Ostern als Zumutung – und die noch größere Zumutung, die dahintersteckt

Lesezeit: ~ 5 Min.

Ostern: Eine Zumutung – Das Wort zum Wort zum Sonntag von Anke Prumbaum, veröffentlicht von ARD/Daserste am 4.4.26

Darum geht es

Anke Prumbaum verkleidet die mythologische Auferstehungsbotschaft als nachdenklichen Selbstzweifel – eine rhetorisch raffinierte Methode, Glaubensinhalte an der Vernunft vorbeizuschmuggeln.

Anke Prumbaum beginnt ihr Wort zum Sonntag zu Ostern 2026 mit einer bemerkenswert ehrlich klingenden Frage: „Wer soll das eigentlich verstehen?“ Sie fragt, ob Ostern überhaupt vermittelbar, verständlich, erzählbar sei. Sie nennt es selbst eine „Zumutung“. Das klingt nach Selbstreflexion, nach intellektueller Redlichkeit, nach jemandem, der die Grenzen des eigenen Glaubens kennt und benennt.

Es ist das Gegenteil davon. Was Prumbaum hier betreibt, ist eine der wirkungsvollsten rhetorischen Figuren religiöser Verkündigung: die vorgespielte Ratlosigkeit. Man räumt den Einwand selbst ein, bevor ihn jemand vorbringen kann – und entzieht ihn damit der ernsthaften Auseinandersetzung. Die Botschaft bleibt dieselbe. Nur ist sie jetzt immunisiert.

Frau Prumbaums toter Baum und was er nicht beweist

Prumbaum erzählt von einem toten Baum im Garten, der stehengelassen wird, weil er Lebensraum für Insekten und Vögel bietet. Buntspechte lernen dort das Picken, Blaumeisen machen Pause. „Dieser tote Baum ergibt für uns Sinn, obwohl er tot ist. Er ist eine Quelle von Leben.“

Das ist zunächst ein schönes naturkundliches Bild, und es ist ökologisch korrekt: Totholz ist tatsächlich einer der artenreichsten Lebensräume in mitteleuropäischen Gärten und Wäldern. Insofern stimmt die Beobachtung vollkommen.

Was sie nicht ist: ein Argument für die Auferstehung des Gottessohns aus der biblisch-christlichen Mythologie. Der tote Baum ist tot und bleibt tot. Er bietet Leben, weil Insekten ihn besiedeln und Vögel diese Insekten fressen – das sind biologische Prozesse, die vollständig ohne übernatürliche Annahmen erklärbar sind. Der Baum „ersteht“ nicht auf. Er verwest, langsam und nützlich. Das ist schön, aber es ist das Gegenteil von Auferstehung.

Prumbaum nennt das einen „österlichen Gedanken“. Das ist er nur, wenn man die Analogie bereits als gegeben voraussetzt. Die Brücke vom Totholz zur leiblichen Auferstehung eines Menschen ist keine logische Schlussfolgerung – sie ist eine Glaubensentscheidung, die als Naturbeobachtung verkleidet wird.

„Das stimmt doch gar nicht“ – eine Behauptung ohne Begründung

Dann kommt der Satz, der den eigentlichen theologischen Kern des Textes enthält, und er kommt ohne jede Begründung: „Das, was diesen Abend hier, den Karsamstag, den Tag nach dem Karfreitag, jetzt gerade ausmacht, der Tod, das stimmt doch gar nicht. Das hat nicht recht.“

Der Tod stimmt nicht. Das Leben hat recht. Ostern.

Das ist eine metaphysische Behauptung von erheblicher Tragweite. Sie besagt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass das Leben stärker ist als der Tod, dass die Auferstehung ein reales Ereignis war, das diese Aussage begründet. Prumbaum stellt das als Selbstverständlichkeit hin, eingebettet zwischen Totholz-Ökologie und Trauerfeier-Anekdote, fast beiläufig.

