Liebesträume – das Wort zum Wort zum Sonntag

~ 7 Minuten

Liebesträume  – das Wort zum Wort zum Sonntag von Elisabeth Rabe-Winnen (ev.) zum Thema Liebe, veröffentlicht am 26.5.2018 von ARD/daserste.de

Es ist Mai, Wonnemonat. Vor einer Woche feierten wir auch in der Kirche in Lengede eine Hochzeit. […] Da ist jemand, die mich sieht, mich, die Narben, die Falten, die Fehler. Und mich liebt. Genau so. Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Sie erträgt alles. Sie hofft alles. Sie duldet alles.

Wenn Frau Rabe-Winnen die Liebe als eine ¨Himmelsmacht¨ bezeichnet, dann liegt der Verdacht nahe, dass sie die Liebe irgendwie mit ihrem Gott in Verbindung bringen möchte. Schließlich ist das ¨Wort zm Sonntag¨ ja eine christliche Verkündigungssendung. Und keine Neuauflage von ¨Nur die Liebe zählt¨.

Mit Gottes Hilfe

Ich bin selbst verheiratet. Ich weiß um meine Grenzen. Um alles, was Bruchstück ist in mir. Und ich sehne mich gerade deshalb danach, heil zu sein. Und da ist ein anderer, der das auch tut. Und gemeinsam haben wir gesagt: Ja! Für ein ganzes Leben. Und mit Gottes Hilfe.

Frau Rabe-Winnen, als Christin glauben Sie doch an einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott, richtig? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass demzufolge alles, was geschieht, genau so und nicht anders dem göttlichen Allmachtsplan entsprechen muss? Andernfalls Gott ja nicht allmächtig wäre?

Und haben Sie dann schon mal noch einen Schritt weitergedacht und vielleicht bemerkt, dass es nicht nur un-, sondern sogar völlig widersinnig ist, einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott um irgendetwas zu bitten? Mindestens genauso widersinnig, wie diesem Gott für irgendetwas zu danken?

Warum sollte Gott Ihnen helfen?

Meinen Sie ernsthaft, Gott würde Ihnen beim Gelingen Ihrer Ehe behilflich zu sein, weil Sie und Ihr Partner oder Ihre Partnerin ihn darum gebeten haben?

Und womit würden Sie es sich erklären, wenn Ihre Beziehung, was ich freilich nicht hoffe, in die Brüche gehen sollte? Mit der Unergründlichkeit der göttlichen Wege? Oder einfach nur zu wenig gebetet?

Halten Sie es bei Licht betrachtet nicht auch für reichlich arrogant und naiv, auf die Hilfe eines Gottes zu hoffen, der trotz Allmacht, Allwissenheit und Allgüte keine weniger leidvolle Welt als diese zusammengeschöpft bekommen hatte?

Das ist so. Das ist wahr.

[…] Es liegt der Keim der Ewigkeit in der Liebe. Unendlichkeit liegt in ihr. Das ist so. Das ist wahr. Weil die Liebe eine Himmelsmacht ist.

¨Das ist so. Das ist wahr.¨ ist keine gültige Begründung für die aufgestellte Behauptung, in der Liebe läge Unendlichkeit, weil es sich um eine ¨Himmelsmacht¨ handele.

Redlicherweise lässt sich nicht bestimmen, ob Liebe tatsächlich etwas ist, das unabhängig von empfindungsfähigen Lebewesen irgendwo ¨da oben¨ existiert oder nicht.

Emergentes Phänomen auf biochemischer Basis

Was sich jedoch sehr wohl belegen lässt ist die Aussage, dass es sich bei der Liebe um ein noch nicht vollständig entschlüsseltes Phänomen basierend auf biochemischen Vorgängen handelt, das sich im Lauf der Evolution entwickelt hatte.

Vielleicht könnte man die Liebe am ehesten als eine Emergenz bezeichnen, die auf der Grundlage biochemischer und sozio-kultureller Voraussetzungen entsteht.

Das mag vielleicht wenig romantisch klingen, erscheint mir aber dennoch wesentlich plausibler als irgendwelche obskuren Himmelsmächte ins Spiel zu bringen.

Evolutionär bewährt

Manchmal gibt es Momente mitten im Alltag, da steht die Zeit still und die Ewigkeit steht im Zimmer. Da ist Liebe da. Und heilt für einen Moment alles, was schmerzt.

Somit kann Liebe dazu beitragen, Leid zu mindern und das eigene Wohl zu mehren. Was der Grund dafür sein dürfte, dass sich dieses Phänomen entwicklungsgeschichtlich bewährt hatte und deshalb von der Evolution nicht verworfen worden war.

Lebewesen, die Liebe empfanden und anderen schenken konnten, hatten offenbar einen evolutionären Vorteil denen gegenüber, die dazu nicht in der Lage waren. Gesellschaften von liebevollen Individuen überlebten eher als Einzelgänger.

Nebulöse ¨Himmelsmächte¨ brauchte und braucht es dafür nicht. Sondern Hormone und erlerntes bzw. vererbtes Sozialverhalten. Ganz natürlich, ganz irdisch. Und kein bisschen ¨überirdisch.¨

…tat ich ab, was kindlich war

Bei kirchlichen Trauungen lese ich fast immer das Hohelied der Liebe. “Die Liebe hört niemals auf”, heißt es da.

