Bischof Gerber predigt zu Ostern über Empathie und Würde – wer glaubt, ist dabei, wer nicht glaubt, auch. Wozu braucht es dann noch die biblisch-christliche Auferstehungmythologie?
Kommentar zum Bericht: Bischof Gerber: Osterbotschaft als Erfahrung von Zuwendung und Empathie, veröffentlicht am 6. April 2026 von osthessennews.de
Darum geht es
Bischof Gerbers Osterpredigt destilliert die Auferstehung zu einer Empathie-Botschaft – theologisch geschickt, aber epistemisch haltlos und erneut blind für die institutionelle Glaubwürdigkeitskrise, die solchen Appellen jeden Boden entzieht.Von der Auferstehung zur Empathie – ein weiter Weg
Es war Gründonnerstag, als Bischof Dr. Michael Gerber im Fuldaer Dom über die Fußwaschung predigte und die Gläubigen einlud, sich „an den verletzlichen Stellen berühren zu lassen“. Wir haben das an dieser Stelle analysiert und gezeigt, wie diese Sprache der heilsamen Körperlichkeit aus dem Mund einer Institution kommt, die systematisch genau jenes Vertrauen missbraucht hat, das sie einfordert.
Nun ist Ostersonntag. Wieder Fuldaer Dom, wieder Bischof Gerber. Diesmal ist das Thema die Begegnung zwischen Maria von Magdala und dem Auferstandenen am leeren Grab. Und wieder operiert Gerber mit demselben rhetorischen Grundmuster: Ein biblischer Text wird hermeneutisch so weit geöffnet, dass er universale existenzielle Wahrheiten enthält – Wahrheiten, die dann, wenig überraschend, die Kernbotschaft des Christentums bestätigen.
Das ist theologisches Handwerk. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen – und abschließend auch mal kurz zu vergleichen, wie sich Gerbers Osterbotschaft 2026 von der seines Vorgängers Algermissen von vor genau 10 Jahren unterscheidet.
Was Gerber sagt – und was er damit meint
Der Bericht fasst Gerbers Predigt so zusammen: „Die Auferstehung Jesu ist nicht nur Erinnerung an ein vergangenes Geschehen. Sie ereignet sich dort, wo Menschen sich persönlich angesprochen erfahren und einander in ihrer Würde begegnen.“
Das ist ein bemerkenswerter Satz – und zwar aus einem Grund, der auf den ersten Blick leicht zu übersehen ist. Das entscheidende Wort ist „nicht nur“. Gerber sagt eben nicht, die Auferstehung sei nur eine Metapher für menschliche Begegnung. Er behauptet, sie sei beides: Erinnerung an ein vergangenes Geschehen und gegenwärtige Erfahrung.
Das „nicht nur“ setzt die Historizität voraus – es überschreibt sie nicht, es ergänzt sie. Die leibliche Auferstehung eines Hingerichteten bleibt im Raum stehen als behauptete Tatsache, auf der alles Weitere erst aufbaut.
Diese rhetorische Figur ist theologisch weit verbreitet und argumentativ doppelt problematisch.
Erstens: Das historische Fundament – die leibliche Auferstehung – ist nicht belegt. Die frühesten Quellen, die Paulusbriefe, entstanden Jahrzehnte nach den behaupteten Ereignissen; die Evangelien noch später. Kein zeitgenössischer nichtchristlicher Zeuge berichtet davon. Historiker können die Kreuzigung Jesu als wahrscheinlich einordnen, nicht aber seine Auferstehung – das ist eine Glaubensaussage, keine historische Feststellung.
Zweitens: Indem Gerber auf diesem ungesicherten Fundament aufbaut und dann die Erfahrungsdimension hinzufügt, gewinnt er das Beste aus zwei Welten: die emotionale Wucht eines angeblich realen Ereignisses und die Unangreifbarkeit einer subjektiven Erfahrungskategorie. Wer die Historizität bezweifelt, wird auf die Erfahrung verwiesen. Wer die Erfahrung bezweifelt, wird auf die Überlieferung verwiesen. Das Karussell dreht sich, ohne je anzuhalten.
