Kinderkreuzweg: Was geht in diesen Eltern vor?

~ 5 Minuten

Wie Osthessennews am 30. März 2018 (!) berichtete, hatten 100 Kinder am diesjährigen “Kinderkreuzweg” in Fulda teilgenommen:

Insgesamt waren es rund 250 Gläubige, die am Kinderkreuzweg bei herrlichem Frühlingswetter teilnahmen. Die Kinder trugen mit ihren eigenen Händen ein großes, schweres Holzkreuz durch die Stadt, um ansatzweise nachempfinden zu können, wie sich Jesus in seinen letzten Stunden gefühlt haben könnte.*

Die verstörenden Bilder der überwiegend ihrerseits verstört wirkenden Kinder, wie sie ein Holzkreuz in Originalgröße durch die Stadt tragen, dürften auf jeden, der nicht unter völliger religiöser Vernebelung leidet, abstoßend und verstörend wirken.

Was geht in den Köpfen von Eltern vor, die ihre Kinder einer solchen Zeremonie brutalster Gewalt aussetzen? Natürlich gehört menschliches Leid zur menschlichen Lebenswirklichkeit dazu. Und sollte dementsprechend auch in einer verantwortungsbewussten Erziehung nicht verschwiegen werden.

In diesem Zusammenhang seien die Märchen erwähnt, in denen ja auch mitunter Grausames geschieht. Nur: Bei Märchen ist eben auch Kindern verblüffend klar, dass es sich dabei um erfundene Phantasiegeschichten handelt.

Somit spielen sich diese Geschichten quasi in einem “abgesicherten Modus” ab. Ist ja nur ein Märchen… Wobei man natürlich auch bei Märchen darauf achten sollte, ab welchem Entwicklungsstand man seinem Kind solche Geschichten zumutet.

Was also gibt es zu kritisieren an einem Kinderkreuzweg?

Kindern Mitgefühl altersgerecht zu vermitteln, ist sicher sinnvoll und wichtig. Eltern und/oder Erziehungsberechtigte, aber auch Lehrer, Freunde und sonstige Bezugspersonen können und sollten Kindern Vorbild für altruistisches Verhalten sein.

Aber selbst, wenn beim Kinderkreuzweg der Aspekt des Mitfühlens in den Vordergrund gestellt worden sein sollte: Das ändert nichts daran, dass das Leid, das hier für die Kinder “erfahrbar” gemacht wird, laut christlicher Lehre in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Fehlverhalten (verschuldet und unverschuldet) aller Menschen – also auch mit dem der Kinder – stehen soll.

IndoktrinationDenn für die menschlichen Sünden hat der christlicher Mythologie zufolge Jesus ja diese unmenschlichen Leiden ertragen müssen. Freilich nur ein verlängertes Wochenende lang, aber das dürfte gerade für ein Kind kaum tröstlich sein.

Das Perfide, Widerwärtige, Abstoßende, Verstörende, ja Gestörte an einem Kinderkreuzweg ist genau dieser Punkt: “Jesus hat für DEINE SÜNDEN gelitten und ist FÜR DEINE SÜNDEN gestorben.”

Kindern wird damit eine ungeheuere Schuld suggeriert. Die sie in Wirklichkeit freilich gar nicht zu verantworten haben.

Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine GROßE Schuld…

Anders als Kinder können Erwachsene solche Beschuldigungen oft problemlos über sich ergehen lassen. Besonders dann, wenn sie eigentlich schon erkannt haben, dass es sich bei ihren Glaubensgewissheiten nur um menschengemachte Fiktion und Illusion handelt.

Irgendwann sollten sie festgestellt haben, dass es völlig wurscht ist, dass sie angeblich nicht würdig sein sollen, dass ein Herr eingeht unter ihrem Dach. Und dass ihre Glückseligkeit hienieden auch nicht davon abhängt, ob dieser Herr ihre Seele durch das Sprechen eines Wortes gesund macht oder nicht.

Selbst wenn der angebliche Zusammenhang von persönlicher Schuld am menschlichen Leid von Jesus beim Kinderkreuzweg (hoffentlich)  nicht so deutlich ausgesprochen worden sein sollte: Das ist die eigentliche Aussage des christlichen Totenkultes: DARAN BIST DU SCHULD. Und zwar schon durch deine bloße Existenz.

Und diese “Lehre” wird auch den Kindern früher oder später so eingetrichtert werden. Das große, schwere Kreuz, das wichtigtuerische Gehabe, der verkleidete Mann, wie er das Holzkreuz küsst – solche Erfahrungen und Bilder können sich dauerhaft ins Unterbewusstsein einbrennen.

Und bei so einer Inszenierung ist für Kinder keineswegs klar, dass es sich auch hier nur um menschliche Fiktion, Einbildung und Überheblichkeit handelt.

