Abschied von toxischer Erinnerungskultur – Das Wort zum Wort zum Sonntag

~ 8 Minuten

Abschied von toxischer Erinnerungskultur – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Pfarrer Dr. Wolfgang Beck, Hildesheim, veröffentlicht am 3.10.2020 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Anlässlich des 30jährigen Jubiläums der deutschen Wiedervereinigung erfindet Pfarrer Beck ein “christliches Erinnern.” Das sich dadurch auszeichnen soll, dass bei der christlichen Erinnerung “das Unangenehme nicht ausgeklammert wird.” Aber: Ist das wirklich so? Und was gibts für Christen überhaupt so alles zu erinnern?

Diesmal scheint es wieder mal besonders schwer gewesen zu sein, die Sendeminuten irgendwie zu füllen. Offenbar hatte Dr. Beck heute nicht mal ein passend erscheinendes Bibelfragment gefunden. Die meiste Zeit sinniert der Fernsehpfarrer über triviale Allgemeinplätze rund um Erinnerungen an die DDR und an die Wende. Und zu der Frage, wie Menschen diese Zeit heute erinnern.

Eine verklärende Ostalgie ist da genauso zu finden wie die Erinnerung an die Verbrechen eines Unrechtstaates. Für manche hatte die Wende eine Verbesserung ihrer Lebenssituation gebracht, für andere eine Verschlechterung. Alles keine wirklich neuen Erkenntnisse.

Die Frage, warum menschliche Gehirne generell dazu neigen, unangenehme Erinnerungen verblassen zu lassen und sich lieber an angenehme Dinge zu erinnern, kann ein Psychologe besser beantworten als ich. Sicher hatte sich diese Strategie evolutionär als vorteilhaft erwiesen. Das Vergessenkönnen muss, falls nicht vorhanden, erst erlernt werden und ist eine mindestens genauso wichtige Fähigkeit menschlicher Gehirne wie das Erinnern.

Christliche Erinnerungskultur

Interessant wird es eigentlich erst, wenn Herr Beck erwartungsgemäß seine Religion ins Spiel bringt:

In der christlichen Tradition spielt das Erinnern eine zentrale Rolle, aber eben nicht bloß als Rückbezug auf etwas, was vor 2.000 Jahren irgendwo in der hintersten Ecke des Römischen Reiches geschehen ist.
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Abschied von toxischer Erinnerungskultur – Das Wort zum Wort zum Sonntag)

Gerade das Erinnern in der christlichen Tradition erscheint mir außerordentlich toxisch. Das beginnt schon damit, was es denn überhaupt zu erinnern gibt.

Hier sind primär die “Heiligen Schriften” zu nennen. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Mythen und Legenden, die von unbekannten Autoren zwischen der ausgehenden Bronze- und der beginnenden Eisenzeit verfasst worden waren.

Eine verbindliche Urheberschaft lässt sich hier nicht feststellen. Die wenigen Inhalte, die sich historisch zuordnen und auch außerbiblisch belegen lassen, sind für die eigentliche Botschaft irrelevant.

Somit liefern diese Texte vielleicht einen Einblick in die Welt und in den Wissens- und Erkenntnisstand eines Halbnomadenvolkes. Und einiger, ebenfalls anonymen Autoren, die später noch Texte verfasst hatten, die dann in die Bibel aufgenommen worden waren.

Was gibt es eigentlich zu erinnern im Christentum?

Weil eine ordentliche Versionierung von Texten damals noch nicht existierte, entstanden weitere Probleme. So war zum Beispiel die Auferstehungslegende einige Jahrzehnte bis zur ersten schriftlichen Fixierung nur mündlich überliefert worden. Von wundergläubigen Analphabeten. Die noch nicht wussten, wohin die Sonne jeden Abend verschwindet.

Im Lauf der Jahrhunderte war die biblische Textsammlung dann immer wieder mit Ergänzungen, Weglassungen und abweichenden Übersetzungen verändert worden. Dies erfolgte sowohl unverschuldet, aber auch immer wieder auch zu ganz bestimmten Zwecken.

Und diese Veränderung findet auch heute noch statt. Da wird dann zum Beispiel mal die Frauenquote erhöht. Oder man versucht, besonders brutale und unmenschliche Stellen textlich zu entschärfen. Und weil es sich ja um Mythen und Legenden handelt, gibt es praktischerweise auch keine Faktenlage, die es dabei zu berücksichtigen gilt.

