Gedanken zum Bericht auf osthessennews.de: Karfreitag im Dom: Bischof Gerber – „Die Passion als Wendepunkt“, veröffentlicht am 3. April 2026.
Darum geht es
Bischof Gerbers Karfreitagspredigt verarbeitet reale gesellschaftliche Krisenwahrnehmung theologisch geschickt – aber die versprochene Hoffnung bleibt inhaltsleer, das persönliche Krankheitszeugnis funktioniert als rhetorischer Trick, und die Frage, ob Gott tatsächlich „handelt“, wird durch emotionale Erzählung ersetzt.Drei Tage, drei Predigten – ein Muster
Am Gründonnerstag lud Bischof Dr. Michael Gerber dazu ein, sich an den verletzlichen Stellen „berühren zu lassen“ – eine Sprache, die wir in unserem Beitrag zur Gründonnerstagsliturgie bereits als theologisch folgerichtig, aber institutionell erschütternd unreflektiert eingeordnet haben. Am Karfreitag nun die nächste Station. Und wieder folgt die Predigt einem vertrauten Dreierschritt: Krisendiagnose, theologische Umdeutung, Gemeinschaftsauftrag. Handwerklich kompetent. Argumentativ fragwürdig.
Die Eröffnung: Echter Befund, theologische Entführung
Gerber beginnt mit einer Diagnose, die niemand ernsthaft bestreiten wird. Die Welt kriselt. Frieden in Europa, Stabilität von Bündnissen, gesellschaftlicher Zusammenhalt – Gewissheiten, die wegbrechen. Er zitiert den Soziologen Andreas Reckwitz und dessen Begriff der „Verlusteskalation“. Das ist legitim und zeigt pastorales Gespür für die Stimmungslage seiner Zuhörerschaft.
Doch dann kommt die Weiche. Die soziologische Diagnose wird nicht analysiert, nicht politisch durchdacht, nicht mit handlungsorientierten Konsequenzen verbunden. Sie dient als Rampe. Ihr Ziel: das Publikum emotional abholen, um es theologisch irgendwo anders abzuliefern. Die Verlusterfahrungen der Gegenwart werden umstandslos mit der Passion Jesu verknüpft – einem zweitausend Jahre alten Narrativ, dessen historische Faktizität ebenso ungeklärt ist wie seine Relevanz für geopolitische Verwerfungen des 21. Jahrhunderts.
Das ist ein klassischer rhetorischer Zug: Man beginnt mit dem Unbestreitbaren und schmuggelt das Strittige in der Mitte durch, damit es am Ende wie eine logische Folgerung aussieht. Der Schritt von „die Welt verliert Gewissheiten“ zu „deshalb legt Gott am Kreuz einen neuen Grund“ ist kein Argument. Es ist eine Behauptung in Argumentationskleidung.
„Gott handelt“ – und das soll wie gelten?
Die Kernaussage der Predigt lautet: „Genau dort, wo scheinbar allen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, legt Gott einen neuen Grund.“ Das klingt tröstlich. Aber was bedeutet es?
Handelt Gott historisch? Dann müsste man erklären, warum er bei Golgotha handelte, aber bei Auschwitz nicht. Handelt er individuell? Dann stellt sich die Frage, warum manche Verluste einen „neuen Grund“ finden und andere schlicht in der Katastrophe enden. Handelt er strukturell, als eine Art kosmisches Prinzip des Wendepunkts? Dann wäre er nicht von dem zu unterscheiden, was Atheisten „Resilienz“ nennen – und bräuchte keinen Namen.
Diese Fragen stellt Gerber nicht. Er kann sie innerhalb seines Systems auch nicht stellen, denn das System ist so gebaut, dass Widersprüche durch Deutungsleistung aufgelöst werden, nicht durch Überprüfung. „Gott handelt“ ist eine Interpretation, keine Beobachtung. Und Interpretationen, die nicht falsifizierbar sind, taugen nicht als Trost – sie taugen als bestenfalls beruhigende Einbildung.
