Gedanken zum Beitrag: Neujahr im Dom: Prälat Steinert betont Zusammenhalt und Verantwortung, veröffentlicht am 1.1.2026 von osthessen-news.de
Worum geht es?
Prälat Steinert verpackt säkulare Sozialarbeit und rationale Gesellschaftsanalyse in religiöse Metaphern, ersetzt konkrete politische Handlungsoptionen durch „Gottvertrauen“ und verschleiert damit die eigentliche Verantwortung für den demografischen Wandel, während die Caritas mit Steuergeld finanziert legal diskriminieren darf.Wenn theologische Verpackung säkulare Inhalte verschleiert
Prälat Christof Steinert nutzte den Neujahrsgottesdienst 2026 im Fuldaer Dom, um für Generationensolidarität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Verantwortungsteilung zu werben. Das Caritas-Jahresmotto „Zusammen geht was“ klingt sympathisch, die Anliegen sind berechtigt. Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich ein altbekanntes Problem: Säkulare Sozialarbeit wird religiös verbrämt, rationale Gesellschaftsanalyse wird durch theologische Deutungsmuster ersetzt, und konkrete politische Verantwortung verschwindet hinter frommen Phrasen.
Das Unplanbare als theologisches Konzept
Steinert beschreibt den Jahreswechsel als „Schwelle“ und betont, dass vieles „nicht in der Hand“ sei. Corona, Flutkatastrophe, Ukrainekrieg – all das führe zu Angst vor dem Unkontrollierbaren. Seine Antwort: Gottvertrauen. „Das Ungewisse in Gottes Hand legen“, so seine Empfehlung.
Doch was bedeutet das praktisch? Nichts. Es ist eine rhetorische Geste, die reale Handlungsoptionen verschleiert. Die Pandemie wurde nicht durch Gebete eingedämmt, sondern durch Wissenschaft, Medizin und Gesundheitspolitik. Klimakatastrophen erfordern keine spirituelle Gelassenheit, sondern entschlossenes politisches Handeln. Der russische Angriffskrieg wird nicht durch „Gottvertrauen“ beendet, sondern durch diplomatische, wirtschaftliche und militärische Maßnahmen. Im Gegenteil: Dieser Krieg wird im Vertrauen auf den selben Gott geführt, mit dessen Vermarktung Steinert sein Geld verdient.
Die theologische Deutung des Unplanbaren ist bestenfalls eine Beruhigungspille, schlimmstenfalls eine Form der Verantwortungsdiffusion: Wenn letztlich alles in Gottes Hand liegt, warum dann noch politisch kämpfen? Warum strukturelle Probleme angehen, wenn man sie auch „im betenden Augenblick“ delegieren kann?
Maria als Vorbild für Fatalismus?
Besonders problematisch ist Steinerts Bezug auf Maria, die sich dem „Unplanbaren“ gestellt und „Gott gewähren lassen“ habe. Hier wird eine mythologische Figur zum Modell für den Umgang mit Unsicherheit stilisiert – eine Figur, die nach kirchlicher Lehre von Gott ohne ihr Zutun schwanger wurde und sich diesem göttlichen Übergriff fügte.
Ist das wirklich ein Vorbild für mündige Bürgerinnen und Bürger im 21. Jahrhundert? Sollen Menschen sich „gewähren lassen“, statt selbstbestimmt zu handeln? Die biblische Maria ist das Gegenteil von Selbstermächtigung – sie ist das Symbol passiver Hinnahme göttlicher Fügung. Genau diese Haltung aber ist Gift für eine Gesellschaft, die demokratisches Engagement, kritisches Denken und aktive Gestaltung braucht.
Demografischer Wandel als spirituelle Aufgabe?
Steinert benennt den demografischen Wandel korrekt: 2024 feierten doppelt so viele Menschen ihren 60. Geburtstag, wie Kinder geboren wurden. Seine Schlussfolgerung: „Nur zusammen geht Zukunft“, die Generationen müssen sich verbinden.
Das ist richtig – aber es ist keine genuin christliche Einsicht. Es ist schlichte soziologische und ökonomische Realität. Der demografische Wandel erfordert konkrete politische Maßnahmen: Reform der Rentensysteme, Stärkung der Pflege, Investitionen in Bildung, Schaffung familienfreundlicher Arbeitsbedingungen, möglicherweise auch gezielte Migrationspolitik.
Was trägt nun das „Gottvertrauen“ zur Lösung dieser Probleme bei? Nichts. Die religiöse Rahmung lenkt ab von den eigentlichen Fragen: Wie finanzieren wir Renten? Wie sichern wir Pflege? Wie gestalten wir intergenerationelle Gerechtigkeit? Das sind Fragen politischer Gestaltung, nicht spiritueller Orientierung.
Caritas: Sozialarbeit mit religiösem Monopolanspruch
Das Caritas-Jahresmotto „Zusammen geht was“ ist ein typisches Beispiel für die Strategie kirchlicher Wohlfahrtsverbände: Man eignet sich universelle humanistische Werte (Solidarität, Zusammenhalt, Verantwortung) an und präsentiert sie als christliche Botschaft.
Dabei wird verschwiegen, dass die Caritas zu großen Teilen aus öffentlichen Geldern finanziert wird – also aus Steuermitteln aller Bürgerinnen und Bürger, unabhängig von ihrer Weltanschauung. Diese steuerfinanzierte Sozialarbeit wird dann religiös etikettiert und zur „christlichen Nächstenliebe“ verklärt.
