Wann sind ehrliche Erkenntnisprinzipien verzichtbar?

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In einem Facebook-Kommentar fasste Jori Wehner* einige Gedanken zu der Frage, wann ehrliche Erkenntnisprinzipien verzichtbar sind zusammen:

Ich habe den Eindruck, es ist zu allererst der Kontext der religiösen Erziehung, in dem Menschen lernen, dass Fakten nach Belieben ignoriert werden dürfen.

“Jesus ist der Sohn Gottes und nach drei Tagen von den Toten auferstanden.” Das soll und darf einfach geglaubt werden.

Nicht, weil es die plausiblere, wahrscheinlichere, epistemisch besser begründete Überzeugung über historische Vorgänge im antiken Jerusalem ist – sondern weil es besser in die eigene Weltanschauung passt. Vorurteile und Wunschdenken haben hier Vorrang vor der plausibleren Realitätsbeschreibung.

Menschen (vor allem Kinder) werden hier explizit ermutigt, ihre subjektive Wunschwahrheit über eine ehrliche Analyse der Fakten zu stellen. Ihnen wird beigebracht: “Wenn Du in Deinem Herzen fühlst, dass es wahr ist – dann darfst Du getrost alle Sacheinwände ignorieren! Wenn die Behauptung Deinem Leben eine innere Bedeutungstiefe verleiht – dann muss sie wahr sein – auch wenn alle ehrliche Epistemologie dagegen spricht.” Das ist der Kern des postfaktischen Denkens.

“Es existiert ein Gott und Mohammed wurde im Jahr 610 in der arabischen Wüste von seinem Engel besucht.”

Auch diese These kann wahr oder falsch sein.
Gläubige bringen ihren Kindern bei, dass alle ehrlichen Versuche, diese Frage zu beantworten, irrelevant seien. Das ist die Heiligsprechung des Postfaktischen. Was meiner Lieblingsüberzeugung widerspricht, das kann getrost ignoriert werden.

Ich meine, religiöse Erziehung ist der Kontext, in dem die Billigung des Postfaktischen am systematischsten verwirklicht ist – ja – in dem Realitätsverleugnung gesellschaftlich in den Status einer moralisch richtigen Handlung erhoben wird.

Ich meine, es ist schwierig, für logische Kohärenz und Beachtung von Empirie zu werben, wenn man zeitgleich lernt, dass Fakten auch mal nach Belieben ignoriert werden können.

Glaube ist ein gesellschaftlich akzeptierter Freifahrtschein für Wunschdenken. Im weltanschaulichen Bereich gilt es als akzeptabel, das kritische Denken einzustellen und blind die fantastischen Behauptungen als wahr zu akzeptieren, die in antiken Texten überliefert werden. Menschen lernen, dass weltanschaulich Tatsachenbehauptungen ohne kritische Prüfung, ohne Evidenz für ihre Wahrheit geglaubt werden sollen.

Na, dann ist es doch keine Überraschung, wenn Menschen plötzlich die eigene Befindlichkeit und das eigene Wunschdenken über unangenehme Fakten stellen. Sie wurden schließlich systematisch dazu angeleitet – von wohlmeinenden Gläubigen.

Was ist das Gegenteil “postfaktischen Denkens”?

Ehrliche Erkenntnissuche, Intellektuelle Aufrichtigkeit, logische Kohärenz, Wertschätzung von objektiver Empirie über subjektive Gewissheiten, kritische Prüfung eigener Vorurteile.

Wer aber diese Prinzipien konsequent verwirklicht, der kann nicht länger an Homöopathie, die jüdische Weltverschwörung oder Chemtrails glauben – aber auch nicht mehr an Götter, göttliche Gesandte oder Auferstehungswunder.

Gläubige fordern hier im Grunde dasselbe wie Trump:

“Bitte lernt, Tatsachen, Fakten, Empirie und Plausibilität zu akzeptieren – außer bei meinen eigenen postfaktischen Gewissheiten. Bei meinen eigenen Gewissheiten sind die üblichen Prinzipien ehrlicher Erkenntnisgewinnung nicht anwendbar.”

Wer aber die Aufkündigung der Ehrlichkeit rechtfertigt, sobald es an eigene Wunschwahrheiten geht, der hat kein Werkzeug gegen postfaktisches Denken.

Wenn DU nicht dazu bereit bist, eigene Lieblings-Gewissheiten ehrlichen Erkenntnisprinzipien zu unterwerfen – mit welchem Recht erwartest Du es dann vom Chemtrailer – vom Klimawandelleugner – vom Evolutionsgegner – vom Anti-Impf-Propagandisten? Ihr beide seid Euch doch einig: Für eigene Lieblingsgewissheiten sind ehrliche Erkenntnisprinzipien verzichtbar.”

*Quelle: Jori Wehner via Facebook

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