Kinderleicht erklärt: Der Heilige Geist

kinderleicht erklärt

Quelle: Fuldaer Zeitung vom 27.11.2017

In der Rubrik Kinderleicht erklärt beantwortet die Fuldaer Zeitung Fragen von Kindern.

In der Ausgabe vom 27. November 2017 wollte Clara (4 Jahre) aus Steinbach wissen:

Was ist eigentlich der Heilige Geist?

Fun Fact vorab am Rande: Das Maskottchen von Kinderleicht erklärt ist ein Fuchs. Der ja seit jeher als schlauer als die anderen Tiere gilt.

Hier erklärt also ein Fabelwesen die christliche Wüstenmythologie aus der Bronzezeit und aus dem Vormittelalter.

Aber zurück zum Thema.

Die Erklärung von Kinderleicht erklärt ist raffiniert eingeleitet:

[…] Denn obwohl sie [die Christen] nur an einen Gott glauben, gibt es ihn sozusagen in drei Ausprägungen.

Wie dürfte ein vierjähriges Kind diese Behauptung verstehen? Schließlich wird hier behauptet, es gäbe Gott. Und nicht nur das: Es soll ihn in nicht etwa “sozusagen”, sondern “sozusagen in drei Ausprägungen” geben.

Ein kritischer, klar denkender Mensch kann sich natürlich erschließen, dass dies eine unbewiesene (und wohl auch noch bis auf Weiteres unbeweisbare) Behauptung ist. Und zwar eine bis zum Beweis des Gegenteils falsche.

Einem Kind zu suggerieren, es gäbe Götter oder sogar einen ganz bestimmten Gott tatsächlich, also außerhalb der menschlichen Phantasie, halte ich für unverantwortlich und kritikwürdig.

Wenn sich Erwachsene ihre Wirklichkeit um religiöse Fiktionen und Phantastereien erweitern, dann ist das selbstverständlich deren Sache. Kinder können meist ab einem bestimmten Alter erstaunlich gut zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Allerdings wird hier ja geschickt so getan, als gäbe es diesen Gott tatsächlich.

Götter gibt es nur in der Phantasie, nicht in echt

Ehrlicher und redlicher wäre es gewesen, Gott als das zu bezeichnen, was er bis zum Beweis des Gegenteils ist: Eine menschliche Vorstellung. Mit frei erfundenen Eigenschaften. Die dann freilich beliebig absurd sein dürfen. Wenn ganz klar ist, dass es sich dabei um Fiktion handelt. Und nicht um etwas, das für wahr gehalten werden muss.

Kinderleicht erklärt hätte also zum Beispiel einfach schreiben können:

  • Denn obwohl die Christen nur an einen Gott glauben, stellen sie ihn sich in drei Ausprägungen vor.

Alle weiteren Erklärungen gehen jedoch jetzt von der Prämisse aus, es gäbe diesen Gott wirklich. Und hier lernt Clara erstmal die kindgerechte Wunschvorstellung des ersten Drittels des von Christen imaginierten und für wahr gehaltenen Gottes kennen:

Gott Vater ist der schützende Gott, der auf die Menschen aufpasst und sie auf ihrem Lebensweg begleitet.

Mag natürlich sein, dass sich die Kinderleicht erklärt-Redaktion ihren Gott so vorstellt. Mit dem biblischen Christengott Jahwe hat diese Vorstellung allerdings nichts zu tun. Denn kein Gott, auch nicht der, der in der Bibel beschrieben wird, passt auf Menschen auf und beschützt sie. Dem geht es nur darum, dass ausschließlich er anerkannt und verehrt wird. Wenn schon, dann beschützt er sie davor, andere Götter als ihn anzuerkennen. Mit falschen Versprechen und fürchterlichen Bedrohungen.

Natürlich können sich Menschen einreden, sie würden von einem lieben Gott, an den sie ja schließlich glauben, begleitet und beschützt. Allerdings lässt sich nichts von dem, was geschieht, in einen ursächlichen Zusammenhang mit Göttern, Geistern oder Gottessöhnen bringen. Weder Freud, noch Leid.

Man muss dazu nur alles, was gut läuft Gottes Willen zuschreiben. Und alles andere ignorieren.  Oder wahlweise bösen Mächten oder sich selbst anlasten.

Gott beschützt nicht, er passt nicht auf und er begleitet nicht

Sowas kann man sich nur ausdenken, einreden und daran glauben. Wenn es einen solchen Gott gäbe, dann müssten die, die an ihn glauben ja messbar weniger Leid ertragen müssen als Un- und Andersgläubige. Das ist nicht der Fall. Die Erklärung dafür ist so einfach wie nahe liegend: (Auch) diesen Gott gibts nicht.

Er ist zu 100% das Produkt menschlicher Phantasie, geboren aus Unwissenheit, Angst und einer hoffnungsvoll erscheinenden Illusion. Die irdische natürliche Wirklichkeit sieht so gar nicht danach aus, als habe hier ein wohlmeinendes allmächtiges Wesen seine Hände (oder was auch immer) im Spiel.

Ein kleines, aber nicht ganz unwichtiges Detail fehlt in der Beschreibung ebenfalls: Wer auf den göttlichen Begleitschutz verzichten will oder wer sich lieber von anderen Göttern beschützen lassen möchte, den bestraft dieser Gott dafür mit zeitlich unbegrenzten physischen und psychischen Höllenqualen.

Jetzt könnte man freilich einwenden, dass man sowas doch keinem vierjährigen Kind erzählt. Ich halte dagegen: Wenn man Kinder schon religiös indoktrinieren muss, dann müsste man schon bei der religiösen erfundenen Wahrheit bleiben.

Welche Folgen könnte es haben, wenn ein Kind, das den Gott als einen liebevollen Beschützer vermittelt bekommen hatte, einmal feststellt, dass dieser ja auch ein unvorstellbar unmenschliches und brutales Verhalten an den Tag legt, wenn man nicht an ihn glaubt? Dass seine Liebe alles andere als bedingungslos ist? Und eine Ablehnung unvorstellbar grausame Folgen hat? Auch wenn die freilich genauso fiktiv sind wie die angeblich guten Seiten dieses Gottes? Und dass auch Menschen, die ihre ganze Hoffnung auf ihn setzen und sich ihm vollständig unterwerfen, nicht vor Leid und Unglück verschont bleiben?

Diese Enttäuschung kann man seinem Kind ersparen, indem man ihm die vorausgehende Täuschung erspart.

Jesus: Ein Mensch wie du und ich?

[…] er [Jesus] ist also wie wir, mit Fehlern und Schwächen.

Diese Behauptung dürfte der Wahrheit entsprechen, wenn man Jesus als Mensch betrachtet. Nach christlicher Lehre ist er aber Gottessohn. Der durch einen komplizierten magischen Zeugungsakt (dieser Vorfall fehlt übrigens in der Beschreibung des Heiligen Geistes) und durch eine haarsträubend absurde Umdichtung der Biographie seiner Mutter frei von Erbsünde entstanden sein soll. Und hat als solcher folglich weder Fehler noch Schwächen:

  • Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.  (2. Kor 5,21 EU)

Vielmehr leben Christen ja in der Annahme, Jesus sei für die Fehler der Menschen bestraft und vorübergehend zu Tode gefoltert worden. Als Menschenopfer, mit dem sein Vater (wahlweise sein eigenes erstes Drittel) den Menschen seine Liebe unter Beweis stellen wollte.

Faktisch sind die Eigenschaften von Jesus freilich genauso bedeutungslos wie die angeblichen Eigenschaften von Zeus, der Zahnfee oder vom Fliegenden Spaghettimonster.

Warum behaupten die Leute von Kinderleicht erklärt dann aber, Jesus sei ein Mensch mit Fehlern und Schwächen gewesen? Vermutlich, um ihren Gott etwas sympathischer erscheinen zu lassen. Menschlicher. Das ist das Praktische an Phantasiewesen und Romanhelden: Man kann ihnen jede beliebige Eigenschaft an- oder wegdichten, ohne dass sich tatsächlich irgendetwas ändert.

Heiliger Geist – kinderleicht erklärt

Und jetzt wirds spannend. Denn jetzt kommt die Erklärung des “Heiligen Geistes”:

Und als Heiliger Geist lebt Gott in den Menschen, glauben Christen. Er ist eine Kraft, die sie dazu bringt, gute Taten zu vollbringen und gute Menschen zu sein.

Immerhin deutet Kinderleicht erklärt hier nochmal an, dass es sich bei dieser Behauptung um Glauben handelt. Hier kam die Unverbindlichkeit des Glaubens dann wohl wieder gerade recht. Da tut man sich offenbar schon schwerer, sowas als Tatsache zu behaupten. Gott Vater und sein Sohn dürfen bestimmte Eigenschaften haben; an einen Geist glauben wir vorsichtshalber lieber mal nur.

Aber was impliziert die Behauptung, es handle sich dabei um eine Kraft, die Menschen dazu bringt, gute Taten zu vollbringen und gute Menschen zu sein? Erstmal, dass es diese Kraft tatsächlich gibt. Was bis zum Beweis des Gegenteils nicht der Fall ist. Außerhalb des religiösen Zusammenhangs würde man sowas als “Lüge” bezeichnen. Und von der rät sogar der christliche Gott ab.

Noch viel perfider und unmenschlicher ist jedoch die Schlussfolgerung, die ein Kind aus dieser Behauptung ziehen dürfte: Meine Taten und ich sind nicht meinetwegen gut. Sondern weil mich eine ominöse Kraft dazu bringt. Ich bin wie eine Marionette, die von sich aus nicht in der Lage ist, Gutes zu tun oder gut zu sein. Ich werde von einem Geist ferngesteuert, der mich dazu veranlasst, das zu tun, was er für gut hält. Wenn ich gut bin oder Gutes tue, dann hat das der Heilige Geist verursacht.

Ob der Redaktion von Kinderleicht erklärt bewusst ist, wie hinterfotzig, verletzend und erniedrigend eine solche Behauptung bei Licht betrachtet ist? Gerade für Kinder, die mit vier Jahren sehr wahrscheinlich noch nicht zwischen als wahr vermittelten religiösen Wahngedanken und der Wirklichkeit unterscheiden können? Deren Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gerade erst im Entstehen begriffen ist? Die noch darauf angewiesen sind, dass sie keinen Unsinn als wahr angedreht kommen?

Schädlicher Unsinn

Ich halte es für äußerst kritikwürdig, Kindern solchen schädlichen Unsinn einzureden. Nun könnte man ja einwenden, die Kinderleicht erklärt-Redaktion habe sich ja nur auf das bezogen, was Christen glauben.

Allerdings gehe ich doch stark davon aus, dass ein vierjähriges Kind, das bei einer Zeitung anfragt, was es mit dem “Heiligen Geist” auf sich hat, sich diesen nicht selbst ausgedacht hat. Sondern, dass es in seinem – vermutlich christlichen (und, in Fulda, wahrscheinlich katholischen) – Umfeld damit konfrontiert worden war.

Und auch für den schlauen Beantwortungsfuchs scheint es völlig selbstverständlich und zweifelsfrei klar gewesen zu sein, dass es sich dabei natürlich um den christlichen, und keinen beliebigen anderen heiligen Geist handelt. Wo sich die Menschen doch schon so viele Geister ausgedacht haben…

Heiliger Geist - kinderleicht erklärtIm besten Fall erkennt das Kind rechtzeitig, dass es sich bei diesen Glaubensinhalten um pure Fiktion handelt, die für seine Lebenswirklichkeit völlig irrelevant ist.

Schlimmstenfalls kann die Indoktrination einer solchen Ideologie aber auch wie gewünscht funktionieren. Und neben einer – mitunter lebenslangen – Abhängigkeit auch Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle hervorrufen. Gerade, wenn man sie im Kleinkindalter als übergeordnete Wahrheit eingetrichtert bekommen hatte.

Wem nutzt es, Menschen zu abhängigen, unkritischen Schafen zu erziehen? Und ihnen ihre eigene Fähigkeit, “gut” zu sein und Gutes zu tun abspricht, indem man behauptet, hier sei ein “Geist” am Werk? Und indem man sie dazu verführt, auf die Unterstützung eines liebevollen Gottes zu vertrauen, obwohl der freilich nicht mehr als ein Hirngespinst ist?

Ganz einfach: Es nutzt der Kirche. Und vielleicht noch Menschen, die ein Leben in Abhängigkeit, Unterwerfung und Schuldgefühl als erfüllender empfinden als ein glückliches, selbstbestimmtes Leben. Menschen, die sich lieber auf eine ewige Belohnung im Jenseits vertrösten lassen als sich um ein erfülltes Leben im Diesseits zu bemühen.

Mit einem Gruselgeist hat der Heilige Geist nichts zu tun.

Doch, natürlich hat der Heilige Geist etwas mit einem Gruselgeist zu tun. Sogar in zweifacher Hinsicht:

Erstens ist die Vorstellung, menschliches Verhalten werde von Geistern fremdgesteuert noch um Längen gruseliger als ein Gruselgeist, der einen mal kurz erschrickt, ansonsten aber in Ruhe lässt.

Und zweitens ist auch der Heilige Geist genauso ein menschliches Hirngespinst wie jeder andere Geist auch. Sogar dann, wenn es bei Kinderleicht erklärt in der Fuldaer Zeitung anders steht.

*Die als Zitat gekennzeichnten Abschnitte stammen aus dem als Bildzitat genannten Originalbeitrag aus der Rubrik “Kinderleicht erklärt”, veröffentlicht von der Fuldaer Zeitung am 27.11.2017.

 

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Letzte Aktualisierung: 28. November 2017