Christlicher Anspruch vs. christliche Realität: Heinrich Bedford-Strohm und der Paderborner Missbrauchsskandal

Lesezeit: ~ 9 Min.

Darum geht es

Manchmal überschlagen sich die Meldungen – und dann wird Moralanspruch zum Hohn: Heinrich Bedford-Strohm und der Paderborner Missbrauchsskandal, eine kritische Analyse zu zwei christlichen Pressemitteilungen vom selben Tag

Wie am selben Tag kirchliche Deutungsansprüche und systematisches Versagen offenbar werden

Der 12. März 2026 ist war ein bemerkenswerter Tag in der deutschen Kirchengeschichte – allerdings nicht im positiven Sinne. An diesem Tag veröffentlichen zwei christliche Webseiten Meldungen, die in ihrer Gegenüberstellung die fundamentale moralische Bankrotterklärung des institutionalisierten Christentums offenbaren:

Während der evangelische Kirchenkreis Südthüringen den ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm mit der Forderung zitiert, die Kirche dürfe „zum Unrecht nicht schweigen“, veröffentlicht DOMRADIO.DE die erschütternden Ergebnisse einer Missbrauchsstudie aus dem Erzbistum Paderborn – die Fallzahlen haben sich verdoppelt, und es stehen schwere Vorwürfe gegen den früheren Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt im Raum: Er soll nicht nur Missbrauch vertuscht haben, sondern selbst Täter gewesen sein.

Die Analyse zeigt einmal mehr: Das Christentum verfügt über keine tragfähige Moralquelle, die es legitimieren würde, sich am öffentlichen Diskurs über Ethik und Moral mit religiös fundierten Argumenten zu beteiligen.

Bedford-Strohm: „Kirche darf zum Unrecht nicht schweigen“

In Neuhaus-Schierschnitz hält Bedford-Strohm am 11. März 2026 einen Vortrag beim Pfarrkonvent des Kirchenkreises Südthüringen über das Verhältnis von Religion und Politik. Seine zentrale These: „Kirche darf sich nicht aus den gesellschaftlichen Debatten zurückziehen.“

Der Deutungsanspruch

Bedford-Strohm argumentiert, die Gesellschaft suche in einer „Zeit großer Verunsicherung“ nach Orientierung. Auch wenn die Kirchen „heute weniger Deutungshoheit hätten als früher“, blieben sie „wichtige Stimmen im öffentlichen Gespräch“. Sie verfügten über ein „jahrtausendealtes Orientierungswissen“, das helfen könne, „Antworten auf die großen Fragen des Zusammenlebens zu finden“.

Mit einem Zitat Dietrich Bonhoeffers untermauert er den politischen Anspruch der Kirche:

„Auch das Schweigen gegenüber dem Unrecht ist eine politische Position.“

Bedford-Strohm folgert: Christlicher Glaube sei „untrennbar mit dem Einsatz für den Nächsten verbunden“. Wo Not und Ungerechtigkeit „auch politische Ursachen“ hätten, könne die Kirche „nicht neutral bleiben“. Die Aufgabe der Kirche bestehe darin, „aus ihrem Glauben heraus Orientierung zu geben und ‚mit Leidenschaft und Sachkompetenz für eine bessere Welt einzutreten'“.

Die impliziten Ansprüche

Bedford-Strohms Rede enthält mehrere implizite Ansprüche:

  1. Epistemischer Anspruch: Die Kirche verfügt über „jahrtausendealtes Orientierungswissen“ – also über Wissen, das anderen fehlt oder das überlegen ist.
  2. Moralischer Anspruch: Die Kirche ist kompetent, „Antworten auf die großen Fragen des Zusammenlebens“ zu geben – also moralisch urteilsfähig.
  3. Politischer Anspruch: Die Kirche muss sich zu gesellschaftlichen Fragen äußern, darf nicht schweigen – also hat sie ein Mitspracherecht.
  4. Exklusivitätsanspruch: Christlicher Glaube ist „untrennbar“ mit Nächstenliebe verbunden – also hat die christliche Moral eine besondere Qualität.

