Die blaue Stunde und das Problem der Gewissheit

Lesezeit: ~ 4 Min.

Gedanken zum Beitrag Karfreitagsgottesdienst in der Kreuzkirche – „Menschen, die nur sich wichtig nehmen, brauchen keinen Jesus“, veröffentlicht am 3.4.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Pfarrer Bürgers Karfreitagspredigt ist theologisch redlicher und sprachlich reflektierter als manch andere Verkündigung – und zeigt doch exemplarisch, wie auch ein nachdenklicher religiöser Diskurs seine Kernaussagen gegen Überprüfung immunisiert.

Ein anderer Ton

Einen Tag nach dem Gründonnerstagsgottesdienst im Fuldaer Dom, dessen Predigt wir an dieser Stelle analysiert haben, fand in der evangelischen Kreuzkirche Fulda-Neuenberg ein Karfreitagsgottesdienst statt, der einen spürbaren Unterschied im Ton markiert. Pfarrer Stefan Bürger predigte nicht über Unterwerfung unter heilsame Berührung, sondern über Übergänge, über Selbstbezogenheit als Wurzel von Machtmissbrauch, über eine Hoffnung, die kein leidfreies Leben verspricht.

Das ist, verglichen mit der Körperlichkeits-Metaphorik des Bischöflichen und auf den ersten Blick wohltuend nüchtern. Es lohnt sich dennoch, genauer hinzuschauen.

Das Motiv der blauen Stunde: Stärken und Grenzen einer Bildsprache

Bürger entfaltet seine Predigt am Motiv der „blauen Stunde“ – jener Lichtstimmung zwischen Tag und Nacht, die er mit den blaugrundierten Kreuzigungsdarstellungen Giottos aus der Arenakapelle in Padua verbindet. Das ist ein ästhetisch wie theologisch gelungener Griff. Giotto steht am Übergang vom mittelalterlichen Flächenbild zur perspektivischen Darstellung des Menschen; seine Kreuzigungsszenen zeigen bereits eine psychologische Individualisierung der Figuren unter dem Kreuz, die für das frühe 14. Jahrhundert bemerkenswert ist. Den Übergang als theologisches Leitmotiv mit einem Maler des Übergangs zu verbinden – das hat innere Stimmigkeit.

Allerdings bleibt die Bildsprache dort stehen, wo sie interessant werden könnte. Die „blaue Stunde“ als Symbol für die Spannung zwischen Tod und Hoffnung funktioniert emotional und ästhetisch. Aber was genau rechtfertigt die Zuversicht, dass auf diese Stunde ein Morgen folgt?

Bürger formuliert: Christliche Hoffnung sei „die feste Zuversicht, dass das Leben letztlich stärker sei als der Tod.“ Das ist eine Behauptung. Ihre Begründung bleibt im theologischen Innenraum – sie wird durch Giottos Engel im oberen Bildbereich illustriert, nicht durch ein Argument gestützt.

Das ist kein Fehler, den Bürger allein begeht. Es ist das strukturelle Problem jeder religiösen Verkündigung: Sie setzt voraus, was sie beweisen müsste.

„Menschen, die nur sich wichtig nehmen, brauchen keinen Jesus“

Der pointierteste Satz der Predigt ist zugleich ihr argumentativ schwächster. Bürger beschreibt anhand der Figuren unter Giottos Kreuz zwei Haltungen: Die Trauernden auf der einen, die Selbstbezogenen auf der anderen Seite. Daraus destilliert er: „Menschen, die nur sich wichtig nehmen, keinen Jesus brauchen, dem andere wichtig sind.“

Das klingt nach einer Kritik an Egoismus und Machtmissbrauch. Und so ist es möglicherweise auch gemeint. Aber der Satz hat eine implizite Umkehrung, die man nicht überhören sollte: Wer Jesus braucht, ist demnach jemand, dem andere wichtig sind – und wer anderen wichtig ist, braucht offenbar Jesus. Die Altruismus-Kompetenz wird an religiöse Zugehörigkeit geknüpft, zumindest im Subtext.

Das ist empirisch nicht haltbar. Die Fähigkeit zur Empathie, zur Übernahme von Verantwortung für andere, zur Überwindung von Selbstbezogenheit ist keine religiöse Exklusivleistung. Sie ist eine menschliche – dokumentiert in säkularen Gemeinschaften, in humanistischen Lebensentwürfen, in atheistischen Biografien genauso wie in religiösen. Wer den Zusammenhang zwischen Nächstenliebe und Gottesglauben als selbstverständlich voraussetzt, betreibt theologische Vereinnahmung – auch wenn er es scheinbar freundlich meint.

Der römische Hauptmann als Bekehrungsmodell

Besondere Aufmerksamkeit widmet Bürger dem römischen Hauptmann unter dem Kreuz, der in der Matthäuspassion die Worte spricht: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Bürger hebt dies als „einfaches, aber entscheidendes Bekenntnis“ hervor – als Modell für den Übergang vom Unglauben zum Glauben.

Das ist exegetisch eine aus theologischer Sicht genauso legitime Lesart wie jede andere auch. Historisch-kritisch ist sie es weniger. Die Passionserzählungen der Evangelien sind keine Augenzeugenberichte, sondern theologische Konstruktionen, entstanden Jahrzehnte nach den beschriebenen Ereignissen, verfasst für Gemeinden mit spezifischen Glaubensbedürfnissen. Die Figur des Hauptmanns, der ausgerechnet als Repräsentant der römischen Besatzungsmacht den ersten Christusbekenner außerhalb des Jüngerkreises abgibt, ist eine narrative Pointe mit theologischer Absicht – kein historisches Protokoll.

