„Christus lebt!“ – Magisch-mythologischer Trost am Ostermontag

Lesezeit: ~ 5 Min.

Kritische Anmerkungen zum Beitrag: Gottesdienst an Ostermontag im Dom – Erfahrung von Krise, Trauer und tragender Gewissheit: „Christus lebt!“, veröffentlicht am 6.4.26 von Osthessen-News

Darum geht es

Weihbischof Diez verpackt in seiner Predigt am Ostermontag Krisenpsychologie in religiöse Gewissheitsrhetorik (oder umgekehrt) – und nennt das dann Glauben. Eine Osterpredigt im Fuldaer Dom als Anlass, das alte Muster zu analysieren: Wie religiöse Verkündigung menschliche Trauerbewältigung vereinnahmt und mit unbelegten Heilsversprechen zweckdienlich überschreibt.

„Christus lebt!“ – Gewissheit als Behauptung

Ostermontag im Fuldaer Dom. Weihbischof und Domdechant Prof. Dr. Karlheinz Diez predigt über die sogenannte Emmausgeschichte, jene Erzählung aus dem Lukasevangelium, in der zwei niedergeschlagene Jünger auf dem Weg nach Emmaus einem Fremden begegnen, der sich am Ende als der auferstandene Jesus entpuppt.

Der Weihbischof deutet diese Geschichte als universales Deutungsmuster menschlicher Krisenerfahrung. Das klingt zunächst plausibel, ja beinahe therapeutisch. Schaut man genauer hin, zeigt sich ein argumentatives Muster, das so alt ist wie die Kirchenpredigt selbst: Der Sprung von der menschlichen Erfahrung zur übernatürlichen Gewissheit wird nicht begründet, sondern einfach vollzogen.

Der Bericht auf Osthessen-News zitiert Diez mit den Worten: „Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen. Denn sie kommt vom Herrn, der den Tod überwunden hat.“ Das dürfte für Menschen mit magisch-mythologischer Weltanschauung ein schön klingender Satz sein. Er ist aber kein Argument. Er ist eine Behauptung – und zwar eine, die die zentrale Frage, die jeder denkende Mensch stellen müsste, schlicht voraussetzt: Hat irgendwer den Tod überwunden? Wenn ja: Wie weiß man das?

Und die spannende Zusatzfrage, unabhängig davon, ob es sich um Fiktion oder um Realität handelt: Was zur Hölle sollte daran überhaupt hoffnungsvoll sein, dass irgendwer den Tod überwunden haben soll?

Der eigentliche Grund zur Freude besteht ja gar nicht in dem Umstand, dass der Gottessohn aus der biblisch-christlichen Mythologie, wie viele andere angebliche Gottessöhne vor ihm, den Tod überwunden haben soll. Sondern darin, dass sich der liebe Gott durch dieses (wenn auch nur temporäre) Menschenopfer mit seinen Anhängern versöhnt haben soll. Der Kern des christlichen Glaubenskonstruktes, der zentrale Aspekt, der eigentliche Grund zur Freude für die ganze Christenheit (Endlich ist unser Gott nicht mehr sauer auf uns und gibt uns noch eine Chance!) – fehlt bei Diez komplett. Und niemand scheint ihn zu vermissen. Nicht mal die Schäfchen selbst.

Die Emmausgeschichte als Beweismittel

Die Emmausgeschichte stammt aus dem Lukasevangelium, das Bibelwissenschaftler auf etwa 80–90 n. Chr. datieren – also mehrere Jahrzehnte nach den beschriebenen Ereignissen. Sie ist ein literarischer Text unklarer Herkunft, der in verschiedenen Handschriften unterschiedlich überliefert ist. Das Markusevangelium, das als das älteste gilt, enthält in seinen ursprünglichen Textfassungen keine Erscheinungsgeschichten des Auferstandenen – diese wurden später ergänzt.