Kindgerechte Aufbereitung einer Todesfolterung?

An den sechs Stationen wurden die Inhalte des Palmsonntages, des letzten Abendmahls, der Stunden im Garten Gethsemane, der Verurteilung durch Pontius Pilatus und letztlich der Kreuzigung kindgerecht aufbereitet und erzählt.

Man stelle sich die Reaktion der Christenschar vor, wenn eine beliebige andere Glaubens- oder sonstige Gemeinschaft in der Öffentlichkeit unter der Beteiligung von 100 Kindern eine Todesfolterung inszenieren würde. Mit dem Verweis darauf, dass dieses Schauspiel ja kindgerecht aufbereitet und erzählt worden sei.

Wenn man sich als Erwachsener solchen absurden Hirngespinsten, die sich mitunter zu Wahnvorstellungen verschlimmern können hingeben möchte, dann sei das selbstverständlich jedem frei gestellt.

Kinder dieses angeblich ihretwegen erlittene Fremdleid spüren zu lassen, indem man sie ein unvorstellbar brutales Todesfolterungsinstrument durch die Stadt tragen und an einer Kreuzigungsinszenierung lässt,  halte ich für psychologische Kindesmisshandlung.

Sobald Kinder Empathie und Mitgefühl entwickelt haben (was meist schon sehr früh der Fall ist), entwickeln meist auch eine große Sensibilität und ein starkes Gerechtigkeitsempfinden. Und sind gerade dann auch oft noch nicht in der Lage, zwischen tatsächlicher Schuld und eingeredeter (oder eingebildeter) Schuld zu unterscheiden. Klassisches Beispiel: Das Kind, das sich für den Streit der Eltern (der gar nichts mit ihm zu tun hat) verantwortlich und in der Folge schuldig fühlt.

Was geht in diesen Eltern vor?

Indoktrination stoppen!Ein Psychiater könnte (Eltern) sicher besser als ich erklären, welche Schädigungen man Kindern zufügen kann, wenn man ihnen (vorsätzlich oder aus religiöser Abgestumpftheit und Verblendung) solche, zwar nur erfundene, aus kindlicher Sicht aber trotzdem äußerst gravierende und real erlebte Schuldgefühle einredet.

Manche Menschen schaffen es ein Leben lang nicht, sich von den kirchenzweckdienlichen Pseudo-Schuldgefühlen zu befreien, mit denen sie – oft schon im Kleinkindalter – indoktriniert worden waren.

Und so frage ich mich: Was geht in den Köpfen der Erwachsenen vor, die sich einen Kinderkreuzweg ausdenken? Und in den Köpfen der Eltern, die mit ihren Kindern daran teilnehmen?

Kinder, die vernünftige Erklärungen für religiöses Allerlei suchen, werden auf unserer Seite www.kwq.de fündig.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag von Osthessennews zum Kinderkreuzweg 2018 in Fulda.

FacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmailFacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmail

4 Gedanken zu „Kinderkreuzweg: Was geht in diesen Eltern vor?“

  1. In diesem Zusammenhang finde ich die Sicht von Gott als Vater auch interessant, weil es bei Eltern durchaus vorkommt, dass sich Kinder nicht nur von sich aus schuldig an Situationen fühlen, für die sie nichts können, sondern diese Schuld auch eingeredet bekommen. So stamme ich beispielsweise auch aus einem Elternhaus, in dem ich durch meine bloße Existenz Schuld an vielen Dingen in deren Leben, beispielsweise am Übergewicht meiner Mutter, weil sie ja für mich und meine Schwester kochen musste, wobei das Übergewicht kam, als wir zur Schule gingen und Schulessen möglich gewesen wäre, aber aber von unserer Mutter abgelehnt wurde (und man von einer zu hohen Kalorienaufnahme zunimmt, nicht vom Kochen).

    Die Loslösung vom Glauben hat hier tatsächlich eine Loslösung von den Eltern zur Folge gehabt, sozusagen ein verspätetes Erwachsenwerden, die endgültige Abgrenzung von nichtverantwortlicher Schuld hat dann im Jurastudium stattgefunden, wo beispielsweise im Bürgerlichen Recht der Ausgleich verschiedener Interessen gleichberechtigter Personen im Vordergrund steht, ebenso in der Grundrechtevorlesung, was einfach auch bei der Analyse unterstützt hat, was ich mir jetzt tatsächlich als Schuld zurechnen lassen muss und was nicht. Dass man sich natürlich auch schuldig machen kann, ist klar, dafür haben wir das Strafrecht, aber auch hier: Die Person, die sich schuldig gemacht hat, ist verantwortlich, selbst wenn sie es aus nachvollziehbaren Gründen wie dem Joberhalt getan hat, niemand anderes sonst. (Von Schwierigkeiten des Strafrechtes mit organisationaler Schuld wie dem Stasi-Unrecht oder der Loveparade”aufarbeitung” oder schnöden Umweltdelikten einmal abgesehen, hier funktioniert die Schuldzuschreibung leider nicht wirklich (gut).)

    Das ist natürlich kein normales Elternverhalten, es wird als schlecht angesehen und verurteilt, so es denn überhaupt jemandem außerhalb der Familie auffällt und man nicht nur abstrakt darüber spricht. Umso größer finde ich den Bruch, der hier in der Religion gemacht wird, wo auf einmal ein gänzlich anderer Maßstab zur Geltung kommt.

    Ich persönlich habe immer ein wenig das Gefühl, dass auch der Respekt vor den Menschen im allgemeinen und vor denen, denen man die Schuld in die Schuhe schiebt im besonderen, aber auch vor sich selbst, fehlt, wenn eine wie auch immer geartete Schuld postuliert wird, die gar nicht existiert, weil auf diese Weise ein Über-Unterordnungsverhältnis geschaffen wird, das an sich gar nicht existiert. Insofern kann ich auch im Bereich der Schuldzuschreibungen Ihrem Ansatz, fair miteinander umzugehen und zwar mit jedem nah und fernstehenden Menschen, wie Sie ihn bei der Thematisierung der Gottesliebe postuliert haben, sehr viel abgewinnen.

    Danke für die ganzen Anregungen, die sich auf Ihrem Blog finden!

    Antworten
  2. Dümmer gehts wohl nimmer. Keiner suggeriert den Kindern persönliche Schuld am Tod Jesu, aber es macht Sinn, auch Kindern, die tagtäglich im privaten Leben und vor allem in den Medien mit Leid konfrontiert werden, am Leiden Jesu aufzuzeigen, wozu Menschen in Hass und Verblendung fähig sind, anderen Menschen anzutun. Die Kinder erleben im Alltag Kreuzesgeschichten und die Auseinandersetzung mit Schuld hat etwas mit einem bewussten und verantwortlichen Leben zu tun, denn schuld sind immer die anderen und verdrängte Schuld macht krank.

    Antworten
    • Helmut, was sonst besagt die Aussage: “Jesus ist für deine Sünden am Kreuz gestorben”, als dass sie Kindern (und natürlich auch Erwachsenen) suggeriert, dass diese vorübergehende Todesfolterung in einem direkten Zusammenhang mit ihrem Verhalten stünde? Stimmt: Dümmer gehts wohl nimmer.

      Und perfider auch nicht: Denn auch, wenn diese Aussage heute in dieser Deutlichkeit zumindest Kindern gegenüber vielleicht gar nicht mehr getätigt wird: Das ist es, worum es im Grunde geht, worin ja das christliche Heilsversprechen besteht.

      Um Kindern den Umgang mit Leid näherzubringen, halte ich die Jesuslegenden für denkbar ungeeignet: Diese Mythologie, in der die irdische Wirklichkeit um allerlei Esoterik und magische Himmelswesen erweitert ist, deren fragwürdige moralische Standards verblüffend denen eines kleinen Wüstenvolkes von vor über 2000 Jahren entsprechen, ist für mich aus heutiger Sicht genauso absurd wie für Sie vermutlich zum Beispiel die Vorstellung, es sei irgendwie sinnvoll gewesen, über Jahrhunderte hinweg täglich einen Menschen als Opfer zu töten, um die Sonne dazu zu bewegen, am nächsten Tag wieder aufzugehen.

      Auch das Thema Schuld lässt sich ohne Vermischung mit religiöser Mythologie viel besser und vor allem realitätskompatibler und damit auch verständlicher und besser begründet mit Kindern besprechen:

      Eine stellvertretende Todesfolterung des eigenen Sohnes im Interesse Dritter werden Sie heute kaum noch so hinbiegen können, dass sie zumindest dem Anschein nach modernen ethischen Standards entspricht. Was Sie offenbar nicht davon abhält, genau das zu tun…

      Egal, ob es um die Erklärung der irdischen Wirklichkeit oder um die Beantwortung philosophischer oder ethischer Fragen geht: In ausnahmslos allen Bereichen liefern nicht-religiöse Quellen heute bessere Antworten als solche, die durch religiöse Einbildungen, Dogmen und sonstige Fiktionen erweitert wurden.

      Bis heute zehrt die christliche Kirche noch davon, dass die Legende von der christlichen Moral noch in den Köpfen vieler Menschen herumspukt. Gerade erleben wir, wie die Kirche selbst effektiver denn je dazu beiträgt, dass sich immer mehr Menschen davon befreien.

      Wenn verdrängte Schuld krank macht, ist die katholische Kirche dann überhaupt noch zu retten?

      Antworten

Schreibe einen Kommentar