Zudem genießen kirchliche Arbeitgeber wie die Caritas Sonderrechte: Sie dürfen legal diskriminieren (etwa geschiedene Mitarbeitende benachteiligen oder glaubensfreie Bewerber ablehnen) und sind vom allgemeinen Arbeitsrecht teilweise ausgenommen. Eine Organisation, die so agiert, hat keine moralische Grundlage, sich als Vorbild für gesellschaftlichen Zusammenhalt zu präsentieren.
Die Illusion der „Reset-Taste“
Steinert sagt richtig: „Ich drücke keine Reset-Taste und beginne beim Nullpunkt.“ Der Jahreswechsel lösche nicht die alte Last. Das ist nüchtern und realistisch.
Doch dann fügt er hinzu, der Jahreswechsel sei eine „Unterbrechung im Strom der Zeit“, ein „betender Augenblick vor dem Herrn der Zeit“. Was genau soll das bedeuten? Es sind hohle Phrasen ohne praktischen Gehalt. Der Jahreswechsel ist eine Kalenderkonvention, mehr nicht. Wer Orientierung sucht, braucht keine Gebete, sondern Reflexion, Analyse und konkrete Ziele.
Die säkulare Alternative ist ehrlicher: Wir nehmen uns Zeit zur Selbstreflexion, wir analysieren, was gut lief und was nicht, wir setzen uns realistische Ziele und arbeiten daran. Keine göttliche Instanz wird uns dabei helfen – aber das ist auch gut so, denn es zwingt uns zur Selbstverantwortung.
„Zukunftsmut“ als theologisches Konzept
Steinert spricht von „Zukunftsmut“, der „Ohnmacht und Sprachlosigkeit“ überwinde. Das klingt gut. Aber woher kommt dieser Mut? Aus dem „Gottvertrauen“, so Steinerts implizite Botschaft.
Doch das ist ein psychologischer Taschenspielertrick. Mut entsteht nicht aus dem Glauben an eine höhere Macht, sondern aus Selbstwirksamkeitserfahrung, aus dem Wissen um eigene Fähigkeiten, aus sozialer Unterstützung und aus der Überzeugung, dass Handeln Wirkung zeigt. Studien zeigen: Nicht Religiosität, sondern Bildung, soziale Einbindung und politische Teilhabe fördern gesellschaftliches Engagement.
Die religiöse Begründung von Mut ist nicht nur überflüssig, sie ist kontraproduktiv: Sie suggeriert, dass Menschen ohne Glauben weniger mutig sein könnten – eine absurde und diskriminierende Unterstellung gegenüber Atheisten, Agnostikern und Andersgläubigen.
Papst Franziskus: Moralische Autorität mit Glaubwürdigkeitsproblem
Steinert zitiert Papst Franziskus: „Dort, wo die Kinder und jungen Menschen mit den alten Menschen sprechen, ist Zukunft.“ Ein schöner Satz – aber ist ausgerechnet der Papst die richtige moralische Instanz dafür?
Das ist derselbe Papst, der eine Institution leitet, die systematisch Missbrauch vertuscht hat, die Frauen von Führungspositionen ausschließt, die queere Personen diskriminiert und die in Fragen der Sexualmoral eine repressive, menschenfeindliche Position vertritt. Die katholische Kirche predigt Dialog, praktiziert aber Monolog von oben herab. Von den katholischen Fundamentalisten ganz zu schweigen.
Wenn Steinert Generationendialog fordert, sollte er bei der eigenen Institution anfangen: Warum haben junge Menschen in der Kirche so wenig Mitspracherecht? Warum werden kritische Stimmen marginalisiert? Warum ist die Kirche eine der autoritärsten, gerontokratischsten Institutionen der westlichen Welt?
Was wirklich gebraucht wird
Steinert hat recht: Wir brauchen Generationensolidarität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Verantwortungsteilung. Aber dafür brauchen wir keine Religion, keine Gebete, kein „Gottvertrauen“.
Was wir stattdessen brauchen:
- Konkrete politische Reformen: Rentenfinanzierung, Pflegeversicherung, Bildungsinvestitionen
- Rationale Analyse: Demografische Prognosen, ökonomische Modelle, wissenschaftliche Evidenz
- Demokratische Teilhabe: Mehr Mitbestimmung für junge Menschen, Reform des Wahlrechts, Generationengerechtigkeit als politisches Prinzip
- Säkulare Ethik: Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Verantwortung, die nicht religiös begründet werden müssen
- Wissenschaftsbasierte Planung: Evidenzbasierte Politik statt spiritueller Hoffnung
Die Caritas könnte all das unterstützen – wenn sie ihre religiöse Ideologie ablegen und sich als säkulare Sozialorganisation neu erfinden würde. Solange sie aber öffentliche Gelder nimmt, rechtlich privilegiert bleibt und gleichzeitig Diskriminierung praktiziert, bleibt ihre moralische Autorität fragwürdig.
Fazit
Prälat Steinerts Neujahrspredigt zeigt exemplarisch das Dilemma kirchlicher Sozialverkündigung: Berechtigte Anliegen werden religiös verbrämt, rationale Lösungsansätze werden durch theologische Deutungen ersetzt, konkrete Verantwortung wird in göttliche Hände delegiert.
Das Ergebnis ist eine Politik der warmen Worte ohne praktische Konsequenz.
„Zusammen geht was“ – ja, aber nicht durch Gebete, sondern durch politisches Handeln. Nicht durch Gottvertrauen, sondern durch menschliche Solidarität. Nicht durch religiöse Deutung, sondern durch rationale Analyse.
Wahre Zukunftsgestaltung braucht keine Theologie. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen – nicht, weil ein Gott es will, sondern weil sie erkennen, dass wir alle gemeinsam für unsere Gesellschaft verantwortlich sind.

















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