Es wirft eine Frage auf, die Gerber nicht stellt: Wenn die gegenwärtige Dimension der Osterbotschaft – Empathie, Zuwendung, Anerkennung der Würde – auch ohne die behauptete Historizität gilt, was genau hängt dann noch an der Auferstehung?
Die argumentative Struktur und ihre Schwächen
Das Umdeutungsproblem
Gerbers Kernthese lautet: „Im Kern ist unsere Osterbotschaft eine Berührung.“ Die Szene am leeren Grab – Maria erkennt den Auferstandenen nicht, bis er sie beim Namen ruft – wird zum Schlüssel des Verstehens. Das persönliche „Maria!“ als Paradigma für das, was Glaube ist.
Das ist interpretatorisch legitim, solange man innerhalb des theologischen Rahmens bleibt. Von außen betrachtet ist es eine klassische Umdeutung: Ein historisch nicht belegbares Ereignis – die leibliche Auferstehung eines Hingerichteten – wird zu einer experientiellen Kategorie umgeformt, die sich jeder empirischen Überprüfung entzieht. Nicht mehr „Jesus ist auferstanden“ (eine Behauptung, die wahr oder falsch sein kann), sondern „Auferstehung geschieht im Berührtwerden“ (eine Aussage, die immer wahr ist, weil sie nicht mehr falsifizierbar ist).
Das ist theologisch elegant und argumentativ unehrlich. Wer die Auferstehung zu einer Metapher für Empathie macht, sollte aufhören, so zu tun, als stehe hinter der Metapher noch das ursprüngliche Ereignis. Gerber tut beides gleichzeitig: Er nutzt die emotionale Kraft der Auferstehungserzählung und löst ihren Wahrheitsanspruch gleichzeitig in Erfahrungskategorien auf.
Die Verfügbarkeitsfrage
„Halte mich nicht fest“, zitiert Gerber aus dem Johannesevangelium, und deutet das als Zeichen dafür, dass die Gegenwart des Auferstandenen „nicht verfügbar“ sei. Sie „erschließt sich in der Begegnung“. Das ist, zugegeben, eine theologisch interessante Wendung: Wer den Auferstandenen festhalten will, verliert ihn. Wer ihn loslässt, findet ihn im nächsten Gegenüber.
Aber auch diese Figur hat einen Haken. Was „nicht verfügbar“ ist, kann auch nicht überprüft, nicht kritisiert und nicht widerlegt werden. Die Unverfügbarkeit ist kein spirituelles Paradox – sie ist ein erkenntnistheoretisches Schutzschild. Eine Erfahrung, die sich jeder intersubjektiven Überprüfung entzieht und trotzdem als Grundlage für gesellschaftliche Normen und Institutionen herangezogen wird, ist keine Erkenntnis. Sie ist Privatüberzeugung.
Empathie braucht keine Legitimation durch Transzendenz
„Gerade in einer Zeit, in der Empathie oft als Schwäche gedeutet werde, gewinne sie aus der Osterbotschaft neue Bedeutung. Sie werde zur Stärke, die Menschen verbindet und Gemeinschaft trägt.“
Hier liegt das vielleicht grundlegendste argumentative Problem der ganzen Predigt. Gerber behauptet implizit, dass Empathie ihren vollen Wert erst aus der Osterbotschaft gewinnt – oder zumindest, dass sie durch sie „neu“ bewertet wird. Das ist eine Vereinnahmung, die ebenso unbegründet wie unnötig ist.
Empathie als moralischer Wert ist seit Jahrhunderten Gegenstand säkularer ethischer Reflexion – von Adam Smith über David Hume bis zu zeitgenössischen Neurowissenschaftlern wie Frans de Waal, der gezeigt hat, dass Empathie eine evolutionäre Grundausstattung sozialer Säugetiere ist. Sie braucht keine Auferstehung als Legitimationsquelle. Dass eine mittelgroße Religionsgemeinschaft mit schwindendem Mitgliederbestand sie für sich reklamiert, macht sie weder stärker noch besser.
