„Herr, bleibe bei uns!“ – Oder: Wer bleibt, wenn niemand da ist?

Lesezeit: ~ 5 Min.

Gedanken zum Beitrag: Impuls von Stefan Buß:  Die Emmausjünger, veröffentlicht am 11.4.26 von Osthessennews

Darum geht es

Ein frommer Impuls über das Emmaus-Gebet entpuppt sich als Lehrstück darüber, wie Religion emotionale Not in Gottesabhängigkeit ummünzt, statt zu eigenständiger Krisenbewältigung zu befähigen.

Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda hat einen weiteren Impuls veröffentlicht, der auf den ersten Blick schlicht und tröstlich wirkt: Eine meditative Betrachtung der biblischen Emmaus-Erzählung aus dem Lukasevangelium, ein Stoßgebet, das er sich zu eigen gemacht hat, eine Einladung zur Gottesnähe in schwierigen Stunden. Nichts Aufregendes, möchte man meinen. Und doch steckt in dieser frommen Kompaktheit mehr drin, als die gefällige Oberfläche vermuten lässt – nämlich ein Muster, das es lohnt, genauer zu betrachten.

Die Emmaus-Erzählung: Ein literarischer Rahmen wird zur Heilswahrheit

Buß bezieht sich auf eine der bekanntesten Auferstehungsgeschichten des Neuen Testaments (Lk 24,13–35): Zwei Jünger wandern nach Emmaus, sind niedergeschlagen nach Jesu Kreuzigung, begegnen einem Fremden, der mit ihnen geht und die Schrift auslegt – und der sich beim Brotbrechen als der Auferstandene zu erkennen gibt. Eine literarisch dichte, theologisch vermutlich bedeutsame Erzählung. Buß liest sie als Anleitung: So wie die Emmausjünger Jesu Nähe erbaten, so sollen auch wir beten. „Herr, bleibe bei uns!“ wird zum Stoßgebet für alle Lebenslagen.

Emmaus-Jünger

Was dabei stillschweigend vorausgesetzt wird, ist nicht wenig: dass die Erzählung historisch zutrifft, dass der darin handelnde Jesus tatsächlich gegenwärtig ist, dass Gebet eine reale Wirkung auf diese Gegenwart hat – und dass die Emmausjünger uns deshalb tatsächlich „den Weg zeigen“. Keine dieser Voraussetzungen wird begründet. Sie werden schlicht als geteilte Überzeugung behandelt, die keiner Rechtfertigung bedarf.

Das ist das Wesen des Predigtformats: Es richtet sich an Glaubende und setzt den Glauben voraus. Soweit ist das legitim. Problematisch wird es, wenn dieser Impuls – wie in einem regionalen Newsportal – in einen allgemeinen öffentlichen Raum tritt und dort als allgemeingültige Lebensorientierung angeboten wird.

Das Krisenrepertoire: Trauer, Zweifel, Schuld – und die Antwort lautet immer: Bete

Buß beschreibt eindrücklich, für welche Situationen das Stoßgebet taugen soll: Wenn „der Glaube ringt mit Zweifeln, die Hoffnung wird schwach, die Liebe droht zu erkalten“ – wenn „Probleme sich türmen, das Nachdenken fruchtet nichts“ – wenn man „versagt hat, Schuld spürt und Schwäche zeigt“. Das ist ein breites Spektrum menschlicher Not, von Beziehungskrisen über existenzielle Sinnfragen bis hin zu psychischem Leid.

Die angebotene Antwort ist in allen Fällen dieselbe: Das Gebet. „Herr, bleibe bei mir!“ Ergänzend nennt Buß zwei konkrete Zugangswege zur Gottesnähe – das Bibellesen und die Eucharistie. Das ist bemerkenswert eindimensional. Nicht: Suche Gespräch mit Menschen, die dir nahestehen. Nicht: Hol dir professionelle Hilfe, wenn die Last zu groß wird. Nicht: Analysiere, was dich in diese Lage gebracht hat, und ändere es. Die Ressourcen, die der Mensch selbst hat und die ihn tatsächlich erreichen können, bleiben unerwähnt.

Das ist kein Zufall. Es ist Struktur. Religionen – und der Katholizismus mit seiner sakramentalen Architektur besonders konsequent – etablieren sich als unverzichtbare Vermittler zwischen dem Menschen und dem, was er braucht. Wer Trost will, kommt zur Eucharistie. Wer Orientierung sucht, liest die Heilige Schrift. Wer Nähe ersehnt, betet. Die Institution ist immer im Spiel.

Psychologie des Stoßgebets: Was passiert da wirklich?

Gebets-Dilemma

Buß selbst gibt einen aufschlussreichen Hinweis, wenn er sagt, das Stoßgebet sei ihm „besonders aufgegangen“ – es habe sich ihm erschlossen, sei bedeutsam geworden. Das beschreibt einen echten psychologischen Prozess. Kurze, wiederholte Formeln – Stoßgebete, Mantras, Affirmationen – haben nachweislich eine regulierende Wirkung auf das Nervensystem. Sie unterbrechen Grübelspiralen, geben dem Geist einen Anker, aktivieren das parasympathische System. Das funktioniert.

Die entscheidende Frage ist allerdings: Warum funktioniert es? Buß hat eine klare Antwort: Weil Jesus wirklich da ist, weil er seine Nähe verheißen hat, weil Gott antwortet.

Die Psychologie hat eine andere Antwort: Weil das Gehirn auf rhythmische, bedeutungsgeladene Wiederholung mit Beruhigung reagiert – unabhängig davon, ob die angerufene Instanz existiert. Der Effekt ist real. Die theologische Erklärung des Effekts ist eine Interpretation, keine Tatsache.

Das ist keine Kleinigkeit. Denn wer glaubt, die Wirkung komme von Gottes realer Gegenwart, der ist abhängig von dieser Deutung – und von den Institutionen, die sie verwalten. Wer versteht, dass er mit dem Gebet eine Selbstregulationstechnik anwendet, der behält die Handlungsmacht bei sich.

„Ich glaube seiner Verheißung“ – Glaube als Erkenntnisersatz

Der Satz, mit dem Buß sein zentrales theologisches Fundament legt, lautet: „Ich glaube seiner Verheißung.“ Das ist ein Bekenntnis, kein Argument. Und das ist ehrlich – Glaube ist kein epistemisches Instrument, das Gewissheit produziert, sondern ein Akt des Für-wahr-Haltens trotz fehlender Evidenz, manchmal sogar gegen sie. Buß macht daraus keine Tugend, er beschreibt es schlicht. Das ist, in einem religiösen Impuls dieser Art, angemessen. Man muss nehmen, was man hat – und den Schäfchen ist es sowieso egal.

Dennoch lohnt der Hinweis: Wenn Matthäus 28,20 zitiert wird – „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ – dann handelt es sich um ein Wort, das anonyme Autoren einer literarischen Figur in einem antiken Text in den Mund gelegt haben. Ob dieses Wort eine reale Verheißung eines real existierenden Wesens ist, ist nicht durch den Text selbst belegbar. Es ist eine Glaubensentscheidung. Für Menschen in einer religiösen Tradition ist das selbstverständlich. Denn wer an Götter glaubt, darf keinen Unterschied machen zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Das Abendgebet: Poetisch gelungen, argumentativ zirkulär

Den Abschluss des Impulses bildet ein Abendgebet aus dem Gotteslob, das Buß vollständig zitiert. Literarisch ist es schön: Es arbeitet mit der Metapher des Abends als Lebensabend und Weltabend, mit der Nacht als Symbol für Zweifel, Angst und Tod. Der anaphori­sche Aufbau – „Bleibe bei uns … Bleibe bei uns … Bleibe bei uns“ – hat etwas Beschwörendes, beinahe Hypnotisches.

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Inhaltlich aber ist es ein geschlossener Kreis: Die Not wird benannt, die Antwort ist immer dieselbe Bitte, die Bitte setzt die Existenz des Angerufenen voraus, und diese Existenz wird durch die Bitte selbst nicht wahrscheinlicher. Wer zweifelt – und Buß benennt ausdrücklich „die Nacht des Zweifels“ – dem wird als Antwort auf den Zweifel das Gebet empfohlen, das den Zweifel voraussetzt, bereits überwunden zu haben. Das ist kein Trost für Zweifelnde. Das ist ein Gebet für bereits Glaubende, mit dem sie sich davon abhalten können, ihr rabbit hole zu verlassen.

Was fehlt: Die Ressourcen, die wirklich helfen

Säkularer Humanismus würde die menschliche Krisenbewältigung anders verorten – nicht weniger ernst, aber anders. Trauer braucht Zeit, Gemeinschaft und das Gehörtwerden durch andere Menschen. Zweifel sind keine Nacht, sondern oft der Anfang von Erkenntnis – sie verdienen Auseinandersetzung, nicht Beschwörung. Schuld lässt sich produktiv verarbeiten: durch Reflexion, Wiedergutmachung, Verantwortungsübernahme – nicht durch das Erflehen göttlicher Vergebung, die den eigentlich nötigen Schritt zur betroffenen Person ersetzt.

Und das Gefühl, nicht allein zu sein – das echte, spürbare, nicht-metaphysische Nicht-allein-sein – entsteht durch menschliche Nähe. Durch Freundschaft, durch Solidarität, durch Institutionen, die tatsächlich da sind: Krisentelefone, Therapeutinnen, Nachbarschaftshilfen, Selbsthilfegruppen. Diese Ressourcen sind real. Sie antworten, wenn man ruft, und diese Antworten existieren nicht nur in der eigenen Einbildung. Sie brauchen keine Verheißung, um gegenwärtig zu sein.

Fazit: Ein ehrlicher Impuls mit einer strukturellen Schwäche

Stadtpfarrer Buß schreibt keinen manipulativen Text. Er teilt aufrichtig, was ihm in seinem Glaubensleben bedeutsam ist. Der Impuls ist persönlich, zugewandt, ohne Drohung und ohne Triumphgeste. Das verdient Respekt.

Aber er exemplifiziert – gerade weil er so aufrichtig ist – das grundlegende Muster religiöser Krisenrhetorik: Die Not des Menschen wird benannt, und als Antwort wird eine Praxis empfohlen, die ihre eigene Wirksamkeit mit der Existenz dessen begründet, dessen Existenz sie voraussetzt. Der Mensch, der zweifelt, trauert oder scheitert, wird nicht zu sich selbst geführt – er wird zum Gott aus der biblisch-christlichen Mythologie geführt. Und zu den Institutionen, die dessen Gottes Nähe verwalten.

Das mag für Glaubende tröstlich klingen. Als allgemeine Antwort auf die menschlichen Bedingungen und Umstände ist es zu wenig. Menschen haben Ressourcen. Sie haben einander. Das reicht – und es reicht tatsächlich.

Der Impuls von Stadtpfarrer Stefan Buß erschien am 11. April 2026 in der Fuldaer Zeitung (O|N) im Rahmen der Rubrik „Der Stadtpfarrer bei O|N“.

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