Das persönliche Zeugnis: Rhetorisch wirksam, epistemisch wertlos
Der wohl wirkungsvollste Moment der Predigt ist zugleich ihr argumentativ schwächster. Gerber verweist auf seine eigene Erkrankung im vergangenen Jahr und erklärt, er habe dabei „neu erfahren, welche Kraft im Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen liege“.
Das ist – menschlich gesprochen – berührend. Niemand zweifelt daran, dass Gerber das so erlebt hat. Aber als Argument für die Wahrheit oder Wirksamkeit des christlichen Glaubens taugt es nicht. Warum nicht? Weil persönliche Erfahrungen zwar subjektiv real sind, aber nichts darüber aussagen, warum etwas wirkt – und was genau wirkt.
Menschen mit Krebserkrankungen berichten von stärkender Wirkung durch viele verschiedene Überzeugungssysteme: durch christlichen Glauben, durch buddhistischen Gleichmut, durch humanistische Lebensphilosophie, durch Gemeinschaft mit Nichtgläubigen, durch Meditation ohne religiösen Hintergrund, durch das Vertrauen in die Medizin. Was diese Fälle gemeinsam haben, ist nicht der Inhalt des Geglaubten, sondern die Struktur des Glaubens selbst: Kohärenzgefühl, soziale Einbindung, das Erleben von Bedeutung und Kontrolle.
In der Psychologie und Medizin ist das gut untersucht. Placebo-Effekte, soziale Unterstützung, Sinnkonstruktion – sie alle können messbare physiologische und psychologische Wirkungen haben. Der entscheidende Punkt: Diese Effekte sind unabhängig vom Wahrheitsgehalt des jeweiligen Weltbildes. Ein überzeugter Homöopathiegläubiger kann vom Placebo-Effekt genauso profitieren wie eine überzeugte Gottesanbeterin – und das beweist weder die Wirksamkeit der Homöopathie noch die Existenz eines Gottes.
Wenn Gerbers Glaube ihm bei der Krankheitsbewältigung geholfen hat, dann ist das erfreulich. Aber wenn Glaube als psychologische Stütze wirkt, dann müsste man – bei ehrlicher Betrachtung – auch fragen: Wirkt er immer so? Und wenn nicht – was sagt das über die Verlässlichkeit des Gottes, auf den er zeigt? Denn Glaube wirkt auch oft genug nicht. Menschen leiden und sterben an Krankheiten, betend und hoffend bis zuletzt. Kinder erkranken. Gläubige zerbrechen.
Der Selektionsfehler liegt auf der Hand: Wer überlebt und Kraft erfahren hat, berichtet davon. Wer nicht überlebt hat oder wessen Glaube ihn nicht gestützt hat, hört man in der Predigt nicht.
Das nennt sich Survivorship Bias – und er ist einer der ältesten Denkfehler bzw. Überzeugungstricks der Menschheitsgeschichte.
Hoffnung – aber worauf eigentlich genau?
Das Wort „Hoffnung“ ist in der Predigt implizit allgegenwärtig, aber ihre inhaltliche Füllung bleibt Gerber schuldig. Worauf hofft der Christ nach Gerber? „Am Kreuz beginne, was das Christentum bis heute präge.“ Gut. Aber was beginnt da? Gemeinschaft, sagt Gerber, und zitiert Maria und Johannes. Schön. Aber Gemeinschaft entsteht auch ohne Kreuz, auch ohne Religion, auch ohne Bischof. Als Hoffnungsbegründung taugt das nicht.
Hoffnung auf was? Auf Auferstehung? Gerber sagt es nicht ausdrücklich – jedenfalls nicht in dem berichteten Text. Auf die Überwindung des Todes? Auf die Sinnhaftigkeit des Leidens? Auf ein Leben nach dem Tod? Das wären konkrete theologische Aussagen mit konkreten Implikationen – und konkreten Problemen. Indem Gerber sie nicht ausspricht, bleibt Hoffnung ein leuchtendes Schild ohne Adresse.
