Wenn Beten die Politik ersetzt: Wolfgang Becks fatale Sturm-Analogie

Lesezeit: ~ 9 Min.

Wie das „Wort zum Sonntag“ angesichts realer Gewalt in religiöse Ohnmacht flüchtet – Krieg und Hoffnung auf Frieden – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Dr. Wolfgang Beck, veröffentlicht am 28.2.26 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Beck flüchtet angesichts realer Kriegsgewalt in eine biblische Sturm-Metapher, naturalisiert damit politische Konflikte als schicksalhafte Naturgewalten, ersetzt wirksames politisches Handeln durch wirkungsloses Gebet und verkauft diese Ohnmacht als spirituelle Weisheit – eine Entmündigung mündiger Bürger durch religiöse Passivitätsrhetorik, präsentiert im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Im „Wort zum Sonntag“ vom 28. Februar 2026 kommentiert Wolfgang Beck die aktuellen militärischen Angriffe gegen den Iran. Was zunächst wie eine angemessen nachdenkliche Reaktion auf Kriegsgewalt erscheint, entpuppt sich bei genauerer Analyse – wen kann es noch erstaunen – als Paradebeispiel dafür, wie religiöse Rhetorik politische Verantwortung verschleiert, konkrete Handlungsmöglichkeiten durch symbolische Gesten ersetzt und die eigene Hilflosigkeit als spirituelle Weisheit verkauft.

Beck flüchtet aus der komplexen politischen Realität in eine biblische Metapher – und macht damit aus mündigen Bürgerinnen und Bürgern passive Betende, die im Sturm auf Jesus warten, statt selbst das Steuer in die Hand zu nehmen.

Die strategische Ambivalenz: Alle Positionen und keine

Beck beginnt mit einer strategischen Ambivalenz, die den gesamten Text durchzieht: „Es gibt daher gute Gründe für das Vorgehen. Zugleich stellt sich bei mir bei solchen Nachrichten von einem neuen Krieg auch eine riesige Traurigkeit ein.“

Diese Formulierung ist bewusst unscharf. Beck erkennt „gute Gründe“ für das militärische Vorgehen an – aber welche? Er nennt die „Ermutigung“ für Demokratiebewegungen im Iran, die inhaftierten Demonstrantinnen, die „brutalen Opfer der Machthaber“, die Hingerichteten. Doch diese Aufzählung ist keine politische Analyse, sondern eine emotionale Kontextualisierung.

Gleichzeitig betont er seine „riesige Traurigkeit“ und erklärt, es wäre „unangemessen zu jubeln“. Damit positioniert er sich gegen niemanden: Weder kritisiert er das militärische Vorgehen explizit, noch befürwortet er es eindeutig. Er verharrt in einer diffusen Zwischenposition, die nach Differenziertheit aussieht, aber faktisch eine Verweigerung klarer Positionierung ist.

Diese Ambivalenz ist charakteristisch für religiöse Diskurse im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Man möchte niemanden vor den Kopf stoßen, also formuliert man so vage, dass jeder sich bestätigt fühlen kann: Wer den Militärschlag befürwortet, findet die „guten Gründe“. Wer ihn ablehnt, findet die „Traurigkeit“. Beck gibt sich als Vermittler, ist aber faktisch positionslos.

Aus säkularer Sicht ist diese Haltung problematisch. Bei militärischen Angriffen, die Menschenleben kosten, ist eine klare ethische und politische Bewertung notwendig. Man kann für oder gegen militärische Intervention sein – aber man sollte seine Position begründen, nicht hinter emotionalen Befindlichkeiten verstecken.

Die Flucht in die Metapher: Der Sturm als Ausflucht

Nun vollzieht Beck den entscheidenden rhetorischen Schachzug: „Und immer wenn die Ereignisse sich überschlagen und es schwierig wird, den Durchblick zu behalten, dann denke ich persönlich an eine biblische Erzählung aus den Evangelien.“

Diese Formulierung ist aufschlussreich. Beck gesteht ein, dass er „den Durchblick“ verliert – also die politische Situation nicht mehr einordnen kann. Seine Reaktion darauf ist aber nicht, sich intensiver mit der Realität auseinanderzusetzen, Expertisen zu konsultieren, politische Analysen zu studieren. Seine Reaktion ist: Flucht in eine biblische Metapher.

Die Geschichte vom Sturm auf dem See Genezareth wird zur Analogie für die gegenwärtige Situation: Die Jünger im Boot geraten in einen Sturm, verlieren „den Durchblick“, sind voller „Angst und Unsicherheit“, und obwohl sie als Fischer eigentlich wissen sollten, was zu tun ist, „nützt dieses Wissen offenbar nichts“. Sie wenden sich an Jesus, und „ihm gelingt es, die Menschen und die Situation zu beruhigen“.

Diese Analogie ist aus mehreren Gründen fatal:

1. Die Analogie ist schief

Ein Sturm auf dem See ist ein Naturereignis, dem man ausgeliefert ist. Krieg hingegen ist ein von Menschen gemachtes Phänomen, das auf politischen Entscheidungen, Machtinteressen und historischen Konflikten beruht. Während man einem Sturm tatsächlich machtlos gegenübersteht (außer durch technische Vorkehrungen und nautisches Können), ist Krieg das Ergebnis menschlicher Handlungen – und kann durch menschliche Handlungen beendet oder verhindert werden.

Die Sturm-Metapher naturalisiert den Krieg, macht ihn zu einem Schicksal, einer Naturgewalt, der man hilflos ausgeliefert ist. Sie verschleiert, dass hinter jedem Bombenabwurf konkrete Menschen stehen, die Entscheidungen treffen, dass hinter jedem Krieg politische und fast immer auch religiöse Strukturen, ökonomische Interessen und ideologische Konflikte stehen.

2. Die Passivität der Jünger wird glorifiziert

Beck beschreibt, dass die Jünger trotz ihres Fachwissens als Fischer nicht wissen, was zu tun ist, und sich deshalb an Jesus wenden. Diese Beschreibung glorifiziert Hilflosigkeit und Passivität. Die Jünger handeln nicht selbst, sie wenden sich an eine externe Autorität, die die Situation „beruhigt“.

Übertragen auf die gegenwärtige Situation heißt das: Wenn wir als Bürgerinnen und Bürger „den Durchblick verlieren“, sollen wir nicht aktiv werden, nicht politisch handeln, sondern uns an Jesus (bzw. Gott, bzw. das Gebet) wenden und darauf warten, dass die Situation „beruhigt“ wird.

Diese Haltung ist aus demokratietheoretischer Sicht verheerend. Sie entmündigt Menschen, macht sie zu passiven Zuschauern politischer Ereignisse und suggeriert, dass politisches Handeln zwecklos sei, wenn man „den Durchblick verliert“.

3. Jesus als Problemlöser entpolitisiert

In der biblischen Erzählung „beruhigt“ Jesus den Sturm durch ein Wunder. Er spricht zum Wind und zu den Wellen, und sie gehorchen ihm. Diese Darstellung ist mythologisch – kein rationaler Mensch glaubt heute, dass man Naturgewalten durch Worte kontrollieren kann.

Doch Beck nutzt diese mythologische Erzählung als Modell für den Umgang mit politischen Krisen. Die Implikation ist klar: So wie Jesus den Sturm beruhigt hat, so kann Gott (durch Gebet angerufen) auch politische Konflikte „beruhigen“.

Diese Logik entpolitisiert fundamentale gesellschaftliche Konflikte. Sie suggeriert, dass nicht politische Verhandlungen, Diplomatie, internationale Zusammenarbeit oder zivilgesellschaftliches Engagement Konflikte lösen, sondern göttliches Eingreifen – vermittelt durch Gebet.

Aus säkularer Sicht ist das eine Kapitulation vor der Komplexität politischer Realität. Konflikte werden nicht durch Wunder gelöst, sondern durch mühsame politische Arbeit, durch Kompromisse, durch internationale Institutionen, durch zivilgesellschaftlichen Druck.

Das Gebet als politische Ohnmacht

Nun kommt Beck zum Kern seiner Botschaft: „Dass sich die Jünger im Sturm an Jesus wenden, ist auch wie ein Plädoyer zu verstehen […] Es ist auch die Ermutigung zu beten.“

Diese „Ermutigung zu beten“ ist das zentrale Problem dieses Textes. Beck präsentiert das Gebet als angemessene Reaktion auf Kriegsgewalt – und verschleiert dabei, dass Gebet faktisch wirkungslos ist.

Gebet als Symbolhandlung ohne die geglaubte Wirkung

Gebet
„Segne besonders unseren Führer…“ – Gebet aus dem katholischen Feldgesangbuch (Quelle)

Aus rationaler Sicht ist Gebet eine rein subjektive Handlung, die ausschließlich psychologische Effekte auf den Betenden selbst haben kann (Beruhigung, Gefühl der Verbundenheit, emotionale Entlastung). Es hat keinerlei kausale Wirkung auf die Realität außerhalb des Bewusstseins des Betenden.

Wenn Beck sagt „Beten für alle, die verletzt oder getötet werden“, dann ist das eine Geste, die den Betenden das Gefühl gibt, etwas zu tun – aber faktisch tut man nichts. Die Verletzten werden durch Gebet nicht geheilt. Die Toten werden nicht wieder lebendig. Die Bomben fallen weiter, unabhängig davon, ob jemand betet oder nicht.

Empirische Studien haben wiederholt gezeigt, dass Fürbittgebet keine messbaren Effekte auf Krankheitsverläufe, Heilungschancen oder andere objektive Outcomes hat. Die kürzlich bereits erwähnte STEP-Studie (2006)[1]Die STEP-Studie (Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer, 2006) zeigte, dass Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, signifikant mehr postoperative Komplikationen … Continue reading zeigte sogar, dass Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, mehr Komplikationen hatten.

Gebet als Ersatz für politisches Handeln

Noch problematischer ist, dass Beck das Gebet als Alternative zu politischem Handeln präsentiert. Er sagt nicht: „Neben politischem Engagement können Menschen auch beten, wenn es ihnen hilft.“ Er sagt: In Situationen, in denen wir den Durchblick verlieren und sprachlos sind, ist Gebet eine „angemessene“ Form, „mit der Situation umzugehen“.

Diese Rhetorik ersetzt konkrete politische Handlungsmöglichkeiten durch symbolische Gesten. Statt zu fragen „Was können wir tun, um Kriegsgewalt zu verhindern oder zu beenden?“, flüchtet Beck in die Innerlichkeit des Gebets.

Doch es gibt zahlreiche säkulare Handlungsoptionen, die weit wirksamer sind als Gebet:

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  • Politischer Aktivismus: Demonstrationen, Petitionen, Briefe an Abgeordnete, Beteiligung an Friedensbewegungen.
  • Zivilgesellschaftliches Engagement: Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen, die im Iran oder in der Region arbeiten; Spenden an humanitäre (statt an missionierende) Hilfsorganisationen.
  • Informationsarbeit: Sich über die Hintergründe des Konflikts informieren, Desinformation entgegentreten, aufklären.
  • Diplomatischer Druck: Durch öffentliche Meinungsbildung Druck auf Regierungen ausüben, diplomatische Lösungen zu suchen statt militärische.
  • Wirtschaftliche Solidarität: Boykotte, Sanktionen oder andere Formen wirtschaftlichen Drucks gegen Regime, die Menschenrechte verletzen.
  • Schutz von Geflüchteten: Engagement für offene Grenzen, Unterstützung von Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen.

All diese Handlungen haben reale Wirkung. Sie kosten Zeit, Energie, manchmal auch Geld – aber sie verändern die Welt. Gebet hingegen verändert die Welt nicht, es verändert allenfalls das Gefühl des Betenden.

Indem Beck Gebet als angemessene Reaktion auf Krieg präsentiert, entmutigt er faktisch von wirksamen politischen Handlungen. Er suggeriert, dass die Komplexität der Situation uns zur Passivität zwingt – und dass Gebet eine Form der Aktivität sei, obwohl es faktisch Passivität ist.

Die problematische Gebetsliste: Für alle und niemanden

Beck konkretisiert, wofür gebetet werden soll:

„Beten für alle, die verletzt oder getötet werden. Beten für alle, die Entscheidungen treffen und treffen müssen. Beten für alle, die in den Gefängnissen des iranischen Regimes um ihr Leben bangen und gefoltert werden. Beten auch für alle Menschen, die in ihrem Handeln Schuld auf sich laden.“

Diese Liste ist bemerkenswert, weil sie alle Akteure einschließt: Opfer, Täter, Entscheidungsträger. Das mag nach christlicher Nächstenliebe und Versöhnung klingen, ist aber ethisch problematisch.

Die Gleichstellung von Opfern und Tätern

Beck betet für „alle, die verletzt oder getötet werden“ – das sind die Opfer. Aber er betet auch für „alle Menschen, die in ihrem Handeln Schuld auf sich laden“ – das sind die Täter. Diese Gleichstellung verwischt moralische Unterschiede.

Ja, auch Täter sind Menschen, und aus christlicher Perspektive mag es geboten sein, für sie zu beten. Aber aus humanistischer Sicht ist es wichtig, klar zwischen Opfern und Tätern zu unterscheiden. Wer Bomben abwirft, wer Menschen foltert, wer Menschenrechte verletzt, trägt Verantwortung für sein Handeln. Diese Verantwortung wird durch Gebet nicht aufgelöst.

Die Formel „Beten für alle“ nivelliert diese Unterschiede. Sie suggeriert eine universelle Verbundenheit, die moralische Klarheit vermissen lässt. Nicht alle sind gleich betroffen. Nicht alle tragen gleiche Verantwortung. Nicht alle verdienen gleiche Empathie.

Die Entlastung der Entscheidungsträger

Besonders problematisch ist das Gebet „für alle, die Entscheidungen treffen und treffen müssen“. Diese Formulierung entlastet politische und militärische Entscheidungsträger, indem sie suggeriert, dass sie unter großem Druck stehen und unsere Unterstützung (durch Gebet) brauchen.

Doch aus demokratischer Sicht ist das Gegenteil richtig: Politische Entscheidungsträger müssen sich rechtfertigen, sie müssen kritisiert werden, sie müssen Rechenschaft ablegen für ihre Entscheidungen. Gerade bei militärischen Angriffen, die Menschenleben kosten, ist es Aufgabe der Zivilgesellschaft, kritisch zu fragen: War das notwendig? Waren die Ziele legitim? Wurden zivile Opfer minimiert? Gibt es Alternativen?

Statt für sie zu beten, sollten wir sie zur Verantwortung ziehen. Gebet ersetzt demokratische Kontrolle durch religiöse Fürbitte – und entmündigt damit die Bürgerinnen und Bürger, die eigentlich die Träger politischer Souveränität sind. Gleichzeitig bringt es das magische Phantasiewesen aus der biblisch-christlichen Mythologie als übergeordnete Entität ins Spiel.

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Die Illusion der Verbundenheit

Beck schließt mit der Behauptung: „In solchen Gebeten, mit und ohne Worte, drückt sich unsere Verbundenheit aus über Religionsgrenzen und Nationalitäten hinweg. Eine Verbundenheit mit allen Menschen.“

Diese Aussage klingt versöhnlich und humanistisch, ist aber bei genauerer Betrachtung eine Illusion.

Gebet schafft keine reale Verbundenheit

Verbundenheit entsteht durch Kommunikation, durch gemeinsames Handeln, durch Solidarität. Wenn ich mit jemandem spreche, wenn ich ihm helfe, wenn ich mich mit ihm für ein gemeinsames Ziel einsetze – dann entsteht Verbundenheit.

Gebet hingegen ist eine einseitige, innerliche Handlung. Wenn ich in Deutschland für Menschen im Iran bete, dann wissen diese Menschen nichts davon. Es findet keine Kommunikation statt, keine Interaktion, keine gegenseitige Anerkennung. Die „Verbundenheit“, von der Beck spricht, existiert nur im Bewusstsein, genauer: in der Einbildung des Betenden – nicht in der Realität der Beziehung.

Diese subjektive Illusion von Verbundenheit kann sogar schädlich sein, weil sie das Gefühl vermittelt, man habe etwas getan, man sei solidarisch – während man faktisch passiv geblieben ist. Gebet kann so zu einem Beruhigungsmittel werden, das politisches Engagement ersetzt. Es ist eine Form geistiger Selbstbefriedigung, die Beck hier propagiert. Denn noch kein Gebet wurde jemals im geglaubten Sinne erhört. Egal, zu welcher Gottheit gebetet wurde.

Die Fiktion der universellen Verbundenheit

Zudem ist die Rede von „Verbundenheit mit allen Menschen“ eine abstrakte Fiktion, die konkrete politische Konflikte verschleiert. Nicht alle Menschen sind verbunden. Es gibt reale Interessenkonflikte, Machtasymmetrien, ideologische Gegensätze.

Das iranische Regime und die Demokratiebewegung sind nicht einfach „verbunden“ – sie stehen in einem fundamentalen Konflikt. Israelische Zivilisten in Luftschutzbunkern und iranische Regimevertreter sind nicht einfach „alle Menschen“, für die man gleichermaßen betet – sie befinden sich in einer asymmetrischen Gewaltbeziehung.

Die universalistische Rhetorik verschleiert diese Konflikte und suggeriert eine harmonische Menschheitsfamilie, die es nicht gibt. Sie ist letztlich eine Form der Realitätsverweigerung, die sich hinter religiöser Innerlichkeit versteckt.

Die Entpolitisierung durch Sakralisierung

Becks „Wort zum Sonntag“ ist ein Beispiel dafür, wie religiöse Rhetorik politische Verantwortung verschleiert und konkrete Handlungsmöglichkeiten durch symbolische Gesten ersetzt.

Die zentrale Operation ist die Sakralisierung einer politischen Krise: Ein komplexer geopolitischer Konflikt wird umgedeutet in einen „Sturm“, dem man hilflos ausgeliefert ist. Politische Entscheidungen werden naturalisiert als schicksalhafte Ereignisse. Und die angemessene Reaktion wird nicht in politischem Handeln gesehen, sondern im Gebet.

Diese Rhetorik:

  • Entmündigt Bürgerinnen und Bürger, indem sie Passivität als Weisheit verkauft.
  • Entpolitisiert Konflikte, indem sie sie als Naturgewalten darstellt.
  • Ersetzt wirksames politisches Handeln durch wirkungsloses Gebet.
  • Verschleiert moralische Verantwortung durch universalistische Versöhnungsrhetorik.
  • Legitimiert die eigene Positionslosigkeit als spirituelle Differenziertheit.

Fazit: Nicht beten, sondern handeln

Koppelschloss "Gott mit uns"
„Gott mit uns“ – Koppelschloss des preussischen Militärs (gemeinfrei)

Wolfgang Becks „Wort zum Sonntag“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie Religion angesichts realer Gewalt in Ohnmacht flüchtet und diese Ohnmacht als Tugend verkauft. Statt klare politische Positionen zu beziehen, versteckt er sich hinter emotionaler Ambivalenz.

Statt konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, flüchtet er in eine biblische Metapher. Statt Menschen zu politischem Engagement zu ermutigen, empfiehlt er Gebet – eine Symbolhandlung ohne reale Wirkung.

Aus humanistischer und atheistischer Sicht ist die Antwort klar: Nicht beten, sondern handeln.

Wenn wir angesichts von Kriegsgewalt „den Durchblick verlieren“, dann sollten wir nicht in religiöse Innerlichkeit flüchten, sondern uns informieren, Expertise einholen, differenziert urteilen. Wenn wir uns hilflos fühlen, sollten wir nicht passiv auf göttliches Eingreifen warten, sondern aktiv werden – durch politischen Aktivismus, zivilgesellschaftliches Engagement, Solidarität mit Opfern.

Die Jünger im Sturm mögen auf Jesus gewartet haben. Wir aber leben in einer säkularen Demokratie, in der wir selbst die Verantwortung tragen – nicht für das Wetter, aber sehr wohl für politische Entscheidungen und deren Konsequenzen.

„Verbundenheit mit allen Menschen“ entsteht nicht durch Gebet, sondern durch reale Solidarität: durch Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen, durch Schutz von Geflüchteten, durch diplomatischen Druck für friedliche Lösungen, durch kritische Kontrolle politischer Entscheidungsträger.

Der Sturm auf dem See Genezareth ist eine mythologische Erzählung aus einer Zeit, in der Menschen tatsächlich glaubten, dass Götter das Wetter kontrollierten. Wir leben im 21. Jahrhundert. Wir wissen, dass Kriege nicht von Göttern gemacht werden, sondern von Menschen – und dass sie von Menschen beendet werden können.

Nicht durch Gebet. Sondern durch politisches Handeln.

mehr oder weniger Religion?

Fußnoten

Fußnoten
1 Die STEP-Studie (Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer, 2006) zeigte, dass Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, signifikant mehr postoperative Komplikationen erlitten als die Kontrollgruppe – möglicherweise aufgrund des psychologischen Drucks, der durch das Wissen um die Fürbitte entsteht.

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