Aber es ist nicht selbstverständlich. Es ist eine der ungeheuerlichsten Behauptungen, die ein Mensch aufstellen kann: dass der Tod keine endgültige biologische Realität ist, sondern ein Irrtum, der durch ein angebliches Ereignis vor zweitausend Jahren widerlegt wurde. Diese Behauptung müsste, wenn sie ernst gemeint ist, mit Argumenten untermauert werden.

Stattdessen wird sie als emotionale Gewissheit präsentiert, als Herzensüberzeugung, als etwas, das man „fühlt“ – und damit vor rationaler Prüfung geschützt.

Die Selbstzweifel-Strategie

Zumutung Ostern: I Want to believe
Funktioniert für alle Glaubensinhalte.

Hier liegt das eigentliche Problem des Textes, und es ist subtiler als ordinäre Glaubensreklame. Prumbaum sagt explizit: „Wer soll das eigentlich verstehen? […] Ist es überhaupt vermittelbar? Ist es verständlich, erzählbar? Oder ist es nicht im Grunde eine Zumutung?“

Damit räumt sie den naheliegendsten Einwand selbst ein: Dass vernünftige Menschen im 21. Jahrhundert die Auferstehung eines Toten schlicht nicht für wahr halten können, weil sie einer magisch-mythologischen Weltanschauung entstammt, für die es keine Evidenz gibt. Dieser Einwand ist berechtigt. Er trifft den Kern.

Prumbaums Reaktion darauf ist aber nicht, ihn ernstzunehmen. Sie sagt nicht: „Dieser Einwand ist richtig, und deshalb müssen wir Ostern anders verstehen.“ Sie sagt stattdessen: „Ich weiß es manchmal nicht“ – und landet trotzdem bei: „Ostern muss weitererzählt werden.“ Die Ratlosigkeit ist vorübergehend. Die Botschaft ist unveränderlich. Der Zweifel ist Dekoration.

Das ist rhetorisch raffinierter als die offene Verkündigung. Wer sagt „Jesus ist auferstanden, und wer das nicht glaubt, irrt“, ist angreifbar. Wer sagt „Ich weiß selbst nicht, wie man das versteht, aber ich möchte glauben, und ich erzähle es weiter“, baut eine Schutzzone um die Botschaft herum. Kritik prallt ab, weil die Sprecherin den Zweifel bereits einbezogen hat. Die Glaubensbotschaft wird an der Vernunft vorbeigeleitet, statt durch sie geprüft und konsequenterweise verworfen zu werden.

Menschliche Praxis religiös vereinnahmt

Prumbaum erzählt von einer Trauerfeier, bei der Erinnerungen an eine verstorbene Apothekerin auf Zetteln gesammelt wurden. „Sie können sich vorstellen, wie sehr das Trauer verwandelt hat.“ Das ist ein bewegendes Bild – und es braucht Ostern nicht.

Was hier beschrieben wird, ist eine vollständig säkulare Praxis: Menschen erinnern sich gemeinsam an einen geliebten Menschen, tauschen Geschichten aus, machen das Lebendige im Vergangenen sichtbar. Das ist Trauerarbeit, wie sie Psychologen beschreiben, wie sie in Ritualen aller Kulturen vorkommt, wie sie funktioniert, ob die Beteiligten gläubig sind oder nicht. Die heilende Wirkung kollektiver Erinnerung braucht keinen theologischen Überbau.

Prumbaum aber zieht eine direkte Linie von diesem Erlebnis zu Ostern: „Die Stimme des Lebens wurde deutlich hörbar, so wie ja auch bei unserem toten Baum die Stimme der Vögel jeden Tag vom Leben singt.“ Und damit ist das Erlebnis der Trauerfeier religiös vereinnahmt.

Eine menschliche, universell zugängliche Praxis wird zum Beleg für die österliche Botschaft. Wer die Praxis anerkennt – und wer täte das nicht –, soll implizit auch die Botschaft anerkennen. Das ist die Operation, und sie läuft still im Hintergrund.

