Gedanken zu: Impuls von Stadtpfarrer Buß: „Suchet der Stadt Bestes“ (Jer. 29,7) – Citypastoral

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Gedanken zu: Impuls von Stadtpfarrer Buß: „Suchet der Stadt Bestes“ (Jer. 29,7) – Citypastoral, veröffentlicht am 14.07.21 von osthessennews.de

Darum geht es

Diesmal plaudert Pfarrer Buß mal aus dem katholischen Nähkästchen. Wir erfahren einiges über die geplante Strategie, mit der sich die Kirche wieder mehr Relevanz verschaffen möchte.

– „Suchet der Stadt Bestes“ (Jer 29,7) – so ist das Konzept Papier der Fuldaer Citypastoral von 2015 überschrieben, dass ich mit meinem damaligen Mitarbeiter Björn Hirsch formulierte. Bereits im Titel des Konzeptionspapiers klingt an, aus welcher Perspektive die Katholische Citypastoral in Fulda ihr Angebot plant.
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Impuls von Stadtpfarrer Buß: „Suchet der Stadt Bestes“ (Jer. 29,7) – Citypastoral, veröffentlicht am 14.07.21 von osthessennews.de)

Bei der hier zitierten Bibelstelle handelt es sich um eine Aufforderung zur Appeasement-Politik.

Haltet diesmal einfach mal die Klappe und vermehret euch…

Die Herrscher in Jerusalem wurden aufgefordert, dafür zu sorgen, dass sich das Volk, das Gott ins babylonische Exil hatte schicken lassen möglichst unauffällig verhalten solle:

  • So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
    (Quelle: Jeremia 29, 4-6 LUT)

Hier zeigt sich der liebe Gott mal von seiner opportunistischen Seite: Statt, wie sonst üblich, einen Angriffskrieg samt Landnahme anzuordnen, befiehlt er diesmal, den Ball flach zu halten und die Zeit zur Vermehrung zu nutzen.

Ob das Citypastoral-Konzeptpapier vorsieht, dass auch die Fuldaer ihren Söhnen Frauen und ihren Töchtern Männer geben sollen, auf dass sich die Christenschar vermehren möge, dass sie nicht weniger werden geht aus dem „Impuls“ nicht hervor.

Aber ihr wolltet nicht hören…

Einziges Kriterium ist natürlich wie immer der „rechte Glaube“ an den „richtigen Gott.“ Diejenigen, die dieses Kriterium nicht erfüllen, dürfen sich auf gewohnt gnadenlose Bestrafung durch den allgnädigen lieben Gott gefasst machen:

  • Fürwahr, so spricht der HERR über den König, der auf Davids Thron sitzt, und über das ganze Volk, das in dieser Stadt wohnt, über eure Brüder, die nicht mit euch in die Gefangenschaft gezogen sind, ja, so spricht der HERR Zebaoth: Siehe, ich will Schwert, Hunger und Pest unter sie schicken und will sie machen wie die schlechten Feigen, davor einem ekelt zu essen, und will hinter ihnen her sein mit Schwert, Hunger und Pest und will sie zum Bild des Entsetzens machen für alle Königreiche auf Erden, zum Fluch, zum Grauen, zum Hohn und zum Spott unter allen Völkern, wohin ich sie verstoßen werde, weil sie meinen Worten nicht gehorchten, spricht der HERR, der ich meine Knechte, die Propheten, immer wieder zu ihnen gesandt habe. Aber ihr wolltet nicht hören, spricht der HERR.
    (Quelle: Jeremia 29, 16-19 LUT)

So viel zum biblischen Background der Bestrebungen, mit denen Herr Buß also seine immer kleiner werdende Stadtschafherde bei der Stange zu halten oder gar Neukunden zu aquirieren versucht.

Der Stadtpfarrer (wieso eigentlich nicht churched city priest?) Stefan Buß braucht freilich keine allzu große Bedenken zu haben, dass sich irgendwer aus seiner Zielgruppe mit den biblischen Quellen näher auseinandersetzt, aus denen er sich seine Rosinchen zusammenpickt.

