Wenn die Bibel zum Pazifismus führen soll: Wolfgang Becks selektive Schriftauslegung

Lesezeit: ~ 9 Min.

Wie das „Wort zum Sonntag“ berechtigte Kriegskritik mit problematischer Theologie verbindet: Pfarrer Dr. Wolfgang Beck: Im Krieg sind die Menschen immer Gescheiterte Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Wolfgang Beck, veröffentlicht am 7.3.26 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Beck nutzt selektive Bibelauslegung, um eine berechtigte pazifistische Botschaft zu begründen, verschleiert dabei die massive Gewaltlegitimation biblischer Texte, klammert die historische Rolle der Kirchen als Kriegsbefürworter aus und übersieht, dass rationale Friedensethik ohne religiöse Legitimation auskommt und ethisch differenzierter argumentieren kann.

Im „Wort zum Sonntag“ vom 7. März 2026 kommentiert Pfarrer Dr. Wolfgang Beck die aktuellen Kriegsereignisse im Nahen Osten und nutzt dabei seine Kindheitserinnerung an ein verweigertes Spielzeug als Einstieg in eine biblisch-theologische Reflexion über Krieg und Gewalt.

Was zunächst wie eine pazifistische Haltung erscheint, erweist sich bei genauerer Analyse als methodisch problematische Bibelauslegung, die legitime Kriegskritik mit fragwürdigen theologischen Konstruktionen verbindet und dabei zentrale Fragen ausklammert: die inhärente Gewaltproblematik biblischer Texte selbst, die historische Rolle der Kirchen als Kriegsbefürworter und die Frage, ob rationale Ethik nicht ein besseres Fundament für Friedensorientierung bietet als selektive Schriftinterpretation.

Die Kindheitserzählung: Privates als theologisches Argument

Beck beginnt mit einer persönlichen Anekdote: Als Kind wollte er eine Spielzeugpistole, seine Eltern verboten es strikt. „Heute bin ich ein bisschen stolz darauf, dass Sie an der Stelle beim strengen Nein geblieben sind. Keine Waffe, kein Kriegsspielzeug, keine Verharmlosung der Gewalt.“

Diese Einleitung ist rhetorisch geschickt, aber analytisch problematisch. Beck nutzt eine private Kindheitserfahrung als moralisches Argument gegen Gewaltverherrlichung. Doch die Frage, ob Spielzeugwaffen für Kinder angemessen sind, ist eine pädagogische und psychologische Frage, keine theologische.

Empirische Studien zum Zusammenhang zwischen Kriegsspielzeug und späterem Gewaltverhalten sind uneindeutig. Manche Forschungen zeigen keinen Zusammenhang, andere differenzieren nach Kontext und Begleitung. Die pauschale Gleichsetzung „Spielzeugpistole = Verharmlosung von Gewalt“ ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Zudem verschleiert Beck, dass seine Eltern ihm das Verbot nicht erklärt haben („Leider haben Sie mir Ihr strenges Verbot nicht erklärt“). Autoritäres Verbieten ohne Begründung ist pädagogisch fragwürdig – gerade wenn man, wie Beck es im Folgenden tut, für reflektierte Auseinandersetzung mit Gewalt plädiert.

Die Anekdote dient primär einem rhetorischen Zweck: Sie etabliert Beck als moralisch integer (schon als Kind wurde er vor Gewaltverherrlichung geschützt) und schafft emotionale Nähe zum Publikum. Doch sie ersetzt keine rationale Argumentation.

Die biblische Gewalt: Anerkennung und Umdeutung

Beck erkennt nun ein fundamentales Problem an: „Selbst in der Bibel geht es häufig um Gewalt und Krieg, immer wieder Kämpfe, immer wieder Kriege und Schlachtfelder, immer wieder der Kampf zwischen Völkern und deren Glaubensüberzeugungen. […] Die viele Gewalt in der Bibel ist erschreckend.“

Diese Anerkennung ist zunächst bemerkenswert, denn viele religiöse Diskurse verschweigen oder beschönigen die massive Gewaltpräsenz in biblischen Texten. Beck tut so, als stelle er sich dem Problem – allerdings nur, um es dann auf eine bestimmte Weise zu deuten.

