Offener Brief an Frau Lander zu Nachgedacht (265) – Zwischen Trauer und Begeisterung…

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Sehr geehrte Frau Lander,

mit Ihrem NACHGEDACHT-Beitrag Nr. 265, veröffentlicht am 1.4.2018 von Osthessennews bestätigen Sie meine bereits in diesem Beitrag dargestellte Einschätzung, dass sich die Leute, die den Kinderkreuzweg in Fulda veranstalten, sowie die Eltern, die ihre Kinder daran hatten teilnehmen lassen, psychische Kindesmisshandlung vorwerfen lassen müssen.

Und Sie, Frau Lander, haben in meinen Augen mit Ihrem Beitrag eine religiös bedingte Überzeugung dokumentiert, die bei mir starke Zweifel bezüglich Ihrer Eignung als Lehrkraft weckt, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken.

Sie beschreiben die Reaktion Ihres Patenkindes, das am Kinderkreuzweg in Fulda teilnehmen musste:

Als am vergangenen Karfreitag mein Patenkind Constantin zum ersten Mal davon erfahren hat, was Jesus von Nazareth passierte, weinte er. Mitten in der Kinderkreuzwegandacht konnte er seine Trauer nicht verbergen. Zuerst war er erschrocken, dass niemand diesem Mann Jesus helfen wollte, das schwere Kreuz zu tragen, weiter konnte er nicht nachvollziehen, warum ihm das angetan wurde. Dass Jesus sogar nackt gedemütigt wurde, verstand er nicht und zeigte sich tief erschrocken von den Menschen, die ihm das antaten und dass niemand zur Hilfe kam.

Schlussendlich war der grausame Tod Jesu dann zu viel. Der kleine Junge weinte um den Mann, der in seinen Augen so ungerecht behandelt wurde.*

Offenbar scheint es in Ihrer katholischen Weltsicht völlig normal zu sein, kleine Kinder mit der Demütigung eines nackten Menschen und dessen Todesfolterung durch Hinrichtung am Kreuz zu konfrontieren. Gerade Ihnen als ausgebildete Lehrkraft sollte doch bekannt und bewusst sein, das eine solche Konfrontation bei Kindern schwerste psychische Schädigungen verursachen kann.

Instrumentalisiertes kindliches Leid

Geradezu widerwärtig und perfide empfinde ich Ihre Schlussfolgerung, in der Sie die nachvollziehbare Reaktion des Kindes auf die ihm völlig unverständliche, bizarre Darbietung grausamster Gewalt dann noch für Ihre Zwecke instrumentalisieren:

Eigentlich ist es schade, wenn viele Erwachsene, weil sie die Geschichte um Jesus eben schon kennen, keine Emotionen mehr zeigen können. Jedes Jahr aufs Neue sollten wir die Passion mit Kinderaugen, zum ersten Mal sehen, damit wir wieder spüren, was da eigentlich passiert ist.

Frau Lander, bisher hatte ich die meisten Ihrer Beiträge als überwiegend banal, belanglos, mehr oder weniger naiv, immer wieder mal realitätsfern, meistens jedoch als überwiegend harmlos wahrgenommen.

Natürlich sei es Ihnen unbenommen, sich über zufällig lächelnde Mitmenschen zu freuen. Oder ob Sie sich über Leute aufzuregen, die auf die Straße spucken. Ihre jährliche Herbstdepression scheinen Sie ja inzwischen auch überwunden zu haben.

Genauso ist es die Privatangelegenheit eines jeden Erwachsenen, ob er sich irgendwelchen religiösen Vorstellungen, von “liberal-theologisch” bis hin zu “wahnhaft-katholisch” hingibt. Und wer das Bedürfnis hat, der Welt seine Gedanken mitzuteilen – auch das ist in einer offenen und freien Gesellschaft natürlich möglich.

Anders sieht es aus, wenn jemand meint, Kinder mit der hier dokumentierten Weltsicht belästigen zu müssen.

Dass das Zelebrieren der Folterung und Tötung eines Menschen, der der christliche Gottessohn sein soll in erster Linie den Zweck hat, Schuldgefühle zu erzeugen, hatte ich in meinem letzten Beitrag zum Kinderkreuzweg schon beschrieben. Mit Ihrem heutigen NACHGEDACHT sprechen Sie einen weiteren, höchst kritikwürdigen Punkt an:

Tja, und mein Patenkind Constantin? Der kleine Junge sowie die anderen tief betroffenen Kinder sollten nicht in ihrer Trauer um Jesus verharren müssen. Der Pfarrer erklärte den Kindern, dass ein Wunder geschah, Jesus war nicht tot, er lebte! Und diese Botschaft zauberte meinem Neffen wieder ein Lächeln ins Gesicht. Er war begeistert.

Ich finde es höchst beschämend, wenn Sie, die Sie für die Erziehung und Ausbildung von Kindern verantwortlich sind, es offenbar sogar auch noch für sinnvoll halten, Kindern eine magische Weltsicht zu vermitteln, die nicht mit der irdischen natürlichen Wirklichkeit übereinstimmt.

