Neujahrsimpuls von Stadtpfarrer Buß: Wenn Wunschdenken auf Realität trifft

Lesezeit: ~ 4 Min.

Gedanken zum Beitrag: „Der Herr segne dich und behüte dich“- zu Beginn eines neuen Jahres, verkündigt von Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda, veröffentlicht am 3.1.26 von osthessen-news.de

Worum geht es?

Buß‘ Neujahrsimpuls ersetzt rationale Lebensplanung und menschliche Solidarität durch passive Gottesabhängigkeit und magisches Denken, wodurch er die Eigenverantwortung der Menschen untergräbt und reale zwischenmenschliche Hilfe durch religiöse Metaphern vernebelt.

Analyse eines religiösen Jahresbeginns

Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda eröffnet das Jahr 2026 mit einem klassischen Segenstext, der auf den ersten Blick warmherzig und tröstlich wirkt. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich ein Weltbild, das fundamentale Probleme aufweist – aus Sicht des Säkularismus, der Rationalität und des evolutionären Humanismus.

Das Problem der passiven Gottesabhängigkeit

Buß‘ zentrale Botschaft lautet: „Gott geht mit.“ Diese Aussage mag tröstlich klingen, ist aber bei Licht betrachtet höchst problematisch. Sie suggeriert, dass eine übernatürliche Instanz unser Schicksal lenkt oder zumindest begleitet – eine Behauptung, für die es keinerlei empirische Belege gibt.

Mehr noch: Außerhalb eines etablierten religiösen Kontextes (und je nach Schweregrad auch innerhalb) gelten Ideen wie die, von unsichtbaren Wesen begleitet und beschützt zu werden als Wahnvorstellungen – und Menschen, die ernst- und dauerhaft daran festhalten als psychisch krank (z. B.: ICD F22: Anhaltende wahnhafte Störung).

Theologische Wischiwaschi-Mainstream-Verkünder haben zumeist ein großes Repertoire an Formulierungen, mit denen sie ihre religiösen Fiktionen so verpacken, dass sie nicht gar so wahnhaft erscheinen. Da werden dann aus Engeln doch schnell wieder Menschen, wie wir gleich noch sehen werden.

Das neue Jahr liegt nicht deshalb vor uns wie leere Seiten, weil ein Gott darauf schreiben wird, sondern weil wir durch unsere Entscheidungen, unser Handeln und natürlich auch durch Zufall und Umstände die Autoren unseres Lebens sind. Die Vorstellung eines göttlichen Begleiters entmündigt den Menschen und schwächt das Bewusstsein für die eigene Verantwortung.

Engel als Ersatz für menschliche Solidarität

Besonders aufschlussreich ist Buß‘ Engel-Metapher. Er beschreibt einen Engel, der ermahnt, tröstet, erinnert und freut. Dann – fast beiläufig – fügt er hinzu: „Aber vielleicht sind wir selbst manchmal dieser Engel füreinander.“

Hier liegt der Kern des Problems: Natürlich sind wir Menschen füreinander da. Aber warum muss diese fundamentale humanistische Einsicht in religiöse Metaphorik gekleidet werden? Warum können wir nicht einfach sagen: „Menschen brauchen Menschen. Wir sind soziale Wesen, die durch Empathie, Solidarität und gegenseitige Unterstützung überleben und gedeihen“?

Die Engel-Metapher ist überflüssig und irreführend. Ein solches Wunschdenken lenkt von der realen, evolutionär entstandenen menschlichen Fähigkeit zur Kooperation ab und mystifiziert sie durch religiöse Quatschvorstellungen. Cui bono?

Die Illusion des Segens

Der aaronitische Segen, den Buß zitiert, ist „kein frommer Wunsch, sondern ein Zuspruch Gottes“, behauptet er. Doch genau das ist er eben nicht. Es ist ein jahrtausendealter Text, der die Hoffnungen und Ängste von Menschen in einer vorwissenschaftlichen Zeit ausdrückt.

Der priesterliche Segen

  1. Und der HERR redete mit Mose und sprach:
  2. Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
  3. Der HERR segne dich und behüte dich;
  4. der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
  5. der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
  6. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. 
4.Mose 6,24-26 EU

Was ist denn das für eine Gottheit, die es trotz Allmacht und Allgüte nötig hat, ihren Funktionären den Wortlaut vorzugeben, mit dem sie, die Gottheit, um Gnade angebettelt werden möchte? Das ergibt nur dann Sinn, wenn man bedenkt, dass der angebliche HERR in Wirklichkeit ja nicht mehr ist als eine Handpuppe derer, die mit ihm ihr Geld verdienen.

Ein Segen hat keine über einen möglichen Placebo- oder Nocebo-Effekt hinausgehende messbare Wirkung. Er verändert nicht die Realität in der geglaubten und behaupteten Art und Weise. Deshalb bleiben Mainstream-Berufschristen hier am liebsten so schwammig und vage wie möglich. Auf eine halbwegs sinnvolle Antwort auf die eigentlich einfach zu beantwortende Frage, wie sie sich denn die Wirkungsweise einer religiösen Segnung konkret vorstellen, wartet man vergeblich. Und bekommt stattdessen nicht selten die unflätigen Folgen der kognitiven Dissonanz zu spüren, die solche Fragen bei religiös Gläubigen triggern können.

Was Menschen statt wirkungslosen Segnungen wirklich brauchen, sind:

  • Bildung und Wissen, um informierte Entscheidungen zu treffen
  • Soziale Sicherungssysteme, die in Notlagen helfen
  • Psychologische Unterstützung statt übernatürlichem Trost
  • Menschliche Gemeinschaft statt imaginärer Engel
  • Eigenverantwortung statt göttlicher Führung

Evolutionärer Humanismus als Alternative

Der evolutionäre Humanismus bietet eine wissenschaftlich fundierte, ethisch durchdachte Alternative zu Buß‘ religiösem Weltbild:

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  1. Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung: Wir sind die Gestalter unseres Lebens. Die Evolution hat uns mit einem Gehirn ausgestattet, das zu rationaler Planung, ethischer Reflexion und kreativer Problemlösung fähig ist.
  2. Realistische Erwartungen: Das Leben bringt Freude und Leid, Erfolg und Scheitern. Keine übernatürliche Kraft wird uns davor bewahren. Aber wir können lernen, damit umzugehen.
  3. Echte Solidarität: Menschen helfen Menschen – nicht, weil sie „Engel“ sind, sondern weil wir als soziale Spezies von Kooperation profitieren und weil ethisches Handeln unser Zusammenleben verbessert.
  4. Verantwortung für die Zukunft: Die Frage sollte nicht lauten „Wozu werde ich gesegnet?“, sondern „Was kann ich beitragen? Wie kann ich die Welt ein Stückchen besser machen?“

Das Problem mit religiöser Hoffnung

Buß endet mit den Worten: „Und so gehen wir in dieses neue Jahr nicht angstvoll, sondern getrost, nicht allein, sondern begleitet, nicht leer, sondern gesegnet.“

Doch dieser Trost basiert auf einer Illusion. Was geschieht, wenn die erhoffte göttliche Begleitung nicht spürbar wird? Wenn Gebete unbeantwortet bleiben? Wenn der „Engel“ nicht erscheint, wenn man ihn am dringendsten braucht?

Religiöser Trost kann in psychologische Abhängigkeit führen und Menschen davon abhalten, reale Hilfe zu suchen oder aktiv Probleme anzugehen. Eine säkulare, humanistische Perspektive ist ehrlicher: Das Leben ist ungewiss, manchmal schwer – aber wir haben einander, wir haben unseren Verstand, und wir haben die Fähigkeit, Sinn zu schaffen und Gutes zu tun, ohne auf übernatürliche Hilfe zu warten und ohne uns von fiktiven Heilsversprechen blenden bzw. von ebenso fiktiven Höllendrohungen einschüchtern zu lassen.

Fazit

Stadtpfarrer Buß meint es zweifellos gut. Sein Text spricht Menschen an, die Trost und Orientierung suchen. Doch dieser Trost wird mit einer Weltanschauung erkauft, die rationales Denken unterminiert, Eigenverantwortung schwächt und zwischenmenschliche Solidarität mystifiziert.

Ein humanistischer Jahresbeginn würde anders klingen: „Das neue Jahr liegt vor uns. Wir wissen nicht, was kommt. Aber wir haben unseren Verstand, unsere Fähigkeiten und einander. Lasst uns klug planen, mutig handeln und solidarisch sein. Lasst uns Verantwortung übernehmen – für uns selbst, für unsere Mitmenschen und für die Zukunft unseres Planeten.“

Das wäre eine Botschaft, die Menschen ermächtigt statt sie in Abhängigkeit zu halten – eine Botschaft, die der Realität gerecht wird und zugleich Hoffnung vermittelt: die Hoffnung auf das, was Menschen tatsächlich erreichen können, wenn sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

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