A propos ¨Hohelied der Liebe¨: Haben Sie auch schon mal diesen Satz aus diesem Text verwendet?

  • Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. (1. Kor 13,11 LUT)

Damit könnte man doch mal eine schöne Predigt gestalten und Menschen dazu anregen, ihre kindlich-naiven Glaubensgewissheiten selbstkritisch und ehrlich zu hinterfragen, oder?

In uns. Unter uns.

“Die Liebe hört niemals auf.” Die Liebe, die die Bibel da besingt, ist Gottes Liebe. Diese Liebe hat der christliche Gott gezeigt, im Antlitz des Menschen Jesus. Diese Liebe können wir entdecken. In uns. Unter uns.

Mag ja sein, dass sich Frau Rabe-Winnen ihren persönlichen Gott als die reine, bedingungslose, ewige Liebe vorstellt. Mit dem biblisch-christlichen Gott hat diese romantische Wunschvorstellung jedoch rein gar nichts zu tun.

Tun wir mal für einen Moment so, als sei die Liebe, die Menschen miteinander teilen, tatsächlich die Liebe des christlichen Gottes. Die Liebe dieses Gottes wird in der Bibel auf den Punkt gebracht wie folgt beschrieben:

  • Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. (Mk 16,16 LUT)

Oder anders formuliert: Entweder, du unterwirfst dich mir vollständig, oder ich bestrafe dich zeitlich unbegrenzt mit physischen und psychischen Höllenqualen bei vollem Bewusstsein.

Diese Vorstellung von Liebe entspricht zumindest meiner Auffassung von Liebe definitiv nicht.

Der persönliche Wunschgott

Was die meisten Christen freilich nicht weiter stört. Die lassen das mit der Bestrafung bei Liebesverweigerung bzw. mangelndem Glauben einfach weg. Und romantisieren sich stattdessen irgendwas von ¨Himmelsmächten¨ und ¨Gott ist Liebe¨ zusammen.

Dass sie damit auch sich selbst und ihren Partnern die Fähigkeit, von sich selbst aus (also ohne Zutun obskurer höherer Mächte) zu lieben absprechen, kommt ihnen meist nicht in den Sinn.

Genausowenig stellt es für sie zumeist ein Problem dar, dass Gott die Menschen ja nicht nur liebevoll, sondern auch mit der Fähigkeit zu Hass, Verachtung und Ablehnung ausgestattet hat.

Der biblisch-christliche Gott hat recht genaue Vorstellungen davon, wer wen wie lieben darf und wie nicht. Dabei fällt auf, dass die göttlichen Vorstellungen verblüffende Ähnlichkeit haben mit denen der Menschen, die sich die biblischen Mythen und Legenden derzeit ausgedacht hatten.

Traurige Tatsache ist, dass die Vertreter Gottes bis heute der Ansicht sind, aufgrund dieser Vorstellungen allen Menschen vorschreiben zu dürfen, wer wen wie zu lieben hat.

Und wem das zu peinlich bzw. zu blöde ist, der findet natürlich auch einen Weg, die biblischen Texte wunschgmäß umzudeuten, etwa um als Mann  ¨ungestraft¨ bei einem Manne liegen zu können, wie man bei einer Frau liegt.

Realitätsverweigerung

Die Vorstellung, in der Liebe zwischen Lebewesen zeige sich die Liebe eines liebevollen Gottes, passt so gar nicht zu der täglich beobachtbaren natürlichen Wirklichkeit. Umso erstaunlicher, dass Menschen im 21. Jahrhundert noch an solchen Vorstellungen festhalten, statt sich eine wirklichkeitskompatible Weltanschauung zuzulegen.

Eine solche mindert die Kraft der Liebe keineswegs, im Gegenteil. Ich liebe dich um deinetwillen, und nicht, weil ich in deiner Liebe die Liebe eines rach- und eifersüchtigen Wüstengottes, den sich Menschen in der Bronzezeit ausgedacht hatten zu erkennen meine.

Die Liebe entdecken – aber welche?

So hat es der Bischof letzten Samstag mitreißend gepredigt bei der Hochzeit von Harry und Meghan. Diese Liebe müssen wir entdecken, damit wir verändert werden und die Welt verändern.

Frau Rabe-Winnen, wie erklären Sie es sich, dass die Welt erst dann deutlich liebevoller wurde, nachdem die Kirche dieses Gottes weitgehend entmachtet worden war?

Oder dass die rund 1000 Jahre, in denen die Kirche dieses Gottes an der Macht war nicht als die ¨Epoche der Liebe¨, sondern als das ¨finstere Mittelalter¨ in die Menschheitsgeschichte einging?

Sind denn die Würde und Freiheit des Menschen nicht viel besser als Grundlage für ein liebevolles Miteinander von Menschen geeignet als der erfundene Wille eines rach-, kriegs- und eifersüchtigen Gottes mit tripolar-narzisstischer Persönlichkeitsstörung? Ich meine: Ja.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.

FacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmailFacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmail

Letzte Aktualisierung: 4. Juni 2018