Wie viele Sünden verzeiht Gott mir?

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Auf der evangelischen Fragen-Beantwortungswebseite fragen.evangelisch.de wollte ein Besucher oder eine Besucherin  in diesem Beitrag wissen, wie viele Sünden Gott ihm oder ihr denn eigentlich verzeihen würde.

Bisher habe er oder sie jedes Mal nach dem immer wieder gleichen Sündigen um Gnade gebettelt und danach “Träume von der Entrückung” gehabt. Außer beim letzten Mal.

Jetzt hat er oder sie Angst, dass Gott böse ist und ihn oder sie verlassen hat. Er oder sie wisse nicht mal, ob er oder sie als Christ einen Freund haben dürfe. Dabei möchte er oder sie doch keinesfalls in die Hölle! Er oder sie weine sogar manchmal, weil er oder sie nicht in die Hölle wolle.

Ist das wirklich ernst gemeint?

SündenLiest man sich diesen verzweifelten Hilferuf durch, dann ist man zunächst geneigt, das Ganze als eine einzige, groteske Satire aufzufassen: Ganz klar, hier macht sich jemand darüber lustig, wie die Kirche Menschen mit einer eingeredeten Sünde erniedrigt. Das kann nicht ernst gemeint sein. Nicht im Jahr 2016.

Mit den üblichen, für diese Zwecke zur Verfügung stehenden Mitteln versucht die Kirchenangestellte Frau Keller, die Suppe, die das bizarre christliche Unterdrückungskonstrukt der Sünde ihr eingebrockt hat, auszulöffeln. Mit erwartungsgemäß mäßigem Erfolg.

Verschiedene Bibelstellen werden herausgepickt. Eine soll belegen, dass Gott ja sowieso alle Menschen uneingeschränkt liebt.  Ganz egal, was sie mit wem treiben, was sie tun oder was sie nicht tun. Das menschliche Verhalten hat demnach überhaupt keinen Einfluss auf die versprochene ewige posthume Glückseligkeit. Der “Glaube” an Gott genügt. Keine Spur vom eifersüchtigen Kriegsgott Jahwe.

Wenn, wie in Frau Kellers Antwort behauptet, nur die Bibel Gottes Gerechtigkeit offenbart, dann wäre Gott nach heutigem Verständnis alles andere als gerecht. Das biblische Gottesbild ist furchtbar. Im Alten, wie im Neuen Testament. Gottes Liebe ist immer an die Bedingung vollkommener Unterwerfung gebunden. Und damit keineswegs bedingungslos. Unter allen Sünden ist die schlimmste, nicht an Gott zu glauben.

Und dass ein Menschenopfer in Form einer Todesfolterung zum Zwecke der Vergebung der Sünden der Menschen in jeglicher Hinsicht vollkommen absurd, unlogisch, widerwärtig ist (und, was Jesus angeht, sowieso auch nur von früheren Auferstehungsmythen abgeschrieben wurde), hatte ich schon mehrfach in früheren Beiträgen behandelt.

Auch die abschließend erwartungsgemäß empfohlene Nächstenliebe war schon Thema mehrerer Beiträge.

Sünden – und was sie mit Menschen machen

Deshalb möchte ich an dieser Stelle wieder einmal mehr darauf hinweisen, wie schädlich und negativ der Einfluss religiöser Wahngedanken auf Menschen tatsächlich sein kann (vorausgesetzt, es handelt sich bei der Frage nicht doch um Satire).

Einen Vorwurf müssen sich alle gefallen lassen, die Menschen mit solchen Gedanken indoktrinieren. Die Leuten im 21. Jahrhundert weis machen wollen, dass religiöse Moralismen aus der Bronzezeit und aus dem Vormittelalter heute noch von Bedeutung seien.

Wenn jemand wirklich so wie in dieser Anfrage geschildert unter religiösen Wahngedanken leidet, stellt sich die Frage, welche Daseinsberechtigung eine Ideologie heute überhaupt noch hat, die solche fatalen Folgen hervorrufen kann. Und wem es nutzt, wenn sich jemand, vermutlich völlig unnötigerweise, wegen irgendetwas schuldig fühlt, weil es in seiner Religion zu den Sünden zählt.

Auch stellt sich die Frage, wie es sich auf Menschen, aber auch auf die Gesellschaft auswirkt, wenn Menschen tatsächlich meinen, ihre Sünden würden durch einen Gott vergeben, wenn man ihn darum anbettelt. Und danach Entrückungsträume hat.

Dabei ist es doch so einfach:

Tu was du willst, ohne gleichberechtigte Interessen Anderer zu verletzen.

  • Kein Gott vergibt dir Sünden. Du bist selbst dafür verantwortlich, wie du dich verhältst.
  • Du brauchst keine religiöse Moralismen um wissen zu können, wie du dich verhalten solltest.
  • Nach deinem Tod wirst du nach allem, was wir heute wissen, wieder das werden, was du vor deiner Geburt warst. Keine Angst: Das christliche Jenseits mit Himmel und Hölle ist nur eine perverse, perfide Erfindung, um Menschen wie dich leichter führen zu können.

Es ist völlig egal, was irgendwelche Religionen zu den Sünden zählen und was nicht. Kein Gott und auch kein Gottessohn hat jemals bekannt gegeben, was er als Sünde empfindet.

Alle biblischen Aussagen dazu basieren auf einer archaischen Gesellschaftsordnung eines kleines Wüstenvolkes. Und dem, was sich Kirchenführer im Lauf des Mittelalters daraus gemacht hatten. Dies alles spielt für das Zusammenleben der Menschen im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr. Auch wenn manche so tun, als sei das so.

An oberster Stelle der hierzulande verbindlichen und gültigen Gesellschaftsordnung steht die Würde und Freiheit des Menschen. Und kein Gott. Weder ein Rachegott aus der Bronzezeit, noch der liebe Wunschgott, wie man ihn sich auf fragen.evangelisch.de ausgedacht hat.

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