Gedanken zum Impuls: Im Herzen eins – Kirchen auf dem Hessentag 2026 in Fulda, verkündigt von Stadtpfarrer Stefan Buß, veröffentlicht am 21.1.26 von osthessen-news.de
Darum geht es
Die Kirchen verschwenden Ressourcen für eine teure Selbstinszenierung auf dem Hessentag, statt bescheiden konkrete Hilfe zu leisten und ihre strukturellen Probleme aufzuarbeiten – „Im Herzen Eins“ ist dabei nur hohles Marketing für Institutionen, die den Bezug zur Realität verloren haben.Der Fuldaer Stadtpfarrer Stefan Buß lädt ein zum kirchlichen Großauftritt beim Hessentag 2026. Unter dem Motto „Im Herzen Eins“ wollen die beiden Großkirchen mit multimedialen Zentren, Himmelsbühnen, Gebetsräumen und gesegneten Riesenradfahrten präsent sein. Was auf den ersten Blick wie ein buntes Angebot wirkt, offenbart bei näherer Betrachtung die Problematik einer Institution, die sich zunehmend selbst genug ist.
Ergänzung zum Abschnitt „Ökumene als PR-Event“
Ökumene als PR-Event
Dass evangelische und katholische Kirche „zum ersten Mal gemeinsam auftreten“, wird als historischer Moment inszeniert. Tatsächlich ist es beschämend, dass es im Jahr 2026 noch einer Erwähnung bedarf, wenn zwei christliche Konfessionen zusammenarbeiten. Was hier als „besonderes Ereignis“ gefeiert wird, ist nichts weiter als das Eingeständnis jahrhundertelanger Spaltung und gegenseitiger Abgrenzung.
Besonders pikant ist dies ausgerechnet in Fulda. Die Stadt ist historisch eine Hochburg des Katholizismus, Sitz eines Bistums seit 1752 und traditionell vom katholischen Milieu geprägt. Hier, wo der Katholizismus stark und selbstbewusst war, wäre eine ökumenische Zusammenarbeit auf Augenhöhe noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Die katholische Kirche hatte es schlicht nicht nötig, sich mit den „abtrünnigen“ Protestanten gemein zu machen.
Dass man nun ausgerechnet in Fulda ökumenisch auftritt, ist entlarvend: Die Ökumene kommt nicht aus innerer Überzeugung oder theologischer Einsicht, sondern aus der Not. Erst der massive Mitgliederschwund, die angeblich leeren Kassen und der Relevanzverlust beider Kirchen machen die Zusammenarbeit notwendig. Was als christliche Einheit verkauft wird, ist in Wahrheit eine Zweckgemeinschaft zur Bestandssicherung. Früher konkurrierten die Konfessionen um Einfluss und Deutungshoheit – heute müssen sie gemeinsam darum kämpfen, überhaupt noch wahrgenommen zu werden.
Ökumene sollte selbstverständlich sein – sie erst jetzt als Attraktion zu vermarkten, und das aus purer Not heraus, zeigt, wie weit die Kirchen noch von echter Einheit, echter Demut und einer Überwindung der von ihnen mit absurden Argumenten erzeugten gesellschaftlichen Spaltung entfernt sind.
Multimediale Ablenkung vom Substanzverlust
Ein „multimediales Zentrum“, eine „Himmelsbühne“, Musik, spirituelle Impulse – das Programm klingt nach einem aufwendig produzierten Event. Die Frage ist: Was kostet das eigentlich? Während die Kirchen massiv Mitglieder verlieren und gleichzeitig über mangelnde Ressourcen klagen, scheint Geld für Selbstdarstellung reichlich vorhanden zu sein. Statt in teure Eventformate zu investieren, wäre es sinnvoller, die schrumpfenden Mittel in konkrete soziale Projekte zu stecken – oder die Kirchensteuer zu senken.
Segen aus dem Riesenrad – Spiritualität als Freizeitpark-Attraktion
Besonders bemerkenswert ist die Idee der „Herzblicke im Riesenrad“ mit Segen. Hier wird Religion zur Jahrmarktattraktion degradiert. Der Segen, traditionell ein bedeutungsvoller religiöser Akt, wird zum Gimmick zwischen Bratwurst und Bierzelt. Diese Banalisierung zeigt, wie verzweifelt die Kirchen nach Aufmerksamkeit suchen – und wie wenig sie ihrer eigenen Botschaft noch trauen.
„Im Herzen Eins“ – aber mit wem?
Das Motto suggeriert Einheit und Gemeinschaft. Doch wer ist eigentlich gemeint? Die Kirchen sprechen von „Menschen einladen“ – aber meinen sie wirklich alle? Was ist mit Atheisten, Humanisten, Muslimen, Juden, mit all jenen, die sich nicht von christlichen Institutionen vertreten fühlen? Der Hessentag ist ein Fest für alle Hessinnen und Hessen, nicht nur für Kirchenmitglieder. Die selbstverständliche Vereinnahmung öffentlicher Veranstaltungen durch religiöse Institutionen ist ein Anachronismus in einer pluralistischen Gesellschaft.
Ehrenamt für die Selbstdarstellung der Institution
Der Aufruf nach ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern ist besonders zynisch. Menschen sollen ihre Zeit und Energie investieren, damit die beiden finanzstarken Großkirchen, die zusammen über ein Vermögen von mehreren hundert Milliarden (!) Euro verfügen, sich auf einem Volksfest präsentieren können. Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, findet sinnvollere Betätigungsfelder: in der Flüchtlingshilfe, der Tafel, beim Umweltschutz oder in säkularen humanistischen Organisationen – dort, wo tatsächlich Menschen geholfen wird, statt Institutionen inszeniert werden.
Was fehlt: Demut und Selbstkritik
In Zeiten des massiven Vertrauensverlusts durch Missbrauchsskandale, Vertuschung und strukturelle Probleme wäre ein Auftritt in „Demut“ angebrachter als in „multimedialer Präsenz“. Statt mit großem Aufwand Volksfeste zu bespielen, sollten die Kirchen sich ehrlich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, Opfer entschädigen und ihre Strukturen reformieren. Doch davon ist in Buß‘ „Impuls“ nichts zu lesen.
Fazit
Der geplante Kirchenauftritt beim Hessentag 2026 ist symptomatisch für Institutionen, die den Bezug zur Realität verloren haben. Statt sich bescheiden zurückzuziehen und ihre Ressourcen dort einzusetzen, wo sie wirklich gebraucht werden, inszenieren sich die Kirchen als Event-Veranstalter. Das Motto „Im Herzen Eins“ ist hohle Rhetorik – im Herzen sind die Kirchen vor allem mit sich selbst eins.

















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