwort des Jahres zu thematisieren. Die Verbindung? Es gibt keine – außer dass alles irgendwie mit Worten zu tun hat. Diese assoziative Beliebigkeit tarnt sich als tiefgründige Betrachtung, ist aber nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Anekdoten ohne argumentativen roten Faden.

Besonders problematisch wird es, wenn die Regenbogentonne als „Gottes Zeichen des Segens“ gedeutet wird. Der Regenbogen wird hier religiös vereinnahmt, obwohl er ein optisches Phänomen ist – die Brechung von Licht in Wassertropfen, verstanden seit Jahrhunderten durch Physik, nicht Theologie. Die religiöse Deutung fügt der Realität nichts hinzu außer einer überflüssigen metaphysischen Schicht, ersonnen von Menschen, die noch nicht wussten, wohin die Sonne jeden Abend verschwindet.

Bibel als fragwürdige Autorität

Der Rückgriff auf die biblische Schöpfungsgeschichte („Es werde Licht“) soll die Macht der Worte untermauern. Doch was beweist dieser Mythos? Dass Menschen vor Jahrtausenden die Welt durch sprachliche Akte eines Gottes erklärt haben, sagt nichts über die tatsächliche Funktionsweise von Sprache aus. Die moderne Linguistik, Psychologie und Neurowissenschaft haben längst differenziertere Erkenntnisse darüber geliefert, wie Sprache Wirklichkeit konstruiert – ganz ohne Rekurs auf göttliche Schöpfungsakte.

Die Gleichsetzung von hebräisch „Davar“ (Wort und Tat zugleich) mit der These „Worte sind die erste Form des Handelns“ ist zwar sprachphilosophisch interessant, bedarf aber keiner religiösen Überhöhung. Sprechakttheorie und die Arbeiten von Austin und Searle haben diese Zusammenhänge säkular und präziser beschrieben.

Die verpasste Chance einer echten Sprachkritik

Ironischerweise beginnt Prumbaum mit einem wichtigen Thema: dem „Unwort des Jahres“ und der Kritik an manipulativer Sprache. „Sondervermögen“ statt „Schulden“, „Remigration“ statt „Abschiebung“ – hier zeigt sich tatsächlich, wie Sprache Realität verschleiert und politische Diskurse vergiftet.

Doch statt diese Kritik konsequent zu Ende zu denken, flüchtet sich Prumbaum in die Gegenüberstellung von „zerstörenden“ und „heilenden“ Worten. Diese binäre Vereinfachung wird der Komplexität von Sprache nicht gerecht. Worte sind nicht per se gut oder böse – sie sind Werkzeuge, deren Wirkung vom Kontext, der Intention und den Machtverhältnissen abhängt, in denen sie verwendet werden.

Und hier liegt ein fundamentales Problem: Gerade religiöse Sprache ist oft zutiefst manipulativ. „Sünde“, „Erlösung“, „Gnade“ – diese Begriffe konstruieren erst die Probleme, für die Religion dann die Lösung anbietet. Sie schaffen künstliche Abhängigkeiten und emotionale Notlagen. Wenn Prumbaum vor „Unworten“ warnt, müsste sie kritisch fragen, ob nicht auch religiöse Terminologie systematisch verschleiert: die Vertröstung auf ein Jenseits statt konkreter Hilfe im Diesseits, die Rede von „Gottes Plan“ angesichts sinnlosen Leidens, die Moralisierung natürlicher menschlicher Bedürfnisse als „sündhaft“.

