Kritische Gedanken zum Beitrag: Hoffnung, die trägt – Mit Gott durch stürmische Zeiten – Osterbotschaft von Stadtpfarrer Stefan Buß, veröffentlicht am 5.4.26 von osthessen-news.de
Darum geht es
Stadtpfarrer Stefan Buß verkauft zur Osterzeit eine Hoffnung, die von einem nicht belegten Gott getragen werden soll – und verschleiert dabei, dass die Metaphern, mit denen er arbeitet, vollständig ohne Religion funktionieren würden.Es ist Ostern, und der Fuldaer Stadtpfarrer Stefan Buß hat eine Botschaft. Sie ist wohlmeinend formuliert, sprachlich gefällig und emotional ansprechend aufgebaut. Sie spricht reale Unsicherheiten an – gesellschaftliche Krisen, persönliche Erschütterungen, den Verlust von Selbstverständlichkeiten. Und dann, wenn die Leserinnen und Leser emotional abgeholt sind, kommt das Angebot: Vertraut auf Gott. Setzt die Segel der Hoffnung. Er führt euch weiter.
Klingt tröstlich. Ist es auch – solange man nicht fragt, worauf diese Hoffnung eigentlich gebaut ist.
Das Schiff und der unsichtbare Steuermann
Buß arbeitet mit einem Bild, das von einer Kunstdruckkarte der Stadtpfarrei stammt: ein Segelschiff auf bewegtem Meer. Die Metapher ist gut gewählt. Ein Segelschiff kann den Wind nicht abschaffen, aber es kann seine Segel so setzen, dass der Wind zur treibenden Kraft wird. Das ist ein klares, nachvollziehbares Bild für Resilienz – die Fähigkeit, mit Widrigkeiten konstruktiv umzugehen, statt an ihnen zu zerbrechen.
Bis hierhin: Vollkommene Zustimmung. Dieses Bild braucht keinen Gott. Es beschreibt menschliche Handlungsfähigkeit, psychologische Widerstandskraft und das Potenzial von Gemeinschaft. Philosophen, Psychologen und Humanisten haben exakt dasselbe Konzept entwickelt – ohne übernatürliche Absicherung.
Doch Buß fügt dem Bild eine entscheidende Figur hinzu: Nicht den Klabautermann, sondern den Gott aus der biblisch-christlichen Mythologie als unsichtbaren Steuermann. „Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott unser Schiff nicht allein auf dem Meer lässt“, schreibt er. Das klingt nach Gewissheit. Es ist aber eine Behauptung ohne jeden Beleg – und das ist das zentrale Problem dieser Botschaft.
Der Zirkelschluss der Hoffnung
Die argumentative Struktur der Botschaft folgt einem klassischen religiösen Muster, das auf den ersten Blick wie eine Begründung aussieht, es aber nicht ist. Sie lautet sinngemäß: In unsicheren Zeiten brauchen wir Hoffnung – Hoffnung gibt uns Gott – also: Gott.
Das ist ein Zirkelschluss. Die Prämisse (Gott existiert und handelt in der Welt) ist genau das, was begründet werden müsste – sie wird aber als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Hoffnung, die Buß anbietet, ruht auf einem Fundament, das er nicht zeigen kann. Sie ist nicht Hoffnung im Sinne von gegründeter Zuversicht, sondern Hoffnung als Projektion auf eine unsichtbare Instanz, deren Existenz und Wirken schlicht geglaubt werden muss.
Das ist kein Vorwurf gegenüber dem Glauben als solchem – religiöse Menschen haben das Recht auf ihre Überzeugungen, und seien sie noch so absurd und unzweifelhaft als rein menschliche Fiktion zu erkennen. Es ist aber ein Einwand gegen die epistemische Selbstverständlichkeit, mit der Buß diese Hoffnung präsentiert. Er schreibt nicht: „Ich glaube, dass Gott uns begleitet.“ Er schreibt: „Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott unser Schiff nicht allein lässt.“ Das ist ein erheblicher Unterschied – zwischen persönlichem Glaubenszeugnis und universalem Versprechen.
„Er ist auferstanden“ – Faktum oder Glaubensaussage?
Besonders auffällig ist der Umgang mit dem Kern der Osterbotschaft. Buß zitiert die biblische Auferstehungsformel – „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“ – ohne sie als Glaubensüberzeugung zu markieren. Sie erscheint im Text als Mitteilung über ein historisches Ereignis: Dann hören sie die befreiende Botschaft.
Dabei ist die Auferstehung Jesu eine der meistdiskutierten und am schwierigsten belegbaren Behauptungen der Religionsgeschichte. Historiker, Theologen und Religionswissenschaftler sind sich keineswegs einig, was in Jerusalem um das Jahr 30 n. Chr. tatsächlich geschah. Was als gesichertes historisches Faktum behandelt wird, ist in Wirklichkeit ein zentrales Glaubensdogma – das man annehmen oder ablehnen kann, das aber keine empirische Grundlage hat, auf die man sich berufen könnte. Umgekehrt sehr gut belegbar ist die Existenz von Auferstehungsmythen in allen möglichen anderen, auch vielen älteren Kulten und Religionen.
Wer Hoffnung auf die Auferstehung gründet, gründet sie auf eine unbewiesene und prinzipiell unbeweisbare Behauptung. Das mag man als Glaubenshaltung legitim für Menschen halten, denen es egal ist, inwieweit ihre Weltanschauung mit der irdischen Realität kompatibel ist. Nicht nur frag-, sondern kritikwürdig wird es, wenn sich Gläubige in realen Schwierigkeiten tatsächlich auf die vom Stadtpfarrer und seinen Verkündigungskollegen versprochene göttliche Hilfe vertrauen, statt die Lösung ihrer Probleme mit tatsächlich funktionierenden Mitteln anzugehen, etwa, indem sie sich Hilfe holen.
Die unterschlagene Leistung des Säkularen
Es gibt eine feine, aber bedeutsame Verschiebung in Buß‘ Text: Er beschreibt menschliche und gemeinschaftliche Fähigkeiten – Stärke im Sturm, gegenseitige Unterstützung, Vertrauen in den Weg – und schreibt diese Fähigkeiten dann Gott zu. „Wenn wir uns gegenseitig stärken, wenn wir füreinander da sind und wenn wir unser Vertrauen auf Gott setzen, dann tragen uns die Segel der Hoffnung.“
Bemerkenswert: Die ersten beiden Elemente dieses Satzes – gegenseitig stärken, füreinander da sein – sind vollständig säkulare Handlungen. Sie funktionieren unabhängig von religiösem Glauben. Menschen verschiedenster Weltanschauungen praktizieren sie täglich. Der religiöse Anteil – „Vertrauen auf Gott“ – wird hier syntaktisch gleichgestellt, als wäre er eine notwendige dritte Zutat. Er ist es nicht.
Was Buß beschreibt, ist im Kern humanistische Praxis: Gemeinschaft, Solidarität, Resilienz, Sinnorientierung. Das Religiöse ist dabei nicht die Ursache, sondern eine von vielen möglichen Rahmungen. Eine säkular-humanistische Lebenshaltung kommt zu denselben praktischen Ergebnissen – ohne die metaphysische Hypothek.
Kirchenkrise als spirituelle Wachstumschance – eine gekonnte Umdeutung
Ein weiterer Aspekt verdient Aufmerksamkeit: Buß thematisiert die Krise der Kirche – „Sicherheiten haben sich verändert, Gewohntes ist nicht mehr selbstverständlich“ – und deutet sie sofort um: „Gerade in solchen Zeiten kann der Glaube neu lebendig werden.“
Das ist eine rhetorisch geschickte, inhaltlich aber fragwürdige Bewegung. Die Kirche verliert seit Jahrzehnten Mitglieder, Vertrauen und gesellschaftliche Relevanz – aus konkreten Gründen: Missbrauchsskandale, institutionelle Intransparenz, Diskrepanzen zwischen gelehrter Moral und gelebter Realität, mangelnde Zeitgenossenschaft in Fragen von Gleichstellung und Diversität und natürlich der Umstand, dass ihr fiktives Heilsversprechen auf einem magisch-mythologischen Weltbild aufbaut. Diese Krise hat strukturelle Ursachen, die analysiert und bearbeitet werden müssten.
Stattdessen wird die Krise spiritualisiert: Sie wird zur Gelegenheit für neuen Glauben, zum günstigen Wind in den Segeln. Das mag als Seelsorge für Schäfchen funktionieren. Als Diagnose taugt es nicht. Wer Symptome als Chancen rahmt, ohne die Ursachen zu benennen, betreibt keine Krisenanalyse, sondern Krisenverklärung.
Was echte Hoffnung wäre

Hoffnung ist eine der wichtigsten psychologischen Ressourcen des Menschen. Das ist keine religiöse Erkenntnis, sondern eine gut belegte wissenschaftliche. Hoffnung – im Sinne der psychologischen Forschung etwa von Charles R. Snyder – ist die Überzeugung, dass es erreichbare Ziele gibt und dass man Wege findet, sie zu erreichen. Sie ist an Handlungsfähigkeit gekoppelt, nicht an Unterwerfung unter eine höhere Macht.
Säkular-humanistische Hoffnung sagt: Die Welt ist verbesserbar durch menschliches Denken, Handeln und Zusammenarbeiten. Diese Hoffnung ist nicht leichter als religiöse Hoffnung – sie kommt ohne Heilsversprechen aus und verlangt, Verantwortung selbst zu tragen. Aber sie ist ehrlicher. Sie ruht auf dem, was Menschen tatsächlich können und tun, nicht auf der Intervention eines Wesens, dessen Existenz und Wirken im Dunkeln bleiben.
Buß‘ Osterbotschaft ist bestimmt gut gemeint. Sie greift echte menschliche Bedürfnisse auf – nach Orientierung, Gemeinschaft, Trost. Aber sie beantwortet diese Bedürfnisse mit einem Wechsel auf eine Instanz, die nicht gedeckt ist.
Hoffnung, die von einem nicht belegbaren Gott getragen werden soll, ist keine Hoffnung, auf die man vernünftigerweise bauen kann. Sie ist ein frommer Wunsch – der, wenn er nicht erfüllt wird, keine andere Erklärung kennt als: mehr Vertrauen.
Ihr Versprechen, (gar noch exklusiv) Sinn und Orientierung bieten zu können, kann die Kirche schon allein deshalb gar nicht einhalten, weil sie selbst moralisch orientierungslos ist.
Das Schiff fährt. Aber es fährt, weil Menschen die Segel setzen – nicht weil jemand Unsichtbares das Steuer hält.
Die Hoffnung, die tatsächlich tragen kann, heißt Hoffnung Mensch. Nicht Hoffnung Götter.

















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