Die moderne Textforschung kann heute erstaunlich präzise sagen, welche Textstellen wahrscheinlich ursprünglich erhalten und welche später eingefügt worden waren.

Auch die Auswahl der Texte, die etwa 400 n.u.Z. als Bibel festgelegt (=kanonisiert) worden waren, erfolgte willkürlich bzw. natürlich auch wieder zweckdienlich.

Kern der biblischen Aussage ist ein unmenschliches und absurdes Belohnungs-Bestrafungskonzept (zusammengefasst in Mk 16,16). Sinngemäß: Wenn du tust, was meine Priester dir sagen, dann belohne ich dich nach deinem Tod. Tust du es nicht, bestrafe ich dich dafür mit zeitlich unbegrenzter physischer und psychischer Dauerfolter bei vollem Bewusstsein.

Diese kurze Zusammenfassung soll genügen, um schon mal einige toxische Aspekte dessen aufzuzeigen, was dem Christentum heute zum Erinnern zur Verfügung steht.

Toxische Erinnerungskultur

Allerdings sind nicht nur die Inhalte und die Entstehung dieser Schriften frag- und kritikwürdig. Auch die Art und Weise, wie das Christentum heute mit seiner “Erinnerung” umgeht, ist alles andere als redlich und ehrlich.

So bleibt Christen heute zum Beispiel nichts anderes übrig, als so zu tun, als handle es sich zumindest bei den glaubensrelevanten biblischen Mythen um tatsächlich geschehene Ereignisse.

Nach heutigem Wissensstand ist es jedoch ausgeschlossen, dass zum Beispiel der Schöpfungs- oder auch der Auferstehungsmythos tatsächlich so wie beschrieben jemals geschehen ist.

Aus vielen Gesprächen mit Christen weiß ich, dass vielen auch gar nicht bewusst zu sein scheint,  dass ihre “Frohe Botschaft” von der Erlösung nur dann einen Sinn ergeben kann, wenn man auch von dem Vorhandensein einer “Erbsünde” ausgeht. Und an die dafür erforderliche Paradieslegende will heute eigentlich kaum noch jemand wirklich glauben. Das ist selbst gläubigen Christen oft zu absurd und zu offensichtlich im Reich der Mythologie angesiedelt.

Zur Bewältigung dieser Widersprüche haben Christen etliche Strategien entwickelt. Um sich ihre “Erinnerung” so zurecht zu biegen, dass die Absurdität wenigstens nicht gar zu offensichtlich erscheint. Sehr beliebt und weit verbreitet ist dabei zum Beispiel das so genannte “Rosinenpicken.” Dabei “erinnert” man sich nur an Bibelfragmente, die ohne ihren Kontext zumindest unverfänglich oder gar erbaulich erscheinen.

Nicht nur unredlich, sondern hochgradig toxisch ist diese christliche Erinnerungskultur deshalb, weil die unmenschlichen und absurden Textstellen ja trotzdem genauso als Teil der “göttlichen Offenbarung” erhalten bleiben und immer weiter tradiert werden. Und ihnen somit, in Form einer göttlichen Offenbarung oder zumindest Inspiration eine übergeordnete Bedeutung und ewige Gültigkeit zugesprochen wird.

Sehr zur Freude aller Glaubensbrüder und -schwestern, die genau diese Stellen zur göttlichen Legitmierung ihrer Verbrechen heranziehen können.

Sensibilisiert für die Wahrnehmung des Unrechts heute

Christliches Erinnern hat eigentlich immer einen ausdrücklichen Bezug zur Gegenwart. Es soll für die Wahrnehmung des Unrechts heute sensibilisieren. Es soll helfen, heutige Menschen, die zu Opfern werden, überhaupt sehen zu können. Es soll Kraft geben, um heute das Leben gerechter und solidarischer zu gestalten. Eine so verstandene Erinnerungskultur beschränkt sich eben nicht auf ritualisierte Staatsakte und Feierstunden, sondern bringt aktuelle Probleme zur Sprache. Sie ist nicht gefühlig und sentimental, sondern mobilisiert. Ein Erinnern, bei dem das Unangenehme nicht ausgeklammert wird, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Gegenwart, so ein Erinnern ist wirklich anspruchsvoll, aus meiner Sicht aber dringend und notwendig.

