Wenn persönliches Leid zur Legitimation eines gescheiterten Systems wird – Gedanken zum Beitrag: Von Mensch zu Mensch – Fastenhirtenwort 2026: Bischof Gerber wirbt für Kirche als Beziehung, veröffentlicht am 22.02.26 von osthessen-news.de
Darum geht es
Fuldas Bischof Gerber instrumentalisiert seine Krebserkrankung, um säkulare Empathie als spezifisch kirchliches Phänomen zu reklamieren, verschleiert dabei theologische Absurditäten (göttlich bestimmte OP-Termine, Wundergeschichten als Vorbild, Opfertheologie) hinter humanistischer Sprache und lenkt von der strukturellen Krise der Kirche ab, indem er sie als Beziehungsdefizit umdeutet.Bischof Dr. Michael Gerber hat zum ersten Fastensonntag 2026 sein Hirtenwort veröffentlicht, in dem er seine Erfahrungen mit einer Krebserkrankung zum Anlass nimmt, für eine „Kirche der Beziehung“ zu werben. Was auf den ersten Blick wie ein bewegendes Zeugnis menschlicher Solidarität erscheint, entpuppt sich bei genauerer Analyse als rhetorisch geschickter Versuch, fundamentale theologische Absurditäten hinter einem humanistischen Vokabular zu verbergen und eine Institution, die in einer existenziellen Krise steckt, durch Personalisierung zu retten.
Die persönliche Krankheit: Zwischen Leid und Instrumentalisierung
Zunächst: Zunächst: Dass Bischof Gerber an Krebs erkrankt war und operiert werden musste, ist eine persönliche Leidenserfahrung, die menschliches Mitgefühl hervorruft. Niemand wird anzweifeln, dass eine solche Diagnose existenziell erschütternd ist und dass die Solidarität, die er erfahren hat, für ihn wertvoll war. Wie jeder Mensch hat auch Gerber das Recht, seine Krankheitserfahrung zu verarbeiten, wie er es für richtig hält.
Problematisch wird es jedoch, wenn diese persönliche Erfahrung systematisch, nämlich inzwischen wiederholt instrumentalisiert wird, um ein bestimmtes Kirchenbild zu legitimieren, theologische Deutungsmuster als universal gültig zu präsentieren und institutionelle Defizite zu verschleiern. Genau das tut Gerber in seinem Hirtenwort – und dabei bedient er sich rhetorischer Strategien, die es zu entlarven gilt.
Der rhetorische Trick: Vom persönlichen Leid zur kirchlichen Legitimation
Gerber beginnt mit einer persönlichen Schilderung: die Dankbarkeit für Gebetszusagen, die Erfahrung von Solidarität, die Wertschätzung für Begleitung in der Krise. Dann vollzieht er einen entscheidenden Sprung: „Hier habe ich eine Form von Kirche erlebt, die in die Zukunft weist.“
Dieser Satz ist zentral für Gerbers gesamte Argumentation – und er ist höchst problematisch. Was Gerber erlebt hat, ist menschliche Empathie, Solidarität und Fürsorge. Menschen haben ihm beigestanden, ihm geschrieben, für ihn gebetet[1]Die STEP-Studie (Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer, 2006) zeigte, dass Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, signifikant mehr postoperative Komplikationen … Continue reading (was auch immer das psychologisch für ihn bedeutet haben mag). Doch diese zutiefst menschliche Erfahrung wird nun umgedeutet in eine kirchliche Erfahrung.
Die Logik lautet: Wenn Menschen fürsorglich sind, ist das „Kirche“. Damit reklamiert die Institution Kirche für sich, was eigentlich säkulare, menschliche Solidarität ist. Es wird suggeriert, dass Empathie, Begleitung in Krisen und zwischenmenschliche Fürsorge spezifisch kirchliche Phänomene seien – und nicht grundlegende Ausdrucksformen menschlicher Sozialität, die es lange vor dem Christentum gab und die es überall dort gibt, wo Menschen einander beistehen, unabhängig von religiöser Zugehörigkeit.
Die Verschleierung: „Beziehung von Mensch zu Mensch“ als Tarnbegriff
Gerber behauptet, Kirche lebe „in der Beziehung von Mensch zu Mensch und von Herz zu Herz“. Diese Formulierung klingt humanistisch, säkular, zwischenmenschlich. Doch sie verschleiert die eigentliche theologische Agenda.
