Kardinal Woelki und die Wirklichkeit: Die Goldene Rosine

Kardinal Woelki betätigte sich in seiner neuen Verkündigung einmal mehr als Meister des Rosinenpickens.

Die Grundlage der christlichen Lehre bietet ein breites Spektrum an Aussagen. Ein sehr breites Spektrum.

Und so lässt sich praktisch jede beliebige Einstellung problemlos biblisch begründen. Es liegt einzig beim Leser, welche Textfragmente er für bedeutsam hält. Und welche er weglässt.

Wer das anders sieht, braucht nur einen Blick in die Kriminalgeschichte des Christentums zu werfen. Ausnahmslos alles, was im vermeintlichen Namen des Herrn veranstaltet wurde, war hieb- und stichfest biblisch begründet.

Eine häufig anzutreffende Methode, sich die unglaubliche biblische Vielfalt zweckdienlich zunutze zu machen, ist das so genannte “Rosinenpicken” (engl. Cherry Picking): Man pickt sich einfach die Textstellen oder Inhalte heraus, die die eigenen Wünsche und Vorstellungen zu bestätigen scheinen. Den Rest kehrt man unter den Teppich. Und hofft, dass niemand näher nachfragt. Das macht man so lange, bis man es selber glaubt.

Rosinenpicken funktioniert auch mit allen Glaubensinhalten. Denn wer kann schon sinnvolle, verbindliche Aussagen über etwas treffen, das man nur glauben, aber nicht wissen kann?

Ein Paradebeispiel für Rosinenpicken lieferte Kardinal Woelki in seiner Osterverkündigung 2017:*

Vorab ist zu bemerken, dass etwas nicht wahrer wird, weil (immernoch erschreckend) viele Menschen es für wahr halten. Denn lange Zeit glaubten auch viele Menschen, die Erde sei eine Scheibe. Und Mittelpunkt des Universums. Auch Milliarden von Menschen können sich grundlegend und kollektiv irren.

Desweiteren gibt Herr Woelki einmal mehr vor, Dinge zu wissen, die er nicht wissen kann. Er sagt:

“Ich weiß, es ist wahr. Jesus lebt – er ist für uns auferstanden von den Toten.”**

Also nicht etwa: “Ich wünsche mir ganz dolle, dass an der christlichen Auferstehungslegende was dran sein könnte”, oder: “Es wird überliefert, dass…” – nein:  Er weiß, dass es wahr ist. Sagt er jedenfalls.

Da stellt sich die Frage, was Herr Woelki generell unter “wahr” und “wissen” versteht. Denn schließlich äußert er sich ja auch zu Themen aus der natürlichen, irdischen Wirklichkeit. Wo es, anders als in religiösen Phantasiewelten, durchaus eine Rolle spielt, ob etwas tatsächlich wahr ist oder nicht.

Die Goldene Rosine für Kardinal Woelki

Was nun folgt, ist eine sehr einseitige Darstellung religiöser Wunschvorstellungen:

Die Liebe hat den Tod besiegt. Und wir haben eine Zukunft in Gott. Wir haben eine Hoffnung, dass der Tod auch für uns nicht das Ende ist. Unser Leben endet nicht im Nichts, sondern in Gott. Gott erwartet uns, um uns in seine Arme zu schließen. Das ist unsere Zukunft.

Goldene Rosins April 2017 - Kardinal WoelkiHerr Woelki scheint sich also auch hier sehr sicher zu sein, dass er und die Seinen natürlich nichts zu befürchten haben. Den Aspekt, dass sein Gott nicht nur himmlische Herrlichkeit, sondern genauso auch zeitlich unbegrenzte physische und psychische Bestrafung mit Höllenqualen im Portfolio hat, kehrt er einfach unter den Teppich.

Denn das mag ja auch so gar nicht zu einem liebevollen Gott passen. Und doch ist auch die Bestrafung genauso Bestandteil der christlichen Lehre. Einer Lehre, der zufolge ja alle Menschen sündig sind. Und so sündig werden sie sicher nicht dereinst direkt mit offenen Armen empfangen werden.

Würde man hier weiterfragen, kämen sicher allerlei phantasievolle Bewältigungsversuche, um diese Ungewissheit irgendwie schönzureden. Diese Diskrepanz zwischen dem, was sich Kardinal Woelki wünscht und dem, was tatsächlich in der Bibel steht.

Wenn aber nun Jesus angeblich für alle Menschen am Kreuz gestorben sein soll: Wer hätte dann aber überhaupt noch eine postmortale Bestrafung zu befürchten und wofür? Schnell kommt man hier an einen Punkt, an dem es mit Verunft und klarem Denken vorbei ist.

Für seine sehr einseitige Auslegung der göttlich-biblischen Gesamtaussage: “Liebe mich, oder ich bestrafe dich auf ewig” bekommt Herr Kardinal Woelki von uns die “Goldene Rosine am Band” im April 2017 verliehen.

*Quelle des Clips: Facebook.de / domradio.de
**Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem genannten Videoclip.

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