Niemals vergessen – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Erinnerungen

~ 6 Minuten

Niemals vergessen – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Erinnerungen, gesprochen von Annette Behnken (ev.), veröffentlicht am 10.11.2018 von ARD/daserste.de, Gastkommentar von Jörn

In dieser Ausgabe referiert Frau Behnken wiedermal über den Sinn von Erinnerungen. Erinnerungen haben in ihrem christlichen Verständnis eine bestimmte Funktion, nämlich, die Gegenwart klug zu gestalten:

Erinnern: In meinem christlichen Verständnis und auch im Verständnis unserer jüdischen Schwesterreligion ist Erinnern mehr, als an etwas zu denken, das vergangen ist. Es geht um jetzt. […]*

Es geht also um das „Jetzt“, das wir aus der Erinnerung gestalten.

Frau Behnken gibt ein drastisches Beispiel: Ihren Besuch in Auschwitz. Die entsetzliche Greifbarkeit der damaligen Ereignisse, die an diesem Ort so schroff spürbar sind, lässt niemanden kalt.

Ja, es stimmt: Die Erinnerung an diese Taten und ihrer Ursachen ist sowohl unserer Zukunft als auch dem Andenken der Opfer geschuldet. Wer würde hier widersprechen wollen?

Wie jeder weiß,…

Es ist allerdings ein rhetorischer Trick, Beispiele anzuführen, denen nicht widersprochen werden kann. Sie tauchen oft dort auf, wo später durchaus widersprüchliche Schlussfolgerungen eingeschmuggelt werden sollen.

Wo immer solche Einleitungen verwendet werden, ist Wachsamkeit geboten. Achten wir daher genau auf die Worte von Frau Behnken. Und wie sie ihre Schlussfolgerung platziert.

Frau Behnken schreibt, dass die Erinnerung uns nach ihrem christlichem Verständnis helfen soll, wacher und klarer die Gegenwart zu gestalten und die Zukunft vorzubereiten.

Konkret: Aus Fehlern soll man lernen. Erinnerungen, im Guten wie im Schlechten, sind Anleitung für unser Handeln von heute. Erneut stimmen wir zu.

Voraussetzung dazu ist natürlich, dass die Erinnerungen korrekt sind. Falsche Erinnerungen würden uns zu weiteren Irrtümern anleiten. Es scheint daher dringend geboten, die Korrektheit von Erinnerungen zu prüfen.

Prüfung auf Korrektheit

Wie also fällt nun diese Prüfung auf Korrektheit bei Frau Behnken aus?

Die Prüfung fällt so aus, dass sie ausfällt. Das ist der Trick bei dieser Rhetorik. Denn die Zustimmung haben die Zuhörer bereits erteilt.

Schauen wir uns die christlichen Erinnerungen, deren Prüfung unterblieb, genauer an. Zum Beispiel:

  • Schlangen sprechen
  • Baumfrüchte vermitteln Wissen
  • Ein Mensch wird 969 Jahre alt
  • Der Schöpfer des Universums reitet auf zwei Eseln durch Jerusalem, um die Menschheit zu retten
  • Nach seinem Tod kehrt eben dieser zurück, um wenig später in den Himmel zu reisen

Halten diese biblisch-christlichen Erinnerungen einer Prüfung stand? Kann man sie überhaupt als „Erinnerungen“ bezeichnen? Oder tun wir gut daran, sie als das zu sehen, was sie sind: Erfundene Mythen? Wäre es nicht fatal, erfundene Mythen als tatsächliche Erinnerungen auszugeben?

Unterscheidung erforderlich

Warum diese Unterscheidung zwischen Mythos und tatsächlicher Erinnerung wichtig ist, zeigt ein Detail, welches ich Frau Behnken leider nicht ersparen kann. Gerade wenn von Auschwitz die Rede ist.

Blicken wir dazu in die Bibel. Und begeben uns in das aufgewühlte Jerusalem, kurz vor der angeblichen Kreuzigung von Jesus. Ein spannender Moment: Wir befinden uns im Zentrum der christlichen Verkündigung.

Statthalter Pontius Pilatus fragt die Juden, ob er Jesus unversehrt freilassen soll. Und stattdessen den Mörder Barabbas verurteilen. Einer wird leben, einer wird sterben.

Die Juden entscheiden sich für Barabbas. Und verdammen Jesus zur Kreuzigung. Die Juden rufen laut: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ — so erinnert sich Matthäus in Kapitel 27, Vers 25.

