Kommentar zu Pfarrer Krefft: Cooler Auftritt – Bad Neustädter Pfarrer rappt

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Kommentar zu: Cooler Auftritt – Bad Neustädter Pfarrer rappt – Verlorene Firmwette eingelöst, Originalartikel über Pfarrer Krefft verfasst von me, veröffentlicht am 26.7.16 von Osthessennews

[…] Aber warum rappte Pfarrer Krefft am Pfarrfest überhaupt? Es löste damit seine verlorene Wette ein, die er bei den Bundesgenerationenspiele an Christi Himmelfahrt auf dem Marktplatz gegen die Firmlinge der Pfarreiengemeinschaft „Bad Neustadt“ verloren hatte.*

In religiösem Zusammenhang erscheinen selbst so an sich harmlose Dinge wie das Einlösen von Wettschulden in einem seltsamen Licht. Hat doch das Thema Bestrafung, Schuld und Sünde einen besonders hohen Stellenwert in der katholischen Gedankenwelt, wie sich weiter unten gleich nochmal zeigen wird.

Bestrafungsphantasien im religiösen Kontext

Es erinnert mich unweigerlich an eine Erfahrung mit einem Rhöner Dorfpfarrer. Der hatte vor einigen Jahren den Grundschülern angeboten, dass sie ihn bestrafen dürften. Nämlich dann, wenn er die Religionsprobe bis zur nächsten Stunde nicht korrigiert hätte. Hatte er natürlich nicht, der böse, böse Herr Pfarrer. Und so kniete er sich vor die Klasse und ließ sich von einem Schüler symbolisch mit dem Lineal den Kopf abhacken. Deutschland, Nordbayern, 4. Klasse Grundschule, römisch-katholische Religionslehre, 21. Jahrhundert.

Grund genug, mal seine Arbeitgeberin darüber zu informieren. Und erstaunlicherweise wurde er, zum großen Bedauern (!) seiner (erwachsenen) Fans, daraufhin versetzt. Deshalb ist mir nicht bekannt, ob er seiner offenbar masochistischen Neigung heute immernoch als Religionslehrer frönt.

Sadomasochistische Züge sind in der christlichen Lehre grundlegend vorhanden. Gott selbst “verkörpert” (kleines Wortspiel***) dabei beides. Er tritt sowohl als grausamer, gnadenloser Sadist “in Erscheinung” (noch ein kleines Wortspiel). Und zwar im Alten, wie im Neuen Testament.

Gleichzeitig scheint er aber auch selbst auf Leid, Schmerz und Bestrafung zu stehen. Der Mensch, den er sich selbst als Menschenopfer (gerne umschrieben als Opfertier “Lamm Gottes”) zu seiner eigenen Befriedigung auf grausamste Art und Weise hatte zu Tode foltern lassen, ist ja auch ein Drittel seiner Selbst. Gott bestraft also gleichzeitig seinen Sohn und sich selbst.

Das müsste man sich mal von Pfarrer Krafft erklären lassen. Und vielleicht gibts auch ein lustiges Mitmach-Spiel zu diesem Thema. Oder einen coolen Kreuzigungsrap. Natürlich in Fis-Dur. Wegen der vielen Kreuze.

Wer sich ein eindrucksvolles Bild von Selbsterniedrigung und Bestrafung im vermeintlichen Auftrag von Jesus (“So ein schöner Mann…!”) machen möchte, dem sei der Film Paradies: Glaube empfohlen.

Pfarrer Krefft nutzt seine Chance

Für den Rap hatte sich Pfarrer Krefft das Stück „So oder so“ des Religionspädagogen Kurt Mikula ausgewählt.

