Das Wort zum Wort zum Sonntag: Zukunftssorgen – Sorgen-Tipps aus der Bibel

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Das Wort zum Wort zum Sonntag: Zukunftssorgen, gesprochen von Christian Rommert (ev.), veröffentlicht von ARD/daserste.de zum Thema Sorgen und Bibel

Und so habe ich es mal wieder nicht geschafft, das zu leben, was Jesus seinen Anhängern empfiehlt: “Sorgt euch nicht um morgen!”, sagt er, “Jeder Tag hat seine eigene Herausforderung.”*

Was mit diesen Sätzen tatsächlich gemeint war erschließt sich, wenn man den ganzen Textabschnitt liest, aus dem dieses Zitat herausgepickt wurde.

Die aufgezählten Beispiele machen deutlich, dass es sich bei der hier beschriebenen Sorge nicht um weltpolitische oder gesellschaftliche Probleme geht. Vielmehr ist die völlig natürliche Sorge um die eigenen, persönlichen Grundbedürfnisse gemeint: Essen, Trinken, Kleidung…

Warum man sich laut Bibel keine Sorgen machen soll

Worum geht es in dieser biblischen Legende aber wirklich? Wohl kaum dürfte es sich dabei um Lifestyle-Tipps handeln, wie es heute gerne dargestellt wird. Keine Anleitung zu mehr Gelassenheit und Besonnenheit. Sondern eine Verdeutlichung, wie nichtig das irdische Dasein ist im Vergleich zur angeblichen ewigen Herrlichkeit:

  • Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. (Matthäus 6,32-33 EU)

Sein Reich und seine Gerechtigkeit. Darum geht es. Wie ein kurzer Blick in die reale Welt zeigt, hat noch kein Gott jemals irgendwem tatsächlich irgendetwas dazugegeben. Weder den Seinen, noch den anderen.

Genauso wie sich die Vögel selbst darum kümmern müssen, dass sie etwas in den Schnabel bekommen. Würden sie darauf vertrauen, dass Gott sie versorgt, wären sie schon längst ausgestorben.

Ebenso die Menschen, wenn sie sich tatsächlich in der realen Welt auf einen Gott zur Erleichterung ihrer Sorgen verlassen würden. Wenn jemand auf Kosten Anderer lebt, dann hat sich ebenfalls kein Gott um ihn gekümmert. Sondern die Anderen.

Es geht um Gottes Reich, nicht um den Menschen…

Wenn ich diesen Gedanken von Jesus – Sorgt Euch nicht! – ernstnehme, dann heißt das: Anstatt mich selber und andere mit negativen Prognosen zu beschäftigen, mit dem, was morgen alles passieren könnte, beschäftige ich mich lieber mit den Herausforderungen, auf die ich heute Einfluss habe.

Wenn Sie diesen Gedanken von Jesus ernstnehmen, dann picken Sie sich nicht den einen Satz heraus, der Ihnen am ehesten zusagt, sondern betrachten Sie den gesamten Abschnitt. Und dann befolgen Sie auch die anderen Anweisungen: Dienen Sie Ihrem Gott und nicht dem Mammon. Verschenken Sie Ihr Hab und Gut und sammeln Sie stattdessen Schätze im Himmel.

Es geht nicht darum, dass Jesus Ihnen ein erfülltes, sorgenfreies Leben ermöglichen möchte. Vielmehr macht dieser Text unmissverständlich die Prioriäten klar: Das einzig wirklich Bedeutsame ist Gottes Reich, alles andere ist sekundär. Sogar so lebenswichtige Dinge wie Nahrung oder Kleidung.

Ganz im Gegenteil: Sorgen und Angst sind die wichtigsten Grundpfeiler der christlichen Erlösungslehre. Die ganze biblische Geschichte, vom Alten bis ins Neue Testament baut auf menschlichen Sorge, verursacht durch eine erfundene Erbschuld auf. Je mehr Sorgen, desto größer die Bereitschaft, sich erlösungsbedürftig zu fühlen. Und auf entsprechende Angebote hereinzufallen.

…oder umgekehrt

Was – wen wunderts – in der Bibel überhaupt nicht auftaucht, sind die Herausforderungen, die die Realität für die Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert bereithält. Und wie man damit sinnvollerweise umgeht.

Aus heutiger Sicht, in einer Zeit, in der die menschliche Würde und Freiheit an oberster Stelle moderner Gesellschaftsordnungen steht und kein Wüstengott mehr, erscheint diese Unterwerfungsaufforderung noch absurder.

Nicht, weil sich irgendeine Gottheit aus der Bronzezeit um einen kümmert oder beleidigt ist, wenn sie nicht genug Aufmerksamkeit bekommt, sondern weil es wenig hilfreich, angenehm oder förderlich ist, sich von Sorgen auffressen zu lassen, sollte man den eigenen Umgang mit Sorgen im Auge haben. Im höchsteigenen, persönlichen Interesse. Und natürlich auch im Interesse seiner Mitmenschen.

Selbsterkenntnis…

Zu diesen Erkenntnissen kann man problemlos gelangen, wenn man sich mit sich selbst, seinen eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Gedanken auseinandersetzt. Und mit seiner realen Umwelt. Also der Bereich, in dem auch Christen links und rechts schauen, bevor sie über die Straße laufen. Statt sich auf ihren Gott zu verlassen, der sich ja angeblich um die nichtigen irdischen Belange seiner Anhänger kümmert.

Die haben ja genug damit zu tun, das Reich des Allmächtigen auf Erden zu verbreiten. Und sich selbst und andere auf die versprochene ewige Herrlichkeit vorzubereiten.

Niemand weiß, wieviel Leid und Elend schon allein dieser kleine, scheinbar so harmlose Abschnitt aus der Bibel verursacht haben dürfte. Wieviele Menschen sich von diesem Versprechen in die Irre haben führen lassen und tatsächlich darauf vertraut haben, dass es diesen Jahwe tatsächlich gäbe. Und dass er es gut mit ihnen meine, weshalb sie sich um nichts sorgen und ihr Elend eben annehmen müssten, statt sich um ihr Wohlergehen zu sorgen.

Zu den zahllosen Morden, die das Christentum zu verantworten hat, kommen ebenso zahllose Fälle, in denen Menschen durch solch gezielte Irreführung in ihrer Freiheit und Persönlichkeit beeinträchtigt wurden.

Sinnlos: Allmächtige Wesen um etwas bitten

Bei einem Bekannten hängt ein Text an der Wand, eingerahmt in einem Bilderrahmen, es ist ein Gebet: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und gib mir die Weisheit, das Eine vom anderen zu unterscheiden.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Es ist völlig absurd und unlogisch, ein angeblich allmächtiges, allwissendes und allgütiges Wesen um irgendetwas zu bitten. Wenn man ein solches Wesen annimmt, verliert jedes Bittgebet seinen Sinn.

Denn dann ist alles, was passiert, sowieso Gottes Wille. Egal, ob Sorge, Gelassenheit, Mut, ein Lottogewinn oder Lungenkrebs. Auch der zur Bewältigung dieses Dilemmas erfundene “freie” menschliche Wille. Hätte der Mensch tatsächlich einen freien Willen, dann wäre Gott nicht allmächtig. Weil dann der freie Wille ja auch Gottes, und nicht des Menschen Wille wäre.

Wer sich also Gelassenheit, Mut, Wissen oder sonstwas wünscht, sollte sich also entweder selbst darum kümmern – oder eben abwarten, was passiert.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.

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