Wort zum Wort zum Sonntag: Klarstellung

~ 6 Minuten

Wort zum Wort zum Sonntag: Klarstellung, gesprochen von Annette Behnken (ev.), veröffentlicht am 01.10.2016 von ARD/daserste.de

[…] Selig sind nicht, die Andersgläubige verachten. Selig sind, die sie lieben, wie ihren Nächsten und sich selbst. […]*

Auch wenn die Aufzählung der “Seligpreisungen” an jene aus der biblischen Geschichte erinnert: Es handelt sich dabei um Interpretationen und Ergänzungen von Frau Behnken. So gibt es in der (fiktiven) Bergpredigt, an die die Aufzählung angelehnt ist, gar keine Aussage darüber, wie mit Andersgläubigen zu verfahren sei.

Klargestellte Klarstellung

Die biblische Gesamtaussage zum Thema Un- und Andersgläubige ist für biblische Verhältnisse erstaunlich unmissverständlich. Allerdings lautet diese anders als von Frau Behnken dargestellt:

  • Und wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde. (Mk 9,42 LUT)*
  • Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen ist und Fische aller Art fängt. Wenn es aber voll ist, ziehen sie es heraus an das Ufer, setzen sich und lesen die guten in Gefäße zusammen, aber die schlechten werfen sie weg. So wird es auch am Ende der Welt gehen: Die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein. (Mt 13,47-50 LUT)
  • Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen! Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut. Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden. (Ps 139,19-22 LUT)
  • So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. (Mt 7, 17-20 LUT)

Weitere Beispiele? Bitte:

  • Die Heiden sollen sich aufmachen und heraufkommen zum Tal Joschafat; denn dort will ich sitzen und richten alle Heiden ringsum. Greift zur Sichel, denn die Ernte ist reif! Kommt und tretet, denn die Kelter ist voll, die Kufen laufen über, denn ihre Bosheit ist groß! (Joel 4, 12-13 LUT)
  • Denn der HERR ist zornig über alle Heiden und ergrimmt über alle ihre Scharen. Er wird an ihnen den Bann vollstrecken und sie zur Schlachtung dahingeben. Und ihre Erschlagenen werden hingeworfen werden, dass der Gestank von ihren Leichnamen aufsteigen wird und die Berge von ihrem Blut fließen.(Jes 34, 2-3 LUT)
  • Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen. (Jo15, 6 LUT)
  • Denn es wäre besser für sie gewesen, dass sie den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt hätten, als dass sie ihn kennen und sich abkehren von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben ist.
    An ihnen hat sich erwiesen die Wahrheit des Sprichworts: Der Hund frisst wieder, was er gespien hat; und: Die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Dreck. (2. Petr 2, LUT)
  • Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. (Mt 10, 5-7 LUT)

Und falls jemand meint, diese Beispiele würden nicht die biblische Gesamtaussage widergeben: Diese Beispiele lassen sich praktisch beliebig vermehren.

Nebenbei in diesem Zusammenhang noch eine weitere Klarstellung: In der von Frau Behnken bemühten “Bergpredigt” lässt der anonyme Autor seinen literarischen Jesus Christus Anordnungen aus dem Alten Testament für ungültig erklären (Mt 5, 21). Nur wenige Zeilen vorher hatte Jesus das genaue Gegenteil behauptet (Mt 5, 17).

“Selig” als Kriterium?

Natürlich ist es verständlich, dass Frau Behnken diese Aussagen nicht in ihrer Klarstellung verwenden möchte. Aber das legitimiert es meiner Meinung nach noch lange nicht, den Respekt zu Andersgläubigen in eine selbstgestaltete Seligpreisung zu schmuggeln. Und dem Publikum so vorzugaukeln, nicht nur Respekt, sondern gar Liebe Andersgläubigen gegenüber sei biblisch begründbar.

[…] Die Sprache der Bomben vergiftet. Vernichtet. Sie ist schwach, weil sie nicht aushält, was anders ist. Selig ist nicht die Sprache der Bomben.

Auch diese negative “Seligpreisung” entspringt dem Wunschdenken von Frau Behnken. Es ist noch keine 60 Jahre her, da hatten Bomben aus christlicher Sicht noch einen ganz anderen Stellenwert:

  • „Selbst Atombomben können in den Dienst der Nächstenliebe treten.“
    (Walter Künneth, evangelischer Theologe, 1958)

Ich habe Angst, dass es normal wird.

Und ich habe Angst, dass es wieder normal wird. Und deshalb kann und darf die Gesellschaftsordnung der Menschheit im 21. Jahrhundert nicht auf einer archaischen Mythen-, Märchen- und Legendensammlung basieren. Weil sich diese zur Klarstellung jeder beliebigen Sichtweise verwenden lässt.

Eine moderne Ethik darf nicht davon abhängen, was Vertreter einer bestimmten Religion gerade für “selig machend” halten und was nicht. Die vollständige Erlösung (das bedeutet “selig”) kann nicht der Grund sein, warum sich alle Menschen an die ethischen Regeln des Zusammenlebens halten sollen. Denn diese Regeln müssen auch für Menschen gelten können, die nicht an Erlösungsmythen glauben. Oder die irgendwelche andere vermeintlich hoffnungsvolle Illusionen hegen.

Botschaft der Bomben

[…] Nehmen wir sie nicht hin, die Botschaft der Bomben!

Noch einmal zurück zur Atombombe: Vor dem Start des B29-Bombers der US-Airforce mit der Hiroshima-Atombombe am 6.8.1945 betete ein lutherischer Geistlicher vor versammelten Fliegern:

  • „Allmächtiger Vater, wir bitten Dich: Schütze diese Männer, die den Kampf zu unseren Feinden tragen. Mögen sie, bewaffnet mit Deiner Macht, den Krieg zu einem schnellen Ende bringen. Mögen die Männer, die in dieser Nacht fliegen, in Deiner Obhut sein und sicher zurückkehren … Im Namen Jesus Christus, Amen.“
    (Quelle: zitiert nach Denk Mit und handle Nr. 8)

Zur Klarstellung: Mit diesen Beispielen möchte ich nicht die sicherlich friedfertigen Absichten von Frau Behnken in Frage stellen. Sondern zeigen, wie unbrauchbar christliche Moralismen als Grundlage für moderne ethische Standards sind.

Denn solange die Bibel zumindest aus katholischer Sicht bei Bedarf als übergeordnete, unveränderliche und vollumfänglich von Gott geoffenbarte “Wahrheit” gelten soll, können sich auch jederzeit auch wieder die Menschen darauf berufen, die behaupten, auch Atombomben könnten in den Dienst der Nächstenliebe treten. Oder die nicht die Interpretationen nach den Wünschen von Frau Behnken anerkennen. Sondern die oben exemplarisch genannten Bibelstellen zum Thema Umgang mit Un- und Andersgläubigen.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Artikel.
**Quelle der Bibelzitate, die mit LUT gekennzeichnet sind: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

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