Gnade statt Selbstverantwortung: Altjahresabend im Bonhoefferhaus

Lesezeit: ~ 5 Min.

Gedanken zum Beitrag: Altjahresabend im Bonhoefferhaus: „Das Herz fest werden lassen“, veröffentlicht am 1.1.2026 von osthessen-news.de

Darum geht es

Der Gottesdienst vermittelt unter emotionaler Überhöhung eine fatale Botschaft der Entmündigung, indem er Menschen lehrt, dass ihre Stärke nicht aus Selbstbehauptung und eigener Handlungsfähigkeit kommt, sondern aus der Abhängigkeit von göttlicher Gnade – und verschleiert damit, dass echte Resilienz aus säkularen Quellen wie Selbstwirksamkeit, sozialer Unterstützung und rationaler Problemlösung erwächst.

Wenn Emotionen theologische Leere verdecken

Der Altjahresabend-Gottesdienst im Bonhoefferhaus der evangelischen Gemeinde in Fulda wurde als „bewegend“ und „berührend“ beschrieben. Menschen verdrückten Tränen, die Musik war ausdrucksstark, die Stimmung feierlich. Doch bei allem emotionalen Gehalt bleibt die zentrale Frage: Was wurde hier eigentlich vermittelt? Und ist die theologische Botschaft wirklich hilfreich – oder im Gegenteil sogar problematisch?

leaving religion can be like...
Wie es sich anfühlen kann, sich von Religion zu befreien… Quelle: Netzfund

Die fatale Botschaft: „Nicht aus Selbstbehauptung“

Pfarrer Marvin Lange predigte über einen Vers aus dem Hebräerbrief: „Dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“ Seine Deutung: „Festigkeit wächst nicht aus Selbstbehauptung oder Härte, sondern aus Gnade – aus dem Vertrauen, dass Menschen getragen sind.“

Das klingt zunächst sanft und tröstlich. Doch bei genauerer Betrachtung ist es eine zutiefst problematische, ja gefährliche Botschaft. Was bedeutet es konkret, wenn Menschen lernen sollen, dass ihre innere Festigkeit nicht aus Selbstbehauptung kommt?

Es bedeutet: Vertraue nicht auf deine eigenen Fähigkeiten. Baue nicht auf deine Kraft. Deine Selbstwirksamkeit ist nichtig. Stattdessen: Gib dich einer höheren Macht hin, die dich „trägt“. Das ist eine Pädagogik der Entmündigung, die Menschen systematisch in Abhängigkeit hält – nicht von realen sozialen Strukturen, die man kritisieren und verändern könnte, sondern von einer imaginierten göttlichen Instanz.

Psychologie der gelernten Hilflosigkeit

Die moderne Psychologie kennt das Phänomen der „gelernten Hilflosigkeit“ (Martin Seligman): Menschen, die wiederholt die Erfahrung machen, dass ihr Handeln keine Wirkung zeigt, entwickeln eine passive Grundhaltung und depressive Symptome. Sie glauben nicht mehr daran, ihr Leben gestalten zu können.

Genau diese Haltung wird hier theologisch zementiert: Nicht deine Selbstbehauptung macht dich stark, sondern Gottes Gnade. Nicht dein Handeln ist entscheidend, sondern dein Vertrauen. Das Gegenteil wäre förderlich: Menschen zu ermutigen, ihre Selbstwirksamkeit zu stärken, Probleme aktiv anzugehen, soziale Unterstützung zu suchen – und daraus Resilienz zu entwickeln.

Die theologische Botschaft untergräbt systematisch das, was Menschen wirklich stark macht: Das Bewusstsein eigener Handlungsfähigkeit, die Erfahrung, durch eigenes Zutun etwas bewirken zu können, und die Solidarität mit anderen Menschen, die gemeinsam Herausforderungen bewältigen.

„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“

Dieser Vers aus dem Hebräerbrief wird als „Handlauf“ für die Schwelle zwischen den Jahren präsentiert. Die Botschaft: In einer sich verändernden Welt gibt es eine unveränderliche Konstante – Jesus Christus.

Doch ist Unveränderlichkeit wirklich erstrebenswert? Ist sie überhaupt hilfreich? Die Welt verändert sich, Gesellschaften entwickeln sich, wissenschaftliche Erkenntnisse erweitern unser Verständnis, moralische Standards werden verfeinert. Sich auf eine zweitausend Jahre alte mythologische Gottessohn-Figur als unveränderlichen Bezugspunkt zu berufen, bedeutet, sich der notwendigen Weiterentwicklung zu verweigern.