Herr Beck, Ihre Kirche hat seit ihrer Existenz mehr als genug Unangenehmes, genauer: Unmenschliches, Unfaires, Widerwärtiges, Abstoßendes und hoch Kriminelles zu bieten, mit dem Sie an der von Ihnen empfohlenen Erinnerungskultur arbeiten können.

Zum Einstieg empfehle ich Deschners 10bändige “Kriminalgeschichte des Christentums.” Hier können Sie sich für das Unrecht sensibilisieren, das Ihre Kirche im Lauf der Jahrhunderte verbrochen hat.

…sondern bringt aktuelle Probleme zur Sprache

Und auch für einen Gegenwartsbezug brauchen Sie nicht mal vor die Kirchentüre zu treten:

In Anbetracht der aktuellen Entwicklung bezüglich des Skandales tausender bekannt gewordener Fälle von sexuellen Gewaltverbrechen gegen Kinder durch katholische Priester und das systematische Vertuschen durch die klerikale Führungsriege erscheint eine Ermahnung zu einer ehrlichen Erinnerungskultur aus dem Mund eines katholischen Priesters wie blanker Zynismus.

Es waren zumindest in diesem Fall eben nicht christliche Erinnerungen, die dem Klerus (und zum Glück auch der Öffentlichkeit) geholfen haben, hier die Opfer endlich zumindest mal zu sehen.

Gerade im Zusammenhang mit diesem Skandal zeigt die katholische Kirche ganz aktuell, wie es um ihre eigene christliche Erinnerungskultur bestellt ist: Man sorgt dafür, so viel wie möglich aus der eigenen Kriminalgeschichte verschwinden zu lassen. Denn alles, was erst gar nicht bekannt wird, kann auch später nicht erinnert zu werden.

Und bei bei den Fällen, die jetzt – ausschließlich durch Druck von außen und nicht durch die christliche Erinnerungskultur! – bekannt wurden und die sicher nur die Spitze des Eisberges der klerikalen Verdorbenheit darstellen, versucht man ebenfalls, die Aufarbeitung, Entschädigung und Opferhilfe so gering wie möglich zu halten. Es gilt, diese Maßnahmen möglichst so lange hinauszuzögern, bis möglichst viele der furchtbaren Erinnerungen verblasst oder ganz verschwunden sind.

Herr Beck, welchen Schaden, welches Leid das von Ihnen vertriebene Glaubenskonstrukt Menschen bringt, können Sie praktisch überall dort beobachten, wo Ihre Kirche heute noch maßgeblichen Einfluss hat oder gerade wieder gewinnt. Wie zum Beispiel in Afrika, USA und Südamerika.

Ein Erinnern, bei dem das Unangenehme nicht ausgeklammert wird…

Und wenn Sie dank Ihrer christlichen Erinnerungskultur die Kraft haben, heute das Leben gerechter und solidarischer zu gestalten, dann haben Sie ebenfalls in Ihren eigenen Reihen so viele Möglichkeiten, das zu tun. Lassen Sie Ihren Worten Taten folgen. Beschränken Sie sich dabei nicht auf ritualisierte Götterverehrung. Sondern bringen Sie aktuelle Probleme zur Sprache.

Einige Stichpunkte: Eine Aufarbeitung des Missbrauchsskandales, die diesen Namen auch verdient. Ablösung der Staatsleistungen. Abschaffung der kirchlichen Privilegien, für die sich die katholische Kirche bis heute auf die Konkordatsverträge beruft, die sie mit dem Naziregime geschlossen hatte (wie zum Beispiel die Sendezeit für Ihr “Wort zum Sonntag”). Beendigung der Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen und Menschen mit einer anderen als christlichen Weltanschauung. Aufgabe des Geschäftsmodells der Fremdfinanzierung und der kirchlichen Paralleljustiz. Beendigung der Indoktrinierung von Kindern.

Es gibt wahrlich viel zu erinnern in der christlichen Erinnerungskultur – und noch mehr zu tun.

So gesehen stimme ich Ihnen zu, Herr Beck: So ein Erinnern ist wirklich anspruchsvoll, aus meiner Sicht aber dringend und notwendig.

 

 

 

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