Humanistische Alternative: Klare Worte statt heiliger Nebel

Was Menschen am Lebensende – und nicht nur dort – brauchen, sind keine nebulösen Metaphern, sondern:

  • Ehrliche Gespräche über Lebensbilanzen, ohne religiöse Bewertungsraster von Sünde und Verdienst
  • Konkrete Unterstützung bei der Bewältigung von Ängsten, Schmerzen und praktischen Problemen
  • Würdige Begleitung durch Menschen, die zuhören können, ohne alles auf einen göttlichen Plan zu beziehen
  • Realistische Perspektiven statt falscher Trostversprechen über ein Weiterleben nach dem Tod oder Angst vor Höllendrohungen

Humanistische Sterbebegleitung kann all das leisten – ohne metaphysischen Überbau, ohne Instrumentalisierung des Leids für religiöse Botschaften. Sie nimmt den Menschen in seiner Endlichkeit ernst, statt diese mit Jenseitshoffnungen zu übertünchen.

Fazit: Leere Tonne, leere Worte

Worte in der Regenbogentonne

Die Regenbogentonne als Metapher für ein erfülltes Leben, das sich verschenkt, bis nichts mehr bleibt – das klingt poetisch. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich die Hohlheit dieser Vorstellung. Warum sollte das Ziel sein, am Ende „leer“ zu sein? Ist nicht vielmehr ein Leben erfüllt, das bis zum Schluss neugierig bleibt, das weiterlernt, das Spuren hinterlässt in Form von Wissen, Beziehungen, konkreten Verbesserungen der Welt?

Prumbaums „Wort zum Sonntag“ ist selbst ein Beispiel für jene verschleiernde Sprache, die sie zu kritisieren vorgibt. Statt klarer Gedanken gibt es sentimentale Anekdoten, statt rationaler Argumente emotionale Überwältigung, statt konkreter Hilfe metaphysische Trostpflaster.

Die wahrhaft „heilenden Worte“, die unsere Gesellschaft braucht, sind keine religiös aufgeladenen Metaphern, sondern:

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  • Worte der Wahrhaftigkeit, die Probleme beim Namen nennen
  • Worte der Empathie, die auf gemeinsamer Menschlichkeit basieren, nicht auf Glaubensdogmen
  • Worte der Ermutigung, die Menschen befähigen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten
  • Worte der Klarheit, die Verantwortung nicht an höhere Mächte delegieren

Die Regenbogentonne kann leer bleiben – gefüllt mit kritischem Denken, Mitgefühl und vernunftbasiertem Handeln kommen wir weiter.

Ein „Wort zum Sonntag“ mit dem Titel „Die Kraft der Worte“ wirft die Frage auf, welche Kraft denn das „Wort zum Sonntag“ heute eigentlich noch hat.

Funfact zum Schluss: „Wort zum Sonntag“-Worte in die Regenbogentonne gekloppt

Bisher waren die Wort-zum-Sonntag-Texte immer auf der zugehörigen Mediathek-Seite (zu finden unter daserste.de/wort) abrufbar. Auf diesem Stand ist auch noch ein Beitrag auf der Webseite der evangelischen Kirche. Dort ist zu lesen:

Unter der Adresse www.DasErste.de/wort finden sich die aktuellen Manuskripte, Porträts der Sprecher/Innen und Hintergrundinformationen zur Sendung.

(Quelle: Neue Gesichter im „Wort-zum-Sonntag“-Team – EKD)

Ohne ein Wort darüber zu verlieren, ist man bei der ARD offenbar irgendwann letztes Jahr heimlich, still und leise dazu übergegangen, die Sendungstexte in die – um in Prumbaums Wording zu bleiben – Regenbogentonne zu kloppen, statt sie weiter zu veröffentlichen.

Das „Wort zum Sonntag“ in geschriebener Form gibt es seitdem nur noch auf der Kirchenwebseite rundfunk.evangelisch.de. Auf einer offiziellen ARD-Seite kann ich die Sendungstexte jedenfalls seit einiger Zeit nicht mehr finden.

Mit etwas pragmatischem Optimismus können wir das ja mal als kleines Indiz für die schwindende Kraft dieses „Wortes“ deuten.

Wer Zweifel an der Kraftlosigkeit der Worte im „Wort zum Sonntag“ hat, möge sich nochmal die inzwischen über 500 von mir kommentierten Sendungen zu Gemüte führen und selbst urteilen.

KI

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