Zudem: Was genau ist denn dieser „unveränderliche“ Jesus? Die historische Jesus-Forschung zeigt, dass wir über den historischen Jesus kaum verlässliches wissen. Die Jesus-Figur der Evangelien ist bereits theologisch überformt, und ihre Deutung hat sich über die Jahrhunderte massiv gewandelt – vom apokalyptischen Prediger zum sanften Sozialreformer, vom strengen Richter zum barmherzigen Erlöser. Die angebliche Unveränderlichkeit ist eine theologische Projektion, keine historische Realität.

Emotionale Manipulation statt rationaler Reflexion

Der Bericht betont mehrfach die emotionale Wirkung: Menschen waren „berührt“, „verdrückten Tränen“, der Gottesdienst wurde als „hochemotional“ beschrieben. Die Musik „ließ den Raum weit werden“, das gemeinsame Lied war ein „hochemotionaler Schlusspunkt“.

Das ist kein Zufall. Religiöse Rituale zielen systematisch darauf ab, emotionale Zustände zu erzeugen, die dann als spirituelle Erfahrungen gedeutet werden. Musik, Gemeinschaft, feierliche Atmosphäre, symbolische Handlungen – all das sind bewährte Techniken, um Menschen in einen Zustand erhöhter emotionaler Empfänglichkeit zu versetzen, die nicht selten eine Verminderung oder Umgehung des vernünftigen Denkens bewirkt.

Doch Emotionen sind kein Wahrheitskriterium. Dass etwas sich gut anfühlt, bedeutet nicht, dass es wahr oder hilfreich ist. Sekten nutzen dieselben Techniken. Politische Propaganda arbeitet mit denselben Mitteln.

Die kritische Frage muss lauten: Was wird hier eigentlich vermittelt, wenn man die emotionale Verpackung entfernt?

„Getragen sein“ – von wem eigentlich?

Die zentrale Zusage lautet: Menschen sind „getragen“, auch wenn die Zukunft offen bleibt. Von wem getragen? Von Gott, so die implizite Antwort.

Doch was bedeutet das praktisch? Wenn jemand arbeitslos wird, seinen Partner verliert, schwer erkrankt – wovon ist er dann „getragen“? Nicht von Gott, sondern von realen sozialen Sicherungssystemen: Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung. Von realen Menschen: Familie, Freunde, Nachbarn, professionelle Helfer. Von gesellschaftlichen Strukturen: Gesundheitssystem, Rechtsstaat, demokratische Institutionen.

All das sind säkulare Errungenschaften, die erkämpft werden mussten – oft gegen den Widerstand der Kirchen. Die theologische Rede vom „Getragenwerden durch Gnade“ verschleiert diese realen Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten. Sie suggeriert eine göttliche Fürsorge, wo in Wahrheit menschliche Solidarität und politische Strukturen wirken.

Schlimmer noch: Wenn das „Getragenwerden“ religiös gedeutet wird, entfällt die Notwendigkeit, diese säkularen Sicherungssysteme zu verteidigen und auszubauen. Warum für bessere Sozialpolitik kämpfen, wenn Gott uns ohnehin trägt?

Die Illusion des „Handlaufs“

Pfarrer Lange nennt den Bibelvers einen „Handlauf“ für die Schwelle zwischen den Jahren. Doch ist ein antiker religiöser Text wirklich eine sinnvolle Orientierungshilfe für das 21. Jahrhundert?

Ein echter Handlauf wäre: Rationale Lebensplanung, realistische Zielsetzung, evidenzbasierte Strategien zur Problembewältigung, soziale Unterstützungsnetzwerke, professionelle Hilfe bei Bedarf. All das gibt Menschen tatsächlich Halt – nicht weil es tröstlich klingt, sondern weil es funktioniert.

Der biblische „Handlauf“ ist eine Metapher ohne praktischen Gehalt. Er vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, ohne reale Sicherheit zu schaffen. Er mag als psychologisches Placebo wirksam sein, ist aber existenziell wirkungslos.

Anzeige

AWQ - Answers without questions - Männer T-Shirt Militärgrün

Zum Produkt

Fliegendes Spaghettimonster - Männer T-Shirt Ziegelrot

Zum Produkt

Du betest für mich - ich denke für dich - Männer T-Shirt Anthrazit

Zum Produkt

„Nehmt Abschied, Brüder“ – Abschied wovon?

Das gemeinsame Lied „Nehmt Abschied, Brüder“ wird als passender Klang für den Übergang beschrieben: „Abschied nehmen, ohne in Wehmut stecken zu bleiben.“

Doch woraus besteht dieser Abschied? Ist es ein bewusster Abschied von schädlichen Mustern, von destruktiven Beziehungen, von unrealistischen Erwartungen? Ist es eine rationale Reflexion darüber, was im vergangenen Jahr gut lief und was nicht?

Nein – es ist ein ritualisierter, emotional aufgeladener, aber inhaltlich leerer Akt. Ein Abschied als Selbstzweck, der keine konkreten Konsequenzen hat. Die säkulare Alternative wäre ehrlicher: Eine nüchterne Jahresbilanz, das Benennen von Erfolgen und Fehlern, das Setzen konkreter Ziele für das neue Jahr – ohne religiöse Überhöhung, aber mit praktischem Nutzen.

Gemeinschaft ohne Gott

Der Bericht betont zu Recht die Bedeutung von Gemeinschaft: „herzliche Neujahrswünsche und persönliche Begegnungen, die die Gemeinschaft über den Gottesdienst hinaus erlebbar machten.“

Das ist wertvoll – aber es braucht dafür keinen Gottesdienst, keine Theologie, keinen Glauben. Menschen können, unabhängig von ihren religiösen oder sonstigen Weltanschauungen, Gemeinschaft in säkularen Kontexten ebenso erleben: In Vereinen, in Kulturzentren, in Nachbarschaftstreffs, bei humanistischen Feiern. Der entscheidende Unterschied: Säkulare Gemeinschaften müssen keine kognitiven Verrenkungen vollziehen, um antike Texte in moderne Kontexte zu pressen. Sie können direkt zur Sache kommen: Menschliche Verbundenheit, gegenseitige Unterstützung, gemeinsame Werte.

Die religiöse Gemeinschaft hat einen Preis: Man muss eine ganze absurde Weltanschauung übernehmen, man muss sich mit autoritären Strukturen arrangieren, man muss Glaubensbekenntnisse akzeptieren, die mit der Realität nichts zu tun haben. Säkulare Gemeinschaften sind inklusiver, ehrlicher und letztlich menschlicher.

Was wirklich stark macht

Die Predigt behauptet, dass „Festigkeit durch Gnade“ wächst. Die Realität ist anders. Psychologische Forschung zeigt, was Menschen wirklich resilient macht:

  • Selbstwirksamkeitserfahrung: Das Erleben, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können
  • Soziale Unterstützung: Verlässliche Beziehungen zu anderen Menschen
  • Problemlösekompetenz: Die Fähigkeit, Herausforderungen analytisch anzugehen
  • Emotionsregulation: Der konstruktive Umgang mit schwierigen Gefühlen
  • Optimismus: Die realistische Erwartung, dass Probleme lösbar sind
  • Sinnerleben: Das Gefühl, dass das eigene Leben und Handeln bedeutsam ist

All das lässt sich säkular entwickeln und fördern – durch Bildung, Therapie, soziale Unterstützung, gesellschaftliche Strukturen. Die religiöse Rede von „Gnade“ und „Getragenwerden“ ist nicht nur überflüssig, sie ist kontraproduktiv, weil sie die eigentliche Quelle von Stärke verschleiert: menschliche Fähigkeiten und menschliche Solidarität.

Fazit

Der Altjahresabend-Gottesdienst im Bonhoefferhaus mag emotional berührend gewesen sein. Doch emotionale Wirkung ist kein Maßstab für inhaltliche Qualität. Die zentrale theologische Botschaft – dass Festigkeit nicht aus Selbstbehauptung, sondern aus Gnade kommt – ist eine Pädagogik der Entmündigung, die Menschen in Abhängigkeit hält und ihre Selbstwirksamkeit untergräbt.

Was Menschen wirklich brauchen, ist nicht Gnade, sondern Ermächtigung. Nicht Vertrauen auf eine höhere Macht, sondern Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Nicht religiöse Tröstung, sondern rationale Problemlösung. Nicht antike Texte als „Handlauf“, sondern zeitgemäße Orientierung an Vernunft, Wissenschaft und Humanität.

Die Gemeinschaft, die Musik, die feierliche Atmosphäre – all das sind wertvolle Elemente menschlichen Zusammenlebens. Aber sie brauchen keine theologische Rechtfertigung. Sie sind menschlich, nicht göttlich. Und gerade deshalb sind sie wertvoll.

KI

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn dir der Artikel gefallen hat, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen (auch wenns manchmal schwer fällt...).
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Gedanke zu „Gnade statt Selbstverantwortung: Altjahresabend im Bonhoefferhaus“

  1. Wenn dieser Gott tatsächlich für alles sorgt, alle trägt, allgegenwärtig ist,
    warum machen sich Menschen dann die Mühe, zu missionieren, sein angebliches Wort zu verbreiten?!
    Warum gibts dann überhaupt Kirchen und Priester?!
    Ach, er kann sich selbst nicht bemerkbar machen, nicht direkt mit den Menschen reden, als würde er gar nicht existieren, so ein Pech aber auch!

    Irgendwie selbstentlarvend…

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wir haben, wenn nicht anders angegeben, keinen materiellen Nutzen von verlinkten oder eingebetteten Inhalten oder von Buchtipps.

Neuester Kommentar