Die Gewalt in der Bibel: Ein kurzer Überblick

Die Bibel enthält in der Tat zahlreiche Gewaltdarstellungen:

  • Völkermord im Alten Testament: Die Vernichtung ganzer Völker wird als göttlicher Befehl dargestellt (z.B. die Eroberung Kanaans, 5. Mose 20,16-17: „Du sollst nichts leben lassen, was Odem hat“)
  • Genozid-Narrativ: Die Sintflut als göttlich verursachte Massenvernichtung
  • Kriegsverherrlichung: Gott als „Kriegsmann“ (2. Mose 15,3), der sein Volk in Schlachten führt
  • Menschenopfer: Abraham soll Isaak opfern (auch wenn es nicht vollzogen wird)
  • Gewalt gegen Frauen: Vergewaltigungen, Zwangsehen, Steinigungen
  • Apokalyptische Gewalt: Im Neuen Testament die Offenbarung des Johannes mit ihren Endzeitschlachten

Diese Texte sind nicht nur deskriptiv (sie berichten von Gewalt), sondern oft präskriptiv (sie stellen Gewalt als gottgewollt dar) und legitimatorisch (sie dienen dazu, Gewalt zu rechtfertigen).

Becks Deutung: „Spiegelung menschlichen Erlebens“

Beck deutet diese Gewalt nun so: „Die biblischen Texte spiegeln auch das Erleben von Menschen zu unterschiedlichen Zeiten. Menschen haben natürlich immer wieder Gewalt erlebt. Sie haben sie beobachtet und wurden von ihr sprachlos gemacht.“

Diese Interpretation ist teilweise richtig, aber unvollständig:

Richtig ist: Biblische Texte entstanden in historischen Kontexten, in denen Gewalt und Krieg zur Realität gehörten. Sie reflektieren diese Realität.

Unvollständig ist: Viele biblische Texte legitimieren Gewalt nicht nur, sie verordnen sie als göttlichen Befehl. Es geht nicht nur darum, dass Menschen Gewalt erlebten und „sprachlos“ wurden – sondern dass sie Gewalt als gottgewollt darstellten und damit normierten.

Beck verschleiert diese normative Dimension, indem er biblische Gewaltdarstellungen primär als Ausdruck menschlicher Erfahrung deutet. Doch wenn Gott im Text sagt „Töte alle Bewohner dieser Stadt“, dann ist das nicht nur Spiegelung von Erfahrung, sondern theologische Legitimation von Genozid. Über die furchtbaren Folgen berichtet die 10bändige Kriminalgeschichte des Christentums.

Diese Verharmlosung ist problematisch, weil sie die Verantwortung biblischer Texte für die Normierung von Gewalt verdeckt.

Die zwei theologischen Reaktionen: Gott als Waffe vs. Gott als Problem

Beck differenziert nun: „Immer wieder haben Menschen ihr Fragen nach Gott gewissermaßen in die Erfahrungen des Krieges eingewoben. Die einen haben ihre Hoffnung betont, dass Gott an ihrer Seite kämpft. Dann wird Gott wie eine kriegsentscheidende Waffe beschrieben, die in die Kämpfe der Menschen eingreift. Die anderen haben mit der bitteren Realität gehadert. Sie haben sich gefragt, wie Gott das zulassen kann.“

Diese Unterscheidung ist analytisch hilfreich: Es gibt in der Bibel tatsächlich beide Perspektiven. Doch Beck verschweigt, dass die erste Perspektive (Gott als Kriegshelfer) in den biblischen Texten dominiert, besonders im Alten Testament. Die zweite Perspektive (Hadern mit Gott angesichts von Leid) findet sich primär in Hiob, in manchen Psalmen, in Klagelieder – ist aber minoritär.

Zudem ist die Formulierung „Gott wie eine kriegsentscheidende Waffe beschrieben“ euphemistisch. In vielen Texten ist Gott nicht wie eine Waffe, sondern der aktive Verursacher von Gewalt. Er quält, foltert und tötet selbst (Sintflut, Plagen), er befiehlt Völkermord, er verflucht ganze Generationen – aus reiner Hybris.

Beck distanziert sich rhetorisch von dieser Darstellung: „Ich muss gestehen, dass mir diese brutalen Darstellungen und schon die Kriegsrhetorik irgendwie zuwider sind.“ (Nebenbei bemerkt: Mir fallen neben biblischer Kriegsrhetorik noch viele weitere Aspekte des Christentums und speziell des Katholizismus ein, die mir nicht nur irgendwie, sondern so dermaßen zuwider sind, dass es mir völlig unbegreiflich ist, wie man freiwillig Mitglied einer solchen Organisation sein kann.)

Diese persönliche Distanzierung (wenn auch nur irgendwie) mag sympathisch klingen, löst aber das theologische Problem nicht: Warum sollte man einem Buch Autorität zuschreiben, dessen Gottesdarstellung einem „zuwider“ ist? Wenn die biblische Kriegsrhetorik problematisch ist – warum gilt die Bibel dann laut christlicher als maßgeblich für ethische Orientierung? Zumal die Brutalität durch die Einführung des Höllen-Konzeptes im 2. Teil ja noch ins Unermessliche, zeitlich Unbegrenzte übersteigert wird?

Aus säkularer Sicht ist die Antwort klar: Die Bibel ist ein historisches Dokument, geprägt von ihrer Zeit, und ihre Gewaltdarstellungen reflektieren die brutale Realität antiker Gesellschaften. Sie ist kein moralischer Maßstab, sondern ein historisches Zeugnis – oder einfach nur religiös induzierter Wahnsinn.

Die Anti-Helden-These: Biblische Texte gegen Heldenverehrung

Nun kommt Beck zu seiner zentralen These: „Biblische Geschichten sind keine Heldenerzählungen, denn selbst die großen kämpferischen Gestalten werden so dargestellt, dass eigentlich niemand so richtig stolz auf sie sein mag.“

Er nennt als Beispiel König David: „ein großer Herrscher, ein erfolgreicher Kämpfer. Aber auch bei ihm werden die großen Schwächen mit überliefert, kein richtiger Held.“

Diese Beobachtung ist teilweise zutreffend, aber stark verzerrt:

Teilweise zutreffend:

Biblische Figuren werden oft ambivalent dargestellt. David begeht Ehebruch mit Batseba und lässt ihren Mann töten. Abraham lügt. Jakob betrügt. Mose tötet einen Ägypter. Allen gemein ist, dass sie einen unmenschlichen und antimoralischen Götterglauben verbreiten. Diese Darstellungen zeigen menschliche Schwäche.

Stark übertrieben:

  1. Viele biblische Figuren werden sehr wohl als Helden dargestellt: Josua, der Kanaan erobert. Simson, der Feinde erschlägt. Elia, der Baalspriester tötet. Und allen voran natürlich der liebe Gott, der Menschen, die sich nicht von ihm lieben lassen möchten, deswegen mit zeitlich unbegrenzter psychischer und physischer Dauerfolter bei vollem Bewusstsein quält. Diese Figuren werden positiv konnotiert, ihre Gewalt wird legitimiert.
  2. Die Schwächen werden oft nicht moralisch verurteilt: David begeht Ehebruch und Mord – aber er bleibt „ein Mann nach Gottes Herzen“ (1. Samuel 13,14). Seine Verfehlungen führen zu Konsequenzen, aber sie entwerten ihn nicht fundamental als positive Figur.
  3. Die Ambivalenz dient oft der Glaubwürdigkeit, nicht der Kritik: Antike Erzählungen stellen Helden oft mit Schwächen dar, um sie menschlich und glaubwürdig zu machen – nicht um sie zu dekonstruieren. Eine Masche, die auch von politischen Populisten gern angewendet wurde, wenn sie aufgedeckte Verbrechen und Verfehlungen nicht mehr verleugnen konnten – zumindest früher, als jene zumindest noch den Anschein erwecken wollten, trotzdem gute Menschen zu sein.

