Sterndeuter und Superstars: Wenn Mythos auf Realität trifft

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Stadtpfarrer Stefan Buß verpackt in seiner „Sternengeschichte“ eine manipulative Botschaft, die kritisches Denken durch blinden Glauben ersetzen will, historische Mythen als Fakten verkauft und Menschen zur Selbstaufgabe im Namen einer unbeweisbaren religiösen Ideologie auffordert.

Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda nutzt in seinem Impuls vom 7. Januar 2026 einen geschickten rhetorischen Trick: Er beginnt mit einer Kritik an der oberflächlichen Medienkultur („Deutschland sucht den Superstar“), um dann seine religiöse Botschaft als tiefere Alternative anzupreisen. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sein Text fundamentale Probleme, die aus evolutionär-humanistischer und rationaler Perspektive nicht unwidersprochen bleiben dürfen.

Problem 1: Mythos wird als historische Tatsache präsentiert

Buß erzählt die Geschichte der „Weisen aus dem Morgenland“ so, als handle es sich um historisch verbürgte Ereignisse. Er spricht von „Wissenschaftlern“, die „bei der Arbeit“ waren und einen Stern beobachteten, der sie zu Jesus führte.

Die Realität sieht anders aus:

Die Geschichte der „Heiligen Drei Könige“ ist ein Mythos ohne historische Grundlage. Es gibt:

  • Keine außerbiblischen Quellen, die dieses Ereignis bestätigen
  • Keine archäologischen Belege für die Reise dieser „Weisen“
  • Keine zeitgenössischen Berichte über einen außergewöhnlichen Stern
  • Keinen astronomischen Nachweis für das beschriebene Himmelsphänomen zur angegebenen Zeit
Sterndeuter
Endlich gelüftet: Das Geheimnis des „wandernden Sterns“

Die Geschichte erscheint ausschließlich im Matthäus-Evangelium, das Jahrzehnte nach den angeblichen Ereignissen verfasst wurde und voller theologischer Symbolik ist. Historiker sind sich weitgehend einig: Es handelt sich um eine theologische Erzählung, nicht um einen historischen Bericht.

Buß erwähnt zwar am Rande eine mögliche astronomische Erklärung („Engstellung des Planeten Saturn… und Planeten Jupiter“), verschweigt aber, dass diese Konstellation nicht zu einem „wandernden Stern“ führt, der über einem bestimmten Haus stehen bleibt – wie es die biblische Erzählung behauptet. Das ist astronomisch schlicht unmöglich.

Problem 2: Der anti-intellektuelle Subtext

Besonders problematisch ist, wie Buß die „Theologen“ in Jerusalem darstellt: Sie „wussten offensichtlich Bescheid“, kümmerten sich aber nicht um Jesus, weil „ihre eigene Position ihnen offensichtlich wichtiger war als die Inhalte ihrer Heiligen Schriften.“

Diese Passage enthält eine gefährliche Botschaft:

Sie suggeriert, dass Wissen und kritisches Denken („die Theologen wussten Bescheid“) weniger wert seien als blinder Glaube und Gefolgschaft. Die „Weisen“, die ihre wissenschaftliche Methodik aufgeben und vor einem Baby auf die Knie fallen, werden als Vorbilder präsentiert. Die Gelehrten, die rational bleiben, werden kritisiert.

Dies ist ein klassisches anti-intellektuelles Muster: Verstand und Vernunft werden als Hindernisse für die „wahre“ Erkenntnis dargestellt. Nur wer bereit ist, seinen kritischen Verstand auszuschalten und sich dem Glauben hinzugeben, könne die „Wahrheit“ erkennen.

Aus humanistischer Sicht ist dies brandgefährlich. Der kritische Verstand, die Fähigkeit zur rationalen Analyse und das Hinterfragen von Autoritäten sind zentrale Errungenschaften der menschlichen Evolution und der Aufklärung. Sie vor einem religiösen Dogma zurückzustellen, bedeutet einen Rückschritt ins Mittelalter.