Das ist theologisch nicht unklug. Je abstrakter Hoffnung bleibt, desto schwerer ist sie zu widerlegen. „Gott eröffnet einen neuen Anfang“ lässt sich nicht falsifizieren. „Die Seelen der Verstorbenen leben bei Gott weiter“ schon eher – und deshalb sagt man es lieber nicht zu deutlich. Nicht dass die Schäfchen noch ins Grübeln kommen…
„Nicht fromme Idee, sondern Realität“ – eine starke Behauptung
Gerber legt besonderen Wert auf diesen Satz: Die Kraft des Glaubens sei „nicht einfach nur eine fromme Idee, sondern Realität“. Das ist einer jener Sätze, die klingen, als würden sie etwas sagen – und es dennoch nicht tun.
Was macht etwas zur Realität? In einem wissenschaftlichen Sinne: intersubjektive Überprüfbarkeit, Reproduzierbarkeit, methodische Absicherung. In einem theologischen Sinne: der Verweis auf Erfahrung, Tradition und die Deutungsgemeinschaft der Kirche. Das sind grundverschiedene Realitätsbegriffe. Gerber tut so, als spräche er von der ersten Sorte – er meint aber die zweite. Das ist nicht Lüge, aber es ist eine Kategorienverwechslung, die rhetorisch sehr effektiv ist.

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Zum ProduktWenn Gerber sagt, seine Glaubenserfahrung sei „Realität“, dann sagt er im Kern: „Ich erlebe es als wirklich.“ Das ist wahr und respektabel. Es ist aber kein Beleg dafür, dass das, was er erlebt, auf etwas außerhalb seiner Erfahrung zeigt.
„Kultur der Menschlichkeit“ – der säkulare Gehalt im frommen Gewand
Am Ende der Predigt kommt Gerber zu einem Auftrag: Eine „Kultur der Menschlichkeit“ zu gestalten, den Blick für andere zu öffnen, Gemeinschaft zu bilden. Das sind – man muss es so direkt sagen – Forderungen, die keine Theologie brauchen. Mitgefühl, Solidarität, das Ertragen von Verlust ohne Selbstverlust: das sind humanistische Grundwerte, die von säkularen Ethiken wesentlich überzeugender begründet werden können als von der Kreuzestheologie.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Inhalt des Auftrags, sondern in seiner Begründung. Wer Menschlichkeit aus der Gottesbeziehung ableitet, macht sie abhängig von einem Glaubenssystem, das nicht alle teilen – und das überdies eine Institution trägt, die diese Menschlichkeit vielfach verraten hat. Wer Menschlichkeit aus der geteilten menschlichen Würde ableitet, braucht diese Abhängigkeit nicht. Er ist inklusiver, ehrlicher und robuster gegenüber institutionellem Versagen.
Was bleibt
Gerbers Karfreitagspredigt ist das mittlere Stück eines Ostertriduum-Triptychons: nach der Verletzlichkeitsmetaphorik des Gründonnerstags, vor dem Auferstehungsversprechen des Ostersonntags. Für sich genommen ist sie das, was gute Theologie immer ist: ein geschlossenes, in sich kohärentes Deutungssystem, das echte menschliche Erfahrungen ernst nimmt – und in einen Rahmen einfügt, der sie transzendent auflädt.
Das Problem ist nicht, dass die Predigt schlecht gemacht ist. Das Problem ist, was sie verschweigt: dass ihre Kernaussagen nicht überprüfbar sind, dass ihr persönliches Zeugnis epistemisch nichts beweist, dass ihre Hoffnung inhaltsleer bleibt, und dass die Menschlichkeit, zu der sie aufruft, keiner göttlichen Herleitung bedarf.
Wer am Karfreitag in den Dom geht, bekommt emotionale Resonanz, existenzielle Rahmung und das wohlige Gefühl, zu den „Guten“ zu gehören mit dem Leid der Welt in Verbindung zu stehen. Was er nicht bekommt, sind Antworten. Nur schöner formulierte Fragen – und die Versicherung, dass jemand da ist, der sie beantwortet hat. Schon vor zweitausend Jahren. Für alle. Ein für allemal.
Das muss man glauben.
Und genau das ist der Punkt.
Zum Kontext: Unser Beitrag zur Gründonnerstagsliturgie von Bischof Gerber, „Jesus will mit meinen Wunden in Berührung kommen“, ist ebenfalls auf AWQ erschienen.
















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