Becks Behauptung, biblische Texte seien „ein Mittel gegen Heldenverehrung“, ist eine ideologische Projektion. Er liest moderne pazifistische Werte in Texte hinein, die historisch oft genau das Gegenteil waren: Legitimation von Gewalt durch heroische Figuren, die im Namen Gottes kämpfen.

Die Umdeutung: Von der Bibel zur pazifistischen Botschaft

Beck zieht nun eine ethische Konsequenz: „Das hieße, wenn es unter euch Menschen zu Kämpfen und Kriegen und Gewalt kommt, dann bildet euch bloß nicht ein, ihr könntet am Ende besonders stolz sein. […] Erklärt euch nicht zu Helden.“

Diese Botschaft ist ethisch wertvoll: Kriegsverherrlichung, Heldenkult, Militarismus sind gefährlich. Die Mahnung, sich nicht als Helden zu stilisieren, ist wichtig.

Doch Beck begründet diese Ethik mit der Bibel – und das ist schon allein methodisch problematisch:

1. Die Bibel gibt diese Botschaft nicht her

Die Bibel enthält sowohl gewaltlegitimierende als auch gewaltskeptische Passagen. Beck wählt selektiv die zweite Perspektive aus und erklärt sie zur eigentlichen biblischen Botschaft. Doch das ist Eisegese (Hineinlesen eigener Ansichten), nicht Exegese (Herauslesen dessen, was im Text steht).

Historisch wurde die Bibel weitaus häufiger zur Legitimation von Krieg genutzt als zu deren Kritik: Kreuzzüge, Religionskriege, Kolonialismus – all das geschah mit biblischer Begründung. Deus Io vult – Gott will es.

2. Die pazifistische Ethik ist säkular begründbar

Die Einsicht, dass „der Griff zur Waffe immer mit einem Scheitern verbunden“ ist, braucht keine biblische Legitimation. Sie lässt sich rational begründen:

  • Konsequentialistisch: Krieg verursacht immenses Leid, zerstört Leben und Infrastruktur, hat langfristige traumatische Folgen.
  • Deontologisch: Die Würde des Menschen verbietet es, Menschen als Mittel (Soldaten) für politische Zwecke zu instrumentalisieren.
  • Tugendethisch: Gewaltlosigkeit, Diplomatie, Kompromissfähigkeit sind Tugenden, die einer guten Gesellschaft förderlich sind.

Diese säkularen Begründungen sind stabiler als biblische, weil sie nicht von selektiver Textauslegung und von einem absurden Götterglauben aus der ausgehenden Bronzezeit abhängen.

3. Die Ambivalenz bleibt ungelöst

Beck sagt: „Selbst wenn ihr für das Gute kämpft, gegen die Unterdrückung und für die Freiheit, erklärt euch nicht zu Helden.“

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Diese Aussage ist ethisch komplex. Aus pazifistischer Sicht mag sie konsequent sein. Doch was ist mit gerechter Selbstverteidigung? Wie sieht es aus mit Schutz von Zivilisten vor Genozid? Was ist mit Widerstand gegen totalitäre Regime?

Beck pauschalisiert: „Der Griff zur Waffe ist nie cool oder heldenhaft. Er ist immer mit einem Scheitern verbunden.“

Diese Pauschalisierung ist ethisch problematisch. Es gibt Situationen, in denen Gewaltlosigkeit moralisch unverantwortlich wäre: Wenn man zusieht, wie Menschen ermordet werden, ohne einzugreifen. Wenn man einem Aggressor freie Hand lässt, weil man Gewalt prinzipiell ablehnt.

Eine ethisch angemessene Position ist differenziert: Krieg ist ein Übel. Man sollte alles tun, um ihn zu vermeiden. Aber es gibt Situationen, in denen Gewalt als ultima ratio (letztes Mittel) ethisch vertretbar oder sogar geboten sein kann – um größeres Leid zu verhindern.

Beck bietet diese Differenzierung nicht. Er pauschalisiert – und nutzt dafür selektiv ausgelegte biblische Texte.