Denn was Gerber meint, ist nicht einfach menschliche Beziehung. Es ist Beziehung im Horizont des christlichen Glaubens, Beziehung vermittelt durch Christus, Beziehung gedeutet als Ausdruck göttlicher Gegenwart. Das zeigt sich wenige Sätze später, wenn er vom Glauben spricht, der „in Christus“ gründe, „der sich am Kreuz zutiefst hat verwunden lassen“.
Hier wird die rhetorische Strategie deutlich: Gerber verwendet ein säkulares, humanistisches Vokabular („Beziehung“, „von Herz zu Herz“, „einander beistehen“), um dann theologische Deutungsmuster einzuschleusen. Die zwischenmenschliche Solidarität wird zur christlichen Nächstenliebe umgedeutet, die menschliche Empathie wird zur göttlichen Gnade, die säkulare Fürsorge wird zum kirchlichen Auftrag.
Diese Verschleierungstaktik ist nicht neu, aber sie ist wirkungsvoll: Indem man christliche Theologie in humanistischer Sprache präsentiert, suggeriert man, dass Humanität und Christentum identisch seien – und dass man ohne Christentum keine wahre Menschlichkeit haben könne.
Die theologische Absurdität: Der verwundete Christus als Vorbild
Gerber wird explizit theologisch: Der Glaube gründe in Christus, „der sich am Kreuz zutiefst hat verwunden lassen“. In den „österlichen Erscheinungen“ zeige er seine Wunden, und daraus entstehe eine neue Gemeinschaft, in der Menschen „mit ihren Brüchen tragen und ertragen sich gegenseitig“.
Aus atheistischer Sicht ist diese Argumentation absurd. Sie basiert auf der Überzeugung, dass:
- Ein Mensch vor 2000 Jahren hingerichtet wurde – das ist historisch plausibel, aber alles andere als historisch gesichert.
- Dieser Mensch Gottes Sohn war – eine theologische Behauptung ohne empirische Grundlage.
- Dieser Mensch von den Toten auferstanden ist – eine mythologische Erzählung, die allen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht und die sich auch in zahllosen anderen Göttermythen findet.
- Dieser auferstandene Mensch seinen Jüngern erschienen ist und seine Wunden gezeigt hat – eine Legende, die nur in religiösen Texten, aber von keiner einzigen außerbiblischen Quelle tradiert wird.
- Diese Wunden eine „neue Gemeinschaft“ stiften – eine metaphysische Deutung ohne rationale Grundlage.
Gerber präsentiert diese mythologische Erzählung als Fundament für zwischenmenschliche Solidarität. Doch warum sollte man an eine Auferstehung glauben müssen, um Menschen in Krisen beizustehen? Warum sollte man die Wunden eines gekreuzigten Wanderpredigers als Vorbild brauchen, um empathisch zu sein?
Die Antwort ist: Man braucht das nicht. Empathie, Solidarität und Fürsorge sind säkulare, evolutionär entwickelte menschliche Fähigkeiten. Sie existieren unabhängig von christlicher Theologie – und oft genug trotz christlicher Theologie, die jahrhundertelang Leid als göttliche Fügung deutete, Kranke als von Dämonen besessen ansah und Solidarität primär als Caritas (also als Mildtätigkeit von oben nach unten und immer verbunden mit missionarischen Absichten) verstand, nicht als gleichberechtigte Unterstützung.
Die magische Bestimmung: Der Operationstermin als „geistlicher Hinweis“
Besonders aufschlussreich – und aus rationaler Sicht absurd – ist Gerbers Deutung seines Operationstermins: „Sein Operationstermin fiel auf den 2. Juli, das Fest Mariae Heimsuchung. Für ihn sei das kein Zufall gewesen, sondern ein geistlicher Hinweis.“
Hier verlässt Gerber den Boden rationaler Weltdeutung vollständig. Er behauptet, dass der Termin seiner Operation – ein medizinisch-organisatorisch festgelegtes Datum, abhängig von OP-Kapazitäten, Arztverfügbarkeit und Behandlungsplanung – kein Zufall sei, sondern ein geistlicher Hinweis.
Diese Denkweise ist magisches Denken im Reinformat. Sie unterstellt, dass:
- Es keine Zufälle gibt, sondern alles von einer höheren Macht gelenkt wird.
