Bundesminister Schmidt zum Erntedank 2016

Lesezeit: ~ 3 Min.

Zum „Erntedank“ äußerte sich jetzt der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt. Schmidt ist ebenfalls Landesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CSU.

Die evangelikale Nachrichtenagentur IDEA zitiert Schmidt in diesem Artikel wie folgt:

Schmidt: „Unsere Landwirte sind auf Gottes Segen angewiesen. Aber genauso auf unsere Unterstützung.“*

Was ist von einem Menschen mit politischer Verantwortung zu halten, der ganz offensichtlich nicht in der Lage oder willens ist, bei Äußerungen über reale Themen zwischen seiner fiktiven religiösen Phantasiewelt und der realen, natürlichen Welt zu unterscheiden?

Wunsch und Wirklichkeit

Man muss sich mal klar machen, was eine solche Behauptung schon allein nur voraussetzen würde. Herr Schmidt hält offenbar den von ihm verehrten Wüstengott Jahwe aus der Bronzezeit für eine reale Größe.

Jemand oder etwas, der, die oder das in der Lage ist, ins irdische Geschehen einzugreifen. Der, die oder das zudem in dem von Herrn Schmidt angenommenen Verhältnis zu den Menschen steht.

Als „Beleg“ für diese absurde Vorstellung bezieht sich Schmidt auf die  vormittelalterliche biblische Legenden- und Mythensammlung:

„Überaus froh und dankbar“ äußert sich Schmidt über den Predigttext zum Erntedankfest in diesem Jahr: „Wer da kärglich sät, der wird kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen“ (2. Korinther 9,6-15).

Wie immer, wenn Bibelverse bemüht werden, lohnt sich auch hier ein Blick auf den Kontext, aus dem der jeweilige Satz herausgepickt worden war:

  • Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht (Psalm 112,9): »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.« (Quelle: 2. Kor 8-9 LUT)

Das würde ja bedeuten, dass Gott in der Lage wäre, für eine gerechte Lebensmittelverteilung auf der Erde sorgen könnte? Irgendetwas scheint ihn davon abzuhalten, wie ein Blick auf die aktuelle Situation zeigt. Es sei denn, er hat eine bizarre Vorstellung von Gerechtigkeit. Oder er existiert einfach nur nicht.

Auf Kriegsfuß mit der Realität

Das wäre alles an sich ja erstmal nicht weiter schlimm. Jeder mag sich seine Wirklichkeit nach eigenen Wünschen gestalten. Oder Ängsten.

Richtig bedenklich wird es allerdings, wenn man sich überlegt, dass hier ein Mensch mit einem offenbar schwach ausgeprägten Sinn für die Realität politische Entscheidungen zu treffen hat.

Und der anlässlich des Festes „Erntedank“ einen veritablen Realitätsverlust durch Aussagen wie diese erschreckend offen selbst belegt:

Es sei keine leichte Aufgabe, die Herausforderungen der Zeit zu meistern: „Doch mit Gottes Segen werden wir sie lösen! Gott sei Dank für das Erntedankfest 2016.“

Wieso man einem von Menschen erfundenen Gott für ein ebenfalls von Menschen erfundenes Dankesfest danken soll, bleibt unklar. So viel zum Thema „Trennung von Staat und Kirche…“

Herr Bundesminister Schmidt,

Sie halten allen Ernstes überirdische Wesen für real? Und Sie sind ernsthaft der Meinung, Ihr imaginärer Freund würde sich um die Probleme einer bestimmten Trockennasenaffenart auf einem bestimmten Planeten kümmern?

Danke, Jesus...
Quelle: patheos.com

Obwohl er das ganz offensichtlich und täglich beobachtbar nicht von sich aus macht? Trotz angeblicher Allmacht, Allwissenheit und Allgüte? Und von dessen Wohlwollen der Erfolg der Landwirtschaft abhänge? Wie bringen Sie diese Vorstellung mit der irdischen Realität in Einklang?

Angenommen, die Ernte fällt gut aus: Woran können Sie erkennen, dass es Ihr Gott war, auf dessen „Segen“ das zurückzuführen ist? Und nicht irgendein anderer Gott? Oder am Ende vielleicht sogar rein natürliche, reale Umstände?

Angenommen, die Ernte fällt schlecht aus: Welchen Grund könnte Gott haben, seinen Segen zu verweigern? Wenn sich doch sogar ein Bundesminister auf ihn verlassen hat? Ein Politiker, der göttlichen Segen für ein probates Mittel hält? Und der sich aber trotzdem nicht darauf verlassen möchte und deshalb sicherheitshalber auch noch „unsere Unterstützung“ anfordert?

Herr Schmidt, was meinen Sie: Würden die Ernten weltweit besser ausfallen, wenn alle Menschen ihre Götter darum bitten würden? Auch wenn Jahwe früher als Wettergott tätig war – halten Sie ihn wirklich für den richtigen Ansprechpartner, wenn es um günstiges Wetter und fruchtbare Böden im 21. Jahrhundert geht?

Wem gebührt der Erntedank?

Und halten Sie es nicht auch geradezu für eine Unverschämtheit den Landwirten gegenüber, einem imaginären Phantasiewesen, das in der Bronzezeit erdacht worden war, um ein primitives Wüstenvolk im Nahen Osten leichter zu führen, für die Ernte zu danken, die in Wirklichkeit den Landwirten und ihrer Arbeit zu verdanken ist?

Erwarten Sie ernsthaft, dass Sie noch irgendwer ernst nimmt (außer vielleicht Ihre evangelikalen Freunde), wenn Sie noch nicht mal  zwischen Wunsch und Wirklichkeit unterscheiden können?

Wie erklären Sie es sich, dass die Länder mit der meisten Religiösität zum allergrößten Teil die Länder mit der größten Armut (Quelle: Gallup) sind?

Wie wahrscheinlich würden Sie auf denselben Gott vertrauen, wenn Sie zum Beispiel in Indien geboren wären? Und was sagt das über die Wahrscheinlichkeit aus, dass Sie tatsächlich den richtigen Gott verehren?

Finden Sie es bei nochmaligem Überlegen nicht auch absolut lächerlich, absurd und unverantwortlich, öffentlich zu behaupten, Landwirte seien auf den Segen Ihres Gottes angewiesen?

Ich finde das.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Artikel.
**Meme: patheos.com

 

 

 

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