Die historische Leerstelle: Kirchen als Kriegsbefürworter

Was Beck vollständig ausklammert, ist die historische Rolle der Kirchen als Kriegsbefürworter. Er sagt: „Immer wieder wurden auch im Christentum mit der Bibel in der Hand Kriege geführt.“

Diese Formulierung verschleiert die Verantwortung. Es waren nicht abstrakt „im Christentum“ Kriege geführt – es waren Kirchen, Päpste, Theologen, die Kriege theologisch legitimierten, die Soldaten segneten, die Feinde zu Gottesfeinden erklärten.

Beispiele:

  • Kreuzzüge: Von Päpsten ausgerufen, theologisch als heiliger Krieg legitimiert
  • Religionskriege: Katholiken gegen Protestanten, theologisch begründet
  • Kolonialismus: Missionierung mit Gewalt, kirchlich unterstützt
  • Erster und Zweiter Weltkrieg: Kirchen beider Seiten segneten ihre Armeen und profitieren bis heute von den Privilegien des Reichskonkordats
Exkurs: Privilegien aus dem Reichskonkordat, von denen die katholische Kirche bis heute profitiert

Das Reichskonkordat wirkt bis heute vor allem als „Sicherungsnetz“ für bestimmte Sonderrechte der katholischen Kirche, etwa Selbstverwaltungs‑ und Steuerrechte, die in späteren Staatskirchenverträgen und im Grundgesetz weitertragen.

Zentrale Privilegien und Wirkungen bis heute

  • Selbstbestimmungsrecht und Sonderarbeitsrecht: Die Kirche darf ihre inneren Angelegenheiten weitgehend selbst regeln („Selbstverwaltungsrecht“), was u.a. Grundlage für das besondere kirchliche Arbeitsrecht mit eingeschränkten Betriebsrats‑ und Gewerkschaftsrechten ist.
  • Kirchensteuer: Das Recht, Kirchensteuer über den Staat einziehen zu lassen (unmittelbarer Einbehalt durch den Fiskus) wird ausdrücklich garantiert und ist bis heute eine zentrale Finanzquelle der Kirchen.
  • Fortbestand staatlicher Leistungen: Staatsleistungen (historische Dotationen, Gehälter u.a.) an die Kirche wurden durch das Konkordat festgeschrieben, obwohl die Weimarer Verfassung eigentlich deren Ablösung verlangt; faktisch fließen diese Zahlungen bis heute weiter.​
  • Religionsunterricht und theologische Fakultäten: Der katholische Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an staatlichen Schulen sowie katholisch‑theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten werden gesichert; diese Garantien gelten teils unmittelbar im Bund (z.B. Bundeswehrhochschulen) und wurden in den Ländern über eigene Verträge übernommen.
  • Bekenntnisschulen: Das Recht auf Einrichtung katholischer Bekenntnisschulen auf Elternwunsch ist im Konkordat verankert, wird heute aber weitgehend durch Landesrecht und die Schulurteile des Bundesverfassungsgerichts eingeschränkt bzw. nur noch in engen Bereichen praktisch relevant.
  • Institutionelle Präsenz im Staat: Militärseelsorge, Seelsorge in Gefängnissen und staatlichen Krankenhäusern sowie das Bestehen theologischer Fakultäten beruhen rechtlich auch auf Konkordat/Staatskirchenverträgen, die das Reichskonkordat absichern bzw. ergänzen.

Heutige Rolle des Reichskonkordats im System

  • Das Bundesverfassungsgericht hat 1957 bestätigt, dass das Reichskonkordat als völkerrechtlicher Vertrag fortgilt; wegen der föderalen Kompetenzordnung sind die Länder aber nicht an alle Schulbestimmungen gebunden.​
  • Praktisch funktioniert es heute meist subsidiär: Wo Länderfragen (z.B. Schule, Kultur) nicht durch Landes‑Konkordate oder ‑Kirchenverträge geregelt sind, kann auf die Bestimmungen des Reichskonkordats zurückgegriffen werden.
  • Insgesamt versteinert es zusammen mit Weimar‑ und Grundgesetz‑Regeln ein kooperatives Modell von Staat und Kirche, in dem Kirchen in vielen Feldern rechtlich begünstigte Großakteure bleiben (Körperschaftsstatus, Steuerrecht, öffentliche Präsenz).

Die Kirchen haben eine bluttränkte Geschichte der Kriegslegitimation – nicht trotz, sondern mit der Bibel. Die pazifistische Lesart, die Beck anbietet, ist historisch eine Minderheitenposition, die sich erst im 20. Jahrhundert – notgedrungen und nur dort, wo die Kirche entsprechend an Macht und Einfluss verloren hatte – stärker durchgesetzt hat.

Diese historische Verantwortung zu verschweigen und stattdessen die Bibel als „Mittel gegen Heldenverehrung“ zu präsentieren, ist Geschichtsklitterung.

Die säkulare Alternative: Rationale Friedensethik

Aus humanistischer Sicht brauchen wir keine biblische Begründung für Friedensorientierung. Rationale Ethik bietet stabile Argumente gegen Kriegsverherrlichung:

  1. Menschenwürde: Jeder Mensch hat intrinsischen Wert, unabhängig von Nationalität oder Ideologie. Krieg verletzt diese Würde massiv.
  2. Leidvermeidung: Ethisches Handeln zielt darauf, Leid zu minimieren. Krieg verursacht immenses, vermeidbares Leid.
  3. Rationale Konfliktlösung: Die allermeisten Konflikte lassen sich durch Diplomatie, Verhandlung, Kompromisse lösen – wenn politischer Wille besteht.
  4. Langfristige Folgen: Kriege schaffen Traumata, Hass, Rachezyklen, die Generationen überdauern. Prävention ist rational geboten.
  5. Ultima-ratio-Prinzip: Gewalt kann in extremen Ausnahmesituationen (Genozid-Prävention, Selbstverteidigung) legitim sein – aber nur als letztes Mittel, nach Ausschöpfung aller Alternativen.

Diese Prinzipien sind universell, rational begründbar, nicht abhängig von religiösen Texten. Sie gelten unabhängig davon, ob man die Bibel als autoritativ ansieht oder nicht.

Fazit: Berechtigte Botschaft, fragwürdige Begründung

Wolfgang Becks „Wort zum Sonntag“ enthält eine ethisch wertvolle Botschaft: Kriegsverherrlichung ablehnen, Heldenkult zurückweisen, Gewalt nicht verharmlosen. Diese Haltung verdient Unterstützung.

Doch die theologische Begründung ist problematisch:

  1. Selektive Bibelauslegung: Beck liest pazifistische Werte in Texte hinein, die historisch oft das Gegenteil legitimierten.
  2. Verharmlosung biblischer Gewalt: Die normativen, gewaltlegitimierenden Dimensionen biblischer Texte werden als bloße „Spiegelung menschlicher Erfahrung“ verharmlost.
  3. Geschichtsvergessenheit: Die Rolle der Kirchen als Kriegsbefürworter wird ausgeblendet.
  4. Pauschalisierung: Die Ablehnung jeder Gewalt ist ethisch zu undifferenziert.
  5. Unnötige religiöse Legitimation: Friedensethik ist säkular besser begründbar.

Aus humanistischer Sicht: Ja zur Friedensorientierung. Nein zur biblischen Begründung. Wir brauchen keine selektive Schriftauslegung, um zu erkennen, dass Krieg ein Übel ist. Wir brauchen rationale Ethik, historisches Bewusstsein und politischen Willen zur Konfliktprävention.

Beck schließt: „Der Griff zur Waffe ist nie cool oder heldenhaft. Er ist immer mit einem Scheitern verbunden.“

Die säkulare Antwort: Stimmt – aber nicht weil die Bibel es sagt, sondern weil rationale Ethik es gebietet. Und: Selbst diese Einsicht muss differenziert bleiben, um in Extremsituationen ethisch verantwortlich handeln zu können.

Frieden braucht keine Bibel. Frieden braucht Vernunft, Empathie und politischen Willen.

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