„Siehe, ich mache alles neu“ – Wenn göttliche (genauer: priesterliche) Versprechungen persönliche Verantwortung ersetzen

Lesezeit: ~ 3 Min.

Gedanken zum Impuls: „“Siehe, ich mache alles neu“ – Gedanken in den ersten Tagen des neuen Jahres“, verkündigt von Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda, veröffentlicht am 14.1.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Stadtpfarrer Buß verkauft religiöse Passivität als Trost, indem er Menschen suggeriert, dass nicht sie selbst, sondern ein Gott für Veränderung, Heilung und Neuanfang zuständig sei – eine Haltung, die Eigenverantwortung untergräbt und reale Handlungsmacht durch illusionäre Hoffnung ersetzt.

Die Mechanik der frommen Entmündigung

Stefan Buß‘ Impuls folgt einem bekannten rhetorischen Muster religiöser Verkündigung: Zunächst werden universelle menschliche Erfahrungen angesprochen – Müdigkeit, Verletzung, Überforderung, das Bedürfnis nach Neuanfang. Soweit nachvollziehbar. Doch dann vollzieht der Text einen entscheidenden Sprung: Die Lösung für diese zutiefst menschlichen Herausforderungen wird konsequent externalisiert und einer göttlichen Instanz zugeschrieben.

„Nicht: ‚Mach du es besser‘, sondern: ‚Ich bin der, der neu macht.'“ Diese Gegenüberstellung ist das Herzstück einer problematischen Botschaft. Sie suggeriert eine falsche Alternative: Entweder überfordere ich mich selbst mit unrealistischen Vorsätzen, oder ich überlasse alles Gott. Dass es einen weiteren Weg gibt – realistische Selbstwirksamkeit, unterstützt durch soziale Netzwerke, professionelle Hilfe und eigene Anstrengung – wird systematisch ausgeblendet. Obwohl (bzw. gerade weil) dieser Weg die besten Erfolgschancen verspricht, ist er für Religionsverkäufer nutzlos, ja sogar kontraproduktiv Denn die leben ja davon, dass sich Menschen von den angepriesenen Göttern abhängig fühlen. Je abhängiger, desto opferbereiter.

Die Psychologie der religiösen Tröstung

Aus humanistischer Perspektive ist besonders problematisch, wie Buß‘ Text mit menschlicher Verletzlichkeit umgeht. Er identifiziert reale emotionale Bedürfnisse – den Wunsch nach Heilung, nach Befreiung von Schuld, nach einem Neuanfang – und bietet als Lösung eine metaphysische Konstruktion an, die empirisch nicht überprüfbar ist.

„Wo wir müde geworden sind, wo wir bitter geworden sind, wo wir verletzt worden sind“ – hier werden echte Probleme benannt, die echte Lösungen erfordern. Müdigkeit braucht Ruhe, gegebenenfalls medizinische Abklärung oder Veränderung der Lebensumstände. Verbitterung kann therapeutische Begleitung erfordern. Verletzungen heilen durch Zeit, Verarbeitung, möglicherweise durch professionelle Unterstützung oder Versöhnungsprozesse.

Die Antwort „Gott macht neu“ ist keine Lösung – sie ist eine Vertagung. Sie verschiebt die Verantwortung für Veränderung auf eine Instanz, die nicht antwortet, nicht handelt, nicht überprüfbar eingreift.

Die problematische Passivitätstheologie

Besonders deutlich wird die Passivitätshaltung in Formulierungen wie „nicht als Starke, sondern als Getragene“ und „Gott ist der, der sagt: ‚Du musst nicht alles behalten, um ganz zu sein.'“

Diese Rhetorik mag kurzfristig entlastend wirken, langfristig kultiviert sie jedoch eine Haltung der Unselbstständigkeit. Menschen werden ermutigt, sich als fundamental hilfsbedürftig zu verstehen, nicht als Handelnde mit eigener Gestaltungskraft. Die Botschaft lautet: Du bist schwach, überlastet, unvollständig – aber keine Sorge, Gott kümmert sich.

Aus säkularer Sicht ist dies eine Form subtiler Entmündigung. Selbstverständlich sind Menschen manchmal überfordert, manchmal brauchen wir Unterstützung. Aber die systematische Suggestion, dass echte Veränderung nur von außen, nur von oben, nur durch göttliches Eingreifen kommen kann, beraubt Menschen ihrer Würde als autonome Akteure ihres eigenen Lebens.

Die Illusion der göttlichen Handlungsgarantie

„Was auch kommt – Gott geht mit. Was auch bleibt – Gott bleibt treu. Was auch zerbricht – Gott kann neu machen.“ Diese Schlussformulierung ist rhetorisch geschickt, inhaltlich aber leer. Sie verspricht alles und nichts zugleich.

Was bedeutet es konkret, dass „Gott mitgeht“? Wie manifestiert sich diese Treue? Was genau macht Gott neu, und auf welche Weise? Der Text bleibt bewusst vage, denn jede Konkretisierung würde die Leere der Versprechung offenlegen.

Menschen, die sich auf diese Zusagen verlassen, werden im besten Fall eine selbsterfüllende Prophezeiung erleben (sie deuten positive Zufälle oder sonstige positive Ereignisse als göttliches Wirken) oder im schlimmsten Fall tiefe Enttäuschung, wenn die versprochene Erneuerung ausbleibt und sie dann auch noch mit Schuldgefühlen kämpfen müssen („Habe ich zu wenig geglaubt?“).

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Alternative: Humanistische Neujahrsperspektive

Ein humanistischer Impuls zum Jahresbeginn würde anders klingen: Er würde anerkennen, dass wir selbst die Gestalter unseres Lebens sind – mit allen Begrenzungen, die Umstände, Gesundheit und soziale Realitäten uns setzen. Er würde ermutigen, realistische Ziele zu setzen, Unterstützung bei anderen Menschen zu suchen, professionelle Hilfe anzunehmen, wo nötig. Er würde Selbstmitgefühl fördern, ohne Verantwortung abzugeben.

Ein solcher Impuls würde sagen: Das neue Jahr ist tatsächlich offen – nicht weil ein Gott es neu macht, sondern weil wir jeden Tag Entscheidungen treffen können. Manche werden gelingen, andere nicht. Wir werden scheitern, neu anfangen, lernen. Wir sind nicht allein – wir haben einander, wir haben unser Wissen, unsere Fähigkeit zur Empathie, zur Kooperation, zur Veränderung. Und das ist genug. Das ist sogar großartig.

Fazit

Stefan Buß‘ Impuls ist ein Paradebeispiel dafür, wie Religion reale menschliche Bedürfnisse identifiziert und dann illusionäre Scheinlösungen anbietet. Statt Menschen in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken, werden sie in eine Position der Abhängigkeit von einer göttlichen Instanz versetzt, die nicht nachweisbar handelt, dafür aber nachweisbar von Menschen zu bestimmten, sehr weltlichen Zwecken zurechtphantasiert worden war.

Wahre Würde liegt nicht darin, sich als „Getragene“ und „Werdende“ unter eingebildeter göttlicher Fürsorge zu verstehen, sondern darin, die eigene Handlungsfähigkeit anzuerkennen – mit allen Grenzen und Möglichkeiten. Das neue Jahr macht nicht Gott neu. Wir machen es – durch unsere Entscheidungen, unser Handeln, unsere Beziehungen zu anderen Menschen.

Das ist anspruchsvoller als die von Pfarrer Buß verbreitete infantil-naive religiöse Hoffnung. Aber es ist ehrlicher. Und es ist das einzige, was tatsächlich über einen Placebo- bzw. Nocebo-Effekt hinaus wirken kann.

KI

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2 Gedanken zu „„Siehe, ich mache alles neu“ – Wenn göttliche (genauer: priesterliche) Versprechungen persönliche Verantwortung ersetzen“

  1. Da sollten doch mal alle Priester mit gutem Beispiel vorangehen.
    Einfach mal nichts tun, nichts sagen, so lange bis ihr „allmächtiger“ Gott selbst anfängt zu reden und uns allen persönlich erzählt, was er eigentlich will!

    „It’s the sound of silence“
    Stille kann so schön sein…

    Antworten
  2. Alles neu macht der Mai ! Der Liebe Gott eher nicht.
    „Die Botschaft lautet: Du bist schwach, überlastet, unvollständig – aber keine Sorge, Gott kümmert sich.“
    So eiern die Prediger ständig hin und her zwischen einem totalen Fatalismus, bei dem Gott sowieso „alles wirkt“ und „DEM MENSCHEN“, der dann doch wieder alles selbst machen muss. „Gott habe keine Arme, der Mensch sei Gottes Arm“ schwurbelte neulich sinngemäß ein Kirchenfürst laut vaticannews.va und behauptete damit genau das Gegenteil der obigen Aussage von Herrn Buß.
    „Gott KÜMMERT SICH“ das erinnert fatal an die Floskel, mit der so manche Beschwerde-Stellen, Forderungen abwimmeln, Missstände abzustellen.

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