Bürger weiß das vermutlich. Aber er sagt es nicht. Die Predigt behandelt die Szene als unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit. Das ist das übliche hermeneutische Verfahren der religiösen Verkündigung, und es hat seinen Platz im Gottesdienst, wo es ohnehin vermutlich kaum jemand stören dürfte. Wer jedoch mit dem Anspruch antritt, Karfreitag als „Zeit des Übergangs“ auch für die Gegenwart zu deuten, sollte transparent machen, auf welchem Fundament diese Deutung steht.

Machtmissbrauch: Eine halbierte Gesellschaftskritik

Bürger macht einen bemerkenswerten Schritt, wenn er die Passionsgeschichte mit dem Thema Machtmissbrauch verbindet: „Selbstbezogenheit und Machtmissbrauch verursachen damals wie heute Leid.“ Das ist richtig. Es ist auch mutig, insofern es die Passionserzählung aus dem frommen Andachtsrahmen herauslöst und in einen gesellschaftlichen Kontext stellt.

Aber die Gesellschaftskritik bleibt abstrakt. Machtmissbrauch „damals wie heute“ – von wem? Durch wen? In welchen Strukturen? Die Predigt nennt keine konkreten Kontexte, keine institutionellen Akteure, keine Systeme. Das ist die sichere Variante der Prophetie: Man kritisiert das Böse in seiner reinsten Form und belastet damit niemanden.

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Man könnte an dieser Stelle fragen, ob nicht auch die eigene Institution – die Kirche, beide Konfessionen – ein naheliegendes Beispiel für Machtmissbrauch wäre. Die katholische Kirche hat, wie in unserer Analyse des Gründonnerstagsgottesdienstes beschrieben und wie inzwischen hinlänglich bekannt, vieltausendfachen Missbrauch produziert und systematisch verdeckt. Auch die evangelische Kirche hat dabei keine weißen Weste: Auch für sie hat die unabhängige Forschungskommission „Forum Missbrauch“ strukturelle Probleme dokumentiert. Eine Predigt, die Machtmissbrauch beklagt und dabei die eigene Institution ausspart, hat einen blinden Fleck – auch wenn sie ihn möglicherweise unbewusst trägt.

Was dieser Gottesdienst besser macht – und was kritikwürdig bleibt

Es wäre ungerecht, Bürgers Predigt mit dem Maßstab zu messen, den Gerbers Gründonnerstagsmeditation gesetzt hat. Sie ist sprachlich zurückhaltender, intellektuell ernster, zumindest ansatzweise gesellschaftskritisch. Sie verspricht keine wundersame Heilung durch Berührung und fordert keine körperliche Öffnung gegenüber kirchlicher Autorität. Das ist ein Unterschied, der zählt.

Und doch teilt sie mit fast jeder Predigt das Grundproblem: Sie setzt ihre Prämissen nicht zur Diskussion. Dass Leben stärker ist als der Tod, ist keine Evidenz – es ist ein Glaube, eine nicht zu Ende gedachte Wunschvorstellung. Dass der Übergang von Karfreitag zu Ostern auf etwas Reales verweist, ist keine Beobachtung – es ist ein bestenfalls hoffnungsvoller Wunsch. Magisch-mythologisches Denken ist Standard in einem religiösen Kontext. Aber wer – wie Bürger es tut – die Gegenwart als „Zeit des Übergangs“ deutet und dabei auch Nichtgläubige ansprechen möchte, schuldete seinen Zuhörern zumindest den Hinweis, dass er von einem Fundament aus spricht, das nicht alle teilen.

Fazit: Nachdenklich, aber nicht selbstkritisch genug

Die Kreuzkirche Fulda hat einen Karfreitagsgottesdienst gefeiert, der in seiner ästhetischen Sensibilität und seinem Bemühen um gesellschaftliche Relevanz über den üblichen Frömmigkeitsrahmen hinausweist. Das zeigt einmal mehr: Je weiter sich religiöse Verkündiger von ihren Glaubensgrundlagen entfernen, desto gesellschaftsfähiger wird ihre Verkündigung.

Aber „nachdenklich“ ist nicht dasselbe wie „selbstkritisch“. Eine Predigt, die Machtmissbrauch beklagt, ohne die eigene Institution zu benennen; die Hoffnung verkündet, ohne ihr magisch-mythologisches Fundament offenzulegen; die Altruismus an Gottesglauben knüpft, ohne das zu begründen – eine solche Predigt bleibt trotz ihrer Qualitäten im geschlossenen Kreis der Verkündigung.

Die blaue Stunde ist ein schönes Bild. Nicht jene am Abend, sondern die blaue Stunde am Morgen stellt auch eine treffende Metapher für den Zustand des kirchlichen Christentums in Deutschland dar – der Übergang von der dunklen Nacht zum hellen Tag.

Die Frage, wohin dieser durch die Austrittszahlen dokumentierte Übergang führt, beantwortet weder Giotto noch das Matthäusevangelium. Sie liegt offen – und das wäre vielleicht der ehrlichste Satz gewesen, den man in einer Karfreitagspredigt hätte sprechen können.

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