„Und dennoch unverwundbar“: Wenn Poesie politisches Versagen kaschiert

Lesezeit: ~ 4 Min.

Der schlimmste Monat – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Pfarrer Benedikt Welter, veröffentlicht am 31.1.26 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Welter benennt zwar präzise weltweites Unrecht und positioniert sich moralisch dagegen, flüchtet dann aber in paulinische Geduldstheologie und poetische Innerlichkeit, statt konkrete Solidarität, politischen Widerstand und rationale Ursachenanalyse einzufordern – und demonstriert damit exemplarisch, wie Religion Trost spendet, wo sie zur Veränderung befähigen sollte, indem sie strukturelle Gewalt zu einem „unerklärlichen“ existenziellen Mysterium verklärt, das man nicht bekämpft, sondern lyrisch erträgt.

Benedikt Welters Flucht ins Lyrische

Pfarrer Benedikt Welter beginnt sein „Wort zum Sonntag“ mit einer Bestandsaufnahme des Januars 2026: Tragödien, politischer Wahnsinn, Repression im Iran. Seine Diagnose ist zutreffend, seine theologische Positionierung zunächst unverfänglich – doch dann flüchtet er in Poesie und spirituelle Innerlichkeit, statt konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen. Ein exemplarisches Beispiel dafür, wie Religion illusionären Trost spendet, wo sie Widerstand organisieren sollte.

Die richtige Analyse – und dann?

Welter benennt präzise: das politische Chaos um Grönland, die brutale Repression im Iran gegen Menschen, die „schlicht für ein normales, alltägliches Leben demonstrieren“. Seine theologische Positionierung ist klar: „Ein Feind Gottes ist, wer sich zum Feind von Menschen macht.“

Doch genau hier zeigt sich das Dilemma religiöser Weltdeutung: Welter bleibt in der moralischen Empörung stecken. Er benennt das Unrecht, deutet es theologisch – aber wo sind die konkreten Forderungen? Wo die Solidaritätsbekundungen mit den iranischen Demonstrierenden? Wo der Aufruf zu politischem Druck, zu Sanktionen, zu praktischer Unterstützung?

Zwei Varianten – und beide problematisch

Welter bietet seinem Publikum zwei „Varianten“ im Umgang mit dem „unerklärlichen Wahnsinn“:

  • Variante 1: Rückzug ins Private – die er zu Recht verwirft.
  • Variante 2: „Nüchtern die Realitäten sehen“ und mit dem Apostel Paulus „dagegenhalten“: „Bedrängnis bewirkt Geduld. Geduld bewirkt Hoffnung.“

Hier offenbart sich das Kernproblem religiöser Weltdeutung. Die Formel „Bedrängnis → Geduld → Hoffnung“ mag tröstlich klingen, ist aber politisch fatal. Sie verordnet den Leidenden Passivität. Sie macht aus struktureller Gewalt einen spirituellen Läuterungsprozess. Sie vertagt Gerechtigkeit auf ein Jenseits oder eine ferne Zukunft.

Aus säkularer Perspektive sollte die Gleichung lauten: „Bedrängnis → Analyse → Widerstand → Veränderung“. Geduld ist keine Tugend, wo Menschen unterdrückt werden. Hoffnung ist kein Ersatz für politisches Handeln.

Der Wahnsinn ist nicht „unerklärlich“

Besonders problematisch ist Welters Formulierung vom „unerklärlichen Wahnsinn“. Das politische Geschehen, das er beschreibt, ist alles andere als unerklärlich:

All das ist erklärbar – durch sachliche bzw. politische Analyse, historisches Verständnis, sozialwissenschaftliche Methoden. Es als „unerklärlich“ zu bezeichnen, bedeutet, auf rationale Analyse zu verzichten und stattdessen in existenzialistisches Staunen zu verfallen. Das mag poetisch wirken, ist aber intellektuell kapitulierend.

Poesie als Fluchtpunkt

Welter flüchtet schließlich zur Dichterin Marie Luise Kaschnitz (deren Todestag sich jährt, nicht ihr Geburtstag – eine bezeichnende Ungenauigkeit). Ihre Verse sollen „schützen vor Zynismus und Verbitterung“, sollen „neues Vertrauen in die Macht der Sprache“ geben.

Das ist die klassische Strategie religiöser Weltdeutung: Wenn die Realität zu hart wird, flüchtet man ins Symbolische, ins Ästhetische, ins Transzendente. Statt konkreter politischer Forderungen bekommen wir lyrische Fragmente: „und dennoch leicht“, „und dennoch unverwundbar“.

Aber wer ist hier „unverwundbar“? Sicher nicht die Menschen im Iran, die für ihre Freiheit demonstrieren und dafür erschossen werden. Nicht die Opfer der Katastrophe in Crans Montana. Nicht die Menschen in Kriegsgebieten, die „ins Erfrieren“ gebombt werden, wie Welter selbst drastisch formuliert.

Die Verse schaffen eine spirituelle Innerlichkeit, die sich von der brutalen Außenwelt abgrenzt. Sie versprechen eine „geheimnisvolle Ordnung“, wo in Wahrheit Chaos und Unrecht herrschen. Sie bieten individuelle Tröstung statt kollektive Ermächtigung.

Sprache finden – aber wofür?

Welter sagt: „Wenn ich wieder zur Sprache finde, finde ich wieder ins Leben. Dann kann ich die Wirklichkeit wieder gestalten und mitgestalten, statt das alles zu erdulden.“

Ein schöner Satz – aber was bedeutet „mitgestalten“ konkret? Reicht es, ein Gedicht zu lesen und dadurch innerlich gestärkt zu sein? Oder müsste nicht die konsequente Frage folgen: Was kann ich politisch tun? Wie kann ich die Menschen im Iran unterstützen? Welche strukturellen Veränderungen sind nötig?

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Die Religion, wie Welter sie präsentiert, bietet primär emotionale Stabilisierung. Sie hilft dem Individuum, mit der Überwältigung durch das Weltgeschehen umzugehen. Das mag psychologisch wertvoll sein – politisch ist es Stillstand.

Was fehlt: Konkrete Solidarität

Ein säkularer, humanistischer Ansatz würde anders vorgehen:

  1. Analyse statt Mystifizierung: Die Ursachen von Unrecht benennen – ökonomisch, politisch, strukturell.
  2. Solidarität statt Innerlichkeit: Konkrete Unterstützung für Betroffene organisieren.
  3. Handlung statt Hoffnung: Politischen Druck aufbauen, Öffentlichkeit herstellen, Veränderung einfordern.
  4. Widerstand statt Geduld: Sich dem Unrecht aktiv entgegenstellen, nicht darauf warten, dass es sich in „geheimnisvoller Ordnung“ auflöst.

Wo sind in Welters Beitrag die konkreten Handlungsaufforderungen? Wo der Hinweis auf Hilfsorganisationen, auf Petitionen, auf Demonstrationen? Wo die Kritik an den politischen Akteuren, die dieses Leid verursachen oder tolerieren?

Fazit: Trost statt Transformation

Benedikt Welters „Wort zum Sonntag“ ist symptomatisch für eine Religion, die sich auf die Rolle des emotionalen Trösters zurückgezogen hat. Sie kann das Leid der Welt benennen, kann es theologisch, d.h. mit jedem beliebigen Ergebnis einordnen – aber sie bleibt in symbolischen Gesten und spiritueller Innerlichkeit stecken.

Die Flucht in die Poesie ist eine Form der Kapitulation vor der politischen Realität. Sie versöhnt das Individuum mit dem Unerträglichen, statt es zur Veränderung zu ermächtigen. Sie macht aus struktureller Gewalt ein existenzielles Mysterium, statt ihre konkreten Ursachen zu bekämpfen.

Aus säkularer Sicht brauchen wir keine „geheimnisvolle Ordnung“, die uns Trost verspricht. Wir brauchen rationale Analyse, politische Organisation und entschlossenes Handeln. Wir brauchen keine Geduld, die Leid erträgt, sondern Widerstand, der es beendet.

Das Licht, das die iranischen Demonstrierenden auf die Straße treibt, ist nicht das Licht der Hoffnung auf ein Jenseits – es ist das Licht der Aufklärung, das Licht der Menschenrechte, das Licht einer besseren, diesseitigen Zukunft. Und dieses Licht braucht keine Verse – es braucht Menschen, die handeln.

KI

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