„Jesus will mit meinen Wunden in Berührung kommen“ – Analyse einer Bischofspredigt

Lesezeit: ~ 4 Min.

Gedanken zum Beitrag: Wenn Jesus uns berührt – Bischof Gerber deutet Fußwaschung als Einladung zur Zugewandtheit, veröffentlicht am 3.4.26 von osthessennews.de

Darum geht es

Bischof Gerbers Gründonnerstagsmeditation zur Fußwaschung bietet spirituelle Körperlichkeit als Tugend an – und ignoriert dabei vollständig, dass genau jene Körperlichkeit, das Berühren-Lassen und das Vertrauen in kirchliche Autorität, das institutionelle Fundament des massenhaften Missbrauchs durch Kleriker war und ist.

Was Bischof Gerber sagt

Gründonnerstag im Fuldaer Dom. Bischof Dr. Michael Gerber deutet den Ritus der Fußwaschung. Er beschreibt die Füße der Jünger als „verletzliche Stellen“ des Menschen, Orte, an denen Wunden, Verhärtungen und das Verborgene des Lebens sichtbar werden. Jesus knie genau dort nieder. Die Pointe seiner Predigt: Gläubige seien eingeladen, sich an diesen verletzlichen Stellen berühren zu lassen – von Jesus, durch die Kirche, im Gottesdienst.

Gerbers Kernaussagen lauten: „Jesus will mit meinen Wunden und Verhärtungen in Berührung kommen. Jesus will mir dadurch ermöglichen, dass ich selbst mit ihnen in Berührung komme.“ Und: „Ich bin bleibend aufgefordert, ihm diese Stellen meiner Person immer wieder hinzuhalten, mich gerade da von ihm berühren zu lassen.“ (alle Zitate stammen aus der eingangs genannten Quelle)

Das klingt zunächst wie das, was es wohl sein soll: Pastoral, zugewandt, therapeutisch gefärbt. Und es funktioniert – sofern man innerhalb des geschlossenen theologischen Systems verbleibt, das die Predigt voraussetzt.

Das argumentative Gerüst und seine Schwächen

Gerbers Deutung beruht auf einer klassischen hermeneutischen Figur: Ein biblisches Ritual wird als universale existenzielle Aussage umgedeutet. Aus dem Waschen von Füßen wird eine Einladung zur inneren Öffnung. Das ist theologisch handwerklich solide – aber es versteckt einige grundlegende Probleme.

Erstens: Die Autorität bleibt unbefragt. In Gerbers Deutung ist Jesus derjenige, der kniet und wäscht. Der Gläubige muss nur „zulassen“. Was unerwähnt bleibt: Im konkreten Gottesdienst ist es nicht Jesus, der kniet, sondern ein Bischof in vollem Ornat. Die Asymmetrie zwischen dem deutenden, lehrenden, berührenden Kleriker und dem empfangenden Gläubigen ist massiv – und theologisch unsichtbar gemacht. Wer „hinhalten“ soll, ist der Gläubige. Wer berührt, interpretiert und bewertet, ist die Institution.

Zweitens: Das Narrativ der heilsamen Berührung. Die Sprache der Predigt ist durchgängig auf Körperlichkeit, Öffnung und Vertrauen ausgerichtet: „berühren lassen“, „freilegen“, „hinhalten“, „zulassen“. In sich ist das nicht anstößig. Im Kontext jedoch – und dieser Kontext ist unvermeidlich – ist es eine Sprache, die aus einer Institution kommt, die systematisch und über Jahrzehnte das Vertrauen von Menschen ausgenutzt hat, um genau jene Verletzlichkeit zur Tatgelegenheit zu machen.

Das ist kein Angriff auf Gerber persönlich. Es ist eine institutionelle Feststellung. Gerber selbst kann man aber vorwerfen, dass ihm diese Dimension seiner Worte entweder gar nicht bewusst war – oder schlicht egal.

Der Elefant im Dom

Über 200.000 Betroffene sexualisierter Gewalt durch Kleriker wurden allein in Deutschland nach einer Schätzung des Forschungsprojekts „MHG-Studie“ (2018) identifiziert – und das bei einer methodisch eingeschränkten Datenbasis, die von den Kirchenarchiven selbst abhängig war. Die tatsächliche Zahl dürfte erheblich höher liegen – Dunkelfeldstudien in anderen Ländern ermittelten eine 20fach höhere Dunkelziffer.