- Gott (also nicht irgendeiner, sondern genau der, in dessen Anhängerschaft Herr Gerber hineingeboren worden war) aktiv in medizinische Terminplanung eingreift, um „Hinweise“ zu geben.
- Das Zusammenfallen zweier Daten (Operationstermin und kirchlicher Feiertag) eine tiefere Bedeutung hat, die über bloße Koinzidenz hinausgeht.
Aus säkularer Sicht ist diese Interpretation irrational. Der 2. Juli ist einer von 365 Tagen im Jahr. Dass er auf einen kirchlichen Feiertag fällt, ist statistisch alles andere als unwahrscheinlich – der katholische Kalender ist voll von Gedenktagen, Heiligenfesten und liturgischen Ereignissen. Praktisch jeder Tag im Jahr hat irgendeine kirchliche Bedeutung.
Doch Gerber deutet diese banale Koinzidenz als göttliche Fügung. Damit etabliert er ein Weltbild, in dem persönliche Erfahrungen nicht mehr rational erklärt, sondern religiös überhöht werden. Die Konsequenzen dieses Denkens sind problematisch:
- Es fördert Schicksalsergebenheit: Wenn Gott den OP-Termin bestimmt, dann bestimmt er auch andere Ereignisse – warum dann noch aktiv handeln, wenn ohnehin alles göttlich gelenkt ist?
- Es wertet rationale Erklärungen ab: Medizinische Terminplanung wird zur göttlichen Vorsehung umgedeutet, wissenschaftliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge werden durch metaphysische Deutungen ersetzt.
- Es schafft eine unfalsifizierbare Glaubenswelt: Jedes Ereignis kann als „Hinweis“ gedeutet werden – es gibt keine Möglichkeit, diese Deutung zu widerlegen, weil sie nicht auf Evidenz basiert, sondern auf subjektiver Interpretation.
Die biblische Projektion: Maria und Elisabeth als Modell
Gerber vertieft seine religiöse Deutung, indem er die biblische Geschichte von Marias Besuch bei Elisabeth heranzieht: „Zwei Frauen, beide existenziell herausgefordert, beide mit Grenzen konfrontiert und doch in einer Begegnung, die trägt und verändert.“
Diese Geschichte soll sein eigenes Erleben illustrieren und gleichzeitig ein Modell für kirchliche Begleitung sein. Doch auch hier werden fundamentale Absurditäten hinter humanistischer Sprache versteckt:
Die biblische Erzählung handelt von zwei Frauen, die auf wundersame Weise schwanger werden – Elisabeth im hohen Alter (unfruchtbar, nun durch göttliches Eingreifen schwanger mit Johannes dem Täufer), Maria als Jungfrau (schwanger durch den Heiligen Geist mit Jesus). Die „Grenzen“, von denen Gerber spricht, sind biologische Unmöglichkeiten, die durch Wunder überwunden werden. Die „Begegnung, die trägt“, ist eine Begegnung zwischen zwei Frauen, deren Schwangerschaften als göttliche Zeichen gedeutet werden.
Gerber abstrahiert diese mythologische Erzählung zu einer allgemeinen Aussage über menschliche Begegnungen in Krisen. Doch die biblische Geschichte funktioniert nur innerhalb eines Glaubenssystems, das Wunder, göttliches Eingreifen und jungfräuliche Empfängnis für möglich hält. Aus säkularer Sicht ist die Geschichte eine Legende, eine religiöse Erzählung ohne historische Faktizität.
Warum sollte man sich an einer mythologischen Frauenbegegnung orientieren, um zu lernen, wie man Menschen in Krisen begleitet? Warum nicht an säkularen Vorbildern – an Pflegekräften, Therapeutinnen, Sozialarbeiterinnen, die täglich Menschen begleiten, ohne sich auf biblische Wundergeschichten zu berufen?
Die Antwort ist klar: Gerber braucht die biblische Referenz, um seine persönliche Erfahrung religiös zu überhöhen und um zu suggerieren, dass wahre Begleitung nur im Horizont des christlichen Glaubens möglich ist.
Die autoritäre Implikation: „Gott schafft Beziehung“
Gerber behauptet: „Gott habe sich ihm gezeigt als derjenige, ‚der in herausfordernden Situationen Beziehung schafft‘.“
Diese Formulierung ist theologisch zentral – und aus säkularer Sicht höchst problematisch. Sie unterstellt, dass nicht Menschen Beziehungen schaffen (durch Empathie, Initiative, Kommunikation), sondern Gott. Die Rolle des Menschen als denkendes, fühlendes und handelndes Subjekt wird entwertet zugunsten göttlicher Verursachung.
