Bikini-Figur – wie soll das gehen? – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 6 Min.

Bikini-Figur – wie soll das gehen? – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Julia Enxing, veröffentlicht am 18.6.22 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Christen sind zur Körperpflege angehalten, weil ihre Körper schließlich nicht ihnen selbst, sondern dem lieben Gott gehören, der sie an seinen Geist untervermietet. Von Frau Enxing gibts zur zitierten Bibelstelle ein Floskel-Schaumbad auf die Ohren.

Was mache ich, wenn ich eigentlich gar nichts zu sagen habe, aber trotzdem irgendwie vier Minuten Sendezeit mit unverfänglicher Glaubensreklame füllen muss?

Bikini-Figur

Genau. Ich wähle irgendein willkürliches Stichwort oder jahreszeitlich passendes Thema, notiere mir dann alle Begriffe, die mir dazu einfallen und präsentiere das Ergebnis meines freien Assoziierens in Form einer möglichst langen Aufzählung.

Bikini-Figur

So zumindest macht Frau Enxing das diesmal mit der Bikini-Figur. Und schildert ausführlichst, was sie offenbar schon so alles im Freibad zu Gesicht bekommen hat.

Spoiler: Wer aufgrund des Titels der heutigen Sendung auf praktische Tipps hofft, wie man schnell noch das hinbekommt, was sich die meisten Menschen wohl unter „Bikini-Figur“ vorstellen, wird vermutlich enttäuscht werden.

Ansonsten folgt Frau Enxing dem altbekannten „Wort-zum-Sonntag“-Schema:

Kreiere ein Problem, mache irgenwen dafür verantwortlich (außer natürlich Kirche/Glaube/Religion) und verkaufe dann deine Religion, gerne garniert mit einem passend herausgepickten Bibelfragment als sinnvolle Lösung des Problems.

Trends der Gesellschaft und Gelüste anderer

Nachdem Frau Enxing also schon mal die meiste Zeit ihrer Kirchen-Dauerwerbesendung damit bestritten hat aufzuzählen, wie unterschiedlich Menschen aussehen können, muss jetzt schnell ein Problem her:

[…] Wenn es doch nur so wäre, dass wir uns alle mit unseren Körpern anfreunden, zu ihnen freundlich sein könnten. Wenn wir doch nur alle mit unseren so oder so aussehenden Körpern versöhnt wären und sie nach unserem Willen gestalten und verzieren würden – und nicht nach den Trends der Gesellschaft oder den Gelüsten anderer. Die Kraft, den eigenen Körper zu zeigen, hat nicht jede. Und es gibt sehr viel vermeintliche Optimierungsversuche, von denen eine ganze Industrie lebt.

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Bikini-Figur – wie soll das gehen? – Wort zum Sonntag, verkündigt von Julia Enxing, veröffentlicht am 18.6.22 von ARD/daserste.de)

Frau Enxing, sind Sie denn mit Ihrem ursprünglichen beruflichen Fach, der Systematischen Theologie schon soweit durch, dass Sie sich jetzt als küchenpsychologische Lifestyle-Beraterin betätigen?

Zum Ihrem Thema „Schuld und Sünde in der Kirche“ zum Beispiel gibts doch sicher noch (bzw. immer wieder neue) Aspekte, denen Sie sich nochmal intensiv widmen könnten. Dann müssten Sie auch keine Mutmaßungen über das Verhältnis von anderen Leuten zu deren eigenen Körpern anstellen.

Ich frage mich: Was geht es Sie denn überhaupt an, wer was mit seinem Körper tut oder nicht tut? Ob jemand mit dem eigenen Körper „versöhnt“ ist oder nicht? Oder allgemeiner: Was haben psychologische oder soziologische Themen mit Theologie zu tun?

Vermeintliche Optimierungsversuche

Immerhin: Mit vermeintlichen Optimierungsversuchen, von denen eine ganze Industrie lebt kennen Sie sich als Vertreterin der katholischen Kirche natürlich aus…

Spontan fällt mir da zum Beispiel die berühmt-berüchtigte Selbsterniedrigungsformel aus der allsonntäglichen katholischen Liturgie ein:

  • „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“

…auch so ein vermeintlicher Optimierungsversuch, von dem eine ganze Industrie lebt.

Wohingegen Menschen, die den Wunsch haben, ihr Aussehen oder ihre Fitness zu verändern, tatsächlich auf ein großes Angebot zurückgreifen können, um diese persönlichen Ziele nicht nur vermeintlich, sondern tatsächlich zu erreichen.