Seelische und geistliche Bedürfnisse vs. katholisches Profil

Sie denkt von den Menschen her. Sie will sensibel und wachsam auf die seelischen und geistlichen Bedürfnisse der Menschen in der Stadt eingehen. Dabei soll das katholische Profil in jedem Angebot deutlich erkennbar sein.

Klar: Die Zeiten, in denen die Kirche noch die Macht hatte, Menschen mit Höllendrohungen einzuschüchtern und mit fiktiven Heilsversprechen aufs Kniebänkchen zu locken, sind, zumindest hierzulande, längst vorbei.

Es bleibt ihr also, genau wie dem Exilvolk in Babylon, gar nichts anderes übrig, als sich irgendwie anzupassen. Um das Verschwinden von der Bildfläche in die Bedeutungslosigkeit wenigstens noch ein bisschen hinauszuzögern. Wenigstens so, dass es noch bis zur Rente reicht…

…ihrem Wesen nach missionarisch…

Die „seelischen und geistlichen Bedürfnisse der Menschen in der Stadt“ spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Primär geht es um die Verbreitung des Glaubens:

Das Zweite Vatikanische Konzil stellt im Missionsdekret Ad gentes (AG) fest, dass die Kirche „ihrem Wesen nach missionarisch“ ist. Citypastoral ist ein Weg, die Sendung Jesu zu den Menschen fortzuführen.

Plakat: Tonfilm ist Kitsch!
Quelle: Netzfund

Mit anderen Worten: Immer weniger Leute haben noch ein Interesse an dem Produkt, das wir vertreiben. Da wir aber nur dieses eine Produkt im Angebot haben, müssen wir uns notgedrungen neue Strategien ausdenken, wie wir unser Produkt weiterhin gewinnbringend verkaufen können.

Auf die Idee, dass es gar nicht an der Markenkommunikation, sondern am Produkt selbst liegen könnte, scheint Herr Buß nicht zu kommen.

Ob da noch ein Reframing des Katholizismus als optionales Sinnangebot etwas ausrichten kann, halte ich für mehr als fraglich: Das „Wort Gottes“ hatte sich noch nie wegen seiner überlegenen Wahrheit, Moral, Bedeutsamkeit oder Nützlichkeit für die Gläubigen verbreitet. Sondern zum allergrößten Teil mit dem Schwert, immer im Zusammenhang mit machtpolitischen Vorgängen.

Tonfilm ist Kitsch!

Die als Citypastoral bezeichneten Werbestrategien erinnern an die verzweifelten Versuche der Stummfilmindustrie in den 1930er Jahren. Die wollte das Publikum mit eindringlichen Argumenten davon abhalten, die gerade neu aufkommenden Tonfilme gegenüber den bis dato gezeigten Stummfilmen zu bevorzugen.

Um die Sendung auf eine angemessene Weise fortführen zu können, möchte sie stets flexibel auf die sich verändernden gesellschaftlichen, demographischen und religiösen Gegebenheiten reagieren.

…möchte? Muss! Hier wird deutlich, dass es primär eben nicht um irgendwelche Interessen und Bedürfnisse der Zielgruppe geht. Sondern um die Erweiterung oder wenigstens Sicherung der kirchlichen Absatzmärkte:

Die Bedeutung der Städte für die Mission der Katholischen Kirche

In der Enzyklika Redemptoris missio (RM) von Johannes Paul II. wird die Bedeutung der Städte für die Mission der Katholischen Kirche hervorgehoben.

