Jesus!? – Offener Brief an Heiner Geißler

Sehr geehrter Herr Dr. Geißler,
lieber Fliegerkollege Heiner,

Heiner Geißler

Screenshot daserste.de

mit großem Interesse haben wir Ihre, für einen CDU-Politiker doch erstaunlich atheistischen Ausführungen bei Maischberger verfolgt.

Dabei ist uns eine Aussage von Ihnen besonders in Erinnerung geblieben. Sie sagten (sinngemäß), dass Sie wissen, dass Jesus gelebt hat und dass Sie sich an dem orientieren, was Jesus gesagt hat.

Abgesehen davon scheinen Sie mit der biblisch-christlichen Glaubenslehre nur wenig oder nichts am Hut zu haben.

Daraus ergeben sich für uns folgende Fragen, über deren Beantwortung wir uns sehr freuen würden:

  1. Von welchem Jesus meinen Sie zu wissen, dass er gelebt hat? Meinen Sie den Jesus von Nazaret, von dem praktisch nichts außer seiner wahrscheinlichen Existenz überliefert wurde? Oder meinen Sie die literarische Kunstfigur Jesus Christus? Also den Gottessohn, dem die anonymen Bibelautoren in ihren Texten alle möglichen Aussagen in den Mund gelegt haben?
  2. Macht es für Sie einen Unterschied, ob der Jesus, dessen Aussagen Sie für bedeutsam halten, ein Gottessohn war/ist oder nicht, bzw. ob er tatsächlich gelebt hat oder nicht?
  3. Unabhängig von der Person Jesus (historisch oder fiktiv): Haben Sie sich mit der Lehre, die ihm zugeschrieben wird, schon genauso kritisch befasst wie offenbar mit dem Rest der biblisch-christlichen Lehre? Falls ja: Ist Ihnen da nicht aufgefallen, dass es umfangreicher Weglassungen und wunschgemäßer Interpretation (“motivated reasoning”) bedarf, um die Aussagen des biblischen Jesus so hinzubiegen, dass sie sich irgendwie und insgesamt mehr schlecht als recht mit modernen ethischen Standards in Einklang bringen lassen? Hierzu empfehlen wir folgende Lektüre:
    1. Heinz-Werner Kubitza:
      Der Jesuswahn: Wie die Christen sich ihren Gott erschufen.
      Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung**
    2. Andreas Edmüller:
      Die Legende von der christlichen Moral:
      Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist
  4. Halten Sie Jesus für eine unverzichtbare Grundlage Ihres Wertebildes, oder ist er eher der “kleinste gemeinsame Nenner”, quasi die einzige Schnittstelle zwischen dem *C*hristentum und Ihrer (ansonsten wohl eher atheistisch-humanistisch-rationalen) Einstellung?
  5. Lässt sich die milliardenschwere Subventionierung und umfangreiche Sonderprivilegierung bestimmter Kirchen in Deutschland Ihrer Meinung nach heute noch rechtfertigen und wenn ja, wie?

Weitere Fragen an Dr. Heiner Geißler

Noch einige weitere Fragen zu Ihrer Vorstellung von Jesus hat Sybille aus unserem Team. Sie schreibt:

“Markant, eindringlich und ehrlich in der von Ihnen, schon aus Ihren aktiven politischen Zeiten bekannten klaren Linie, haben Sie Ihre Glaubensüberzeugungen geäußert, die Sie aber höchstwahrscheinlich erst in Ihrem Nachberufsleben öffentlich auch so deutlich aussprechen können.

Mit Ihrer entschiedenen Gottlosigkeit haben Sie mich am meisten beeindruckt. Auch ich bin nach r.-k.- Sozialisation durch Nachdenken und Nachlesen seit Jahren gottlos glücklich. Dass Sie im Rahmen einer Talkshow nicht Ihr ganzes theologisches Gebäude ausbreiten können, ist verständlich. So bleiben zu Ihren Glaubensvorstellungen, nicht nur für mich, etliche Fragen.

  • Welcher ist Ihr Christus? Sehen Sie bei Ihrem Jesusglauben Jesus als Gottes Sohn oder als charismatischen, vielleicht aufrührerischen Menschen?
  • Hat Ihr „Idol“ nach Ihrer Glaubensvorstellung die hochstilisierte Erlösungstat vollbracht oder ist er nur wegen Aufwiegelei nach den Gesetzen der damaligen Besatzer ans Kreuz genagelt worden?
  • Atheistisch, also ohne Gott, wie Sie sich sehen, wird auch die „Dreifaltigkeit“ für Sie keine Rolle spielen, bei der ja nach der Lehre der katholischen Kirche auch heute noch Jesus ein Teil davon ist.
  • Gilt für Sie die ganze “heilige” Schrift oder genügt Ihnen das „neue“ Testament?
  • Halten Sie die verschiedenen Schriftsteller, bzw. Geschichtenerzähler, auch die des 2. Buches der “heiligen” Schriften von jemandem anderen als von sich selbst und ihren Absichten inspiriert, wenn es ja nicht das Wort Gottes sein kann?
  • Meinen Sie, dass diese Schriftsteller nach über 30 Jahren nach dem Tod ihres Protagonisten die „reine Wahrheit“ (die es bekanntlich eh nicht gibt) aufgeschrieben haben oder ob sie nicht viel mehr beim Hochstilisieren der Figur ihre Leser- und mögliche Anhängerschaft im Auge hatten?
  • Sehen Sie die Geschichten des aufsässigen, sozialkritischen Jesus als Ihr Vorbild oder glauben Sie auch an die ganzen Wundergeschichten?
  • Wie sicher sind Sie sich, dass Ihre Auswahl, so Sie eine treffen, die richtige ist?
  • Gehen Sie in Ihrem Glauben zurück vor das erste Dogma und blenden Sie auch Paulus mit seiner Auferstehungsfiktion aus?
  • Können Sie dann noch etwas mit den Glaubensregeln “Regula fidei” aus dem 2. und 3. Jahrhundert anfangen, die noch Basisüberzeugungen der katholischen Kirche sind (nicht nur der röm.-kath.) und sich direkt vom Zeugnis der Apostel her ableiten sollen.
    Irenäus von Lyon, Ad. Her. 1,10,1 beschreibt sie so:

    • „Die Kirche erstreckt sich über das ganze Weltall bis an die äußersten Grenzen der Erde. Sie hat von den Aposteln und ihren Schülern den Glauben empfangen, den Glauben an den einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde und der Meere und alles was in ihnen ist, und an den einen Christus Jesus, den Sohn Gottes, der, um uns zu erlösen, Fleisch angenommen hat, und an den heiligen Geist, der durch die Propheten die Heilsordnung Gottes verkündet hat, […] seine Geburt aus der Jungfrau, sein Leiden, seine Auferstehung von den Toten und die leibliche Himmelfahrt unseres lieben Herrn Christus Jesus und seine Wiederkunft vom Himmel in der Herrlichkeit des Vaters […]“ (Quelle: Wikipedia)
  • Wäre es nicht ehrlicher, dem ganzen katholischen Gebäude den Rücken zu kehren und sich einfach als „Jesuaner“, Atheist, (ur-) christlicher Atheist oder atheistischer Christ zu bezeichnen, (wenn es schon evtl. aus parteipolitischen Gründen (?) etwas mit dem „C“ sein sollte)
  • Wie definieren Sie Christsein, Christentum ohne Gott?
  • Angenommen Sie wären ein gläubiger Moslem, würden Sie hierzulande eine C- Partei wählen?
  • Ist es nicht eine Verdummung und Zeit- und Ressourcenverschwendung, Kinder von klein an religiös zu indoktrinieren? (Das ist mein Hauptanliegen…)

Da ich mich auch sehr mit all diesen Fragen immer noch beschäftige, wäre ich Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie, der Sie für mich ein authentischer Mensch sind, Ihre Erkenntnisse, die Sie im Lauf Ihres langen Lebens gewonnen haben, mit der Beantwortung meiner Fragen mitteilen könnten.”

Herr Dr. Geißler, über eine Antwort von Ihnen würden wir uns sehr freuen. Auf Wunsch veröffentlichen wir sie auch auf unserer Webseite AWQ.DE.

*Bildquelle: Screenshot ARD/daserste.de – bit.ly/2sIVOv6 , abgerufen am 16.6.2017 21:00 Uhr
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Letzte Aktualisierung: 17. Juni 2017