Das Schweigen, das sich wiederholt
Wer unseren Kommentar zur Gründonnerstagsansprache gelesen hat, wird eine auffällige Kontinuität bemerken: Auch in der Osterpredigt fehlt jeder Verweis auf den strukturellen Kontext, in dem diese Worte gesprochen werden.
„Die unverfügbare und unantastbare Würde jedes Menschen bleibe dabei der Maßstab. Wo Menschen einander in dieser Würde begegnen, werde die Gegenwart des Auferstandenen erfahrbar.“
Die Würde jedes Menschen. Das ist ein gewichtiger Satz aus dem Mund einer Institution, die nach seriösen Schätzungen allein in Deutschland über 200.000 Menschen durch ihre Kleriker Würde und körperliche Unversehrtheit geraubt hat – und die bis heute mit der vollständigen und unabhängigen Aufarbeitung dieser Verbrechen hadert. Die MHG-Studie von 2018 sprach von mindestens 3.677 dokumentierten Betroffenen in den untersuchten Akten – bei einer Datenbasis, die von kirchlichen Archiven abhängig und nachweislich lückenhaft war. Dunkelfeldanalysen in anderen Ländern ergaben eine 20fach höhere Dunkelziffer an Opfern klerikaler sexualisierter Gewalt gegen Kinder.
Über Marias Erfahrung am leeren Grab zu predigen und die Würde jedes Menschen zu beschwören, ohne ein einziges Wort über jene zu verlieren, deren Würde von Amtsträgern dieser Institution systematisch verletzt wurde – das ist keine Unterlassung aus Versehen. Es ist das Weitermachen, als wäre nichts gewesen.
Von Gründonnerstag zu Ostersonntag: Das Motiv bleibt dasselbe. Die Berührung, die Zuwendung, das Berührtwerden-Lassen. Die Sprache der Öffnung und des Vertrauens. Und das Schweigen dazu, warum dieses Vertrauen so schwer verdient werden muss.
Was ein säkular-humanistischer Ansatz anders macht
Nehmen wir Gerbers Anliegen ernst: Er will, dass Menschen einander mit Empathie begegnen, dass sie die Würde des anderen anerkennen, dass sie sich vom Schicksal anderer berühren lassen. Das sind legitime, wertvolle Ziele.

Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Frauen Premium Bio Hoodie Grau meliert
Zum ProduktEin säkular-humanistisches Ethikverständnis teilt diese Ziele – ohne die theologische Überstruktur, die mehr verdeckt als erhellt. Es beruht auf der Einsicht, dass Empathie, Würde und gegenseitige Anerkennung keine Gaben eines auferstandenen Gottes sind, sondern Fähigkeiten und Entscheidungen von Menschen. Das macht sie nicht weniger verpflichtend, sondern im Gegenteil verbindlicher: Sie sind nicht Auftrag einer Transzendenz, der man sich entziehen kann, indem man den Glauben verliert. Sie sind Ausdruck der Vernunft und des Mitgefühls, die Menschen von sich aus entwickeln können – und müssen.
Vor allem aber: Ein humanistischer Ansatz bindet die Forderung nach Empathie und Würde an institutionelle Rechenschaft. Wer die Würde jedes Menschen beschwört, muss sich fragen lassen, was die eigene Institution getan hat, um diese Würde zu schützen – und was sie tut, um begangenes Unrecht zu heilen. Schöne Worte ohne diese Rechenschaft sind keine Ethik. Sie sind Rhetorik.
Zehn Jahre Osterpredigt im Fuldaer Dom: Von Algermissen zu Gerber
Wer einen Maßstab für die Verschiebung im bischöflichen Sprachregister sucht, findet ihn im Vergleich. Ostern 2016, ebenfalls Fuldaer Dom: Gerbers Vorgänger Heinz Josef Algermissen predigte zur Auferstehung und erklärte, Menschen ohne den Osterglauben seien „ein großes Sicherheitsrisiko“ – sie würden aus Daseinsangst „zuschlagen und zerstören“.
Wir haben das damals kommentiert. Algermissens Tonlage war konfrontativ, exklusiv, offen diskriminierend: Ohne Auferstehungsglauben kein menschenwürdiges Leben, kein tragfähiges Miteinander, keine Zukunft. Der Ungläubige als Bedrohung.
Zehn Jahre später klingt Algermissens Nachfolger Gerber völlig anders. Kein Ausschluss, keine Drohkulisse, keine Abgrenzung. Stattdessen: Empathie als Stärke, Würde als universaler Maßstab, Begegnung als Kern der Botschaft. Die Osterpredigt 2026 ist inklusiv formuliert, gesellschaftlich anschlussfähig und inhaltlich so weit geöffnet, dass sie auch ohne Glaubensvoraussetzung lesbar bleibt.
Das ist zweifellos ein rhetorischer Fortschritt – und vermutlich auch ein strategischer. Eine Kirche, die seit Jahren massiv Mitglieder verliert und deren gesellschaftliche Deutungshoheit schwindet, kann sich den Algermissen-Ton nicht mehr leisten. Gerbers Sprache ist die Antwort auf diese Erosion: vage, weich, einladend, anschlussfähig. Man könnte es Modernisierung nennen. Man könnte es auch Anpassung an den Markt nennen.
Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Predigten liegt aber nicht nur im Ton, sondern in der Argumentationsstruktur. Algermissen behauptete unverhohlen: Ohne uns geht es nicht. Gerber behauptet dasselbe, nur eleganter: Mit uns geht es besser, tiefer, vollständiger. Das Exklusivitätsanspruch ist nicht verschwunden – er ist lediglich mit pastoralem Wohlwollen vernebelt worden. Wer Auferstehung als das Fundament von Empathie und Würde darstellt, sagt implizit: Wer ohne dieses Fundament lebt, baut auf Sand. Nur sagt er es jetzt leise.
Fazit: Ausgerechnet die katholische Kirche…
Die Idee, die biblisch-christliche Auferstehungsmythologie als existenzielle Erfahrung von Anerkennung und Zuwendung zu lesen, ist nicht neu. Und Gerbers Appell, Empathie als gesellschaftliche Stärke zu begreifen, ist grundsätzlich richtig.
Aber Predigten werden nicht im luftleeren Raum gehalten. Sie werden von Menschen gesprochen, die Institutionen vertreten. Und diese Institution hat ein gravierendes, ungelöstes Problem mit genau jenen Werten, die Gerber predigt: Würde, Vertrauen, Zuwendung, Schutz der Verletzlichen.
Eine Kirche, die ihre Mitglieder Jahr für Jahr mit denselben Bildern der Öffnung und des Berührtwerdens einlädt, ohne den Schatten zu benennen, den ihre eigene Geschichte auf diese Bilder wirft, betreibt keine Seelsorge. Sie betreibt Imagepflege.
Maria von Magdala stand am leeren Grab und weinte. Das ist eine menschlich nachvollziehbare Szene: Verlust, Trauer, die Hoffnung auf einen letzten Kontakt. Was nicht nachvollziehbar ist, ohne Glauben vorauszusetzen: Dass aus diesem Grab eine Institution folgen musste, die zwei Jahrtausende lang Macht, Geld und Deutungshoheit akkumuliert – und die heute eine Osterpredigt über Menschenwürde hält, als hätten ihre Akten einen anderen Inhalt.
Der weltliche Teil der Botschaft ist nicht falsch. Unglaubwürdig wird sie durch den Ort, von dem aus sie gesprochen wird – und durch die Verquickung mit der biblisch-christlichen Auferstehungsmythologie.
















Bitte beachte beim Kommentieren: