Dank an Beter: Aber wofür eigentlich, Herr Woelki?

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In seiner aktuellen Verkündigung spricht Herr Kardinal Woelki seinen Dank an alle Beter aus:

[…] Tag für Tag, Nacht für Nacht sind wir Menschen auf der Welt so im Gespräch mit Gott.*

Gebetslogik“Im Gespräch mit jemand sein” heißt, dass die Beteiligten an diesem Gespräch zuhören und auch etwas sagen. Ob Götter zuhören, wenn Menschen beten, lässt sich nicht sagen. Allerdings spricht nichts dafür, dass es so ist.

Was sich sicher sagen lässt ist, dass sich noch kein einziger der vielen tausend Götter, die sich die Menschheit schon ausgedacht hat, jemals auch nur einmal seriös belegt zu Wort oder sonstwie gemeldet hat.

Klar: Beter beten. Sie sprechen zu Gott. Und deuten alle möglichen Wahrnehmungen als dessen Antworten. Den Umstand, dass dass sie für “Gott” jeden beliebigen Phantasienamen einsetzen könnten, ohne dass sich etwas an der Plausibilität dieses “Gespräches” ändern würde, ignorieren sie.

Hoffnungsvoller Selbstbetrug

Ihnen reicht offenbar die angenehme Illusion, irgendwer hätte ihnen zugehört, irgendwer würde ihren Dank und ihre Bitten entgegennehmen. Und die hoffnungsvolle Illusion, irgendwer würde auf ihre Bitten hin seinen ewigen Allmachtsplan ändern. Ihnen zuliebe, weil sie ihn darum gebeten haben.

…und immer wieder wird er [Gott] um Hilfe angefleht.

wenigerglauben.deWie würde unsere Welt heute aussehen, wenn noch mehr Menschen schon früher begriffen hätten, dass es nicht nur sinnlos, sondern sogar höchst widersinnig ist, einen allmächtigen Gott um Hilfe oder um irgendetwas anzuflehen?

Ist es nicht gerade dieses blinde Vertrauen auf angeblich übergeordnete Autoritäten, das immer wieder für Leid und Elend sorgt? Auch außerhalb von Religionen?

Was wäre, wenn  sich noch mehr Menschen stattdessen der irdischen Wirklichkeit mit all ihren Herausforderungen und Chancen stellen würden? Statt absurderweise auf die Unterstützung von Phantasiewesen zu hoffen oder – noch schlimmer – darauf zu vertrauen? Wenn die Menschen weniger glauben und mehr hinterfragen würden?

Dialog mit Gott?

…auch sie sind im regelmäßigen Dialog mit Gott und hören Gottes Stimme.

Beter
Beter

Ich finde es mehr als bedenklich, wenn ein erwachsener, ansonsten vermutlich aufgeklärter und geistig gesunder Mensch im 21. Jahrhundert im Internet verkündet, dass jemand Gottes Stimme hören würde.

So etwas kann man doch nicht einfach so behaupten, als handle es sich dabei um eine Tatsache? Jedenfalls, wenn man noch irgendwie ernst genommen werden möchte?

Hören heißt, dass Schallwellen auf das Ohr treffen und vom Gehirn verarbeitet werden. Das bedeutet hören. Und nicht innere Stimmen imaginieren. Dies sind keine Informationen, die von einer externen Quelle gesendet wurden. Sondern selbstverfasste Gedanken.

Und Hören bedeutet auch nicht, irgendwelche sonstigen Wahrnehmungen oder Gefühle willkürlich einer bestimmten, willkürlich behaupteten Quelle zuzuordnen.

Dank an Beter – aber wofür eigentlich?

Und ein besonderes Danke möchte ich auch all denen sagen, die für mich beten.

Nutzlos: GebeteHerr Woelki, was versprechen Sie sich davon, wenn Beter für Sie mit ihrem Gott Kontakt aufnehmen? Wie können Sie sicher sein, dass es diesen Gott überhaupt gibt? Und dass die Beter ebenfalls den von Ihnen behaupteten und imaginierten Gott ansprechen?

Natürlich mag es ein schönes Gefühl für Sie sein zu wissen, dass da irgendwer an Sie denkt. Aber woher wissen Sie, dass jemand für Sie betet, wenn die Beter Ihnen es nicht gesagt haben, dass sie für Sie gebetet haben?

Finden Sie es nicht auch höchst arrogant anzunehmen, dass ein allmächtiges, unsichtbares Wesen in Ihr Schicksal eingreift, wenn Beter es darum bitten?

Wie sicher können Sie ausschließen, dass es sich bei Ihrem Gott lediglich um ein (kollektives) Hirngespinst handelt? Und dass alle Gebete in Wirklichkeit rein einseitige Dialoge sind? Also eigentlich Monologe?

Dank für Realitätsverweigerung?

Statt Menschen dafür zu danken, dass sie mit fiktiven Wesen kommunizieren und damit die Realität verleugnen, wäre es doch viel sinnvoller und naheliegender, Menschen einfach dafür zu danken, dass sie an einen denken. Oder dass sie sich für etwas einsetzen.

Natürlich ist es Ihnen überlassen, wie Sie persönlich mit der irdischen Wirklichkeit umgehen. Ob Sie sich den Herausforderungen stellen oder ob Sie sich in religiöse Scheinwirklichkeiten flüchten.

Solche Wahngedanken öffentlich zu verkündigen ist jedoch nicht nur heuchlerisch, sondern kann sogar gefährlich werden. Nämlich für die Beter, die sich aufgrund Ihrer Behauptungen auf die Wirksamkeit von Gebeten verlassen.

Trotzdem ist leicht durchschaubar, warum Sie sich dafür bedanken, dass Menschen beten: Schließlich hängt die Existenz Ihrer gesamten Branche davon ab, dass es noch Menschen gibt, die bereit sind, Ihre religiöse Scheinwirklichkeit zur Not sogar wider besseres Wissen und auf Kosten ihrer intellektuellen Redlichkeit als wahr anzuerkennen.

*Der Videoclip und die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalartikel, von domradio.de veröffentlicht und abgerufen am 20.11.2016.
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