Was diese Fälle strukturell verbindet: Sie geschehen im Schutz religiöser Autorität, im sakralen Rahmen, unter Berufung auf besonderes Vertrauen – und sie nutzen genau jene Verletzlichkeit aus, die Gerber als heilsames Angebot beschreibt.

Es ist nicht absurd oder bösartig, hier eine Verbindung herzustellen. Es wäre geradezu fahrlässig, es nicht zu tun.

Eine Institution, die ihre Mitglieder dazu auffordert, sich an den verwundeten Stellen „berühren zu lassen“ und „hinzuhalten“, trägt eine besondere Verantwortung, diese Metaphorik im Licht ihrer eigenen Geschichte zu reflektieren. Diese Reflexion findet in Gerbers Predigt nicht statt. Kein Wort über Missbrauch, kein Wort über die Notwendigkeit, Schutzkonzepte zu stärken, kein Wort darüber, dass Vertrauen verdient werden muss, bevor es gefordert werden darf.

Stattdessen: „Wir alle müssen gerade in unseren Tagen durch unsere Zugewandtheit an einer Kultur arbeiten, die solch berührenden Momenten verpflichtet ist.“

In einer anderen Institution, mit einer anderen Geschichte, wäre das ein schöner Satz.

Theologische Nebelwände: Die Funktion des Unklaren

Die Predigt operiert konsequent im Abstrakten. Wunden sind „Verhärtungen“, Verletzlichkeit ist eine existenzielle Kategorie, Berührung ist „Haltung“. Diese Abstraktionsleistung hat eine Funktion: Sie entzieht sich der Überprüfbarkeit. Was bedeutet es konkret, „die verletzlichen Stellen hinzuhalten“? Wer entscheidet, ob eine Berührung heilsam ist? Welche Schutzräume gibt es für denjenigen, der sich geöffnet hat?

Diese Fragen stellt die Predigt nicht – weil sie im theologischen Deutungsrahmen nicht auftauchen können. Innerhalb des Systems gibt es keine Übergriffe, weil die Berührung durch die Institution per definitionem heilsam ist. Das ist nicht böse gemeint. Aber es ist strukturell gefährlich.

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Was ein säkular-humanistischer Blick anders macht

Das Bedürfnis nach Zuwendung, nach Anerkennung von Verletzlichkeit, nach heilsamer menschlicher Berührung ist real und legitim. Menschen brauchen Gemeinschaft, die sie auch in ihren schwierigen Seiten trägt. Das ist keine christliche Erfindung – es ist eine menschliche Grundbedingung.

Ein säkularer Ansatz adressiert diese Bedürfnisse ohne das strukturelle Gefälle von Gläubigen und deutender Autorität. Er bettet Verletzlichkeit nicht in einen Ritualrahmen ein, der Deutungshoheit und körperliche Nähe in einer Hand konzentriert. Er garantiert Schutz nicht durch Transzendenz, sondern durch institutionelle Transparenz, unabhängige Aufsicht und klare Grenzen.

Vor allem aber: Er fordert nicht, zu „zulassen“ – sondern fragt, ob die Bedingungen für ein freies Zulassen überhaupt gegeben sind. Zustimmung setzt Autonomie voraus. Autonomie setzt voraus, dass keine übernatürliche Autorität über dem eigenen Urteil steht.

Fazit: Schöne Worte, falscher Ort

Gerbers Predigt ist aus theologisch-rhetorischer Sicht handwerklich kompetent, pastoral wohlmeinend und theologisch folgerichtig. Sie ist das Gegenteil von böswillig. Aber sie ist, gemessen an der Geschichte und Gegenwart der Institution, die sie trägt, erschütternd unreflektiert.

Eine Kirche, die tausendfach das Vertrauen der Verletzlichen missbraucht hat, kann nicht einfach weitermachen mit der Sprache des heilsamen Berührtwerdens, als wäre nichts gewesen. Sie müsste, wenn sie es ernst meinte, jeden Satz über Verletzlichkeit und Berührung einbetten in einen expliziten Zusammenhang von Rechenschaft, Aufarbeitung und struktureller Reform.

Das ist nicht geschehen. Nicht in Fulda. Nicht an diesem Gründonnerstag.

Und so bleibt ein frommer Ritus, was er immer war: eine mächtige Geste, die Unterwerfung als Heilsangebot verkleidet – und die Frage, wem sie eigentlich nützt, elegant im Weihrauch aufgehen lässt.

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