Gedanken zu: Impuls von Stadtpfarrer Buß: Die drei „L“

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Gedanken zu: Impuls von Stadtpfarrer Buß: Die drei „L“, veröffentlicht am 14.04.21 von osthessennews.de

Darum geht es

Binsenweisheiten auf Kalenderblattniveau sind offenbar gut geeignet, um sie für religiöse Zwecke zu verwenden.

Stadtpfarrer Buß empfiehlt für den Tagesstart:

[…] Drei L: langsam – leise – liebevoll. Vielleicht können diese drei L auch uns durch unseren Tag begleiten. Nicht überhastet, sondern langsam beginnen. Nicht gleich die lauten und großen Töne anstimmen, sondern leise den Tag beginnen. Vielleicht zuallererst hinhören, was Gott mir an diesem neuen Tag sagen will. Um dann diesen Tag liebevoll zu gestalten. Liebevoll den Menschen begegnen, liebevoll auch immer wieder die Verbindung zu suchen zu Gott.
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Impuls von Stadtpfarrer Buß: Die drei „L“, veröffentlicht am 14.04.21 von osthessennews.de)

Langsam?

Es gibt Menschen, die springen morgens aus dem Bett und starten direkt mit viel Schwung in den neuen Tag.

Und andere spricht man am besten nicht vor dem ersten oder zweiten Kaffee an. Ob jemand den Kickstart oder das langsame Eingrooven in den Tag bevorzugt, mag jede/r nach eigenen Präferenzen, vielleicht aber auch einfach nach jeweiliger Tagesform selbst entscheiden.

Und dann gibt es natürlich auch viele Menschen, die sich den Luxus eines gemütlichen Tagesstarts nicht leisten können.

Leise?

AufwachenGleiches gilt für die Entscheidung, ob man seinen Tag in Stille oder zum Beispiel mit ein bisschen Speedmetal beginnt. Bei letzterer Option sollte natürlich auf Mitbewohner und Nachbarn Rücksicht genommen werden.

Als Grund für einen kontemplativen Tagesbeginn gibt Herr Buß an, man solle zuallererst hinhören was Gott einem sagen will.

Voraussetzung dafür, hinhören (hören im Sinne von: Akustische Signale empfangen und auswerten) zu können, was einem jemand sagen will, wäre ja, dass irgendwer irgendetwas sagt.

Wie ein kurzer Abgleich mit der Wirklichkeit zeigt, sprechen Götter nicht mit Menschen. Alle Geschichten, in denen zum Beispiel der Bibelgott zu Menschen spricht, fallen in den Bereich der Mythologie.

Wenn also jemand behauptet, hören zu können, was Gott ihm oder ihr sagt, dann ist dies nicht von einer rein menschlichen Wunschvorstellung bzw. Einbildung zu unterscheiden.

Das bedeutet nicht, dass solche Stimmen von denen, die behaupten, sie zu hören nicht auch durchaus als real empfunden werden können.

Aber: Je überzeugter Menschen an dieser irrigen Vorstellung festhalten, desto näher bewegen sie sich in Richtung Wahn.

Göttliche Stimme = innere Stimme

Wer oder was ist es also nun wirklich, von dem Gläubige meinen, dass er oder es ihnen etwas sagen will?

Vermeintlich göttliche Botschaften sind, genauso wie die jeweils geglaubten Götter, bis zum Beweis des Gegenteils rein menschliche Phantasieprodukte.

Menschen erdenken sich ihre göttlichen Ansprachen selbst. Wenn sie meinen, Gott spräche zu ihnen, dann sind sie es selbst, die sich selbst, ihre eigene gedankliche Innenwelt aus einer übergeordneten, zumeist idealisierten Perspektive heraus bewerten und kommentieren. Und das halten sie dann für göttliche Botschaften. Obwohl diese genauso ihrem eigenen Gehirn entspringen wie ihre eigene innere Stimme.

Dagegen, dass es sich bei göttlichen Botschaften tatsächlich um Nachrichten von Göttern handelt, spricht zum Beispiel auch, dass ja Anhänger aller beliebigen Götter behaupten und mitunter auch felsenfest davon überzeugt sind, ihre jeweiligen Götter würden mit ihnen kommunizieren.

Das Phänomen ist vergleichbar mit dem des Bauchredens. Nur dass Gläubige auch ohne eine Puppe auskommen, deren Lippen sie synchron zu ihren selbst formulierten göttlichen Gedanken bewegen.

In einem bestimmten Alter sind Rollenspiele bei Kindern sehr beliebt: „…ich wäre halt der Vater und du das Kind…“ – Genau so, wie Kinder hier in die Rolle von Vater, Mutter oder Kind schlüpfen, übernehmen Gläubige die Rolle ihres Gottes, um sich selbst etwas vorzuspielen.

Und was sagt mir das jetzt…?

Gläubige, denen das mit direkten göttlichen Mitteilungen zu esoterisch ist, können die Sache natürlich für sich entschärfen. Indem sie nicht annehmen, dass Gott ihnen tatsächlich etwas auf direktem Weg, direkt in den Kopf hinein mitteilen will.