Ausgleichende göttliche Gerechtigkeit: Eine heuchlerische Täuschung

Die “ausgleichende Gerechtigkeit”, die Jesus Ihrer Auslegung der biblisch-christlichen Mythologie zufolge durch seine “Auferstehung” erfahren haben soll, gibt es in Wirklichkeit nicht. Es handelt sich um ein religiöses Hirngespinst. Eine Illusion, um Menschen in die Irre zu führen. Und um ihnen vorzutäuschen, sie könnten auf diese göttliche Gerechtigkeit vertrauen, wenn sie nur an diesen Gott glauben.

Und wer Menschen – in diesem Fall speziell Kindern – vorgaukelt, es gäbe einen Gott, der Unrecht wieder ausgleichen kann, der lügt sie an und betrügt sie. Er vernebelt ihren Blick auf die Welt. Und schafft damit eine Abhängigkeit, die bei manchen Menschen ein ganzes Leben lang anhalten kann. Kinder lernen hier, dass es genügt, der Behauptung einer Autorität zu glauben, statt diese Behauptung kritisch zu hinterfragen. Das ist nicht nur im höchsten Maße unvernünftig, es kann schnell auch sehr gefährlich werden.

Ziel von schulischer Erziehung und Ausbildung sollte sein, Kindern eine vernünftige, verantwortungsbewusste, realitäts- und diesseitsbezogene Weltsicht zu vermitteln. Magischer Wunderglaube ist etwas für Erwachsene mit entsprechender Disposition und/oder schwach ausgeprägtem Sinn für die Wirklichkeit.

Und der Glaube etwa an die Gerechtigkeit einer angeblich göttlichen Autorität kann dazu führen, dass Menschen auch die Behauptungen anderer “Autoritäten” einfach glauben, statt diese kritisch zu hinterfragen. Glaube im religiösen Sinne ist eine Verhöhnung des menschlichen Verstandes und der intellektuellen Redlichkeit.

Nein, Frau Lander. In der Welt, in der wir leben, ist bis zum Beweis des Gegenteils kein Eingreifen von übernatürlichen Wesen erkennbar. Es ist Sache der Menschen, für Gerechtigkeit zu sorgen. Das christliche Belohnungs-Bestrafungskonzept ist nicht nur inhuman, sondern genauso absurd und unsinnig wie die Voraussetzungen, die dafür gegeben sein müssten. Wie etwa ein Jenseits oder ein allmächtiger, allwissender, allgütiger Gott.

Sowas kann man sich freilich zusammenspinnen und für wahr halten. Kinder sollten allerdings vor dieser irrealen christlichen Scheinwirklichkeit bewahrt werden. Denn schon allein, ihnen einzutrichtern, Gerechtigkeit sei etwas, das von einer fiktiven übergeordneten Autorität hergestellt werden würde, entspricht nicht der irdischen Wirklichkeit. Es zeugt vielmehr von einem gravierenden Realitätsverlust.

Aufklärung tut not

Der Aufklärung ist es zu verdanken, dass heute und hierzulande zum Glück immer weniger Menschen noch auf die christlichen Heilsverkäufer und Seelenfänger hereinfallen.

Das bedeutet nicht, dass diese Menschen deswegen nicht mitfühlend, mitleidend wären. Im Gegenteil: Sie brauchen dazu keine Götter, Geister, Gottessöhne aus der Bronze- und Eisenzeit mehr. Sie orientieren sich an der Würde und Freiheit ihrer Mitlebewesen. An ihren eigenen Fähigkeiten. Und an den natürlichen irdischen Gegebenheiten.

Aber das nur am Rande. Solange wir über die religiösen Verwirrungen und Einbildungen Erwachsener sprechen, kann und sollte man zwar diese Verwirrungen kritisieren. Solange diese Menschen nicht gegen Recht und Gesetz verstoßen und solange sie keine gleichberechtigten Interessen Anderer verletzen (was bei Religionsvertretern immer wieder der Fall ist), mögen sie glauben, hoffen, denken, was immer sie für glaubwürdig oder hoffnungsstiftend halten.

Kinder mit einer Todesfolterung, an der sie zudem noch selbst Schuld sein sollen zu konfrontieren, um ihnen danach einzureden, Gott hätte das Unrecht ausgeglichen und seinen Sohn (bzw. sein eigenes zweites Drittel) eben mal wieder – oh Wunder – zum Leben erweckt, dem sollte meiner Meinung nach der Umgang mit Kindern untersagt werden. Wegen psychischer Kindesmisshandlung und wegen eines offensichtlichen Realitätsverlustes.

Und wer meint, die nachvollziehbare Reaktion eines verstörten Kindes auf diese Folter- und Hinrichtungszeremonie könne und solle als Vorbild für Erwachsene dienen, der hat aus meiner Sicht damit jeglichen Anspruch auf pädagogische Kompetenz verspielt.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.

 

 

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Letzte Aktualisierung: 1. April 2018