Ein guter Vorsatz | Das Wort zum Jahresbeginn – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Annette Behnken, veröffentlicht am 1.1.26 von ARD/daserste.de und von rundfunk.evangelisch.de
Darum geht es
Frau Behnken verklärt individuelle Gefühle zur politischen Kraft und ersetzt damit die notwendige Analyse struktureller Probleme und konkretes politisches Handeln durch die naive Vorstellung, man könne die Welt mit diffuser „Liebe“ verändern.Annette Behnken beginnt ihr „Wort zum Sonntag“ zum Jahreswechsel mit persönlichen Reflexionen über verschiedene Silvestererlebnisse und endet mit einem großen Vorsatz: „Let’s flood the world with love“ – die Welt mit Liebe fluten. Was zunächst sympathisch und warmherzig klingt, offenbart bei genauerer Betrachtung die typische Schwäche religiöser Weltdeutung: Die Reduktion komplexer gesellschaftlicher Probleme auf individuelle Gefühlszustände.
Die Sentimentalisierung politischer Krisen
Behnken erwähnt explizit, dass die Welt „voller Krisen und Katastrophen und Bedrohungen“ ist. Ihre Lösung? „Mit so viel Liebe, Wachsamkeit, Mitgefühl und Solidarität durch das neue Jahr gehen wie möglich.“ Das klingt schön, aber es ist bezeichnend, dass konkrete Probleme nicht benannt werden – und schon gar keine konkreten Lösungsansätze.
Die Klimakrise braucht keine Liebe, sondern drastische Emissionsreduktionen und technologische Innovationen. Kriege werden nicht durch Mitgefühl beendet, sondern durch diplomatische Verhandlungen, Sanktionen und im Notfall militärische Interventionen. Soziale Ungleichheit verschwindet nicht durch Empathie, sondern durch progressive Steuerpolitik und Umverteilung. Armut bekämpft man nicht mit Wachsamkeit, sondern mit Bildung, Arbeitsplätzen und funktionierenden Sozialsystemen.
Die Vorstellung, man könne „die Welt mit Liebe fluten“, bis „einfach kein Platz mehr da ist für das, was Leben zerstört“, ist nicht nur naiv – wie Behnken selbst einräumt –, sondern gefährlich. Sie suggeriert, dass individuelle Haltungsänderungen ausreichen würden, um strukturelle Probleme zu lösen. Das ist eine Illusion, die von den tatsächlich notwendigen systemischen Veränderungen ablenkt.
„Die Liebe ist die größte Kraft“ – wirklich?
Behnken beruft sich auf die Bibel und behauptet, „die Liebe ist die größte Kraft“ – und zwar „nicht nur privat, sondern auch politisch“. Diese Behauptung ist empirisch nicht haltbar. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Liebe hat weder den Nationalsozialismus besiegt (das taten Armeen), noch die Apartheid beendet (das taten Sanktionen und politischer Kampf), noch die Sklaverei abgeschafft (das erforderte Gesetze und teilweise Bürgerkriege).
Was autoritäre Regime, Diktatoren und menschenverachtende Systeme tatsächlich beeindruckt, ist nicht Liebe, sondern Macht: wirtschaftlicher Druck, politischer Widerstand, rechtliche Konsequenzen, organisierter Protest. Natürlich kann Solidarität – wie Behnken sie erwähnt – ein wichtiger Motivator sein. Aber Solidarität ist etwas anderes als diffuse „Liebe“. Solidarität ist konkret, organisiert, politisch wirksam. Sie wird nicht gefühlt, sondern praktiziert – in Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, NGOs.
Die Privatisierung des Politischen
Behnkens Appell läuft darauf hinaus, dass jede und jeder Einzelne „vorsätzlich, wachsam, liebevoll, empathisch und solidarisch durch die Welt“ gehen soll. Das ist die klassische religiöse Strategie: Die Verantwortung wird individualisiert, ins Private verlagert. Die eigene Haltung soll sich ändern, nicht die Strukturen.
Diese Perspektive entlastet die wirklich Mächtigen. Konzerne müssen ihre Geschäftsmodelle nicht ändern, solange wir alle nur lieb genug zueinander sind. Regierungen müssen keine wirksame Klimapolitik betreiben, solange wir mitfühlend durch die Welt gehen. Soziale Ungerechtigkeit wird erträglich, wenn wir sie mit Empathie würzen.