„So oder so“ erzählt von vielen verschiedenen Kindern, von ihren Charakteren und Eigenschaften. „Charly ist ein purer Egoist, Franzi wiederum, der ist ruhig und bescheiden, Max, der löst alles zuerst mit Gewalt, Peter denk, Lass mich zuerst mal überlegen….“ Den Refrain konnten alle schnell mitsingen: „So oder so. Du hast die Wahl. Kopf oder Zahl. Immer und überall, hast du die Qual der Wahl.“

Pfarrer Krefft: So oder so, du hast die Qual der Wahl
Pfarrer Krefft:
So oder so, du hast die Qual der Wahl

Die Wahl, wie man sich verhalten soll, scheint aus Sicht eines Religionspädagogen (wieso gibt es überhaupt noch Religionspädagogen?) also eine Qual zu sein. In dem gewählten Stück kommt einmal mehr der charakteristische religiöse Gut-Böse-Dualismus zum Vorschein: So oder So, richtig oder falsch, dazwischen gibts nichts.

Aufgezählt werden im Liedtext hauptsächlich Verhaltensweisen, die aus Sicht von Herrn Mikula offenbar “falsch” sind. Ideologien profitieren davon, wenn ihre Anhänger möglichst kritiklos ihre Werte übernehmen. Das gelingt umso besser, je weniger die Menschen diese Werte hinterfragen.

Dass die Frage, wie man sich verhalten sollte, nicht nur eine Qual, sondern vielmehr eine sehr spannende Herausforderung ist, kommt jedenfalls nicht zum Ausdruck. Oder die Tatsache, dass es eben nicht nur “So oder so”, sondern auch unendlich viel dazwischen gibt, passt nicht ins christliche Schwarz-Weiß-Bild.

Der Radikalismus, den Gläubige oft Vertretern eines rationalen Weltbildes vorwerfen, zeigt sich hier in ihrer eigenen Aussage. Kaschiert als “cooler Rap” und öffentlich vorgetragen von Herrn Krafft.

Und offen bleibt erwartungsgemäß die Frage, warum ausgerechnet ein Religionspädagoge meint, überhaupt etwas zum Thema Ethik und Fairness beitragen zu können. Schließlich vertritt er ein Weltbild, in dem ein erfundenes, überirdisches Irgendwas an oberster Stelle steht und nicht die Würde und Freiheit des Menschen.

Missbrauch und pädagogisches Totalversagen

Den Firmlingen gab er mit diesem Song eine Aufgabe mit: „Ich sehe in dem Text schon den einen oder anderen von euch.“ Die Firmlingen brannten darauf genaueres zu erfahren, doch der Pfarrer hielt sich bedeckt, dazu sollten sie sich schon selbst so ihre Gedanken machen.

Kein Wunder. Der Versuch, mit religiösen Moralismen aus dem Vormittelalter auf die Schnelle eine Humanethik für Menschen im 21. Jahrhundert hinzubiegen, wäre mit Sicherheit gescheitert. Da belässt man es lieber beim diffusen Pauschalvorwurf (“die einen oder anderen von euch verhalten sich falsch”) und sorgt so für ein vages schlechtes Gewissen. Genau so bestärkt, “firmt” man junge Menschen – auf die katholische Art. Und scheint es nicht mal zu merken.

Herrn Krefft scheint nicht bewusst zu sein, was ein solcher achtlos geäußerter Vorwurf bei Kindern und Jugendlichen auslösen kann. Es ist wohl nicht übertrieben, Herrn Krefft für einen bewusst offen gelassenen Pauschalvorwurf (“Einige von euch verhalten sich falsch – denkt mal alle drüber nach!”) einen krassen Missbrauch seiner Stellung und pädagogisches Totalversagen vorzuwerfen. Gleiches gilt für den Liedermacher.

Und niemand scheint das irgendwie verstörend zu finden. Obwohl doch selbst Gläubige heutzutage ansonsten Dinge schon auch mal kritisch hinterfragen. Zum Beispiel ihren Handyvertrag. Oder die Reklame. Man lässt sich natürlich nichts mehr vormachen. Außer von Herrn Krefft & Co.

Schmerz und Leid für Kinder zum Mitmachen

[…] Das „Wallfahrerlied“ ebenfalls aus der Feder von Kurt Mikula lieferte einleuchtende Erklärungen: „Wenn ich wallfahren geh, tun mir Zehn so weh, tun mir die Beine weh, tun mir die Knie so weh.“ Zu große Freude der Kinder zeigte Pfarrer Krefft seine schauspielerischen Fähigkeiten und animierte zum mitmachen. Nach Knie und Beinen folgten Schnekel, Bauch und Po, Herz und Nacken, Stirn und Augen und die Arme, Gott erbarme.

Ein Mitmach-Lied für Kinder, in dem Schmerzen während eines religiösen Rituals besungen und symbolisch dargestellt werden. Man stelle sich das mal kurz außerhalb des katholischen Kontextes vor. Es ist mir völlig unbegreiflich, wie Eltern ihre Kinder offenbar bedenken- und widerstandslos dem Einfluss solcher Leute aussetzen können.

Obwohl, wer selbst jeden Sonntag in Oblaten verwandeltes Menschenfleisch zu sich nimmt, könnte es möglicherweise auch als unterhaltsam und sinnvoll empfinden, wenn seine Kinder Schmerz und Leiden während religiöser Rituale spielerisch nachempfinden. Und alle anderen machen ja auch mit. Da fasse ich mir natürlich auch mal ans Hirn, um Kopfschmerzen spielerisch darzustellen.

Der Liedtext sagt nichts darüber aus, was er eigentlich aussagen möchte. In den 11 Strophen werden alle möglichen Arten von Schmerzen aufgezählt, die man beim “Wallfahren” erleiden kann. Herr Krefft versucht immerhin, diesem verstörenden Werk irgendeinen Sinn zu geben, indem er damit begründet, warum er die Wallfahrt so gestaltet, dass er offenbar keine Schmerzen dabei erleidet. Ob das im Sinne des Komponisten ist, halte ich für äußerst fraglich.

Der Text legt durch seine unklare Aussage eher den Verdacht nahe, dass der Verfasser die Schmerzen beim Wandern als den hauptsächlichen Sinn des Wallfahrens darstellen würde. Was ja auch bestens zum Katholizismus passen würde. Mein Vorschlag für die 12. Strophe: “Und dieses ganze Leid für Gott? So ein kranker, hohler Schrott!”

Und rappt der Pfarrer noch so cool, hat er im Kreuz den heil’gen Stuhl…

Räume für Kinder

„Was müssen das für Räume sein, wo die Kinder zum Spielen gehen, zum Lachen kommen, Freunde finden, wo sich die Kleinsten geborgen fühlen.“

Stop fruehkindliche IndoktrinationDas müssen Räume sein, die frei von sämtlichen Göttern, Gottessöhnen, -müttern und Geistern sind. Räume, die frei von Todesfolterungsgeräten, verzaubertem Wasser und von Menschen sind, die einen Auftrag zu religiöser Indoktrination haben. Und Räume, in denen Kinder zu neugierigen, fairen, selbstbewussten Menschen erzogen werden.  Aber auch Räume, in denen ihnen kein Pfarrer Krefft pauschal Schlechtigkeit vorwirft und sie zu bizarren Schmerzritualen nötigt.

Und genau soo müssen die Räume für Kinder sein. Weil Kinder vor religiöser Indoktrination geschützt werden müssen. Auch wenn für die Kirche damit die beiweitem wirksamste Methode zur Erhaltung ihrer Selbst wegfällt. Und das scheint ihr nur allzu gut bewusst zu sein.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalartikel.
**Wir haben keinen materiellen Nutzen von verlinkten oder eingebetteten Inhalten oder von Buchtipps.
***Natürlich kann Jahwe nichts verkörpern und er tritt auch nicht in Erscheinung. Dies bezieht sich auf die biblischen Aussagen über ihn.

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