Kann man Glauben haben?

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Die evangelische Kirche bietet einen Online-Beantwortungsservice für religiöse Fragen. Dort finden sich allerlei Fragen, dazu Antworten aus evangelischer Sicht sowie ab und zu Kommentare von weiteren Lesern.

In dieser Anfrage wollte ein Besucher wissen, ob man Glauben “haben” könne. Ein Pfarrer beantwortete diese Frage aus seiner Sicht, was mich zu folgendem Kommentar bewegt hat:

Hallo Herr XY,

Schon die Aussage: “…fröhlich zu akzeptieren, von einem größeren Ganzen abhängig zu sein…” sollte reichen, alles, was darauf folgt, mit größter Skepsis zu betrachten.

Die Tatsache, dass ich nicht alles in meinem Leben selbst zu tun vermag, macht es weder erforderlich noch ratsam, deswegen an ein fiktives, weil nicht beweisbares höheres Wesen zu glauben.

Wenn ich etwas geschenkt bekomme, dann ebenfalls sicher nicht von erfundenen Göttern. Warum das passiert, was passiert, ist zwar nicht immer nachvollziehbar, relativ einfach zu verstehen ist aber der “Mechanismus”, der dahinter steckt – der Determinismus.

Am besten bewahre ich mich vor Selbstüberschätzung, wenn ich ein möglichst realistisches Selbstbild habe und mich eben nicht als vollständig von der Gnade Gottes abhängiges, unwürdiges, sündiges und erlösungsbedürftiges Wesen wahrnehme, wie es Religionen fordern.

Nicht wirklich “gut”, aber vielleicht doch “bequemer” lässt es sich möglicherweise schon leben, wenn man seine intellektuelle Redlichkeit zugunsten des religiösen Komforts aufgibt, über bestimmte Dinge nicht selbst nachdenken zu müssen.

Ausgerechnet in Hinblick auf die eigene Sterblichkeit trägt ein Gottesglaube wahrlich nicht dazu bei, ruhiger zu werden, im Gegenteil. Gerade die christliche Kirche verhindert bis heute, dass Menschen in Deutschland über ihr Lebensende legal selbst frei bestimmen können – eine beispiellose Ungeheuerlichkeit.

Dem angeblichen Heilsversprechen einer ewigen, postmortalen Herrlichkeit steht die Androhung einer ebenso ewigen (!) Höllenqual gegenüber – ich finde es sehr beruhigend, dass es keinen einzigen seriösen Anhaltspunkt für die zeitlich unbegrenzte Existenz einer menschlichen Persönlichkeit außerhalb des zugehörigen Körpers gibt, was ja die Vorausssetzung für ein solches Szenario wäre.

Beziehungen zu erfundenen, überirdischen Wesen kann man natürlich pflegen, für Kinder ist das ein ganz natürliches Verhalten. Sie mit menschlichen Beziehungen zu vergleichen, halte ich für absurd. Unsere diesseitige, reale Wirklichkeit, also der Bereich, in dem die Naturgesetze gelten und in dem sich unser Leben abspielt, ist so unvorstellbar spannend, faszinierend und allemal wunderbarer als jeder brennende Dornbursch, dass es wirklich keinen Grund mehr gibt, diese Wirklichkeit noch um imaginäre Freunde zu erweitern.

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