Sondern im Sinne von: „Und was sagt mir das jetzt…?“ Das kann entweder ganz abstrakt geschehen. Oder auch auf tatsächliche Wahrnehmungen und Erlebnisse bezogen.

Auch hier bewegen sich Menschen wieder in Richtung wahnhaftes Verhalten. Wenn sie ernsthaft daran festhalten, ihr Gott schicke ihnen Botschaften in Form von Wahrnehmungen oder Erlebnissen, die tatsächlich stattfinden. Und die sie erkennen können, wenn sie sie nur richtig deuten.

Die Bandbreite reicht hier von einer kleinen, eher harmlosen kognitiven Verzerrung bis hin zur ausgeprägten Wahnerkrankung, die den Gläubigen in seiner psychischen Gesundheit und damit auch in der Bewältigung des Alltags beeinträchtigen kann.

Ob konkret oder ganz abstrakt: Immer braucht man erstmal irgendeine Vorstellung davon, was einem der jeweils geglaubte Gott wohl sagen würde, wenn es ihn gäbe und wenn er es denn täte.

Diese Vorstellung basiert meist auf einem bestimmten Gottesbild. Welches das ist, hängt fast immer nur davon ab, wann und wo man geboren wurde. Und nicht davon, dass irgendein Gott tatsächlich realer oder seine vermeintliche Botschaft wahrer wäre als die vielen tausend anderen, die sich Menschen schon ausgedacht haben.

Liebevoll??

Wer als katholischer Priester Christen rät, „liebevoll auch immer wieder die Verbindung suchen zu Gott“, der braucht freilich nicht dazu zu schreiben, welchen Gott er meint: Natürlich den mit der tripolaren Persönlichkeit, den aus der Bibel.

Leider verrät Pfarrer Buß nicht, warum man ausgerechnet zu diesem Gott, dessen Mythologie ihn als den unangenehmsten Charakter menschlicher Fiktion beschreibt auch noch liebevoll und immer wieder eine Verbindung suchen solle.

Genauso, wie es Menschen gibt, denen man aus guten Gründen nicht liebevoll, sondern am besten gar nicht begegnen möchte, stellt sich auch bei Göttern die Frage nach Gründen, warum man diesen liebevoll begegnen solle.

Hier sei nur an das völlig tatenlose Verhalten in Anbetracht des vielfältigen Leides empfindungsfähiger Lebewesen erinnert. Und an das unmenschliche, grausame und ungerechte Konzept der Hölle, das die biblisch-christliche Mythologie nun mal genauso zu bieten hat wie die Nötigung zur angeblichen postmortalen Belohnung des „rechten Glaubens.“

Der Bibelgott ist nicht allgnädig. Sondern gnadenlos

Der auf dem abrahamitischen Gottesbild basierende Gott repräsentiert die (damalige) menschliche Idealvorstellung einer (all-)mächtigen und damit der menschlichen Moral überlegenen Moralinstanz. Gemäß der biblischen Mythologie ist dieser Gott allerdings nicht allgnädig. Sondern gnadenlos. Wenn es um die Frage seiner exklusiven und unbedingten Anerkennung und Verehrung geht.

Wer sich einen Gott wünscht, der es verdient hat, dass man sich ihm liebevoll nähert, der müsste sich einen solchen Gott neu ausdenken.

Wieso man immer wieder versuchen sollte, sich Gott zu nähern, lässt sich recht einfach erklären: Nichts weniger als Gottes Existenz hängt davon ab, dass es noch Menschen gibt die versuchen, eine Verbindung zu ihm zu suchen. In dem Moment, wo jemand aufhört, eine „Verbindung“ zu einem Gott zu suchen, löst sich dieser Gott in Nichts auf. Er wird für den Gläubigen genauso bedeutungslos wie die vielen tausend Götter, an die er auch vorher schon nicht glaubt hatte.

Genau genommen bestehen Götter lediglich aus der menschlichen Einbildung, es sei möglich und sogar erforderlich, deren „Stimme“ zu „hören.“ Oder sich einzubilden, sie  sonst wie wahrzunehmen oder zu erkennen.

In Wirklichkeit sind es freilich nicht die Götter, die darauf angewiesen sind, dass noch jemand an sie glaubt.

Es sind die Priester, deren Einkommen davon abhängt.

Insofern ist der Appell von Pfarrer Buß durchaus nachvollziehbar: Als katholischer Priester hat er natürlich ein Interesse daran, Menschen dazu zu bewegen, ihm den Gott abzukaufen, den er verkündet.

So betrachtet ist es vermutlich auch Herr Buß selbst, der sich selbst danach sehnt, dass man ihm liebevoll begegnen möge. Schließlich repräsentiert er ja diesen Gott. Er fühlt sich von diesem berufen und handelt in seinem vermeintlichen Auftrag. Er nimmt stellvertretend für ihn Beichten und Schuldbekenntnisse in Empfang. Und hat, anders als magische Himmelswesen, tatsächlich ein Bedürfnis nach Liebe.

Die wichtigste Botschaft des heutigen Impulses lässt sich so zusammenfassen:

Ob du schnell oder langsam, laut oder leise in den Tag startest: Sei kein Arschloch!

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