Anzeige

Theologie: Des Kaisers neue Kleider - Stanley/Stella Unisex Bio-T-Shirt CRAFTER Tieforange

Zum Produkt

Fliegendes Spaghettimonster - Frauen Premium Bio T-Shirt Mauve

Zum Produkt

Du betest für mich - ich denke für dich - Männer Premium Bio Hoodie Anthrazit meliert

Zum Produkt

„Ich möchte glauben“ als Argument

Meme Gottesbeweis

Am Ende gibt Prumbaum zu: „Ich glaube, oder ich möchte glauben, dass Ostern Mut macht.“ Das ist bemerkenswert offen formuliert. „Ich möchte glauben“ ist eine Aussage über einen Wunsch, nicht über eine Überzeugung. Es ist das Eingeständnis, dass der Glaube nicht auf Erkenntnis beruht, sondern auf dem Bedürfnis nach Hoffnung.

Aus humanistischer Sicht ist dieses Bedürfnis vollkommen verständlich. Menschen brauchen Hoffnung. Sie brauchen das Gefühl, dass das Leben trotz allem einen Sinn ergibt, dass Verlust nicht das letzte Wort hat, dass es sich lohnt weiterzumachen. Das ist keine religiöse Exklusivität – es ist eine zutiefst menschliche Erfahrung.

Die Frage ist, worauf man diese Hoffnung gründet. Prumbaum gründet sie auf Narrative über eine angebliche Auferstehung eines Menschen, der vor zweitausend Jahren gestorben sein soll und dessen leibliches Weiterleben aus leicht nachvollziehbaren Gründen durch keine historische Quelle belegt ist, die einer ernsthaften Prüfung standhält.

Für Menschen, die sich an der Realität orientieren, ist das keine tragfähige Grundlage für Hoffnung – es ist magisch-mythologisches Wunschdenken, das als Weltdeutung ausgegeben wird.

Hoffnung lässt sich auch anders begründen: durch das Wissen, dass Menschen füreinander da sind, dass Solidarität wirkt, dass Probleme lösbar sind, dass das Leben anderer weitergeht und durch unsere Erinnerung lebendig bleibt. Das alles braucht keine Auferstehung. Es braucht nur den Blick auf das, was tatsächlich ist.

Die eigentliche Zumutung, die Prumbaum nicht benennt

Prumbaum nennt Ostern eine Zumutung. Das stimmt – aber nicht in dem Sinne, den sie meint. Die eigentliche Zumutung ist nicht, dass die Botschaft schwer zu verstehen sei. Die eigentliche Zumutung ist, dass eine Sendung, die von der gesamten Bevölkerung mitfinanziert wird, samstäglich die Auferstehung eines Menschen als Tatsache behandelt, die nur der Weitergabe bedarf.

Prumbaum weiß, dass Ostern „quer zu unseren Erfahrungen steht“. Sie weiß, dass es sich nicht vermitteln lässt. Sie erzählt es trotzdem weiter, weil – so ihre eigene Begründung – es weitererzählt werden muss. Das ist keine Reflexion. Das ist Verkündigung mit eingebautem Schutzschild.

Der tote Baum im Garten ist wirklich ein schönes Bild. Die Vögel singen wirklich. Die Erinnerungszettel bei der Trauerfeier haben wirklich geholfen. All das ist wahr, beobachtbar, menschlich bedeutsam.

Die biblisch-christliche Auferstehungsmythologie ist es nicht. Und wer das weiß und trotzdem so spricht, als wäre sie es – eingehüllt in heuchlerisch anmutende Selbstzweifel und Naturmetaphern –, betreibt keine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Glauben. Sondern dessen geschickteste Verteidigung. Sie versuchen es immer wieder – und mit allen Mitteln. Aber dann gefälligst auf eigene Kosten und nicht auch auf Kosten der glaubensfreien Allgemeinheit.

KI
PDF Beitrag als PDF öffnen

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn dir der Artikel gefallen hat, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen (auch wenns manchmal schwer fällt...).
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wir haben, wenn nicht anders angegeben, keinen materiellen Nutzen von verlinkten oder eingebetteten Inhalten oder von Buchtipps.

Neuester Kommentar