Diese Ansprüche sind nicht neu. Sie werden seit Jahrhunderten von Kirchenvertretern vorgebracht. Doch ihre Legitimität steht und fällt mit der Frage: Verfügt das Christentum tatsächlich über eine tragfähige, konsistente, praktisch bewährte Moralquelle?

Der Paderborner Missbrauchsskandal: Systematisches Versagen

Ebenfalls am 12. März 2026 veröffentlicht DOMRADIO.DE die Ergebnisse einer Aufarbeitungsstudie zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn. Die Zahlen sind – außer für Katholiken, deren moralischer Kompass so grundlegend zerstört ist, dass sie nicht sofort aus der Kirche ausgetreten sind – erschütternd:

Die Fakten

  • 210 beschuldigte Geistliche (Verdopplung gegenüber der MHG-Studie von 2018, die nur 111 identifiziert hatte)
  • 489 betroffene Kinder und Jugendliche (mehr als doppelt so viele wie die 197 der MHG-Studie)
  • Zeitraum: 1941 bis 2002 (Amtszeiten der Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt)
  • Die Forschenden betonen: Es handele sich nur um das „Hellfeld“ – die Dunkelziffer sei vermutlich etwa 20 (!) Mal höher

Die Vertuschung durch Erzbischöfe

Kirchenhistorikerin Nicole Priesching und ihr Team kommen zu einem vernichtenden Urteil: Die beiden früheren Erzbischöfe Kardinal Lorenz Jaeger und Kardinal Johannes Joachim Degenhardt hätten „große Milde gegenüber beschuldigten Priestern gezeigt, auch wenn sie von deren Schuld überzeugt gewesen seien“. Um die Betroffenen hätten sie sich „nicht gekümmert“.

Das ist keine fahrlässige Unterlassung. Das ist systematische Vertuschung auf höchster kirchlicher Ebene.

Degenhardt: Vom Vertuscher zum Täter?

Besonders brisant: Gegen den 2002 verstorbenen Kardinal Degenhardt liegen nun Vorwürfe vor, er sei selbst Täter gewesen. Laut dem Sprecher der Betroffenenvertretung, Reinhold Harnisch, liegt dem Gremium seit Ende 2025 ein Vorwurf eines Betroffenen vor. „Zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat soll der Betroffene minderjährig gewesen sein.“

Degenhardt gilt nach Ansicht der Betroffenenvertretung als „Beschuldigter“. Man gehe Hinweisen nach, „ob und inwieweit es weitere Opfer und Täter gegeben habe“.

Das Erzbistum hatte bereits im Oktober Missbrauchsvorwürfe gegen Degenhardt sowie gegen dessen Vorgänger, Kardinal Jaeger, veröffentlicht – allerdings mit der Einschränkung, diese seien „teils unvollständig, widersprüchlich oder über Dritte eingebracht worden“ und externe Gutachter hätten sie „als nicht plausibel bewertet“.

Die Kirchenhistorikerin Priesching wollte am Donnerstag keine Einordnung vornehmen, da „die Datenlage zu dünn sei“.

Ein Netzwerk? Weitere Bischöfe unter Verdacht

Der Verdacht gegen Degenhardt steht nicht isoliert. Es gibt weitere Missbrauchsvorwürfe gegen hochrangige Kirchenvertreter:

  • Kardinal Franz Hengsbach (1910-1991), Gründungsbischof des Bistums Essen: Gegen ihn liegen mehrere Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt vor – sowohl aus seiner Essener Amtszeit ab 1958 als auch aus der Zeit davor als Priester und Weihbischof im Erzbistum Paderborn.
  • Bischof Heinrich Maria Janssen (1907-1988), früherer Hildesheimer Bischof: Gegen ihn werden Missbrauchsvorwürfe erhoben, die bisher weder erhärtet noch entkräftet werden konnten.

Die Formulierung in der Studie, man gehe Hinweisen nach, „ob und inwieweit es weitere Opfer und Täter gegeben habe“, legt nahe, dass die Forschenden strukturelle Muster erkennen – möglicherweise ein Netzwerk, in dem Täter sich gegenseitig deckten, Opfer systematisch zum Schweigen gebracht und Aufklärung verhindert wurde.

Die Diskrepanz: Anspruch und Wirklichkeit

Die Gegenüberstellung der beiden Meldungen vom 12. März 2026 ist niederschmetternd:

Bedford-Strohm verkündet:

  • „Kirche darf zum Unrecht nicht schweigen“
  • Kirche verfügt über „jahrtausendealtes Orientierungswissen“
  • Kirche soll „mit Leidenschaft und Sachkompetenz für eine bessere Welt eintreten“
  • Christlicher Glaube sei „untrennbar mit dem Einsatz für den Nächsten verbunden“

Die Paderborner Studie zeigt:

  • 210 beschuldigte Geistliche, 489 betroffene Kinder
  • Kardinäle Jaeger und Degenhardt vertuschten systematisch
  • Sie zeigten „große Milde“ gegenüber Tätern, kümmerten sich nicht um Opfer
  • Degenhardt steht selbst unter Missbrauchsverdacht
  • Mehrere Bischöfe sind beschuldigt

Die Kirche schwieg nicht zum Unrecht – sie beging es.

Sie verfügt nicht über Orientierungswissen – sie verlor jede moralische Orientierung, so sie die denn jemals überhaupt gehabt haben sollte.

Sie trat nicht für Nächstenliebe ein – sie missbrauchte die ihr Anvertrauten.

Warum das Christentum keine tragfähige Moralquelle ist

Die Legende von der christlichen Moral

Die Diskrepanz zwischen kirchlichem Anspruch und kirchlicher Wirklichkeit ist kein Zufall. Sie ist die logische Konsequenz eines fundamentalen Problems: Das Christentum verfügt über keine konsistente, rationale, praktisch bewährte Moralquelle.

Diese These hat der Philosoph Dr. Andreas Edmüller in seinem Buch „Die Legende von der christlichen Moral: Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist“ umfassend belegt. Die zentralen Argumente:

1. Normative Beliebigkeit

Das Christentum hat im Laufe seiner Geschichte jeden erdenklichen moralischen Standpunkt vertreten – und jeweils biblisch begründet:

  • Sklaverei wurde jahrhundertelang als gottgewollt verteidigt – und später als unchristlich verurteilt
  • Folter und Todesstrafe wurden theologisch legitimiert – und später abgelehnt
  • Hexenverbrennungen, Inquisition, Kreuzzüge – alles biblisch begründet
  • Aber auch Nächstenliebe, Feindesliebe, Pazifismus – ebenfalls biblisch begründet

Diese normative Beliebigkeit zeigt: Die Bibel ist kein moralisches Orientierungssystem, sondern ein Steinbruch, aus dem sich jede Position herausbrechen lässt.

2. Fehlende Minimalanforderungen an ein Moralsystem

Ein tragfähiges Moralsystem muss Mindestanforderungen erfüllen:

  • Konsistenz: Es darf keine Widersprüche enthalten
  • Klarheit: Moralische Gebote müssen eindeutig formuliert sein
  • Begründbarkeit: Normen müssen rational nachvollziehbar sein
  • Praktikabilität: Sie müssen in der Realität anwendbar sein

Das Christentum erfüllt keine dieser Anforderungen:

  • Die Bibel enthält zahlreiche Widersprüche (z.B. „Du sollst nicht töten“ vs. göttlich befohlene Völkermorde)
  • Zentrale Gebote sind unklar („Liebe deinen Nächsten“ – wer ist der Nächste? Was bedeutet Liebe konkret?)
  • Die Begründung ist autoritär („Weil Gott es sagt“), nicht rational
  • Viele biblische Gebote sind unpraktikabel oder absurd (Steinigung bei Ehebruch, Sklaverei-Regelungen)

3. Autorität statt Begründung

Christliche Moral basiert nicht auf rationaler Einsicht, sondern auf Gehorsam gegenüber göttlicher Autorität. Doch diese Autorität ist:

  • Imaginär: Es gibt keine empirischen Belege für die Existenz Gottes
  • Interpretationsbedürftig: Wer legt fest, was Gottes Wille ist?
  • Missbrauchsanfällig: Kirchenvertreter können im Namen Gottes agieren – wie die Paderborner Kardinäle zeigen

4. Die Praxis widerlegt den Anspruch

Der stärkste Beweis gegen die christliche Moral ist ihre historische und gegenwärtige Praxis:

  • Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen
  • Kolonialismus und Sklaverei – kirchlich legitimiert
  • Unterdrückung von Frauen, Homosexuellen, Andersdenkenden
  • Und nun: systematischer sexueller Missbrauch und dessen Vertuschung, Schutz der Täter und Verhöhnung der Opfer

Wenn das Christentum über eine überlegene Moralquelle verfügte, müssten Christen und insbesondere Kirchenvertreter moralisch vorbildlich handeln. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Der Paderborner Skandal als Systemversagen

Der Missbrauchsskandal im Erzbistum Paderborn ist kein Einzelfall, keine Ausnahme, kein „Versagen einzelner“. Er ist Systemversagen:

Strukturelle Faktoren

  1. Klerikale Hierarchie: Bischöfe verfügen über nahezu absolute Macht in ihrem Bistum – ohne demokratische Kontrolle
  2. Gehorsamskultur: Priester sind ihren Bischöfen zu Gehorsam verpflichtet – Kritik wird sanktioniert
  3. Verschwiegenheitskultur: Das „Beichtgeheimnis“ und die interne Gerichtsbarkeit schirmen die Kirche von externer Kontrolle ab
  4. Opferfeindliche Theologie: Sünde, Schuld, Vergebung – diese Konzepte können genutzt werden, um Opfer zum Schweigen zu bringen („Vergib“, „Du trägst Mitschuld“)
  5. Institutionelles Selbstinteresse: Der Schutz des „guten Rufs“ der Kirche wird höher bewertet als der Schutz der Opfer

Die Rolle der Bischöfe

Dass Kardinäle – die höchsten Würdenträger unterhalb des Papstes – systematisch Missbrauch vertuschten und möglicherweise selbst Täter waren, zeigt: Das Problem reicht bis in die Spitze der Institution.

Diese Männer verfügten über:

  • Theologische Ausbildung
  • Zugang zu den „moralischen Quellen“ des Christentums
  • Autorität, im Namen Gottes zu sprechen
  • Die Möglichkeit, moralische Standards zu setzen

Und trotzdem – oder gerade deshalb – versagten sie moralisch auf ganzer Linie.

Bedford-Strohms Anspruch: Legitimität verspielt

Vor diesem Hintergrund wirkt Bedford-Strohms Rede vom 11. März 2026 wie Hohn. Seine Forderung, die Kirche dürfe „zum Unrecht nicht schweigen“, ist angesichts dessen, was einen Tag später öffentlich wird, nicht nur unglaubwürdig, sondern zynisch.

Die verlorene moralische Autorität

Eine Institution, die:

  • 489 Kinder und Jugendliche (die wahrscheinliche Dunkelziffer ist 20 Mal so hoch) dem Missbrauch durch 210 Geistliche aussetzte
  • Kardinäle hatte, die Täter schützten und Opfer ignorierten
  • Bischöfe hatte, die möglicherweise selbst Täter waren
  • Bis heute nicht vollständig aufklärt, Archive verschließt, Opfer anzweifelt, Taten verjähren lässt und Opfer verhöhnt

— diese Institution hat jede moralische Autorität verspielt.

Das „jahrtausendealte Orientierungswissen“

Bedford-Strohm spricht von „jahrtausendealtem Orientierungswissen“. Doch was ist das für ein Wissen, das:

  • Nicht verhinderte, dass Kardinäle Missbrauch vertuschten?
  • Nicht verhinderte, dass Bischöfe selbst zu Tätern wurden?
  • Nicht verhinderte, dass 489 Kinder (zzgl. einer wahrscheinlich 20fach höheren Dunkelziffer!) leiden mussten?
  • Nicht verhinderte, dass die Institution systematisch versagte?

Dieses „Orientierungswissen“ ist wertlos. Schlimmer: Es ist schädlich, weil es eine moralische Überlegenheit suggeriert, die nicht existiert – und die Menschen dazu bringt, Kirchenvertretern zu vertrauen, die dieses Vertrauen missbrauchen. Und dabei macht es keinen Unterschied, welcher christlichen Konfession sich diese Leute angehörig fühlen.

Die Bonhoeffer-Instrumentalisierung

Bedford-Strohm zitiert Dietrich Bonhoeffer: „Auch das Schweigen gegenüber dem Unrecht ist eine politische Position.“

Diese Instrumentalisierung ist besonders perfide. Denn Bonhoeffer sprach über das Schweigen der Kirche zum Unrecht des Nationalsozialismus – und genau dieses Schweigen hat die Kirche praktiziert. Die überwiegende Mehrheit der Kirchenvertreter schwieg zum Holocaust, kooperierte mit dem Regime, segnete Waffen und Soldaten, war willfähriger Erfüllungsgehilfe und Nutznießer.

Und nun, 80 Jahre später, schweigt dieselbe Institution zum Missbrauch in den eigenen Reihen, schützt Täter, ignoriert Opfer – und hat die Frechheit, Bonhoeffer zu zitieren, um moralische Autorität zu beanspruchen.

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Säkulare Ethik

Eigentlich wurde die gescheiterte christliche Moral längst abgelöst durch säkulare, rationale Ethik:

Prinzipien säkularer Ethik

  1. Menschenwürde als Ausgangspunkt: Nicht der Wille eines imaginierten Gottes, sondern die Würde jedes Menschen ist die Grundlage
  2. Rationale Begründung: Normen müssen argumentativ nachvollziehbar sein, nicht autoritär gesetzt
  3. Konsequenzenabwägung: Handlungen werden nach ihren Folgen für das Wohlergehen bewertet
  4. Universalisierbarkeit: Was für einen gilt, muss für alle gelten (Kant’scher Imperativ)
  5. Fallibilität: Ethische Urteile sind revidierbar, wenn bessere Argumente vorliegen

Säkulare Ethik im Kinderschutz

Aus säkularer Sicht ist der Schutz von Kindern vor Missbrauch nicht verhandelbar:

  • Kinder sind besonders schutzbedürftig
  • Sexueller Missbrauch verletzt ihre Würde und Integrität fundamental
  • Institutionen, die Kinder betreuen, tragen besondere Verantwortung
  • Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden
  • Opfer müssen unterstützt, angehört, ernst genommen werden
  • Strukturen, die Missbrauch ermöglichen, müssen verändert werden

Diese Prinzipien sind nicht christlich. Sie sind humanistisch. Sie basieren nicht auf Bibel oder Tradition, sondern auf rationaler Einsicht in das, was Menschen – insbesondere Kindern – schadet.

Die Überlegenheit säkularer Ethik

Säkulare Ethik ist der christlichen überlegen, weil:

  1. Sie ist konsistent: Menschenwürde gilt universal, ohne Ausnahmen
  2. Sie ist transparent: Normen werden offen diskutiert, nicht von Autoritäten verkündet
  3. Sie ist korrigierbar: Bei neuen Erkenntnissen können Normen angepasst werden
  4. Sie funktioniert praktisch: Säkulare Rechtsstaaten schützen Kinder besser als kirchliche Institutionen
  5. Sie ist unabhängig: Sie braucht keine Götter, keine Offenbarungen, keine Priester

Konsequenzen: Was folgt daraus?

1. Die Kirchen haben kein moralisches Mitspracherecht

Solange die Kirchen:

  • Nicht vollständig aufgeklärt haben
  • Nicht alle Täter benannt haben
  • Nicht alle Archive geöffnet haben
  • Nicht alle Opfer entschädigt haben
  • Nicht die strukturellen Ursachen beseitigt haben

— sollten sie schweigen zu moralischen Fragen. Ihr Anspruch auf Mitsprache ist schon allein deshalb nicht legitimiert.

2. Kirchenvertreter sollten aus öffentlichen Gremien ausgeschlossen werden

In Deutschland sitzen Kirchenvertreter in:

  • Rundfunkräten
  • Ethikkommissionen
  • Bildungsgremien
  • Politischen Beratungsgremien

Diese Omnipräsenz ist nicht gerechtfertigt. Institutionen, die systematisch moralisch versagt haben und zudem durch ihre eigenen Dogmen und „Heilige Schriften“ nicht in der Lage sind, sich im erforderlichen Mindestmaß weiterzuentwickeln, müssten wirklich gute Argumente vorbringen können, warum ausgerechnet ihnen ein privilegierter Zugang zu gesellschaftlicher Meinungsbildung zugestanden werden sollte.

3. Kirchliche Privilegien sind nicht mehr zu rechtfertigen

Einige Kirchen genießen in Deutschland zahlreiche Privilegien:

  • Kirchensteuer (staatlich eingezogen)
  • Staatsleistungen (Milliarden jährlich)
  • Sonderarbeitsrecht (Diskriminierung erlaubt)
  • Einfluss auf Bildung (Religionsunterricht)

Diese Privilegien basieren historisch auf der Annahme, die Kirchen seien moralische Instanzen. Diese Annahme ist mehr als hinreichend und nicht erst seit heute widerlegt.

4. Säkulare Aufklärung statt kirchliche Amoral

Kinder sollten nicht länger christlicher bzw. allgemein religiöser Indoktrination ausgesetzt werden. Stattdessen:

  • Ethikunterricht statt Religionsunterricht
  • Humanistische Werte statt biblische Gebote
  • Kritisches Denken statt Autoritätshörigkeit
  • Menschenrechtsbildung statt Katechese

Fazit: Moralische Bankrotterklärung

Die am selben Tag veröffentlichten Meldungen machen einmal mehr deutlich, dass der Anspruch der Kirchen auf moralische Orientierungsgebung nicht nur unbegründet, sondern obszön ist.

Heinrich Bedford-Strohm verkündet, die Kirche dürfe zum Unrecht nicht schweigen. Die Paderborner Studie zeigt: Die Kirche ist das Unrecht.

Sie verfügt nicht über „jahrtausendealtes Orientierungswissen“. Sie verfügt über eine jahrtausendealte Geschichte moralischen Versagens – von den Kreuzzügen über die Inquisition bis zum systematischen sexuellen Missbrauch.

Das Christentum ist keine Moralquelle. Es ist moralisch orientierungslos – wie Andreas Edmüller überzeugend dargelegt hat. Die normative Beliebigkeit, die fehlende rationale Begründung, die autoritäre Struktur, die historische und gegenwärtige Praxis – all das belegt: Diese Religion taugt nicht als ethische Orientierung.

Die säkulare Gesellschaft sollte aufhören, so zu tun, als hätten die Kirchen etwas Wertvolles zur moralischen Debatte beizutragen. Sie haben es nicht. Sie hatten es nie. Und der Paderborner Missbrauchsskandal ist nur das neueste – aber bei weitem nicht das letzte – Kapitel einer langen Geschichte des Versagens.

Wenn Moral zum Hohn wird, muss die Gesellschaft Konsequenzen ziehen: Keine Privilegien mehr für gescheiterte Moralinstanzen. Keine Deutungshoheit mehr für Institutionen ohne Orientierung. Keine Mitsprache mehr für diejenigen, die schweigen, wo sie sprechen sollten – und sprechen, wo sie schweigen sollten.

Die Alternative existiert: Säkulare, rationale, humanistische Ethik. Sie braucht keine Götter, keine Bischöfe, keine „jahrtausendealten Weisheiten“. Sie braucht nur: Vernunft, Empathie und den Mut, menschliche Würde ernst zu nehmen.

Buchtipp

Für eine ausführliche Analyse, warum das Christentum moralisch orientierungslos ist, empfehlen wir:

Andreas Edmüller: „Die Legende von der christlichen Moral: Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist“
Marburg 2015, Tectum Verlag, 250 Seiten

Edmüllers Fazit:

„Die moralische Relevanz des Christentums ist im Rahmen verantwortungsvoller und vernünftiger Diskussion vernachlässigbar, ja oft genug sind christliche Positionen sogar schädlich.“

Quellen

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1 Gedanke zu „Christlicher Anspruch vs. christliche Realität: Heinrich Bedford-Strohm und der Paderborner Missbrauchsskandal“

  1. Da sitzen sie nun, im selbst erbauten Glashaus, dessen Scheiben sie selbst zerschlugen und suhlen sich genüsslich im scherbengetränkten Morast…

    „Im Kote wälzte sich das Schwein und sprach, dem Reinen ist alles rein.“

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