Die historisch-kritische Bibelwissenschaft hält die Auferstehungsberichte für theologische Deutungserzählungen, nicht für Augenzeugenberichte im journalistischen Sinne, wie man sie erwarten würde in Anbetracht eines so außergewöhnlichen Ereignisses, wenn es denn stattgefunden hätte.

Weihbischof Diez verwendet diese Geschichte, als wäre ihre Faktizität unbestritten. „Beim Brechen des Brotes erkennen die Jünger dann den Auferstandenen“, heißt es im Bericht. Das Subjekt des Satzes ist bemerkenswert: nicht „glauben zu erkennen“, nicht „erzählen, dass sie erkannt hätten“, sondern: erkennen. Der Konjunktiv, das Mittel der Distanzierung, fehlt. Predigt arbeitet eben mit dem Indikativ der Gewissheit. Die Aussage ist in etwa so aussagekräftig wie: „Beim Aufschließen seines Geldspeichers erkennt Dagobert Duck seinen riesigen Reichtum.“

Krisenpsychologie auf religiösem Umweg

Das Interessanteste an der Predigt ist nicht das, was theologisch fragwürdig ist, sondern das, was psychologisch richtig ist – und dann religiös vereinnahmt wird.

Diez betont, laut Bericht, wie wichtig es ist, Trauer zuzulassen und auszusprechen: „Es ist heilsam, wenn man in der Traurigkeit reden kann. Man muss sich Zeit nehmen für die Traurigkeit.“ Das ist keine originär christliche Einsicht. Das ist, in sehr einfacher Form, das, was die moderne Trauerforschung seit Jahrzehnten belegt. Die Psychologen John Bowlby und Elisabeth Kübler-Ross haben Trauer als notwendigen Prozess beschrieben. Narrative Therapie, Gesprächstherapie, Krisenintervention – sie alle arbeiten mit dem Prinzip, dass das Aussprechen von Verlust heilsam ist. Das stimmt. Es braucht dafür keinen auferstandenen Gottessohn.

Die rhetorische Strategie der Predigt ist dabei klassisch: Man beginnt mit einer menschlichen Erfahrung, die alle kennen (Enttäuschung, Trauer, zerbrochene Hoffnungen), validiert diese Erfahrung als real und legitim, und führt dann unmerklich zur religiösen „Lösung“ – als wäre letztere die logische Fortsetzung von ersterem. Der Übergang von „Trauer ist heilsam“ zu „Christus lebt!“ ist aber kein logischer Schritt. Es ist ein Glaubenssprung, der als Schlussfolgerung verkleidet wird.

Unfalsifizierbarkeit als Systemvorteil

Besonders aufschlussreich ist die Aussage, die Osthessen-News so wiedergibt: „Die Emmausgeschichte zeige, dass auch heutige Krisen und Zweifel nicht das Ende bedeuten müssen. Vielmehr könne der Glaube gerade in schwierigen Erfahrungen reifen und vertieft werden.“

Man beachte die Struktur dieses Gedankens: Wenn es einem gut geht, bestätigt das den Glauben. Wenn Krisen kommen, reift und vertieft sich der Glaube daran. Das bedeutet: Es gibt keinen denkbaren Zustand, der den Glauben widerlegen könnte. Was in der Wissenschaft als schwerwiegender Mangel gilt – die Unfalsifizierbarkeit einer These –, gilt in der Theologie als Stärke. Der Glaube ist krisenfest nicht weil er belastbar wäre, sondern weil er so konstruiert ist, dass ihn keine Erfahrung erschüttern kann. Das nennt man in der Erkenntnistheorie eine nicht-falsifizierbare Aussage. Karl Popper hätte dazu Klares zu sagen gehabt.

Das ist kein Vorwurf gegen Menschen, die in schweren Zeiten Trost im Glauben finden – das ist ihr gutes Recht. Es ist ein Vorwurf gegen eine Rhetorik, die diesen Trost als rationale Erkenntnis ausgibt.

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„Christus lebt!“ – Die Kraft der Wiederholung

Der Satz „Christus lebt!“ taucht im Bericht mehrfach auf, einmal mit Ausrufezeichen, einmal als Botschaft, die „alle Dunkelheit“ vertreibe. In der Homiletik – der Lehre von der Predigt – ist Wiederholung ein bewusstes Mittel. Sätze, die oft genug gesagt werden, nehmen den Charakter von Gewissheiten an, auch wenn sie keinen Beleg haben. Das ist kein Phänomen, das auf Religion beschränkt wäre; Werbung und politische Rhetorik funktionieren genauso. Im religiösen Kontext hat diese Technik aber besonderes Gewicht, weil sie in einem Rahmen stattfindet, der per Definition nicht hinterfragt werden soll – dem Gottesdienst.

Die Gemeinde im Dom sitzt nicht als kritisches Auditorium dort. Sie ist Teil eines Rituals, das Wiederholung, Gesang, Körperhaltung und Gemeinschaftsgefühl kombiniert – alles Faktoren, die die kritische Distanz zum Gesagten systematisch senken. Das ist nicht Manipulation im strafrechtlichen Sinne. Aber es ist eine Kommunikationssituation, die es einer Aussage erlaubt, als Wahrheit anzukommen, ohne Wahrheit belegen zu müssen. Diese Taktik ist für die kirchliche Verkündigung so wichtig, dass für die völlig kritiklose Zustimmung sogar ein eigener Begriff existiert: Amen. Bedeutet sinngemäß: Egal, was der Priester sagt, ich stimme zu und stelle keine Fragen.

Was bleibt – und was fehlt

Was bleibt, wenn man die religiöse Rahmung der Predigt beiseitelässt? Ein paar durchaus vernünftige Beobachtungen: Trauer braucht Raum. Gemeinschaft hilft. Geteilter Schmerz ist leichter zu tragen. Enttäuschungen müssen nicht das letzte Wort haben. Das alles ist wahr. Es ist auch ohne Auferstehungsglauben wahr.

Was fehlt, ist die Ehrlichkeit gegenüber dem eigentlichen Kern der Osterbotschaft: Dem Anspruch, dass ein Mensch leibhaftig von den Toten auferstanden ist, dass das historisch geschehen ist, und dass diese Tatsache für alle Menschen eine verbindliche Heilswahrheit darstellt. Dieser Anspruch wird in der Predigt nicht begründet – er wird gefeiert. Das ist das Recht der Religionsgemeinschaft in ihrem Gottesdienst. Es ist nur kein Beitrag zum rationalen Diskurs über menschliche Krisenbewältigung. Das Thema dient einmal mehr nur als Vehikel, um die religiöse Botschaft zu den Schäfchen zu transportieren und um eine Relevanz der biblisch-christlichen Mythologie vorzugaukeln.

Säkular-humanistische Krisenbegleitung setzt genau dort an, wo die Predigt die Kurve zu übernatürlichen Gewissheiten nimmt, und bleibt bewusst diesseits: Sie fragt, welche Menschen, welche Gemeinschaften, welche Handlungen und Strukturen tragen können – ohne die Antwort von einer nicht nachprüfbaren kosmischen Zusage abhängig zu machen. Das ist bescheidener. Es ist aber auch ehrlicher.

Hoffnung, die nicht aus einer unbelegten Heilsgarantie schöpft, sondern aus dem, was Menschen füreinander tun können, ist keine schwächere Hoffnung. Sie ist eine reifere. Und vor allem eine reale.

Grundlage dieses Beitrags ist der Bericht von Osthessen-News vom 6. April 2026 über den Ostermontags-Gottesdienst im Fuldaer Dom. Zur historisch-kritischen Einordnung der Evangelientexte vgl. u.a. Gerd Theißen/Annette Merz: „Der historische Jesus“ (Vandenhoeck & Ruprecht, 4. Aufl. 2011). Zur Datierung des Markusevangeliums und der späteren Anhänge vgl. Bruce M. Metzger: „A Textual Commentary on the Greek New Testament“.

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