Wehe denen…

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Wehe denen…: Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht die katholisch.de-Onlineredaktion jeden Tag einen “Impuls” in Form eines Bibelfragmentes.

Abgesehen von dem Anachronismus, modernste Informationstechnologie zur Verbreitung von inhumaner archaischer Wüstenmythologie zu verwenden, erscheint auch die Auswahl dieser Textstellen ebenfalls meistens ziemlich fragwürdig.

Am 30. Januar 2020 gab es von der katholisch.de-Redaktion zum Beispiel diesen Impuls:

Wehe denen, die einen Plan tief unten vor dem HERRN verborgen halten, damit ihre Taten in der Dunkelheit bleiben!
(Jesaja 29,15, Zit. n. katholisch.de-Meme auf Facebook)

Wehe denen...Die erste Frage, die sich der kritische Leser hier wohl stellen würde, dürfte sein: Wie um alles in der Welt sollte man denn irgendetwas vor einem allwissenden Gott geheim halten können?

Wer tatsächlich an einen solchen Gott glaubt, dem sollte das ja bewusst sein. Und allen anderen ist es völlig egal, welche angeblichen Superkräfte Anhänger von Göttern diesen andichten.

Aber diese Bibelstelle hat neben der (ansonsten irrelevanten) Widersprüchlichkeit innerhalb der religiös erweiterten Phantasiewelt auch noch Aspekte, die für die irdische Wirklichkeit sehr wohl von Belang sein können.

Genauer: Für ganz reales menschliches Leid. Das dadurch ermöglicht bzw. befördert werden konnte und sicher auch noch wird.

Wehe denen…

Die Gedanken sind freiWieviel (ganz reales) menschliches Leid schon allein nur dadurch entstehen konnte, dass Kirchendiener ihre Schafe mit der Erfindung und Behauptung eines magischen Himmelswesens einschüchtern konnten, das ausnahmslos alle ihre Gedanken kennt?

Und als wäre die Vorstellung einer totalen Gedankenkontrolle an sich nicht schon schlimm genug, wird durch die enthaltene Drohung (“Wehe denen…”) unmissverständlich klar gemacht, dass dieser Gott die Daten nicht sammelt, um zum Beispiel die passende Werbung zu schalten. Oder um Menschen dabei zu unterstützen, sich fairer zu verhalten oder gesünder zu leben.

Allwissenheit muss für Menschen früher eine so unvorstellbare Fähigkeit gewesen sein, dass man sie ausschließlich Göttern zutraute. Und noch bis vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten hätte sich wohl niemand vorstellen können, wie nahe von Menschen erschaffene Algorithmen und Techniken heute schon der Allwissenheit gekommen sind.

Biblischer Impuls… aber wozu?

Nächstenliebe - (c) Jacques Tilly
Nächstenliebe – (c) Jacques Tilly

Natürlich stellt sich noch die Frage, welchen Impuls die Berufskatholiken hier eigentlich ihrem Publikum mit auf den Weg geben möchten.

Doch leider bleibt diese Frage trotz Nachfrage unbeantwortet. Genauso wie die Frage, warum die Redaktion den Kommentar mit einigen dieser hier dargelegten Gedanken kommentarlos gelöscht hatte.

Deshalb geben wir von AWQ unsern Lesern heute einen Impuls mit auf den Weg, der an den unschätzbar hohen Wert der Gedanken-, Rede- und Meinungsfreiheit erinnert.

Also an Werte, die gegen den erbitterten Widerstand der Kirche erkämpft werden mussten.

Die Gedanken sind frei

  1. Die Gedanken sind frei
    wer kann sie erraten
    sie fliegen vorbei
    wie nächtliche Schatten.
    Kein Mensch kann sie wissen
    kein Jäger erschießen.
    Es bleibet dabei:
    Die Gedanken sind frei
  2. Ich denke, was ich will
    und was mich beglückt,
    doch alles in der Still´
    und wie es sich schicket.
    Mein Wunsch, mein Begehren
    kann niemand verwehren,
    es bleibet dabei:
    Die Gedanken sind frei
  3. Drum will ich auf immer
    den Sorgen entsagen
    und will mich auch nimmer
    mit Grillen mehr plagen.
    Man kann ja im Herzen
    stets lachen und scherzen
    und denken dabei:
    Die Gedanken sind frei!
    (Volkslied, um 1800, Verfasser unbekannt)
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3 Gedanken zu „Wehe denen…“

  1. Über das Beichtsystem hatten und haben die Christen Zugang zu einem Bestand an Informationen, der niemandem sonst zugänglich war. Und natürlich haben sie diesen auch genutzt, um Zensur auszuüben, Menschen zu beeinflussen, Machtpolitik zu betreiben. Google, Facebook etc. holen da allerdings so langsam auf … vielleicht ist der “Impuls” ja als Rempler gegen die neue Konkurrenz zu verstehen.

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  2. “Online-Beichtststühle” gibt es im Internet sicherlich zu genüge.
    Da Gottes Vergebung, für eine Sünde oder gar seine Belohnung für ein frommes, Christliches Leben, hier im Diesseits nicht unmissverständlich erkennbar ist, wurde dies kurzerhand ins Jenseits verschoben. Es ist mir absolut schleierhaft, wie sich Menschen so einfälltig-naiv auf den Tod freuen können und diesem sogar dem irdischen Leben vorziehen, um endlich erlöst- und unendlich belohnt zu werden.

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  3. “Die Gedanken sind frei” habe ich als Kind geliebt, wenngleich es auch ziemlich gedauert hat, bis ich es umfänglich verstanden hatte. Dieses Lied hat letztendlich dafür gesorgt, dass ich mein Leben lang keinen “Herrn” akzeptiert habe. Lernen die Kinder dieses Lied heute noch? Hoffentlich!

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