Gedanken zu: Von Kürbis-Fratzen und Luthers Thesen – wie passen Reformationstag und Halloween zusammen, Herr Pfarrer?

~ 5 Minuten

Gedanken zu: Von Kürbis-Fratzen und Luthers Thesen – wie passen Reformationstag und Halloween zusammen, Herr Pfarrer?, Originalartikel verfasst von Suria Reiche, veröffentlicht am 31.10.2016 von Osthessennews

“Während er also Angst nehmen wollte, will das Halloween-Fest mit Kürbis-Fratzen und schaurigen Gespenstern mit der Angst spielen”, findet Pfarrer Stefan Bürger von der evangelischen Kreuzkirche in Fulda.

Die Angst wollte Luther aber nur denen nehmen, die an den von ihm angebeteten Wüstengott Jahwe glauben und die dessen angeblichen Sohn verehren. Andersgläubigen wollte Dr. Martin Luther nicht die Angst nehmen. Sondern er rief dazu auf, diese grausam und gnadenlos zu vernichten.

Fiktive Hoffnung statt fiktiver Angst

Er hat also bestenfalls die klerikal instrumentalisierte Angst vor einer fiktiven Bestrafung durch eine ebenso fiktive Hoffnung ersetzt. Eine Hoffnung, die sich wiegesagt nur die machen dürfen, die den “richtigen” Gott verehren. Somit ist diese “Gottesliebe” auch alles andere als bedingungslos, auch wenn das gerade von VertreterInnen des “Wohlfühl-Christentums” immer wieder gern behauptet wird.

Ob nun Angst vor Gott als Richter oder Hoffnung auf ewige Belohnung im Jenseits: In beiden Fällen werden Menschen in die Irre geführt, ausgetrickst. Nur mit dem Unterschied, dass sich von der Angst Anderer besser leben lässt als von Hoffnung.

Bis zum Beweis des Gegenteils ist davon auszugehen, dass es keine Götter, Geister, Gottessöhne gibt. Und auf Hypothesen sollte man genausowenig ernsthaft hoffen, wie dass man sich davor fürchten sollte. Schon gar nicht deshalb, weil einem das jemand einredet.

Halloween: Der Teufel erbarmt sich

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, was es mit der Kürbisfratze zu Halloween auf sich hat (Hervorhebung von mir):

  • Der Brauch, Kürbisse zum Halloweenfest aufzustellen, stammt aus Irland. Dort lebte einer Sage nach der Bösewicht Jack Oldfield. Dieser fing durch eine List den Teufel ein und wollte ihn nur freilassen, wenn er Jack O fortan nicht mehr in die Quere kommen würde. Nach Jacks Tod kam er aufgrund seiner Taten nicht in den Himmel, aber auch in die Hölle durfte Jack natürlich nicht, da er den Teufel betrogen hatte. Doch der Teufel erbarmte sich und schenkte ihm eine Rübe und eine glühende Kohle, damit Jack durch das Dunkel wandern könne. (Quelle: Wikipedia)

Ein Teufel, der Erbarmen hat? Das passt ja so gar nicht in die christlich-dualistische Schwarz-weiß-gut-böse-Wertvorstellung…

Immer weniger Gläubige, immer weniger Interesse am Reformator

“Das ist vielleicht auch ein bisschen uns selbst geschuldet”, sagt Bürger, “vielleicht haben wir es als Kirche versäumt, deutlich zu machen, was für uns dieser 31. Oktober ist.”

Ob mangelnde Werbung für den 31. Oktober der Grund ist, warum sich immer weniger Menschen für den Reformationstag interessieren, halte ich für fraglich.

Vielleicht hängt das mangelnde Interesse ja auch damit zusammen, dass sich zwischen 2001 und 2014 allein in Hessen 351.475 Menschen (Quelle) von der evangelischen Kirche verabschiedet haben? Und dass der ununterbrochene Abwärtstrend auch weiterhin anhält?

Luther-Zitate

Außerdem sollen Banner mit Luther-Zitaten in 26 evangelischen Kirchen im Kirchenkreis aufgehängt werden.

Impulse dafür bietet die Webseite www.martin-luther-2017.de.

“Wir wollen jedoch nicht feiern, dass sich katholische und evangelische Kirche getrennt haben, sondern wir werden ein Christusfest feiern. Wir lassen zurück, was wir an Trennung jahrelang ausgefochten haben und konzentrieren uns auf den Glauben an Jesus Christus.” Und der besteht immerhin schon viele, viele Jahre.

Dass eine kollektive Fiktion viele, viele Jahre besteht sagt noch nichts über deren Wahrheitsgehalt aus. Auch der Glaube an viele andere Götter hat viele viele Jahre bestanden. Und hat ebenfalls nichts daran geändert, dass diese Götter noch niemals mehr als fiktive Projektionsflächen für menschliche Wünsche und Ängste waren.

Generell gilt: Der Wahrheit ist es egal, ob jemand an sie glaubt oder nicht. Die Schwerkraft wirkt, auch wenn jemand nicht an sie glaubt. Die Erde ist rund, auch wenn die Kirche Menschen dafür hat verbrennen lassen, weil sie dies behaupteten.

Und der biblische Gottessohn ist eine literarische Kunstfigur. Auch wenn so getan wird, als handle es sich um eine reale Gestalt.

Nichts ist gut in Evangelistan

“Trends kommen und gehen. Die Reformation bleibt”, sagt Pfarrer Stefan Bürger […]

In Anlehnung an aus Monty Pythons “Leben des Brian” frage ich: Was genau hat die Reformation der Menschheit denn nun eigentlich Gutes gebracht?

Erstaunliches findet man, wenn man versucht, auf diese Frage online Antworten zu finden, zum Beispiel:

  • „Bisher sagt die evangelische Kirche nicht, was sie feiern will. Denn sie weiß es nicht“, stellt [der Theologe] Thielmann in einem Kommentar fest.
  • […] So falle es selbst Margot Käßmann schwer, dem Protestantismus öffentlich etwas Positives abzugewinnen.
  • […] [Der Theologe] Thielmann schreibt dazu: „Nichts ist gut in Evangelistan. Da mag es einen beruhigen, wenn man zur Erkenntnis kommt, dass die anderen auch nicht besser dastehen.“ (Quelle: pro-medienmagazin.de)

Die künstlliche Überhöhung einer Person, die nachweislich und unzweifelhaft nicht nur Reformator, sondern genauso auch Antisemit, Frauenhasser, Sozialrassist und Reaktionär war, ändert nichts daran, dass der Glaube an Götter, Geister und Gottessöhne absurd und irreal ist. Genauso irreal wie der Glaube an Halloween-Geister.

Wenn evangelische Christen heute “ihren” Reformator über den grünen Klee loben, dass dieser den Menschen wieder in den Vordergrund gerückt habe, so vergessen sie, dass diese Aufwertung zu noch mehr Abgrenzung gegenüber Un- und Andersgläubigen genutzt werden kann, wurde und auch fleißig heute noch (und wieder) genutzt wird.

Eine Reformation der Kirche, die tatsächlich als Reformation bezeichnet werden könnte, wäre es, den Glauben an Götter, Geister und Gottessöhne aufzugeben.

Die religiöse Scheinwirklichkeit lässt sich nicht mehr mit dem Verstand, der Vernunft und der intellektuellen Redlichkeit eines aufgeklärten Erwachsenen im 21. Jahrhundert mehr in Einklang bringen. Jahwe ist genauso wenig real wie Halloween.

Weiterlesen

FacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmailFacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmail