Alte Rezepte in neuen Worten: Bischof Gerbers Silvesterpredigt

Lesezeit: ~ 3 Min.

Gedanken zum Beitrag: Bischof Gerber zum Jahresschluss: Verantwortung über eigenen Kreis hinaus, veröffentlicht am 31.12.2025 von osthessen-news.de

Worum geht es?

Bischof Gerber predigt Gemeinwohl und Menschenrechte, während er verschweigt, dass diese säkulare Errungenschaften gegen kirchlichen Widerstand sind, und seine Institution weiterhin strukturell Diskriminierung praktiziert und ihre eigenen systemischen Verfehlungen nicht aufarbeitet.

Wenn die Kirche über Gemeinwohl spricht

Bischof Michael Gerber nutzte seine Silvesterpredigt 2025 im Fuldaer Dom, um über Polarisierung, Entsolidarisierung und globale Verantwortung zu sprechen. Auf den ersten Blick klingen seine Worte zeitgemäß und progressiv. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich ein altbekanntes Muster: Die katholische Kirche präsentiert sich als moralische Autorität für gesellschaftliche Fragen, während sie die eigentlichen Probleme verschleiert.

Die Anmaßung moralischer Überlegenheit

Gerber spricht von „Gemeinwohl“ und „Menschenrechten“ als christliche Werte. Dabei unterschlägt er konsequent, dass diese Konzepte historisch gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden mussten. Die Aufklärung, die Menschenrechte, die Demokratie – all das sind Errungenschaften säkularen Denkens, die oft genug von kirchlicher Seite bekämpft wurden. Noch heute steht die katholische Kirche für die Diskriminierung von queeren Personen, für die Verweigerung reproduktiver Rechte für Frauen und für eine patriarchale Machtstruktur, die Frauen von Führungspositionen ausschließt.

Doch das Problem geht noch tiefer: Wie Andreas Edmüller in „Die Legende von der christlichen Moral“ überzeugend darlegt, ist das Christentum moralisch orientierungslos. Die biblischen Texte enthalten keine kohärente Ethik, sondern ein Sammelsurium widersprüchlicher Gebote – von bedingungsloser Nächstenliebe bis zu Vernichtungsbefehlen, von Vergebung bis zu ewiger Verdammnis. Was jeweils als „christliche Moral“ gilt, wird nicht aus den heiligen Schriften abgeleitet, sondern von außen an sie herangetragen – je nach Zeitgeist und gesellschaftlichen Machtverhältnissen.

Die Kirche hat Sklaverei verteidigt und später verworfen, sie hat Frauenverbrennungen theologisch begründet und später bedauert, sie hat Demokratie bekämpft und später umarmt.

Diese Beliebigkeit zeigt: Es gibt keine genuin christliche Moral, sondern nur die nachträgliche religiöse Legitimierung dessen, was säkulare Moral längst als richtig erkannt hat. Wenn ausgerechnet eine solche Institution, die strukturell Ungleichheit zementiert und moralisch orientierungslos ist, sich als Hüterin des „moralischen Universalismus“ inszeniert, ist das nicht nur unglaubwürdig – es ist eine dreiste Umkehrung der Tatsachen.

Die verkannte Ironie des „Stress-Arguments“

Besonders bemerkenswert ist Gerbers Stress-Metapher. Er beschreibt, wie in Stresssituationen „die Herde zusammenschweißt“ und Abwehrreaktionen zeigt. Dann warnt er vor genau diesem Verhalten – ohne zu erkennen, dass er selbst eine solche Abwehrreaktion praktiziert. Sein Satz „Make catholic church great again“ wirkt wie eine ironische Distanzierung, doch genau das ist sein Programm: Die Kirche soll ihre Position als moralische Deutungsinstanz zurückgewinnen.

Der angekündigte „Klärungsprozess“ des Bistums ist nichts anderes als eine Strategie der Schadensbegrenzung in Zeiten von Kirchenaustritten, aufgedeckten Missbrauchsskandalen und schwindendem gesellschaftlichem Einfluss. Statt echte Reform – etwa demokratische Strukturen, Gleichberechtigung der Geschlechter, Aufarbeitung systemischer Gewalt – gibt es Rhetorik über „Konzentration“ und „Bündelung der Kräfte“.

Biblische Weisheit oder säkulare Erkenntnis?

Every single action...

Gerber begründet seine Forderung nach globalem Denken mit dem Propheten Jesaja. Doch braucht es wirklich bronzezeitliche Texte, um zu verstehen, dass wir in einer vernetzten Welt Verantwortung füreinander tragen? Die Erkenntnis globaler Interdependenz verdanken wir Wissenschaft, Ökonomie, Soziologie – nicht religiösen Offenbarungen. Humanistische Ethik kommt ohne göttliche Begründung aus und ist dabei inklusiver, weil sie keine Glaubensprämissen voraussetzt.

Die Berufung auf religiöse Autorität verschleiert, dass moralische Einsichten rational begründbar und universell zugänglich sind. Man braucht keinen Glauben an einen Gott, um Empathie zu entwickeln oder das Gemeinwohl zu fördern – im Gegenteil: Säkulare Ethik ermöglicht einen Dialog, der nicht auf dogmatischen Wahrheitsansprüchen beruht.

Persönliche Krankheit als theologisches Argument

Gerbers Verweis auf seine Krebserkrankung verdient Respekt auf menschlicher Ebene. Niemand sollte eine schwere Krankheit durchmachen müssen. Doch die Art, wie er diese Erfahrung theologisch nach seiner Weihnachtspredigt heute erneut instrumentalisiert – „nüchterne Analyse ermöglicht Heilung“ – ist problematisch.

Was ihm geholfen hat, war moderne Medizin: Chirurgie, Chemotherapie, Rehabilitation – alles Errungenschaften wissenschaftlicher Forschung, nicht göttlicher Fügung. Dass er seine Genesung (für die wir ihm weiterhin einen guten Verlauf wünschen) in eine religiöse Erzählung einbettet, während Millionen Menschen weltweit ohne Zugang zu medizinischer Versorgung leiden, zeigt die Begrenzung religiöser Weltdeutung.

Das Schweigen über die eigenen Versäumnisse

Am lautesten ist das, was Gerber nicht sagt. Kein Wort über die systematische Vertuschung von Missbrauch in der katholischen Kirche. Keine Selbstkritik bezüglich der jahrhundertelangen Unterdrückung von Frauen, der Verfolgung von Homosexuellen, der Behinderung sexueller Aufklärung mit katastrophalen Folgen für die öffentliche Gesundheit in Entwicklungsländern.

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Stattdessen präsentiert sich die Kirche als moralischer Kompass in stürmischen Zeiten. Diese Rolle ist nicht verdient. Sie ist eine Selbstermächtigung ohne Legitimation.

Was wirklich gebraucht wird

Gerber hat recht, dass wir globales Denken, Solidarität und Gemeinwohlsorge brauchen. Aber diese Werte sind nicht christlich – sie sind menschlich. Sie entstehen nicht aus Offenbarung, sondern aus Vernunft, Mitgefühl und der Einsicht in unsere gegenseitige Abhängigkeit.

Was unsere Zeit wirklich braucht, ist nicht mehr Religion, sondern mehr Rationalität. Nicht mehr kirchliche Deutungshoheit, sondern säkulare Ethik. Nicht Berufung auf antike Texte, sondern evidenzbasiertes Handeln. Nicht patriarchale Machtstrukturen, sondern gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen.

Die Herausforderungen unserer Zeit – Klimakrise, soziale Ungerechtigkeit, Demokratiegefährdung – lassen sich nicht mit Gebeten lösen. Sie erfordern wissenschaftliche Expertise, politischen Willen und menschliche Solidarität, die nicht an Glaubensgrenzen Halt macht.

Fazit

Bischof Gerbers Silvesterpredigt ist ein Beispiel dafür, wie Religion versucht, sich als Lösung für Probleme zu präsentieren, zu deren Entstehung und Verfestigung sie selbst beigetragen hat. Schöne Worte über Gemeinwohl und Menschenrechte ändern nichts daran, dass die katholische Kirche strukturell konservativ, hierarchisch und exklusiv bleibt.

Humanität braucht keine göttliche Legitimation. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen – nicht weil ein Gott es befiehlt, sondern weil sie erkennen, dass wir alle Teil einer gemeinsamen Menschheit sind.

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