Wenn Gott derjenige ist, der Beziehung schafft, dann sind Menschen nur Instrumente göttlichen Handelns. Die Solidarität, die Gerber erfahren hat, wird nicht den konkreten Menschen zugeschrieben, die ihm geschrieben, für ihn gebetet, ihn besucht haben – sondern Gott, der durch sie wirkt. Für einen „Schönstätter“ wie Gerber eine typische Vorstellung, ganz im Sinne des Gründers dieser verachtenswerten Gesellschaft.
Diese Logik ist autoritär, weil sie die Autonomie und die moralische Leistung der handelnden Menschen negiert. Nicht sie haben sich entschieden, Gerber zu unterstützen – Gott hat Beziehung geschaffen. Damit wird menschliche Ethik zu einem Epiphänomen göttlichen Wirkens degradiert.
Aus humanistischer Sicht ist das Gegenteil der Fall: Menschen schaffen Beziehungen. Sie tun das aus eigenem Antrieb, aus Empathie, aus moralischer Überzeugung. Diese Fähigkeit braucht keine göttliche Verursachung – sie ist Teil dessen, was uns als soziale Wesen ausmacht.
Das institutionelle Ausweichmanöver: Vom Strukturwandel zur „Beziehungskirche“
Gerber verkündet: „In mir ist die Überzeugung gewachsen: Für diese Form von Kirche will ich mich als Ihr Bischof einsetzen mit all den Kräften, die mir zur Verfügung stehen.“
Diese Aussage muss im Kontext der gegenwärtigen Krise der katholischen Kirche in Deutschland verstanden werden:
- Massiver Mitgliederschwund: Hunderttausende treten jährlich aus.
- Missbrauchsskandal: Systematische Vertuschung sexuellen Missbrauchs durch Kleriker, ermöglicht und begünstigt durch institutionelles Versagen auf allen Ebenen.
- Reformstau: Zölibat, Frauenordination, Machtstrukturen – die Institution verweigert sich grundlegenden Reformen.
- Relevanzverlust: Immer weniger Menschen, einschließlich der eigenen Schäfchen, orientieren sich an kirchlichen Vorgaben.
In dieser Situation propagiert Gerber eine „Kirche der Beziehung“. Das klingt sympathisch, menschlich, zukunftsorientiert. Doch es ist auch ein nicht allzu schwer durchschaubares Ablenkungsmanöver. Denn die Krise der Kirche ist nicht primär eine Beziehungskrise, sondern eine Struktur-, Macht- und Glaubwürdigkeitskrise.
Menschen verlassen die Kirche nicht, weil sie zu wenig „von Herz zu Herz“ Beziehungen erleben. Sie verlassen die Kirche, weil:
- Sie die Lehren nicht mehr glauben (Jungfrauengeburt, Auferstehung, Transsubstantiation).
- Sie die moralischen Positionen ablehnen (Homosexualität als Sünde, Verbot der Empfängnisverhütung, patriarchale Strukturen, biblisch-christliches Belohnungs-Bestrafungs-System).
- Sie das institutionelle Versagen nicht mehr tolerieren (Missbrauchsvertuschung, finanzielle Intransparenz).
- Sie die Machtstrukturen für anachronistisch halten (klerikale Hierarchie, Ausschluss von Frauen, autoritäre Entscheidungsprozesse).
Gerbers „Beziehungskirche“ adressiert keines dieser fundamentalen Probleme. Stattdessen verlagert sie die Diskussion auf eine emotionale Ebene: Kirche als Ort menschlicher Begegnungen. Das mag einzelne Menschen ansprechen, aber es löst nicht die gravierenden strukturellen und theologischen Defizite.
Es ist ein klassisches Ausweichmanöver: Anstatt sich mit den harten Fragen auseinanderzusetzen (Warum sollte man an Wunder glauben? Warum akzeptiert die Kirche weiterhin patriarchale Strukturen? Wie geht die Kirche mit ihrer Schuld im Missbrauchsskandal um?), flüchtet man sich in die Weichspül-Rhetorik des über Beziehungen, Zuhören und Miteinander.