So ist es bezeugt: Die Juden verfluchen sich selbst und alle ihre Nachkommen. Auf ewig. Diese angebliche Erinnerung, die zweitausend Jahre lang als Fakt verkauft wurde, ermöglichte, motivierte und rechtfertigte ungezählte Gräuel gegenüber den Juden. Und gipfelte schließlich im Holocaust. Wikipedia gibt eine Übersicht über den christlichen Atijudaismus: https://de.wikipedia.org/wiki/Antijudaismus

Mythos mit fatalen Folgen

Es stimmt: Erinnerungen können starke Kraft entfalten. Aber leider auch dann, wenn sie frei erfunden sind. Und daher gelogen, wenn sie als Wahrheit ausgegeben werden. Die Bibelgeschichte war nur ein Mythos. Aber die Juden zahlten real dafür.

Dieses Beispiel macht deutlich, dass es tatsächlich Konsequenzen hat, was wir für wahr halten und was nicht. Wahrheit ist nicht nur eine bürokratische Spitzfindigkeit, die dem Glauben im Weg steht und daher misstrauisch verachtet werden muss. Es hat Konsequenzen.

Auschwitz ist eine Konsequenz von Dingen, die zuvor geschahen. Es ist eine Konsequenz dessen, was Menschen für wahr hielten.

Was wir aus all den Katastrophen gelernt haben sollten, ist das Einfordern von Prüfungen, Beweisen und Belegen. Was wir hingegen als gefährlich erkannt haben sollten, ist blinder Köhlerglaube, der nicht hinterfragt wird. Egal ob es dabei um Politik, Ideologie oder Religion geht.

Erinnerungen wach halten

Ein weiterer Punkt: Frau Behnken mahnt berechtigterweise, man solle die Erinnerung wach halten. Und jenen entgegentreten, die sich dieser Erinnerung verweigern:

[…] und treten wach und klar denen entgegen, die sich der Erinnerung verweigern und die Gegenwart mit ihren Parolen verschmutzen.

Ja, ich stimme zu. Es ist schlecht, wenn man sich der Erinnerung an Auschwitz und seiner Ursachen verweigert. Aber ebenso wie es schlecht ist, Erinnerungen zu ignorieren, ist es schlecht, stur an Erinnerungen festzuhalten, die keine sind. Beides ist Ignoranz. Und Ignoranz wird uns nicht dabei helfen, unsere Zukunft zu gestalten.

Auch hier ein kurzes Beispiel aus der Bibel, wieder aus der bereits genannten Szene in Jerusalem. Niemand im gesamten römischen Weltreich hat je von der “Gewohnheit” (Matthäus 27,15) gehört, dass der römische Statthalter am Passah-Fest einen Gefangenen nach Gutdünken des Volkes freiließ. Diese angebliche Erinnerung, für die sich Matthäus feierlich verbürgt ist blanker Unsinn. Und doch: Die Kirchen lehren es bis heute.

Das mag als kleines Detail gelten. Aber gerade weil es klein ist (geradezu läppisch), wäre es umso einfacher, den Fehler zu korrigieren. Doch das wird niemals passieren. Denn die Bischöfe werden nicht einen Millimeter von ihrem Aberglauben abrücken — und wenn die ganze Welt dabei zugrunde geht. Ihr Glaube ist unverrückbar. Sie bewahren die Erinnerung, die ihnen anvertraut wurde.

Gerade jene Leute, die in ihren Ansichten unverrückbar waren, haben der Welt und den Menschen mehr geschadet als alle anderen.

Aus Fehlern lernen?

Das Christentum steht daher keineswegs für eine Geisteshaltung, die aus Fehlern und Katastrophen lernt. Vielmehr steht das Christentum für eine atemberaubende Sturheit und Ignoranz gegenüber allen Fakten, die dem eigenen Aberglauben entgegen stehen. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte der christlichen Kirchen.

Wenn die Christen sich an die eigene Vergangenheit der letzten zweitausend Jahre erinnern:

  • an all die grandiosen Irrtümer, Verbrechen, Morde, Kriege;
  • das Behindern von Medizin, Wissenschaft und intellektuellem Fortschritt;
  • an die Abschaffung von Religionsfreiheit;
  • die Geringstellung von Frauen;
  • an die Verleumdung von Homosexuellen;
  • die Ausbeutung der Bürger und Bauern;
  • an die gnadenlose Verfolgung Andersdenkende…

— welche Lehre ziehen die Christen daraus?

Etwa, dass das Christentum sich zuverlässig als Richtschnur für die Zukunft bewährt hat? Und dass man dafür Werbung im TV machen sollte?

Man kann redlicherweise heute kein Christ mehr sein, wenn man sich an diese Vergangenheit erinnert.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.

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Letzte Aktualisierung: 17. November 2018