Alles Positive, was Menschen selbst und von sich aus tun und was Berufschristen somit nicht ohne Weiteres ihrem lieben Gott zuschustern können, scheint ihnen ein Dorn im Auge zu sein. Etwas, das es bei jeder Gelegenheit zu kritisieren, keinesfalls aber zu loben gilt.

In der Bibel wird der Körper als Tempel des Geistes Gottes (1 Kor 6.19) bezeichnet.

Wie immer, wenn irgendwo Bibelfragmente eingestreut werden, lohnt sich ein Blick auf dem Kontext, aus dem sie herausgepickt wurden.

…dass ihr nicht euch selbst gehört

In der hier angesprochenen Bibelstelle warnt Paulus die Korinther eindringlich vor Sex mit Prostituierten:

  1. Oder wisst ihr nicht: Wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: »Die zwei werden ein Fleisch sein« (1. Mose 2,24).
  2. Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm.
  3. Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außerhalb seines Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.
  4. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?
  5. Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.
    (1. Korinther 6,16-20 LUT)

Menschen wird hier die Autonomie über ihren eigenen Körper abgesprochen.

Mit dem Verweis darauf, dass man sich ja gar nicht selbst gehöre. Der Mensch sei eine göttliche Investition, die es deshalb pfleglich zu behandeln gilt, weil man zwar Besitzer, aber nicht Eigentümer sei.

Mir kommen da spontan Parallelen zur übrigen Tierwelt in den Sinn: Ein Parasit hat ein durchaus nachvollziehbares Interesse am Wohlergehen seines Wirtstieres. Solange er von ihm profitieren kann.

Katholische Leibfeindlichkeit

Die Leibfeindlichkeit des Paulus, dessen biblische Schilderungen auf tiefgreifende psychische Probleme schließen lassen (um es höflich auszudrücken) wurde durch spätere Kirchenlehrer weiter verstärkt und ausgebaut.

Die katholische Vorstellung, wie denn so ein göttlicher Leihkörper am besten die göttlichen Zwecke erfüllen könne, basiert auf eben diesen Ansichten – in verschiedenen Abstufungen:

Während für manche Hardcore-Fanatiker schon auch richtiges, eigenes Blut fließen muss, um das Leiden des HErren auch am eigenen (Leih-)Leib authentisch nachspüren zu können, darf sich das Fußvolk zumindest auf Holzbänkchen knien, um wenigstens ein bisschen Schmerz und Minderwertigkeit zu verspüren und Unterwürfigkeit heucheln zu können.

Aber nochmal zurück von der katholischen Selbsterniedrigung zu Bibelstelle, die Frau Enxing offenbar als passend zum Thema erachtet hatte. Da ging es darum, dass man keinen Sex mit Prostitutierten haben solle, wenn man vom „heiligen Geist“ besessen ist, weil dann kein Platz für den lieben Gott bliebe, der möglicherweise ja auch selbst sexuelle Bedürfnisse zu haben scheint.

Und wenn jemand schon „ein Fleisch“ mit seinem Gott ist und der dann aber auch noch mit einer Hure Sex hat, dann hätte ja quasi der liebe Gott auch mit der Hure Sex und – huiuiuiui! – sowas darf natürlich auf keinen Fall passieren! Der bestimmt über seine Sexpartner immer noch selber!

Später scheinen sich der liebe Gott und seine Anhänger irgendwie geeinigt zu haben, was Sex mit Huren angeht. Schließlich wurde Prostitution zu einer der wichtigsten Einnahmequellen, die maßgeblich zum heutigen Reichtum der katholischen Kirche beitrug.

Man braucht nicht tief zu graben, um den Stuss ans Tageslicht zu befördern, mit dem Funktionäre des Christentums bis heute ihr Mitspracherecht bei Fragen, die das Leben und die Selbstbestimmung aller Menschen betreffen zu legitimieren versuchen.

Liebe an und für sich

Wir sollten unseren Körpern also etwas Gutes tun, weil sie mehr sind als nur Fleisch, Blut, Muskeln, Knochen, Bänder und Sehen. Unsere Körper sind Ausdrucksform unserer Individualität, durch sie sprechen wir eine eigene Sprache. Sie sind – im besten Fall – Orte der Liebe und Zärtlichkeit, der Zuneigung, Lust und Erotik, des Respekts, der Achtung und der Wertschätzung. Im besten Fall erfreuen wir uns und einander an und mit unseren Körpern.

Außer natürlich, wenn wir katholische Priester sind.

Dann verzichten wir am besten auf Liebe und Zärtlichkeit, Zuneigung, Lust und Erotik. Weil wir sonst – auch 2022 noch! – in den meisten Gegenden unsere Jobs los sind, wenn unser Verhältnis zu einem Partner oder zu einer Partnerin oder zu mehreren Partner*innen rauskommt. Deshalb verheimlichen wir unsere Liebe – oder erfreuen uns an und mit unseren eigenen Körpern. Und natürlich am „Heiligen Geist“, von dem wir uns einbilden, dass er von uns Besitz ergriffen hat.

Durch das bis heute bekannt gewordene Ausmaß sexualisierter Gewalt katholischer Geistlicher gegen Kinder und durch den verachtenswerten Umgang der katholischen Kirche mit diesem Skandal sollten Kirchenvertreter es meiner Meinung nach unterlassen, sich öffentlich zu Themen wie Lust und Erotik und woran wir uns „im besten Fall“ an- und miteinander erfreuen sollten zu äußern.

Körper-Seele-Dualismus: Wunderschön, aber falsch

Wunderschön hat das die Heilige Teresa von Avila gesagt: „Tu Deinem Körper Gutes, damit Deine Seele Lust hat, darin zu wohnen“.

Wunderschön – aber sehr wahrscheinlich auch ganz schön daneben.

Teresa von Avila, die sich den Beschreibungen zufolge ebenfalls in die Liste der psychisch schwerkranken Protagonisten des Christentums einreiht dürfte mit „Seele“ genau das gemeint haben, was der dem Christentum zugrunde liegende Körper-Seele-Dualismus darunter versteht: Ein von Gott eingehauchtes Etwas, das den Mensch vom Tier unterscheidet und was auch losgelöst von einer funktionierenden „Hardware“ in Form eines menschlichen Gehirns irgendwie selbständig und zeitlos existieren kann.

Da es zu diesem Thema demnächst einen hochsommerlich-heißen Spezial-Buchtipp geben wird, erspare ich mir eine Erörterung dieses Themas an dieser Stelle. Und stelle zum Abschluss stattdessen

Drei Fragen

  1. Wie groß ist wohl der Anteil der Katholikinnen, die deshalb eine Bikini-Figur anstreben, weil sie ihren Körper für einen Tempel des Geistes ihres Gottes halten und weil der sich in ihnen wohl fühlen soll!?
  2. Rechtfertigt dieser Anteil, erst recht in Bezug auf das Gesamtpublikum des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eine vierminütige Religionswerbesendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Eine Sendung, die zu 98% aus Plattitüden, zu einem Prozent aus Kalenderblatt-Weisheit und zu einem weiteren Prozent aus einem aus dem Zusammenhang gerissenen Bibeltextfragment besteht?
  3. Was hätte man zu diesem Thema tatsächlich Sinnvolles, Relevantes und Hilfreiches in vier Minuten unterbringen können, wenn man statt einer Theologin richtige Wissenschaftler*innen aus den zuständigen Fachbereichen beauftragt hätte?

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3 Gedanken zu „Bikini-Figur – wie soll das gehen? – Das Wort zum Wort zum Sonntag“

  1. Ich bleibe dabei: Grade im Sommer, hier in München und bei Themen wie Bikini etc. ist und bleibt Aphrodite klar die Gottheit Nummer Eins! Dagegen hat das christliche Hausgespenst einfach keinen Stand – da kann es so aufgeregt herumflattern wie es will …

    Und ich vermute, dass uns im WzS demnächst tiefschürfende Ausführungen zum Thema „Heiliger Geist, Silikonimplantate und Botoxlippen“ geboten werden.

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  2. „Onanie ist Liebe an und für sich“, hab ich mal in nem Pornoheft gelesen.

    Verdammt, das funktioniert ja auch nicht, wenn man sich anschaut, was angeblich mit dem armen Onan laut Bibel passiert ist.

    Frau Enxing sollte sich lieber bei der „Bild der Frau“ bewerben, vom intellektuellem Niveau her passt das perfekt.

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  3. Ich habe meinem, in mir wohnendem Gespenst, drei Bier und ein Schnitzel einverleibt. Jetzt schläft es.
    😱 Upps, ich glaube es ist gerade nach hinten entwichen.
    Ja stimmt Frau Enxing, da war wirklich ein Gespenst in mir, ich kann es sogar noch riechen.
    🤢 Verflixt, jetzt können die anderen es auch riechen.

    Im Ar*** da ist es finster, da gibt es kein Licht, da wohnt ein Geist den sieht man nicht. 😂

    Na dann noch einen „geistreichen“ Sonntag.

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