Karneval und Kirche: Wenn der Stadtpfarrer die Deutungshoheit beansprucht

Lesezeit: ~ 3 Min.

Gedanken zum Impuls Stefan Buß: Friedensgottesdienst der Karnevalisten in Fulda, veröffentlicht am 24.1.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Stadtpfarrer Stefan Buß vereinnahmt die weltliche Karnevalstradition religiös, indem er Frieden und Gemeinschaft als christliche Errungenschaften darstellt, obwohl diese zutiefst humanistische Werte sind, die keiner göttlichen Legitimation bedürfen.

Pünktlich zur Karnevalssaison meldet sich Fuldas Stadtpfarrer Stefan Buß mit seinem „Impuls“ zum Friedensgottesdienst der Karnevalisten zu Wort. Auf den ersten Blick klingt das harmlos, ja sogar sympathisch: Frieden, Gemeinschaft, Humor mit Herz – wer könnte dagegen sein? Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich ein altbekanntes Muster kirchlicher Vereinnahmung weltlicher Traditionen.

Die Vereinnahmung der Fastnacht

Buß behauptet: „Ohne Kirche und Fastenzeit gäbe es keine Fastnacht.“ Diese historische Verkürzung ignoriert, dass karnevaleske Bräuche weit älter sind als das Christentum. Ausgelassene Feste vor Fastenzeiten, verkehrte Welten und satirische Gesellschaftskritik existierten bereits in vorchristlichen Kulturen. Die Kirche hat diese Traditionen später lediglich in ihren liturgischen Kalender integriert – und beansprucht nun die Urheberschaft.

Die Fastnacht ist heute eine säkulare Kulturveranstaltung, getragen von Vereinen, ehrenamtlichem Engagement und Gemeinschaftssinn. Sie braucht keine religiöse Legitimation, um wertvoll zu sein. Trotzdem gibt es bei Karneval und Kirche auch Parallelen, wie etwa Männer in Frauenkleidern, Prozessionen und andere groteske Zeremonien…

Frieden als christliches Monopol?

Besonders problematisch ist die Suggestion, Frieden sei ein originär christliches Konzept. Buß zitiert die Bergpredigt und stellt „Friedensstifter“ als „Kinder Gottes“ dar. Dabei sind Friedfertigkeit, Respekt und Gemeinschaft universelle humanistische Werte, die in allen Kulturen und Weltanschauungen zu finden sind – unabhängig von religiösen Bekenntnissen.

Die Idee, dass moralisches Handeln einer göttlichen Grundlage bedarf, ist nicht nur philosophisch überholt, sondern auch empirisch widerlegt. Menschen können – und tun es täglich – aus innerer Überzeugung, aus Empathie und Vernunft heraus friedlich und respektvoll zusammenleben, ohne sich auf einen Gott zu berufen. Die Kriminalgeschichte des Christentums belegt erschreckend umfangreich den verheerenden Einfluss des christlichen Monotheismus auf die Menschheit.

Mit oder ohne Religion können gute Menschen gut handeln und schlechte Menschen Böses tun; aber dass gute Menschen Böses tun – das braucht Religion.

Steven Weinberg

Der paternalistische Unterton

Wenn Buß mahnt, die „Bütt“ dürfe „nicht verletzen, nicht entwürdigen, nicht verächtlich machen“, wirkt das wie eine moralische Bevormundung durch die Kirche. Ausgerechnet die Institution, die jahrhundertelang Andersdenkende verfolgte, Frauen, die sie für „Hexen“ hielt verbrannte und Kritiker mundtot machte, möchte nun definieren, was legitime Satire ist?

Die Karnevalskultur hat ihre eigenen, gewachsenen ethischen Standards. Vereine setzen sich mit Geschmacksfragen auseinander, diskutieren Grenzen und entwickeln ihre Traditionen weiter – ohne kirchliche Oberaufsicht. So sollte es zumindest sein.

Jaques Tillys Rosenmontagswagen "Der Klammer-Woelki" vor dem "Haus der Geschichte" in Bonn. Foto: 11tes-gebot.de
Jaques Tillys Rosenmontagswagen „Der Klammer-Woelki“ vor dem „Haus der Geschichte“ in Bonn. Foto: 11tes-gebot.de

Gemeinschaft ohne Gott

Buß schreibt: „Alt und Jung, arm und reich, laut und leise, fromm und fröhlich – alle dürfen dabei sein.“ Diese Inklusivität als besonderes Merkmal der Fastnacht zu beschreiben, ist richtig. Sie aber implizit als christlichen Wert zu rahmen, ist irreführend.

Gerade säkulare Gemeinschaften zeigen, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft, Überzeugung und Lebensweise zusammenkommen können – nicht trotz, sondern oft gerade wegen der Abwesenheit religiöser Dogmen. Echter Pluralismus braucht keinen gemeinsamen Glauben, sondern gegenseitigen Respekt und die Anerkennung unserer gemeinsamen Menschlichkeit. Das Zusammenleben klappt umso besser, je weiter sich Gläubige von ihren Glaubensgewissheiten schon befreit haben.

Der instrumentalisierte Gottesdienst

Der „Friedensgottesdienst“ ist letztlich ein Versuch, eine säkulare Tradition kirchlich zu überformen und religiös zu deuten. Es ist bezeichnend, dass dieser seit 1991 zur „festen Tradition“ erklärt wurde – eine relativ junge Erfindung also, die den Anschein von Selbstverständlichkeit erwecken soll.

Die Kirche reagiert damit auf ihren schwindenden gesellschaftlichen Einfluss: Wo die Menschen sich von ihr abwenden, versucht sie, sich an populäre Ereignisse anzuhängen und diese mit sakraler Bedeutung aufzuladen.

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Fazit

Bitte nicht ständig verwechseln!
Cartoon (c) J. Tilly

Frieden, Gemeinschaft, Humor und gegenseitiger Respekt sind wertvolle Güter – aber sie sind nicht christlich, sondern menschlich. Wir brauchen keine göttliche Autorität, um zu wissen, dass Krieg schlecht und Frieden erstrebenswert ist. Wir brauchen keine imaginäre Gottesgleichheit, um zu verstehen, dass Menschen mit Würde zu behandeln sind. Schon gar nicht, wenn es um den Bibelgott geht.

Ein humanistischer Ansatz würde anerkennen, dass moralische Werte aus der Menschlichkeit selbst erwachsen – nicht aus heiligen Schriften oder göttlichen Geboten, sondern aus unserer Fähigkeit zu Mitgefühl, Vernunft und solidarischem Handeln.

Der Karneval ist ein Fest der Lebensfreude, der Kreativität und des sozialen Zusammenhalts. Er funktioniert hervorragend ohne metaphysische Überhöhung. Stadtpfarrer Buß mag gut gemeint argumentieren, aber seine Botschaft bleibt eine Vereinnahmung: Die Kirche braucht den Karneval mehr als der Karneval die Kirche, wobei Kirche im Karneval durchaus eine Rolle spielt:

Die Kirche gehört zu den Institutionen, die im Karneval regelmäßig aus verschiedenen Gründen scharf kritisiert, verspottet, ihrer Lächerlichkeit preis gegeben und nach Strich und Faden verhohnepiepelt werden.

KI

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