Kommentar zu NACHGEDACHT 78: THEMA heute: Wer bin ich?

Gedanken zu NACHGEDACHT 78: THEMA heute: Wer bin ich? – Gedanken von Christina Leinweber, Originalartikel verfasst von Christina Leinweber, veröffentlicht am 6.7.2014 von Osthessennews

Wer bin ich? Ja, ich sage es Ihnen, liebe Leser, ich habe heute Geburtstag – ohne, dass ich Glückwünsche erwarte.*

Dann eben unerwartet: Herzlichen Glückwunsch! Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen Ihr Glück bewusst sein möge.

Nein, vielmehr offenbare ich Ihnen, dass ich mich zu diesem Anlass frage, wer ich bin. Komische Frage, oder? Zum ersten Mal kommen mir an meinem eigenem Geburtstag Gedanken in den Kopf, die ich noch nie zuvor hatte. Vielleicht liegt es daran, dass die jugendliche Schonzeit für mich vorbei ist?!*

Stimmt, es ist nie zu spät, sich (lieber spät als nie) zum Beispiel von einem kindlichen Glauben (“jugendliche Schonzeit”) zu befreien und sich seiner selbst, seiner Fähigkeiten, seiner Verantwortung, seiner Bedeutung, aber auch seiner Bedeutungslosigkeit bewusst zu werden. Dazu ist es sicher sinnvoll, für sich selbst die Frage “Wer bin ich?” zumindest mal in einigen Bereichen und zumindest vorläufig zu beantworten.

[…] Allerdings war ein Aspekt dabei, der nicht geklärt werden konnte, nämlich: Wer bin ich? Und noch einmal genauer: Was zeichnet mein Verhalten aus? Was zeichnet mich als Mensch aus? Das kann sich jeder Mensch einmal fragen.*

Wer bin ich?

Die Frage “wer bin ich?” ist natürlich eine grundlegende Frage. Auch wenn es darauf vermutlich keine einfache, abschließende Antwort gibt lohnt sich umso mehr, sich der Antwort aus verschiedenen Perspektiven heraus zu nähern, was ich hier mal versuchen möchte. Sogar ohne Sie bisher persönlich kennengelernt zu haben, lässt sich zum Beispiel Folgendes sagen:

Zunächst einmal sind Sie ein lebendiges Individuum. Damit unterscheiden Sie sich schon mal von den unvorstellbar vielen “möglichen Lebewesen,” die nicht das Glück wie Sie hatten, überhaupt erst zu solchen werden. Ihnen, genau Ihnen und ganz speziell Ihnen wurde durch eine schier unglaublich komplexe Kette von Ursachen und Wirkungen die völlig unwahrscheinliche “Ehre” erwiesen, für einen kurzen Moment als Sie selbst auf der Erde zu existieren.

Sie leben auf einem völlig unbedeutenden Planeten am Rand einer völlig unbedeutenden Galaxie in einem völlig unbedeutendem Supercluster in einem völlig unbedeutendem Universum, das sich wahrscheinlich in einem (sehr wahrscheinlich ebenfalls völlig, zumindest aber für uns unbedeutenden) Multiversum befinden könnte.

…einmalig!

Und wie alle Lebewesen sind Sie vollkommen einmalig. Es gibt Sie nur genau ein einziges Mal, selbst wenn Sie eine eineiige Zwillingsschwester haben sollten.

Trotzdem besteht Ihr Körper, wie alles andere auch, aus Sternenstaubatomen, bei Ihnen als Mensch in folgender Verteilung und Zusammensetzung:

Element Gew.-% a Atom-% b
Sauerstoff (O) 56.1 25.5
Kohlenstoff (C) 28.0 9.5
Wasserstoff (H) 9.3 63
Stickstoff (N) 2.0 1.4
Calcium 1.5 0.31
Chlor (Cl) 1
Phosphor (P) 1
Kalium (K) 0.25 0.06
Schwefel (S) 0.2 0.05
Natrium (Na) 0.03
Magnesium (Mg) 0.01

a) [SchlagNach1963-251], b) [Römpp9]

Substanzklasse Gew.-%
Wasser ca. 60
Proteine 16
Lipide 10
Kohlenhydrate 1.2
Nucleinsäuren 1
Mineralstoffe 5

[SchlagNach1963-251]

Noch ausführlicher gibts die menschlichen Bestandteile in dieser Übersicht.

Endlichkeit

Wie bei allen lebendigen Indivduen ist auch Ihre Lebenszeit durch den Tod begrenzt. Und wie alle Lebewesen verfolgen Sie wahrscheinlich die natürlichen Ziele, Ihr persönliches Wohl zu mehren und “Wehe” zu vermeiden.

Nach der biologischen Systematik sind Sie als Mensch (auch Homo sapiens, lat., verstehender, verständiger bzw. weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch) ein höheres Säugetier aus der Ordnung der Primaten (Primates).

Sie gehören somit zur Unterordnung der Trockennasenaffen (Haplorrhini) und dort zur Familie der Menschenaffen (Hominidae). Ihr Genmaterial stimmt, wie bei allen Menschen, bis auf wenige Prozent mit dem von Schimpansen und Bonobos überein.

Klassifikation: Lebewesen
Domäne: Eukaryoten (Eucaryota)
[ohne Rang:] Opisthokonta
[ohne Rang:] Holozoa
Reich: Vielzellige Tiere (Metazoa)
Abteilung: Gewebetiere (Eumetazoa)
Unterabteilung: Bilateria
Überstamm: Neumünder (Deuterostomia)
Stamm: Chordatiere (Chordata)
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
[ohne Rang:] Theria
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Euarchontoglires
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung:. Trockennasenprimaten (Haplorrhini)
Teilordnung: Affen (Anthropoidea)
[ohne Rang:] Altweltaffen
Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Tribus: Hominini
Gattung: Homo (Mensch)
Art: Homo sapiens

 

Erstaunliche Fähigkeiten

Als gesunder Mensch haben Sie überaus erstaunliche Fähigkeiten, zum Beispiel aufrecht Gehen, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen, Hören, Sprechen oder Dinge mit Ihren Händen gestalten.

Aber auch Emphatie, abstraktes, freies, analytisches und kritisches  Denken, Phantasie, die Fähigkeit, die Zukunft zu antizipieren,  zu lieben, zu hassen, zu lachen, zu träumen, kreativ zu sein, zu lernen, zu imitieren, zu vergessen, zu erinnern, zu bewerten, Freude und (Mit-)Leid zu empfinden sowie die Fähigkeit, sich Ihrer selbst bewusst zu sein gehören dazu und sind nur wenige kleine Beispiele für das, was die Evolution Ihnen mitgegeben hat.

Dann sind Sie eine Frau, das heißt, Sie wurden dem Wort Ihres Gottes zufolge aus der Rippe des Mannes geschaffen, gehören aber trotzdem zur “Krone der Schöpfung.” In Wirklichkeit sind Sie deshalb eine Frau, weil Sie zwei X-Chromosome haben, im Vergleich zum Mann, der dagegen ein X- und ein Y-Chromosom hat (das wussten die Menschen, die das “Wort Gottes” geschrieben haben, damals noch nicht).

Ur-ur-ur-ur-ur….

Desweiteren sind Sie die Tochter Ihrer Mutter, die wiederum die Tochter ihrer Mutter und so weiter ist – und zwar zurück bis zu den allerersten Bakterien, die sich vor unvorstellbar langer Zeit aus den ersten Zellen gebildet hatten und seitdem bis heute die Erde so erfolgreich besiedeln wie kein anderes Individuum. Sie können davon ausgehen, dass Sie nicht das Werk eines Schöpfers, sondern ein Ergebnis der Evolution sind. Faszinierend, oder?

question-1301144_640Viele für Ihre Persönlichkeit relevante Eigenschaften haben Sie von Ihren Vorfahren auf dem Weg der Vererbung mitbekommen.

Zu diesem Erbe kommen unvorstellbar viele Eindrücke, Wahrnehmungen, Erlebnisse, Lerninhalte, kurz: alle Arten von Informationen, die Ihr Unterbewusstsein von Ihren Sinnesorganen erhalten und abgespeichert hat. Diese im Lauf Ihres Lebens erhaltenen Prägungen haben den wohl maßgeblichsten Einfluss auf Ihre Persönlichkeit.

Dieser Prägungsvorgang dauert an, solange Sie leben. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Sie sich im Lauf des Lebens auch verändern können, sogar grundlegend, nämlich wenn in Ihrem Unterbewusstsein die Informationen überwiegen, die zu einer Veränderung Ihrer Bewertung führen.

Soziales Wesen

Und schließlich sind Sie natürlich auch ein Mitglied der Gesellschaft, sie spielen eine Rolle in Ihrer Umwelt, bei Mitmenschen, im Beruf usw. Sie vertreten eine Meinung, haben eine Wertvorstellung, die Sie vertreten und Sie haben die Freiheit und die Fähigkeit, Ihre Überzeugungen jederzeit kritisch selbst zu hinterfragen und sich, zum Beispiel durch Erlangung von neuen Erkenntnissen, weiterzuentwickeln.

Was Ihre Persönlichkeit letztlich ausmacht, ist allerdings sicher mehr als nur die Summe von Prägungen, trotzdem ist jede Entscheidung, die Sie als “freie Willensentscheidung” wahrnehmen, kurz vorher schon von Ihrem Unterbewusstsein aufgrund dessen Prägung getroffen worden. Da es ja aber Ihr Unterbewusstsein ist, ist Ihre Entscheidung natürlich auch Ihrer Persönlichkeit zuzuordnen.

Und hier kommt meine persönliche Antwort:

Die einzig mögliche Antwort darauf ist, dass meine Persönlichkeit definitiv nicht statisch ist:*

Dass dies sicher nicht die einzig mögliche Antwort ist, habe ich gerade versucht zu umreißen.

Wandlungs- und Entwicklungsfähig

Vor zehn Jahren war ich eine komplett andere Person, heute würde ich niemals mehr das unterschreiben, was ich damals felsenfest behauptet habe.*

Das halte ich für eine sehr ehrliche und zugleich wichtige Erkenntnis. Gerade der Übergang vom Kind über das Jugendstadium hin zum/zur Erwachsenen bedeutet auch biologisch eine komplette neuronale Neustrukturierung, sodass es nur ganz natürlich ist, dass sich auch die Persönlichkeit in dieser Zeit nochmal gehörig verändern kann. Und es beweist, dass auch Überzeugungen nicht dadurch “felsenfest” sind, weil sie es sind, sondern weil wir sie dafür halten.

Also gibt es so etwas wie eine Vergangenheits-Gegenwarts- und Zukunftspersönlichkeit? Ja, ich denke, das kann man so sagen.*

Ich finde, man muss ausgerechnet eine “Persönlichkeit” nicht künstlich aufteilen. Es handelt sich immer um dieselbe Person und selbst wenn eine Persönlichkeit sehr wandlungsfähig ist, ist es doch immer dieselbe Persönlichkeit.

Wir Menschen sind dynamisch, können uns entwickeln, unsere Meinung verändern, Erfahrungen gewinnen und innerlich wachsen. […]*

Ganz genau so sehe ich das auch und das ist auch der Grund, warum sogar ich an etwas glaube – nämlich an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen!

*Das Online-Portal osthessennews.de fordert jede Woche unter der Rubrik „NACHGEDACHT“ mit „liberal-theologischen“ Gedanken zum Nachdenken auf. Alle Zitate stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Beitrag von Christina Leinweber.

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Letzte Aktualisierung: 29. Januar 2017