Das Wort zum Wort zum Sonntag: Schau hin!

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Das Wort zum Wort zum Sonntag: Schau hin! – gesprochen von Dr. Wolfgang Beck (kath.), veröffentlicht am 22.10.2016 von ARD/daserste.de

[…]Klar, ich kenne die Berichte über Jesus, der die Menschen am Straßenrand wahrnimmt, so gut. Und doch gelingt mir selbst das Hinsehen meist nur sehr schwer. Aber das eigentliche Problem ist: wegschauen funktioniert nicht richtig! Denn da ich nun einmal hörend und sehend durchs Leben gehe, kann ich mich nicht auf eine neutrale Position zurückziehen. Ich kann auch nicht wie ein Kind die Hände vor die Augen halten und davon ausgehen, dass ich nichts sehe und die anderen mich auch nicht.*

Genau dieses Verhalten – wie ein Kind die Hände vor die Augen zu halten – ist es, was Menschen sich zu eigen machen müssen, wenn sie zum Beispiel an Götter glauben möchten (oder müssen).

Denn sobald man die Aufforderung “Schau hin!” mal auf den eigenen religiösen Gottesglauben bezieht, würde man früher oder später erkennen, dass es keinen seriösen Anhaltspunkt gibt, der die Annahme eines tatsächlich existierenden Gottes rechtfertigen oder gar nur nahe legen würde.

Auch in der christlichen Lehre gelten Menschen umso frömmer und tugendhafter, je weniger sie die Glaubenslehre hinterfragen. Also, je weniger genau sie hinschauen.

Schau hin! …aber warum eigentlich?

Geht man von der biblischen Aussage aus, so hatte auch Jesus keineswegs immer hingeschaut. Oder genauer: Nicht überall hin:

  • Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. (Mt 15,24 EU)

Das, was Jesus angeblich gesagt oder getan hat, sollte Menschen zeigen, wie sie sich verhalten sollen, um ihre eigenen Chancen auf eine Erlösung von ihren Sünden zu erhöhen. Weil ihnen bei Nichtbeachtung angeblich eine zeitlich unbegrenzte Bestrafung durch physische und psychische Höllenqual droht.

Es ist nur schwer vorstellbar, dass es auch heute noch Menschen gibt, die ein solch grundlegend inhumanes, aber natürlich auch nur fiktives Belohnungs- und Bestrafungssystem für relevant oder gar erforderlich halten. Die meinen, es bedürfe einer vormittelalterlichen Mythen- und Legendensammlung um wissen zu können, wie man sich Mitmenschen gegenüber verhalten sollte.

Nicht, um selbst von irgendwas erlöst oder vor irgendetwas bewahrt zu werden. Sondern ganz einfach um des Nächsten willen. Ganz unabhängig davon, mit welchen Göttern, Geistern oder Gottessöhnen man sich die Wirklichkeit in der Phantasie erweitert. Oder auch nicht.

Religiöser Glaube: Realitätsverweigerung durch Wegschauen

Wer die Augen schließt oder wegschaut, der hat ja schon das Schlimme gesehen. Und das lässt sich nicht rückgängig machen.

Offenbar doch. Denn gläubige Menschen berichten immer wieder, dass sie sehr wohl an der Existenz ihres Gottes zweifeln. Oder schon mal gezweifelt haben. Aber trotz der Erkenntnis, dass alles dafür spricht, dass Gott nichts weiter als eine menschliche Fiktion ist, schaffen es diese Menschen mitunter, ihre Augen wieder zu verschließen. Und ihre Glaubenslehren weiterhin für wahr zu halten. Wider besseres Wissen sozusagen.

Und danach oft sogar noch stärker glauben als vorher. Weil sie gespürt haben, dass sich Glaube nur so aushalten lässt: Durch Wegschauen, wenn es darum geht, die Plausibilität von Glaubensinhalten kritisch zu hinterfragen.

[…] Wenn in der Tradition der christlichen Kirchen von Zeugen gesprochen wird, dann sind damit Menschen gemeint, die für ihre Überzeugung ihren Kopf hingehalten haben. Das ist immer ein wichtiger Aspekt des christlichen Glaubens gewesen. Und ist es immer noch.

Nicht zu vergessen die Zeugen von Verstand, Vernunft, Wissenschaft und Aufklärung. Deren Köpfe spielen in unbekannt hoher Anzahl in der Tradition der christlichen Kirchen ebenfalls eine Rolle. Auch wenn diese Rolle gerne verschwiegen wird.

Im Glashaus…

[…] Sie zu sehen ist zentral: Die Rentnerin, bei der das Geld so knapp ist, dass sie nun Leergut sammelt. Homosexuelle Jugendliche, denen der Weg ins Leben nicht leicht gemacht wird. Frauen, die um ihren beruflichen Aufstieg kämpfen müssen.

Wäre es für einen katholischen Verkünder nicht angebracht, ausgerechnet bei diesen Beispielen auch mal ein, zwei selbstkritische Worte zu verlieren? Statt Aufmerksamkeit für Zustände zu fordern, die man zu einem nicht unerheblichen Teil selbst zu verantworten hat? Schau hin, wo es herkommt?

Wer genau macht denn Homosexuellen “das Leben schwer” (was für ein Euphemismus) wiewohl kaum eine andere Institution? Wer vertritt und liefert denn eine Ideologie, in deren einziger schriftlichen Grundlage das angebliche Wort Gottes jederzeit zur Rechtfertigung von Homophobie bis hin zum Mordaufruf zitiert werden kann, wurde und wird:

  • Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. (3. Mo 20, 13 EU)
  • Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel. (3. Mo 18, 22 EU)

Und das, obwohl Jesus möglicherweise selbst homosexuell war, wie es zum Beispiel das Johannesevangelium andeutet? Sind es nicht bevorzugt Vertreter der katholischen Kirche, die regelmäßig wissen lassen, Homosexualität sei unnatürlich und deshalb abzulehnen?

Wo haben Frauen erst gar keine Aufstiegschancen?

Herr Dr. Beck, kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass zum Beispiel gerade Ihre Auftraggeberin Frauen daran hindert, beruflich aufzusteigen? Zum Beispiel, in dem sie Frauen vom Priesterberuf komplett ausschließt? Und zwar nur aufgrund des Umstandes, das sie Frauen sind?

Wer beruft sich dabei auf antike Schriften, die von Männern mit zumindest unklarem Geisteszustand und auf jeden Fall katastrophalem Frauenbild verfasst wurden? Basierend auf Moralismen aus der Bronzezeit und aufgeschrieben zu einer Zeit, deren Regeln und Normen mit dem heutigen Entwicklungsstand der Menschheit nichts mehr zu tun haben?

Sieh gefälligst hin, auch wenn es schwer fällt!

Dito! Schau hin! Und denke nicht, es würde irgendetwas verändern, deinen imaginären Freund um Hilfe zu bitten. Der hilft dir bestenfalls, dein schlechtes Gewissen zu beruhigen, das du haben könntest, weil du nichts tatsächlich Wirksames unternommen hast.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Artikel.
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