Die Kultur des Zuhörens: Psychologisierung statt Strukturwandel
Gerber fordert eine „Kultur des Zuhörens“ und empfiehlt: „Widerstehen wir dem Impuls, gleich eine Antwort, eine Lösung zu finden. Sondern halten wir geduldig die Spannung aus, die entstehen kann, wenn ein Mensch eine existenziellere Krisensituation erfährt.“
Dieser Ratschlag klingt nach moderner Psychologie, nach therapeutischer Kompetenz, nach empathischer Präsenz. Und in der Tat ist aktives Zuhören eine wichtige Fähigkeit in der Krisenbegleitung.
Doch auch hier verschleiert Gerber, was er, zumindest berufsbedingt, eigentlich meint. Denn die „Spannung aushalten“ bedeutet im kirchlichen Kontext nicht nur, emotional präsent zu sein. Es bedeutet auch, keine klaren Antworten auf moralische oder existenzielle Fragen zu geben, die der kirchlichen Lehre widersprechen könnten.
Was passiert, wenn jemand in einer existenziellen Krise dem Bischof anvertraut:
- „Ich bin homosexuell und möchte heiraten“?
- „Ich bin geschieden und möchte wieder kirchlich heiraten“?
- „Ich habe abgetrieben und fühle mich schuldig“?
- „Ich glaube nicht mehr an die Auferstehung“?
In all diesen Fällen kann die Kirche nicht einfach „zuhören“ und „Spannung aushalten“. Sie muss Position beziehen – und diese Position widerspricht oft dem, was für die betroffene Person heilsam wäre. Die „Kultur des Zuhörens“ stößt an ihre Grenzen, wenn die kirchliche Lehre selbst Teil des Problems ist.
Gerbers Rhetorik psychologisiert, was eigentlich eine strukturelle Frage ist: Nicht mangelndes Zuhören ist das Problem der Kirche, sondern dogmatische Starrheit und moralischer Rigorismus.
Die jungen Erwachsenen: Anekdotische Evidenz statt Empirie
Gerber berichtet von einem Studientag mit 25 jungen Erwachsenen, die „in den vergangenen Jahren zum Glauben gefunden haben“. Mehrere hätten existenzielle Krisen geschildert und dabei erfahren, dass „da jemand ist“, der sie begleitet. Mit der Zeit hätten sie entdeckt, dass für diese Person „der christliche Glaube eine wichtige Kraftquelle ist“.
Diese Anekdote soll belegen, dass „in unseren Tagen, in unserem Bistum junge Menschen zum Glauben finden“. Doch aus empirischer Sicht ist diese Argumentation schwach:
25 junge Erwachsene in einem Bistum mit mehreren hunderttausend Katholiken sind statistisch irrelevant. Die Gesamtzahl junger Menschen, die sich vom Glauben abwenden oder für die ihr Taufscheinglaube völlig bedeutungslos ist, ist um Größenordnungen höher. Gerber präsentiert eine kleine, selbstselektierte Gruppe (Menschen, die bereit waren, an einem Studientag über Glauben teilzunehmen) als Beleg für einen allgemeinen Trend – das ist anekdotische Evidenz, nicht empirische Realität.
Zudem verschweigt Gerber, warum diese Menschen zum Glauben gefunden haben. Er suggeriert: weil sie von gläubigen Menschen begleitet wurden. Doch das ist eine Interpretation, keine Erklärung. Viele Menschen werden in Krisen von gläubigen Menschen begleitet und finden nicht zum Glauben. Umgekehrt werden viele Menschen von säkularen Therapeutinnen, Sozialarbeiterinnen oder einfach Freunden begleitet und finden ebenfalls Halt – ohne religiöse Bekehrung.
Die Anekdote dient hier als Ablenkung von der harten Realität: Die katholische Kirche verliert massiv an Mitgliedern, insbesondere unter jungen Menschen. Einzelfälle von Konversion ändern daran nichts.
Die Verschleierung der Opfertheologie
Besonders problematisch ist Gerbers Aussage, der Glaube gründe in Christus, „der sich am Kreuz zutiefst hat verwunden lassen“, und dass daraus eine Gemeinschaft entstehe, in der Menschen „mit ihren Brüchen tragen und ertragen sich gegenseitig“.
Hier wird eine Opfertheologie propagiert, die aus humanistischer Sicht höchst bedenklich ist. Die christliche Tradition deutet das Leiden Jesu am Kreuz als heilbringend, als stellvertretendes Sühneopfer für die Sünden der Menschheit. Diese Theologie impliziert:
- Leiden hat einen positiven Wert – es ist nicht einfach ein Übel, das man zu vermeiden sucht, sondern kann „heilbringend“ sein.
- Opfer ist notwendig für Erlösung – ohne das Kreuzesopfer Jesu gäbe es keine Versöhnung mit Gott.
- Verwundbarkeit ist Vorbild – Jesus „lässt sich verwunden“, und daraus erwächst Heil.
Diese Deutung ist psychologisch destruktiv. Sie kann dazu führen, dass Menschen ihr eigenes Leiden nicht als Unrecht ansehen, sondern als „Kreuz, das sie tragen müssen“. Sie kann Opferhaltungen stabilisieren, statt Menschen zu ermutigen, sich aus leidvollen Situationen zu befreien.
Aus säkularer Sicht ist Leiden kein Wert an sich. Es ist ein Übel, das man nach Möglichkeit vermeiden, lindern oder überwinden sollte. Solidarität bedeutet nicht, einander beim Leiden zuzuschauen und es gemeinsam zu „ertragen“, sondern aktiv daran zu arbeiten, Leid zu reduzieren – durch medizinische Versorgung, soziale Unterstützung, politische Veränderungen.
Gerbers Rhetorik verklärt Leiden, indem er es in den Horizont der Kreuzestheologie stellt. Das mag für ihn persönlich tröstlich sein, aber es ist kein universelles Modell für den Umgang mit Krisen.
Fazit: Empathie braucht keine Theologie
Bischof Gerbers Hirtenwort ist ein rhetorisch geschickter, aber inhaltlich problematischer Text. Er nutzt seine persönliche Leidenserfahrung, um für eine „Kirche der Beziehung“ zu werben – doch dabei verschleiert er fundamentale theologische Absurditäten hinter humanistischer Sprache.
Was er richtig beschreibt: Menschen brauchen in Krisen Begleitung, Empathie und Solidarität. Zuhören ist wichtig. Beziehungen tragen.
Was er verschweigt: All dies sind zutiefst menschliche Fähigkeiten, die keine religiöse Legitimation brauchen. Empathie existiert unabhängig von Christologie. Solidarität braucht keine Auferstehungsmythologie. Krisenbegleitung funktioniert ohne Glauben an göttliche Vorsehung.
Was er manipulativ umdeutet:
- Menschliche Solidarität wird zu kirchlichem Auftrag.
- Säkulare Empathie wird zu christlicher Nächstenliebe.
- Rationale Terminplanung wird zu göttlichem Hinweis.
- Mythologische Erzählungen werden zu Vorbildern für Krisenbegleitung.
- Strukturelle Kirchenkrise wird zu Beziehungsdefizit umgedeutet.
Aus humanistischer Sicht brauchen wir keine „Kirche der Beziehung“. Wir brauchen eine Kultur der säkularen Solidarität, in der:
- Menschen einander beistehen, weil sie empathisch sind, nicht weil Gott es befiehlt.
- Krisen rational analysiert und pragmatisch angegangen werden, nicht religiös überhöht.
- Leid nicht verklärt, sondern bekämpft wird.
- Beziehungen auf Augenhöhe entstehen, nicht im Schatten autoritärer Lehren.
- Zufälle als Zufälle akzeptiert werden, nicht als göttliche Hinweise gedeutet.
Gerbers persönliche Erfahrung verdient Respekt. Seine theologische Deutung dieser Erfahrung verdient Kritik. Denn sie versucht, eine gescheiterte Institution durch Emotionalisierung zu retten und fundamentale Absurditäten hinter dem Vokabular menschlicher Wärme zu verstecken.
„Von Mensch zu Mensch“? Gerne – aber ohne mythologischen Überbau, ohne autoritäre Lehren, ohne magisches Denken. Einfach menschlich.
Fußnoten
| ↑1 | Die STEP-Studie (Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer, 2006) zeigte, dass Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, signifikant mehr postoperative Komplikationen erlitten als die Kontrollgruppe – möglicherweise aufgrund des psychologischen Drucks, der durch das Wissen um die Fürbitte entsteht. |
|---|

















Bitte beachte beim Kommentieren: