Wenn Gott Ski fährt: Über die Grenzen religiöser Vereinnahmung des Alltags

Lesezeit: ~ 3 Min.

Gedanken zum Impuls von Stadtpfarrer Stefan Buß: „Schifoan – Unterwegs mit Gott“, veröffentlicht am 7.2.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Buß‘ Text instrumentalisiert eine säkulare Freizeitaktivität für religiöse Zwecke und konstruiert dabei eine künstliche Abhängigkeit von Gott, die menschliche Autonomie, Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung systematisch untergräbt.

„Schifoan is des Leiwandste“ – so beginnt Wolfgang Ambros‘ Hymne auf den simplen Spaß am Skifahren. Stadtpfarrer Stefan Buß nimmt sich dieses Liedes an und verwandelt es in eine theologische Meditation. Was auf den ersten Blick wie eine harmlose Alltagspredigt wirkt, offenbart bei näherem Hinsehen ein grundlegendes Problem religiöser Weltdeutung: die systematische Vereinnahmung säkularer Lebenserfahrungen für theologische Zwecke – und Irreführung von Leichtgläubigen.

Die Metapher als trojanisches Pferd

Buß bedient sich einer bewährten Strategie: Er nimmt eine alltägliche, an sich völlig weltliche Freizeitaktivität und deutet sie religiös um. Skifahren wird zum Gleichnis für Glaubensleben, die Piste zur spirituellen Metapher. Diese Technik ist nicht neu – sie findet sich in unzähligen Predigten, die Fußball, Wandern, Kochen oder eben Skifahren als Vehikel für religiöse Botschaften nutzen.

Das Problem dabei: Die Metapher funktioniert nur in eine Richtung. Während man Skifahren wunderbar ohne jede religiöse Deutung genießen kann, suggeriert Buß‘ Text, dass erst die theologische Interpretation der Erfahrung ihre volle Bedeutung verleiht. Das Skifahren wird instrumentalisiert, um religiöse Inhalte schmackhaft zu machen – eine Form geistiger Vereinnahmung, die weltliche Freuden systematisch abwertet.

Die Konstruktion künstlicher Abhängigkeit

Besonders deutlich wird dies in Buß‘ zweitem Punkt: „Gott ist wie der sichere Untergrund unter unseren Schiern — wir sehen ihn nicht immer, aber er trägt uns.“ Diese Aussage ist aus säkularer Sicht in mehrfacher Hinsicht problematisch:

Erstens benötigt niemand einen Gott, um auf Skiern das Gleichgewicht zu halten. Was uns trägt, ist schlicht die Physik: Schwerkraft, Reibung, Gleichgewichtssinn und trainierte Muskulatur. Die Einführung einer unsichtbaren göttlichen Instanz erklärt nichts, sondern fügt lediglich eine überflüssige metaphysische Ebene hinzu.

Zweitens suggeriert diese Formulierung eine Abhängigkeit, die nicht existiert. Menschen können ihr Leben sehr wohl ausbalancieren – zwischen Arbeit und Ruhe, Verantwortung und Freiheit – ohne religiösen Glauben. Millionen säkularer Menschen weltweit demonstrieren dies täglich. Die Unterstellung, Gott sei für diese Balance notwendig, diskreditiert die Autonomie und Selbstwirksamkeit des Menschen.

Scheitern, Vergebung und die Entmündigung des Individuums

Im dritten Punkt greift Buß das Thema des Hinfallens auf. Die Botschaft: „Gott ist der, der sagt: ‚Steh auf. Ich bin da. Fahr weiter.'“ Auch hier zeigt sich eine paternalistische Grundhaltung, die den Menschen als hilfsbedürftiges Wesen konstruiert, das göttlichen Beistand braucht, um sich von Rückschlägen zu erholen.

Aus humanistischer Perspektive ist Resilienz – die Fähigkeit, nach Rückschlägen wieder aufzustehen – eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Sie erwächst aus innerer Stärke, sozialer Unterstützung, Lebenserfahrung und der Einsicht, dass Scheitern zum Leben gehört. Diese Fähigkeit einer externen göttlichen Instanz zuzuschreiben, bedeutet, Menschen ihre eigene Kraft und Würde abzusprechen.

Besonders kritikwürdig ist die Gleichgültigkeit, mit der Buß das Leid von hilfebedürftigen Menschen in Kauf nimmt, die ihm seine Göttermärchen tatsächlich abkaufen und sich auf die fiktive Unterstützung seines imaginären Himmelszauberers verlassen, statt sich in Notsituationen tatsächlich wirksame Hilfe zu suchen. Und dieser Vorwurf gilt auch den Nachrichtenportalen, die solche irreführenden Botschaften veröffentlichen.

Gemeinschaft – mit oder ohne Gott?

Der vierte Punkt betont die Bedeutung von Gemeinschaft: „nicht als Verein von Perfekten, sondern als Gemeinschaft von Menschen, die miteinander unterwegs sind“. Hier spricht Buß eine wichtige Wahrheit an – nur leider behauptet er implizit, diese Gemeinschaft sei spezifisch kirchlich oder christlich.

Tatsächlich ist der Wunsch nach Gemeinschaft, gegenseitiger Unterstützung und dem Gefühl, nicht allein zu sein, ein universell menschliches Bedürfnis. Sportvereine, Wandergruppen, politische Initiativen, Nachbarschaftshilfen oder humanistische Organisationen erfüllen diese Funktion ebenso – und das ohne metaphysische Überhöhung und religiös begründete Exklusivität und Deutungshoheitsanspruch. Die Kirche hat kein Monopol auf Gemeinschaft, auch wenn sie dies gerne suggeriert.

Die Anmaßung allwissender Begleitung

Besonders problematisch ist der Schlussakkord: „Gott ist mit uns unterwegs. Er kennt den Weg. Er trägt uns.“ Diese Aussage impliziert, dass:

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  1. Es einen vorbestimmten „Weg“ gibt, den Gott kennt
  2. Menschen diesen Weg nicht selbst erkennen können
  3. Göttliche Führung notwendig ist, um den richtigen Weg zu finden

Diese Vorstellung steht im direkten Widerspruch zu humanistischen Werten der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Aus säkularer Sicht gibt es keinen vorgezeichneten Lebensweg, den eine höhere Macht für uns bereithält. Es gibt nur die Wege, die wir selbst wählen, gehen und manchmal auch verlassen, um neue einzuschlagen. Die Vorstellung eines allwissenden Gottes, der den Weg kennt, infantilisiert erwachsene Menschen und raubt ihnen die Verantwortung für ihre Lebensgestaltung.

Fazit: Skifahren braucht keinen Gott

Stefan Buß‘ „Impuls“ ist exemplarisch für eine religiöse Rhetorik, die weltliche Erfahrungen vereinnahmt und sie zu Illustrationen theologischer Wahrheiten degradiert. Dabei wird verschleiert, dass Menschen für ein erfülltes Leben – sei es auf der Skipiste oder anderswo – keine religiöse Deutung benötigen.

Skifahren ist großartig, weil es Freude bereitet, weil es uns mit der Natur verbindet, weil es sportliche Herausforderung bietet und weil wir es mit anderen teilen können. Es braucht dafür keinen Gott, keine theologische Überhöhung und keine metaphysische Untermalung.

Die wahre Größe des Menschen zeigt sich gerade darin, dass er sein Leben selbst gestalten, sein Gleichgewicht selbst finden, nach Stürzen selbst aufstehen und Gemeinschaft selbst schaffen kann – ohne einen fiktiven göttlichen Beifahrer auf dem Sessellift.

Wolfgang Ambros hatte recht: Schifoan is des Leiwandste. Punkt. Mehr braucht es nicht.

Dieser Impuls belegt einmal mehr die Hilflosigkeit und Verzweiflung, mit der Mainstream-Berufschristen wie Stadtpfarrer Stefan Buß heute noch versuchen, ihr Glaubensprodukt als etwas Bedeutsames, zumindest aber Unverfängliches unters Volk zu bringen.

KI

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