Aller Abschied fällt schwer – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 5 Min.


Aller Abschied fällt schwer – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Stefanie Schardien, veröffentlicht am 09.07.2022 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Frau Schardien dengelt sich heute eine Bibelstelle zurecht und belügt anschließend noch ihr Publikum mit einem falschen Versprechen.

Wer aufgrund des Titels der heutigen Sendung die Hoffnung hatte, das „Wort zum Sonntag“-Team würde sich aus guten Gründen endlich aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen verabschieden, wird leider enttäuscht: Ein Ende der Kirchenreklame im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist nicht in Sicht.

Vorwärts immer,…

Statt das Ende der christlichen Dauerwerbesendung zu verkünden, sinniert Frau Schardien über den Umgang mit Abschieden. Und – natürlich – darüber, was der biblische Romanheld dazu zu sagen hat:

[…] Nur nach vorn schauen, nicht zurück… Fand Jesus das nicht auch schon am besten? „Wer die Hand an den Pflug legt und blickt zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Aller Abschied fällt schwer – Wort zum Sonntag, verkündigt von Stefanie Schardien, veröffentlicht am 09.07.2022 von ARD/daserste.de)
Abschied

Klar fand Jesus das „am besten.“ Und der radikal-religiöse Gottessohn aus der biblisch-christlichen Mythologie ist keinesfalls der einzige Sektenführer, der von seinen Anhängern deren vollständige Aufgabe ihres bisherigen sozialen Umfeldes und auch ihrer bisherigen Persönlichkeit einforderte.

Ob Jesus irgendetwas „gut fand“, oder allgemeiner: Ob sich irgendwelche Aussagen aus der biblischen Textsammlung in einem bestimmten (oder auch ganz anderen) Sinn interpretieren lassen, ist kein brauchbarer Maßstab für eine ethische Bewertung von menschlichem Handeln.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein erwachsener, geistig gesunder Mensch im 21. Jahrhundert sagen würde: „Ok, wenn Jesus irgendetwas gut findet, dann finde ich das auch gut.“ Genau so funktioniert aber dieses Scheinargument.

Goldene Zeiten für Heilsverkäufer

Warum ich was von Abschied erzähle? An so einem schönen Sommerabend? Weil ich glaube: Wir müssen da dringend ran. Weil das für die kommenden Zeiten eine unserer Riesenaufgaben wird: Das Abschiednehmen. Von allem Möglichen: Von irgendwie Banalem wie ständigem Autofahren oder Fliegen, aber auch von Öl, Gas, bei uns in der Kirche von Mitgliedern. Vom sicher geglaubten Wohlstand für alle. Und jetzt sogar noch vom Frieden in Europa. Lebt wohl, ihr Selbstverständlichkeiten. Schluss mit „Höher, schneller, weiter.“ Die fetten Jahre sind vorbei.

…und je düsterer die Aussichten, desto heller strahlt die Zukunft für Heilsversprecher und -verkäufer aller Art.

Die haben zwar freilich gar keine tatsächlichen Lösungen zu bieten. Wohl aber hoffnungsvoll erscheinende Illusionen.

Und je größer die tatsächliche, befürchtete oder zumindest gefühlte Not, desto größer in der Regel auch die Empfänglichkeit entsprechend vorgeprägter Menschen für alles, was ihnen als irgendwie hoffnungsvoll angeboten wird. Und sei es noch so absurd.

Das Muster, erst Ängste zu schüren und dann statt effektiver Gegenmaßnahmen und berechtigterweise Hoffnung stiftender Faktoren religiösen Bullshit ins Spiel zu bringen, ist in religiösen Verkündigungen immer wieder anzutreffen.

Nach meiner Einschätzung dürfte den Kirchen der Abschied von Mitgliedern wesentlich weniger schwer fallen als der Abschied von Sonderprivilegierung und staatlicher finanzieller Palliativversorgung in Milliardenhöhe. Da sind die fetten Jahre nämlich noch längst nicht vorbei.

Bloß nicht zurückschauen? Oder doch?

Wie macht man das? Abschiede…. durchstehen? Viele von uns müssen das üben. Psychologisch gesehen sind wir nämlich fast alle keine Abschiedshelden, sondern eher Modell Klammeraffe: Festhalten! Müssen wir also üben, was Jesus wollte: „Bloß nicht zurückschauen“? Loslassen?

…wenn wir auch nicht so genau wissen, was wir überhaupt sagen wollen, dann blasen wir einfach ein paar rhetorische Fragen wie Konfetti in die Luft. Und erzeugen so die Illusion, irgendetwas Sinnvolles beigetragen zu haben.

Dabei freuen wir uns einmal mehr, dass wir im Fernsehstudio Narrenfreiheit genießen und sicher vor unbequemen Rückfragen sind.

Was es uns ermöglicht, praktisch alles Beliebige zu erzählen, was uns gerade in den Sinn kommt. Wir brauchen weder zu begründen, noch zu erklären. Einfach immer raus damit, bis die vier Minuten vorbei sind.

Religion als Sinnquelle?

Lernen können wir was von Fortgeschrittenen im Abschiednehmen. In meiner Gemeinde, im Seniorenclub etwa… da haben viele die mageren Kriegsjahre erlebt. Und ihre halbe Familie beerdigt. Was sie mir erzählen: „Du musst jetzt einfach nach vorn schauen“ Sowas hilft nicht. Man kann ja erst mal gar nicht anders als zurückzuschauen. Verlorenes zu beweinen. Sonst holt die Trauer dich später ein! Und Schönreden hilft auch nicht. Eine Witwe meinte: „Sätze wie `Das wird schon so seinen Sinn gehabt haben. ́ – Das klang immer, als müsste ich dadurch weniger traurig sein. War ich aber nicht.“

…also doch erst noch selbst die Toten beerdigen (Lukas 9,60) und nochmal zurückschauen (Lukas 9,62)? Obwohl Jesus das doch ausdrücklich untersagt?

Sätze wie „Das wird schon so seinen Sinn gehabt haben“ deuten meistens auf irgendwelche religiös-esoterischen Phantasievorstellungen hin. Denn wer an einen allmächtigen Gott glaubt, der muss ja zwangsläufig auch glauben, dass alles, was geschieht, genau so und nicht anders der Absicht dieses Gottes entsprechen muss.

In der Praxis scheinen sich diese Einbildungen offenbar doch nicht als so tröstlich zu erweisen, wie Berufschristen das gerne behaupten.

…und erlöse uns vom Glauben

Also: Abschiede sollten wir ehrlich auch so nennen und aushalten. Nicht vermeintlich sinnvoll umdeuten, nicht schönreden: Weniger Wohlstand als Befreiung vom ständigen Konsumdenken? Oder bei uns in der Kirche: Unser Schrumpfen als „Erlösung“? Nee, dafür tut das alles zu weh. Trauern über das, was uns wichtig war, Zurückschauen braucht Zeit. Und wenn es gut läuft, trösten wir einander dabei.

Vorab: Oft kommt es bei einem solchen „Reframing“ auch auf den jeweiligen Standpunkt an: Aus Sicht der säkularen Gesellschaft zum Beispiel ist das Schrumpfen der Kirchen natürlich eine Erlösung – von absurder archaischer Hirtenmythologie und dem darauf aufbauenden Geschäftsmodell.

Abschied: Ja, nein, vielleicht…?

Sooo – wie ist denn nun der aktuelle Zwischenstand zum Thema Abschied?

Jesus bezeichnet Menschen, die sich noch verabschieden möchten, bevor sie sich seiner Sekte anschließen als untauglich fürs Himmelreich.

Wohingegen Frau Schardien meint, dass man sich trotzdem Zeit zum Zurückschauen nehmen sollte. Dass sie dadurch laut ihrer Glaubenslehre untauglich fürs Himmelreich wird, scheint ihr egal zu sein.

Dann geht’s ans Nach-Vorn-Schauen, aber eben erst dann. Gute Neuanfänge brauchen gute Abschiede. Weil erst dann Kopf und Herz freier sind für Neues.

Davon steht aber nichts in der Bibel, Frau Schardien…? Im Gegenteil! Die anonymen Autoren lassen ihren Jesus unmissverständlich klar stellen, dass er, Jesus, gekommen sei, um die Menschen zu entzweien und gegeneinander aufzuwiegeln.

Im christlichen Mainstream findet eine Auseinandersetzung mit den radikal-fundamentalistischen Aspekten des Gottessohns wenn überhaupt, dann zumeist nur in Form von unverfänglichen rhetorischen Seifenblasen statt.

Wer einen steinigen Acker hat,…

Weil wir durch die Abschiedserfahrungen wissen, was wir für die Zukunft wollen: Saubere Energiequellen, gute Friedenspolitik, enkeltauglicher leben. Darum müssen wir dann nicht mehr klammern, zurückschauen. Vielleicht meinte Jesus das mit dem Pflug: Wer die Zukunft beackert, muss sie dann auch in den Blick nehmen.

Für Glaubensfreie oder Anhänger anderer Götter ist es ja sowieso völlig irrelevant, was irgendein Gottessohn aus irgendeiner Mythologie angeblich irgendwann mal gemeint haben könnte und was nicht.

Und dass ich mich frage, welche Relevanz solche Überlegungen für die Lebenswirklichkeit selbst von überzeugt gläubigen Christen tatsächlich haben, hatte ich ja gerade schon angedeutet.

Gott vorneweg

Leicht wird das mit dem Abschiednehmen nicht. Versprochen. Aber es gibt viele, die uns zur Seite stehen mit Erfahrung, im Trauern, Trösten und Neuanfangen. Gott vorneweg. Auch versprochen. Ich wünsch uns Mut beim Üben und Ihnen eine gesegnete Nacht.

Ja, mit Neuanfang kennt sie sich aus, die Gottheit aus der biblisch-christlichen Mythologie. Nachdem sie bemerkt hatte, dass sie sich wohl verschöpft hatte, hatte sie keine bessere Idee, als so gut wie alle Menschen (außer Bootsbesitzer), alle Tiere (außer Schwimmfähige) und alle Pflanzen (außer Wasserpflanzen) qualvoll zu ersäufen.

Lüge vs. Bullshit

Frau Schardien, wenn Sie Ihrem Publikum versprechen, dass der von Ihnen propagierte Gott Menschen zur Seite stehen würde, dann bezichtige ich Sie hiermit bis zum Beweis des Gegenteils der Lüge.

Anders wäre es, wenn Sie zum Beispiel sagen würden: „Ich wünsche mir, dass…“ oder „Wir Christen stellen uns vor, dass…“ – dann würde mein Vorwurf nicht Lüge, sondern Bullshit lauten. Denn dann wäre es Ihnen ja „nur“ egal, ob das, was Sie behaupten mit der Wirklichkeit übereinstimmt oder nicht.

Einmal mehr instrumentalisieren Sie reale Probleme, um anschließend Ihre Gottesfiktion – wenn auch nicht als Lösung der Probleme, dann aber zumindest als verlässliche Unterstützung bei der Bewältigung von Problemen ins Spiel bringen zu können.

Glaube schmälert Glaubwürdigkeit

Ihr religiöser Beitrag zum Thema Abschied besteht aus einer beliebig zurecht-interpretierbaren Bibelstelle und aus einer offensichtlichen Lüge. Und Lügen ist sogar innerhalb Ihres Glaubenskonstruktes verpönt.

Ausgerechnet durch die Bezugnahme auf Ihren Glauben haben Sie einmal mehr Ihre Glaubwürdigkeit verspielt, Frau Schardien. Warum tun Sie das?

Wie sollte man Sie denn ernst nehmen können, wenn Sie noch nicht mal willens oder in der Lage sind, zwischen irdischer Wirklichkeit und religiöser Wunschphantasie und -einbildung zu unterscheiden?

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4 Gedanken zu „Aller Abschied fällt schwer – Das Wort zum Wort zum Sonntag“

  1. Klar dachte Jesus, dass Zurückschauen überflüssig sei wie ein Kropf. Er war als lupenreiner Apokalyptiker ja felsenfest davon überzeugt, dass das Jüngste Gericht unmittelbar bevorstünde. Das steht genau so in der Bergpredigt.

    Nur, Frau Schardien, das ist jetzt so an die 2000 Jahre her und das mit der Apokalypse hat immer noch nicht geklappt. Dämmert Ihnen da wirklich nichts?

    Übrigens, an alle Mitleser, die mit am Projekt Aufklärung arbeiten: Lasst die Sektkorken knallen! Krisen allüberall, tägliches Trommelfeuer an schlechten Nachrichten – und die Leute laufen NICHT in die Kirchen und wenden sich von der Religion sogar in Scharen ab! Ein historischer Erfolg für uns!

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  2. Frieden heißt Krieg
    Sklaverei bedeutet Freiheit
    Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt
    Er wollte doch nur Zigaretten holen
    Und täglich grüsst das Murmeltier
    Er kommt wieder, jeden Moment, ganz bestimmt
    Es wird eine grosse Verwirrung herrschen
    Selig sind die Käsehersteller

    Hauptsache es klingt gut, ist beliebig austauschbar, macht Dumme glücklich und spült jede Menge Geld in die Taschen!

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  3. Huiuiuiui, Frau Schardien, dieses mal hätten Sie wohl beinahe vor lauter Kalenderweisheiten vergessen Ihren eingebildeten Gott zu erwähnen. Erst im letzten Satz.

    Alles geht den Bach runter, Abschiede überall?
    Na liebe Frau Schardien, da wird´s doch mal Zeit sich folgende Frage zu stellen:
    Was zum Teufel ist da mit meinem eingebildetem, allmächtigen und gütigen Gott los?
    Wir beten auf Teufel komm raus, aber es passiert nichts.
    Vielleicht ist Ihr eingebildeter Gott ja im Urlaub (zu Fuß über´s Wasser natürlich, nicht mit dem Flieger)?

    1. Problem nennen
    2. Möglichst unverfängliche Kalenderweisheiten präsentieren
    3. Bibelzitate umdeuten (Ziel: alle aktuellen Probleme standen schon in der Bibel, incl. Lösungen)
    4. Gott löst alle Probleme
    5. Gesegneten Sonntag wünschen
    WzS ist fertig.
    Ich mach‘ mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt …. Hey – Pippi Schardien trallari trallahey tralla hoppsasa
    Mein Waschprogramm (Baumwolle 30 Grad) dauert länger als 4 Minuten, ist aber beim Zuschauen informativer und interessanter.

    Liebe Frau Schardien ich schließe Sie in mein Abendgebet ein:
    Oh Herr (welcher auch immer), gib dieser Frau Verstand und erlöse uns von dem Bösen, also von den Religionen. AMEN

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  4. Liebe Frau Schardien,
    natürlich schaut Ihre Religion sehr ungern zurück.
    Sie würden eine 2000 Jahre dauernde Blutspur und die unmenschlichsten Verbrechen sehen.

    Wahrscheinlich würde Ihnen bei Ihrem Rückblick speiübel werden.
    Also, immer schön nach vorne Blicken.

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