Ein humanistischer Ansatz würde stattdessen fragen: Welche Institutionen müssen reformiert werden? Welche Gesetze sind nötig? Wie können wir demokratische Strukturen stärken? Wie organisieren wir wirksamen Protest gegen Missstände? Das sind die Fragen, die tatsächlich zu Veränderungen führen – nicht der Vorsatz, liebevoller zu sein.
Die Beliebigkeit des Segens
Am Ende segnet Behnken alles und jeden: „die Liebenden, die Suchenden und die Zweifelnden“, „die Müden, die Verletzten, die Mutigen und die Zarten“, „jede kleine Geste der Liebe“. Diese inflationäre Verwendung des Segensbegriffs macht ihn völlig beliebig und inhaltsleer.
Was bedeutet es, dass „jede Tat der Solidarität“ gesegnet sein soll? Ist damit auch die Solidarität mit rechtsextremen Bewegungen gemeint? Die Solidarität korrupter Eliten untereinander? Natürlich nicht – aber genau das zeigt die Beliebigkeit solcher religiösen Formeln. Sie klingen schön, bleiben aber unverbindlich und ohne klare ethische Positionierung.
Das Problem mit dem „unverbrauchten Jahr“
Behnken schwelgt in der Metapher vom Jahr als „Fläche weißer, frischer Schnee“. Sie räumt zwar ein, dass wir „nicht als unbeschriebene Blätter ins neue Jahr gehen“, hält aber an der Vorstellung fest, dass „das Leben immer wieder neu anfangen“ kann. Diese Idee der ständigen Erneuerung ist eine theologische Kernbotschaft – aber sie entspricht nicht der Realität.
Wer mit einer chronischen Krankheit ins neue Jahr geht, kann nicht einfach „neu anfangen“. Wer in Armut lebt, hat keine „lauter zu ergreifende Chancen“. Wer in einem Kriegsgebiet lebt, erlebt keinen „Zauber des Neuen“. Die Vorstellung vom frischen Start ist ein Privileg – eines, das sich überwiegend Menschen in sicheren, wohlhabenden Verhältnissen leisten können.
Eine säkulare Perspektive würde anerkennen: Für viele Menschen ist das neue Jahr einfach eine Fortsetzung ihrer Kämpfe, ihrer Schmerzen, ihrer Ohnmacht. Der „Zauber“ des Neujahrs ist eine psychologische Projektion, keine reale Eigenschaft der Zeit.
Was statt Liebe wirklich nötig wäre
Ein humanistischer Jahresvorsatz könnte lauten:
- Politisch aktiv werden: Sich einer Partei, Initiative oder NGO anschließen, die für konkrete Verbesserungen kämpft
- Kritisches Denken schärfen: Fake News erkennen, Quellen prüfen, sich bilden
- Strukturelle Veränderungen fordern: Für höhere Steuern auf Vermögen, für Klimaschutzgesetze, für soziale Gerechtigkeit eintreten
- Solidarisch handeln: Nicht nur fühlen, sondern tun – Zeit, Geld, Expertise zur Verfügung stellen
- Machtverhältnisse analysieren: Verstehen, wer von welchen Systemen profitiert und wie man sie ändern kann
Das alles erfordert mehr als Liebe. Es erfordert Analyse, Organisation, manchmal auch Konfliktbereitschaft. Es bedeutet, unbequem zu sein, Widerstand zu leisten, sich mit Mächtigen anzulegen.
Fazit
Annette Behnkens „Wort zum Sonntag“ ist ein Paradebeispiel für religiöse Weltflucht in Zeiten multipler Krisen. Statt konkrete Probleme zu benennen und Lösungen zu diskutieren, flüchtet sie in eine Rhetorik des Gefühls. „Die Welt mit Liebe fluten“ ist kein politisches Programm, sondern eine Kapitulation vor der Komplexität der Welt.
Die Welt braucht keine Flut der Liebe, sondern eine Flut des kritischen Denkens, des politischen Engagements und des strukturellen Wandels. Nicht Gefühle verändern die Welt, sondern Menschen, die sich organisieren, Wissen schaffen und Macht aufbauen, um Verhältnisse zu ändern.
Behnkens gut gemeinter Appell ist letztlich eine Beruhigungspille: Fühlt euch gut mit euren lieben Gedanken – während die Welt weiter brennt.

















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