Problem 3: Die Manipulation durch falsche Dichotomien

Buß konstruiert einen falschen Gegensatz: Hier die oberflächliche Welt der Castingshows mit ihren „Scheinwerfern“, dort der authentische Stern, der „von Gott angestrahlt“ wird und „nicht unsere Scheinwerfer braucht“.

Diese Dichotomie ist manipulativ:

Sie suggeriert, man müsse sich zwischen oberflächlichem Starkult und religiösem Glauben entscheiden. Dass es eine dritte Option gibt – ein sinnvolles, ethisches Leben auf Basis von Vernunft, Wissenschaft und humanistischen Werten – wird konsequent ausgeblendet.

Die Realität ist: Man kann die Oberflächlichkeit von Castingshows ablehnen, ohne deshalb an antike Mythen glauben zu müssen. Man kann nach Sinn und Tiefe suchen, ohne sich einer Religion unterwerfen zu müssen. Man kann ethisch handeln, ohne an einen Gott zu glauben.

Problem 4: Die Aufforderung zur Selbstaufgabe

Am Ende seines Textes stellt Buß eine Reihe rhetorischer Fragen:

  • „Wie bin ich durch die Jesusbegegnung verändert?“
  • „Bin ich bereit, ihm zu folgen?“
  • „Lasse ich mich ermutigen, ein Weihnachtsstern für andere zu werden?“

Was hier harmlos klingt, ist tatsächlich eine Aufforderung zur Selbstaufgabe:

Die zentrale Botschaft lautet: Du sollst dich verändern (lassen), du sollst folgen (nicht selbst denken), du sollst andere missionieren („Weihnachtsstern für andere werden“).

Aus evolutionär-humanistischer Perspektive ist Autonomie – die Fähigkeit, selbstbestimmt zu leben und eigene Entscheidungen zu treffen – ein fundamentaler Wert. Menschen sollen sich nicht einer fremden Autorität unterwerfen, sondern ihr eigenes Leben nach ethischen Prinzipien gestalten, die sie rational begründen können.

Die christliche Botschaft der „Nachfolge“ läuft diesem Ziel diametral entgegen. Sie verlangt Unterwerfung unter eine vermeintlich göttliche Autorität, die niemand beweisen kann und die historisch für unzählige Verbrechen miss- bzw. gebraucht wurde.

Problem 5: Die verschleierte Drohung

Buß schreibt: „Wer von Jesus erzählt wie ein Weihnachtsstern, stellt vor die Entscheidung. Manche werden von der Botschaft gepackt. […] Manche fühlen sich von Jesus bedroht.“

Hier wird eine subtile, aber wirksame Drohkulisse aufgebaut:

Wer sich von Jesus „bedroht“ fühlt, wird implizit als jemand dargestellt, der „etwas zu verlieren“ hat: „Macht, Einfluss, ein Lebenswandel, der andere verletzt und auf Kosten anderer gestaltet wird.“

Die Botschaft ist klar: Wer Jesus ablehnt, tut dies aus niederen Motiven. Legitime rationale Gründe für Skepsis – fehlende Beweise, logische Widersprüche, historische Unplausibilitäten – werden gar nicht erst in Betracht gezogen.

Dies ist eine Form psychologischer Manipulation: Kritiker werden pathologisiert oder moralisch diskreditiert, statt ihre Argumente ernst zu nehmen.

Problem 6: Die Verwechslung von Stern und Moral

Besonders absurd ist die Metapher des „Weihnachtssterns“, der den Weg weist. Buß vermischt hier astronomische Phänomene mit moralischen Konzepten auf eine Weise, die jeder Logik spottet.

Ein Stern ist ein Himmelskörper – eine gigantische Kugel aus Plasma, die durch Kernfusion Energie erzeugt. Er „weist“ keinen Weg, er hat keine Absicht, er wurde nicht „von Gott angestrahlt“. Er existiert aufgrund physikalischer Gesetze, die wir heute sehr gut verstehen.

Die Vermenschlichung und Mystifizierung natürlicher Phänomene ist typisch für vorwissenschaftliches Denken. Frühe Menschen projizierten ihre Hoffnungen und Ängste auf den Sternenhimmel, weil sie die tatsächlichen Ursachen nicht kannten. Heute wissen wir es besser.

Die Tatsache, dass ein Stadtpfarrer im Jahr 2026 immer noch Sterne als göttliche Boten darstellt, zeigt, wie resistent religiöses Denken gegen wissenschaftliche Erkenntnisse ist – und wie resistent Gläubige gegen die Realität sein können.

Die evolutionär-humanistische Alternative

Aus evolutionär-humanistischer Sicht brauchen Menschen keine mystischen Sterne und keine antiken Mythen, um ein sinnvolles und ethisches Leben zu führen. Was wir brauchen, ist:

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1. Wissenschaftliches Denken

Die Methoden der Wissenschaft haben uns mehr über das Universum, über Sterne und über uns selbst gelehrt als alle religiösen Texte zusammen. Statt Sterne als göttliche Boten zu deuten, können wir ihre tatsächliche Natur verstehen – und dabei Ehrfurcht vor der Größe des Kosmos entwickeln, ohne Mythen zu benötigen.

2. Rationale Ethik

Ethisches Handeln braucht keinen Gott. Es basiert auf Empathie, Vernunft und dem Verständnis, dass wir als soziale Wesen voneinander abhängig sind. Die Goldene Regel – „Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest“ – funktioniert ohne jede religiöse Begründung.

3. Autonomie statt Unterwerfung

Menschen sollten ermutigt werden, selbst zu denken, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen – nicht, sich einer vermeintlichen göttlichen Autorität zu unterwerfen.

4. Kritisches Hinterfragen

Statt blinden Gehorsam sollten wir kritisches Denken fördern. Jede Behauptung sollte hinterfragt, jede Autorität angezweifelt werden dürfen. Nur so kann sich Wissen weiterentwickeln und Missbrauch verhindert werden.

5. Realitätsbezug

Wir sollten unser Leben auf Tatsachen gründen, nicht auf Mythen. Die Realität ist komplex und manchmal unbequem, aber sie ist die einzige verlässliche Basis für Entscheidungen.

6. Humanistische Werte

Mitgefühl, Gerechtigkeit, Würde, Freiheit – diese Werte brauchen keine religiöse Rechtfertigung. Sie entstehen aus unserem Verständnis dessen, was Menschen zum Gedeihen brauchen, und aus unserer evolutionär entwickelten Fähigkeit zur Empathie.

Die Fragen, die wir wirklich stellen sollten

Statt Buß‘ rhetorische Fragen zu beantworten, sollten wir andere Fragen stellen:

  • Welche Beweise gibt es für die Behauptungen in diesem Text? Keine.
  • Warum sollen wir antike Mythen als Lebensanleitung akzeptieren? Es gibt keinen guten Grund.
  • Was sind die tatsächlichen Motive derer, die solche Geschichten verbreiten? Machterhalt, Einfluss, Ideologie.
  • Wie können wir ein gutes Leben führen, ohne auf unbewiesene Behauptungen zu vertrauen? Durch Vernunft, Wissenschaft und humanistische Ethik.
  • Wem nützt es, wenn Menschen aufhören, kritisch zu denken? Den Autoritäten, nicht den Menschen.

Der eigentliche Stern, dem wir folgen sollten

Wenn wir schon von einem „Stern“ sprechen wollen, der uns den Weg weist, dann sollte es der Stern der Vernunft sein – das Licht der Aufklärung, das uns aus den dunklen Zeiten religiöser Bevormundung geführt hat.

Dieser Stern leuchtet nicht durch göttliche Magie, sondern durch die Kraft des menschlichen Verstandes. Er führt nicht zu einem Baby in einer Krippe, sondern zu einem besseren Verständnis der Welt und zu ethischem Handeln auf rationaler Grundlage.

Dieser Stern verlangt nicht, dass wir auf die Knie fallen, sondern dass wir aufrecht stehen und selbst denken. Er verspricht keine ewige Seligkeit, aber er ermöglicht ein würdiges, freies und ethisches Leben im Hier und Jetzt.

Fazit: Manipulation in poetischer Verpackung

Stadtpfarrer Buß‘ Text ist ein weiteres Beispiel dafür, wie religiöse Botschaften in scheinbar harmlose, poetische Sprache verpackt werden, um ihre manipulativen Elemente zu verschleiern:

  • Historische Mythen werden als Fakten präsentiert
  • Kritisches Denken wird als Hindernis dargestellt
  • Autonomie wird durch Unterwerfung ersetzt
  • Rationale Skepsis wird pathologisiert
  • Wissenschaftliche Erkenntnisse werden ignoriert
  • Menschen werden zur Missionierung aufgefordert

Aus evolutionär-humanistischer Sicht ist dies abzulehnen. Wir brauchen keine antiken Mythen, um Orientierung zu finden. Wir brauchen Vernunft, Wissenschaft, kritisches Denken und eine Ethik, die auf dem Wohlergehen aller fühlenden Wesen basiert.

Der wahre „Superstar“, nach dem wir suchen sollten, ist nicht Jesus, sondern die menschliche Fähigkeit zur Vernunft – jene Eigenschaft, die uns einzigartig macht und die uns befähigt, die Welt zu verstehen und ethisch zu gestalten.

Lassen wir uns nicht von poetischen Worten blenden. Folgen wir dem Licht der Vernunft, nicht dem Schein antiker Mythen.

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1 Gedanke zu „Sterndeuter und Superstars: Wenn Mythos auf Realität trifft“

  1. »Buß erzählt die Geschichte der „Weisen aus dem Morgenland“ so, als handle es sich um historisch verbürgte Ereignisse. ….«
    Nun, was einem Kardinal Schönborn erlaubt ist, darf man einem Stadt- oder Landpfarrer nicht übelnehmen. Das ist eben übliche Technik des klerikalen und auch oft theol-ogischen Argumentierens.
    Und gemäß einem kölner Berufschristen ist es ja „der Tradition nach wahr“ (!), dass in dem unglaublich kostbaren Schrein (das ist allerdings nicht nur der Tradition nach wahr) im Kölner Dom die Gebeine der Heiligen Drei Könige lagern.
    Auch der Hinweis auf „eine mögliche astronomische Erklärung“ (in anderen Kontexten eine mögliche wissenschaftliche Erklärung) ist geübte Praxis der Theo-Logie.
    Mit dem Vorwurf an die jüdischen „Theologen“ verfällt Herr Buß allerdings in das empörende Juden-Bashing, das die christlichen Kirchen über Jahrhunderte gepflegt haben. Ein Ergebnis davon ist z.B. die Tatsache, dass die Bezeichnungen „Pharisäer“ und „Schriftgelehrte“ für jüdische Theologen bis heute als Schimpfworte gelten.
    Die christliche Botschaft der „Nachfolge“ ist laut Lukas, der in 14,26 Jesus zitiert, nur möglich wenn man seine Eltern „gering achtet“ (in älteren und anderen Übersetzungen heißt es noch, man müsse sie „hassen“), was aber (immer noch) genau das Gegenteil von dem ist, was im fünften der Zehn Gebote gefordert wird.
    »Wer sich von Jesus „bedroht“ fühlt«, wird implizit in eine Reihe mit dem angeblichen Knabenschlächter Herodes gestellt ! Auch diese Herodes-Saga wird bei Bedarf von christlichen Klerikern und Theologen als historische Tatsache in die Argumentation eingebaut.

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