Hier heißt es: „Zu den bevorzugten Orten müssen die Großstädte werden, in denen neue Gewohnheiten und Lebensstile, neue Formen der Kultur und der Kommunikation entstehen, die ihrerseits wieder die Bevölkerung beeinflussen.“

Dieser Zug scheint, abgesehen vielleicht von einigen Ausnahmen, schon längst abgefahren zu sein. In Großstädten wie etwa Berlin spielt Religion nur noch dann eine Rolle, wenn sich die Kirche wiedermal mit Symbolik und klerikal-arroganter Penetranz hervortut. Und in Städten wie Köln sorgt niemand so effektiv wie die katholische Kirche selbst dafür, dass es hier bald auch nichts mehr zu missionieren gibt.

Schon wieder Gottesreichsphantasien…

[…] Citypastoral ist kirchliches Handeln auf den Straßen und Plätzen der heutigen Stadt. Dort sucht sie die Begegnung mit Menschen, um in unser „Heute“ hinein die christliche Botschaft vom Reich Gottes unter den Menschen zu verkünden.

Ersetze „christliche Botschaft vom Reich Gottes“ durch „VHS-Videorekorder“ und das eigentliche Problem wird offensichtlich.

In der Citypastoral geht die Kirche auf die Menschen zu. Citypastoral geschieht im Vorübergehen. Sie möchte nicht vereinnahmend sein, sondern vielmehr „den Glauben anbieten in der heutigen Gesellschaft“.

Das biblisch-christliche Glaubenskonstrukt ist kein optionales Angebot für Sinnsuchende.

Es ist ein unmoralisches und unmenschliches Erpressungssystem: Wer dieses Angebot nicht annehmen möchte, wird dafür mit physischer und psychischer Höllenfolter bei vollem Bewusstsein zeitlich unbegrenzt bestraft.

Wem nutzt Citypastoral?

Citypastoral nimmt die gesamte Stadt mit ihren Bezügen in den Blick. Eine besondere Stellung nimmt die Mobile Verkündigung ein: Die Kirche geht auf die Plätze der Stadt, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, ihnen Gesprächspartner zu sein oder sie über kirchliche Angebote zu informieren.

Citypoastoral FuldaObwohl sich vermutlich niemand so intensiv mit seinen Online-Verkündigungen auseinandersetzt wie wir bei AWQ, hatte Herr Buß, zumindest bis jetzt und abgesehen von einigen ziemlich wenig werbewirksamen E-Mail-Antworten noch keine Chance genutzt, um mit uns in Kontakt zu kommen. Obwohl wir eigentlich das Kriterium erfüllen, das für die Auswahl der Zielgruppe gleich noch genannt werden wird.

Geh-bloß-nicht-hin-Kirche

Auch die Citypastoral Fulda sucht die Orte auf, an denen sich die Menschen aufhalten (Geh-Hin-Kirche).

…was bleibt ihr auch anderes übrig, wenn von allein keiner mehr kommt…

Hauptansatz jedes Citypastoral-Konzeptes: Kirche kommt zu den Menschen und begibt sich gleichzeitig dorthin, wo Menschen sich in ihrem Alltag aufhalten. Mitten im säkularen, konsumorientierten und hektischen Betrieb der Stadtzentren, Plätze und Einkaufszonen versucht Kirche, „Gottesberührung“ zeitlich umgrenzt zu ermöglichen. Der Mensch in seiner aktuellen Lebenssituation wird ernst genommen; unabhängig gleich welcher Religion oder Herkunft.

„Möchten Sie nicht mal kurz reinkommen und sich unseren Stummfilm anschauen? Wenn Sie möchten, können Sie auch eine Kopie davon auf VHS-Kassette kaufen…“

Zeitlich umgrenzte „Gottesberührung“

Die Frage, die sich stellt (oder stellen sollte) ist: Was konkret sollte eine zeitlich umgrenzte „Gottesberührung“ (man beachte die Gänsefüßchen) dem säkularen, konsumorientierten und hektischen Betrieb der Stadtzentren (man beachte die negative Konnotierung des Säkularismus) entgegen setzen können?

Eine kurze Pause beim Stadtbummel, einen kleinen Smalltalk kann man sicher sinnvoller nutzen als dazu ausgerechnet mit diesem Gott „in Berührung“ kommen zu müssen. Der gemäß seiner biblischen Beschreibung als die wohl unangenehmste Figur menschlicher Fiktion gilt.

Auch hier wird wieder offensichtlich, dass es in erster Linie eben nicht um die Bedürfnisse der Städter, sondern um die der Berufschristen geht. Deren Einkommen langfristig davon abhängt, dass sich noch irgendwer mit ihrem Gott „in Berührung“ bringen lassen möchte.

Deshalb hofft man, auf der Straße wenigstens ein paar Leute mit „seelischen und geistlichen Bedürfnissen“ zu finden. Die möglicherweise empfänglich sein könnten für die unverfänglich zurechtgebogene, weichgespülte Glaubenslehre.

Ganz unverbindlich. Das mit dem klaren katholischen Profil kommt dann später… Man will ja nicht mit der Kirchentüre ins Haus fallen…

Unchurched people

Bernadette Wahl sagt: Wir sind ein junges Citykirchenprojekt, welches sich schwerpunktmäßig auf „unchurched people“ ausrichtet. Dazu öffnen wir unsere zentral gelegene Stadtpfarrkirche, dort bieten wir Sitzgelegenheiten und Gesprächsmöglichkeiten an. Auch Veranstaltungen sollen Menschen in die Kirche bewegen, die diese zum Sonntagsgottesdienst nicht aufsuchen.

Es erscheint schon wie ein arges Armutszeugnis: Waren die Himmelshoffnung und die Höllendrohung jahrhundertelang die sehr erfolgreich eingesetzten und überzeugenden USPs der katholischen Kirche, muss man potentielle Neukunden heute so niederschwellig ködern, dass sich die Aquise auf eine Sitzgelegenheit für eine Verschnaufpause und ein Schwätzchen beschränkt.

Auch die allwöchentliche rituelle Menschenfleischverspeisungszeremonie, in der sich nach katholischer Einbildung ja kein geringerer als der Gottessohn höchstselbst „zur Speise darbietet“ scheint nicht mehr zu ziehen.

Was der Halb- bzw. Drittelgott wohl dazu sagen würde, dass sich die, die sein Produkt auf Erden vermarkten jetzt schon zusätzliche, spezielle Events (vermutlich ausdrücklich ohne den Verzehr von verzauberten Backoblaten, weil die ja an „unchurched people“ gar nicht ausgeteilt werden dürfen) ausdenken müssen? Um Leute dazu zu bewegen, vielleicht doch (wieder) Appetit auf ihn zu bekommen?

A propos unchurched: Mit diesem Wort wird (genauso wie mit dem Begriff „Atheismus“) suggeriert, dass diesen Leuten irgendwas fehlen würde. Weil das aber gar nicht der Fall ist und um diesem Begriffen den negativen Beigeschmack zu nehmen, schlage ich stattdessen „churchfree people“ vor. Oder einfach: Gottlos glücklich!

Citypastoral: Im Übergang zwischen Stadt und Kirche

Wir gehen aktiv auf Menschen und Organisationen der Stadt zu, suchen qualitativen Kontakt und Beziehung und entwickeln innovative Projekte im Übergang zwischen Stadt und Kirche.“ Wir laden Dich und euch herzlich ein!

Tun Sie das!

Es kann ja nie schaden, sich auch mal wieder mit ein paar Leuten zu unterhalten, die nicht sowieso schon das glauben, was man selbst so glaubt.

Das kann auch helfen, die eigenen Glaubensüberzeugungen wiedermal selbstkritisch zu überdenken und mit der Wirklichkeit abzugleichen.

Vielleicht finden Sie ja auch tatsächlich noch ein paar Stummfilm-Fans, denen wie Ihnen der Tonfilm ein Graus ist!

Und bitte nehmen Sie aus bekannten Gründen davon Abstand, Kinder in Ihre Kirchen zu locken.

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